Liste von Massakern in der Zeit der deutschen Besetzung Italiens

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Das zentrale Denkmal für das Massaker am Padule di Fucecchio bei Castelmartini (Larciano), das am 16. September 2002 vom italienischen Staatspräsidenten Carlo Azeglio Ciampi eingeweiht wurde.

Die Liste von Massakern in der Zeit der deutschen Besetzung Italiens (1943–1945) führt Ortsname, Region, Provinz, Datum, Opferanzahl und die hauptsächlich daran beteiligte deutsche, meist militärische Organisation auf. Dies waren hauptsächlich die Wehrmacht und Waffen-SS, aber auch Sicherheitspolizei und SD.

Im Jahr 2009 setzten die damaligen Außenminister Italiens und Deutschlands eine Deutsch-italienische Historikerkommission ein. Als die Historikerkommission im Jahr 2012 ihren Abschlussbericht vorlegte, waren im Anhang 5000 Fälle dokumentiert, in denen es zu Übergriffen wie Plünderungen, Vergewaltigungen und Morde von deutschen Truppen kam. Nach Schätzungen dieser Kommission wurden bei den Massakern und Massenerschießung 10.000 bis 15.000 Menschen getötet und etwa 30.000 Partisanen fielen oder wurden exekutiert.[1]

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Italien war im Zweiten Weltkrieg mit dem Deutschen Reich verbündet, griff aber anfänglich nicht in den Weltkrieg ein. Als jedoch der deutsche Feldzug gegen Frankreich erfolgreich verlief, erklärte auch Mussolini Großbritannien und Frankreich am 10. Juni 1940 den Krieg. Die militärischen Erfolge Italiens blieben allerdings in der Folge gering.

Als amerikanische und britische Truppen am 10. Juli 1943 in der Operation Husky auf Sizilien landeten, wurde Benito Mussolini am 25. Juli abgesetzt und gefangen genommen. Die Partito Nazionale Fascista, die faschistische Partei Italiens, wurde verboten und nachdem am 8. September 1943 die Regierung Badoglio den Waffenstillstand mit den Alliierten bekannt gab, der Fall Achse und die Besetzung Italiens durch deutsche Truppen eingeleitet. Am folgenden Tag starteten die Alliierten mit der Operation Avalanche ihre Landung bei Salerno. Nach der Befreiung Mussolinis durch deutschen Truppen am 12. September 1943 im Unternehmen Eiche, wurde eine Marionettenregierung unter Mussolini eingesetzt, die Italienische Sozialrepublik (RSI), die mit Deutschland verbündet blieb und ihrerseits dem von den Alliierten besetzten Teil Italiens und der Parallelregierung den Krieg erklärte.

Partisanen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Alliierten rückten allerdings immer weiter vor und dadurch fühlten sich die Partisanen ermutigt. In einer offenen Feldschlacht wären sie hoffnungslos unterlegen gewesen, daher ließen sie sich anfänglich auf Gefechte ein. Sie bildeten kleine Partisanengruppen, die sich von Tal zu Tal bewegten und weitestgehend unentdeckt blieben. Da diese Vorgehensweise nicht zu den erwünschten Erfolgen führte, änderten sie ihre Taktik in verschiedenen Regionen Mittel- und Norditaliens in einen klassischen Guerillakrieg. Diese Gruppierungen, die ab Sommer 1944 unter einer einheitlichen Führung standen, sich uniformierten und offen Waffen trugen, erfüllten damit den Status von Kombattanten. Dies wurde meistens nicht akzeptiert und zog auch nach sich, dass Hunderte Partisanen, die in Gefangenschaft gerieten, entgegen den geltenden Regelung des Völkerrechts erschossen wurden.[2] Während der Bandenbekämpfung wurden gefangene Männer, keine Partisanen, in vielen Fällen von den Militärs in Sammellager gebracht und dort – sofern dafür verwendbar – für den späteren Arbeitseinsatz aussortiert. Nicht verwendbare und gebrechliche Männer und die Gefangenen, die als Munitionsträger verwendet worden waren, mussten am Ende der Militäroperation damit rechnen, dass auch sie erschossen werden. Priester und Mönche waren ebenfalls vor Gewalttaten nicht sicher, beispielsweise wurden im Verlauf des Massakers von Farneta in einem Kartäuserkloster zahlreiche Geistliche ermordet.

Militär[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gegenreaktionen der Einheiten der Wehrmacht, Waffen-SS, Milizen, Schwarze Brigaden gegen Partisanen wurde als „Bandenbekämpfung“ und „Säuberung“ bezeichnet. Partisanen wie Kombattanten, Verstöße gegen Räumungsbefehle wurden mit Erschießungen belegt. Die militärischen Operationen richteten sich in Wirklichkeit gegen die Zivilbevölkerung, diese sollte eingeschüchtert werden. Es wurden nicht nur Menschen in Massen- und Einzelerschießungen getötet, sondern sie wurden auch gefoltert, hingerichtet, erniedrigt, Häuser und ganze Dörfer geplündert und gebrandschatzt.

Opfer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenktafel an die Opfer von Cervarolo und Monchio

Die Wahrscheinlichkeit der italienischen Bevölkerung Opfer deutscher Gewalttaten zu werden, war im sogenannten „Bandengebiet“ und im Frontbereich deutlich höher als im relativ ruhigen rückwärtigen Raum. Dies galt auch hinsichtlich der jeweils stationierten militärischen Einheiten. Beispielsweise war es so, dass sich die 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“ auf zwei nebeneinanderliegende Räume im nördlichen Apennin konzentrierte, tötete die Fallschirm-Panzer-Division 1 Hermann Göring Zivilisten im Raum zwischen Neapel und Cassino, im nördlichen Apennin und in der Region von Arezzo.[3] Es gab auch Divisionen, die mit Gewalttaten kaum in Erscheinung traten, beispielsweise die 232. Infanterie-Division, von der lediglich die Tötung von fünf Frauen durch einen Leutnant überliefert ist.[4]

Besonders brutal hatte sich die Division Reichsführer-SS betätigt, die etwa 2200 unschuldige Menschen innerhalb weniger Wochen im Sommer 1944 ermordete, darunter Frauen, Kinder und alte Menschen. Größere Massakern in gleicher Weise verübte auch die Division Hermann Göring mit 1000 Zivilisten.[3] Diese Division zerstörte allein im Gebiet von Monchio 150 Häuser.[5]

Unter den Opfern der Massaker befanden sich nahezu keine Partisanen, in der Überzahl waren es Frauen, Kinder und alte Menschen.

Es kam auch zu Massakern an Juden, wie im Massaker vom Lago Maggiore, vom September 1943 durch die SS-Panzergrenadier-Division LSSAH.

Erläuterung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der nachfolgenden Tabelle sind die Massaker mit über 50 Opfern dargestellt (ausführlich beschriebene Massaker sind mit einem * gekennzeichnet). Die Opferzahlen sind der Datenbank Atlante delle Stragi Naziste e Fasciste in Italia (dt. Atlas der nazistischen und faschistischen Massaker in Italien) entnommen, in der 5.856 Fälle mit 24.380 Opfern (Stand 31. Oktober 2019) gelistet und in italienischer Sprache beschrieben sind. In den unten aufgelisteten 45 Massakern waren laut Atlas insgesamt 5.309 Opfer zu beklagen.[6]

Ort Region Provinz Datum Opfer Einheit
Marzabotto * Emilia-Romagna Bologna 29. September –
1. Oktober 1944
770 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“
Sant’Anna Stazzema * Toskana Lucca 12. August 1944 394 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“
Ardeatinische Höhlen * Latium Rom 24. März 1944 334 Sicherheitspolizei und SD
Lipa, Elsane, Bisterza * Fiume 30. April 1944 269 SS-Karstwehr Bataillon
Padule di Fucecchio * Toskana Florenz 23. August 1944 174 26. Panzer-Division
Cavriglia * Toskana Arezzo 4. Juni 1944 173 Fallschirm-Panzer-Division 1 Hermann Göring
Vinca * Toskana Massa-Carrara 24. – 27. August 1944 162 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“
San Terenzo Monti * Toskana Massa-Carrara 17. – 19. August 1944 159 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“
Pisino * Pola 4. Oktober 1943 157 SS-Panzergrenadier-Division LSSAH
Frigido * Toskana Massa-Carrara 16. September 1944 149 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“
Civitella in Val di Chiana * Toskana Arezzo 29. Juni 1944 146 Fallschirm-Panzer-Division 1 Hermann Göring
Monchio, Susano,
Costirgnano, Palagano
*
Emilia-Romagna Modena 18. März 1944 130 Fallschirm-Panzer-Division 1 Hermann Göring
Pietransieri, Roccaraso * Abruzzen L’Aquila 21. November 1943 125 1. Fallschirmjäger-Division
San Martino di Lupari * Venetien Padua 29. April 1945 125 29. Panzergrenadier-Division
Vallucciole, Pradovecchio, Stia * Emilia-Romagna Bologna 13. Oktober 1944 107 Fallschirm-Panzer-Division 1 Hermann Göring
Kloster Benedicta, Bosio * Piemont Alessandria 6. – 11. April 1944 97 356. Infanterie-Division und andere Einheiten
Neapel * Kampanien Neapel 1. Oktober 1943 93 II./Panzer-Artillerie-Regiment der Fallschirm-Panzer-Division 1 Hermann Göring
Acerra * Kampanien Neapel 1. – 3. Oktober 1943 84 Fallschirm-Panzer-Division 1 Hermann Göring
Tissano, Visignano Pola 11. September 1943 84 71. Infanterie-Division
Castelnuovo di Val di Cecina Toskana Pisa 13. – 14. Juni 1944 77 3. Polizei-Freiwilligen-Bataillon Italien
Monte di Nese, Alzano Lombardo Lombardei Bergamo 13. April 1945 73 nicht bekannt
Opicina Friaul-Julisch Venetien Triest 3. April 1944 71 nicht bekannt
Birchini, Castelnuovo d'Istria Fiume 18. Mai 1944 70 SS-Polizei-Regiment 15
Fossoli * Emilia-Romagna Modena 12. Juli 1944 67 Sicherheitspolizei und SD
Cividale del Friuli Friaul-Julisch Venetien Udine unbekannt 66 24. Waffen-Gebirgs-(Karstjäger-)Division der SS
Ronchidoso, Gaggio Montano Emilia-Romagna Bologna 28. – 30. September 1944 66 65. Infanterie-Division, 42. Jäger-Division
Tavolicci, Verghereto Emilia-Romagna Forlì-Cesena 22. Juli 1944 64 4. Polizei-Freiwilligen-Bataillon-Italien
Grugliasco Piemont Turin 30. April 1945 64 34. Infanterie-Division, 5. Gebirgs-Division
San Polo, Arezzo Toskana Arezzo 14. Juli 1944 63 94. Infanterie-Division
Pedescala, Valdastico Venetien Vicenza 30. April – 2. Mai 1945 63 mehrere Einheiten
Bergiola Foscalina * Toskana Massa-Carrara 16. September 1944 61 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“
Forno, Massa Toskana Massa-Carrara 13. Juni 1944 60 Festungs Brigade 135 und andere Einheiten
Turchino-Pass * Ligurien Genua 19. Mai 1944 59 Sicherheitspolizei und SD
Camerino Marken Macerata 24. Juni 1944 59 5. Gebirgs-Division
Gimino Pola 7. Oktober 1943 58 SS-Panzergrenadier-Division LSSAH
San Pancrazio * Toskana Arezzo 29. Juni 1944 58 Fallschirm-Panzer-Division 1 Hermann Göring
Madonna dell’Albero, Ravenna Emilia-Romagna Ravenna 27. November 1944 56 114. Jäger-Division
Guardistallo Toskana Pisa 29. Juni 1944 55 19. Luftwaffen-Felddivision
Bellona Kampanien Caserta 7. Oktober 1943 54 15. Panzergrenadier-Division
Bahnhof San Ruffillo, Bologna Emilia-Romagna Bologna 10. Februar 1945 53 Sicherheitspolizei und SD
Giaveno Piemont Turin 29. November 1944 52 nicht bekannt
Cumiana Piemont Turin 3. April 1944 51 SS-Karstwehr Bataillon
Via Ghega, Triest Friaul-Julisch Venetien Triest 23. April 1944 51 nicht bekannt
Massarosa Toskana Lucca 11. August 1944 51 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“
Avasinis * Friaul-Julisch Venetien Udine 2. Mai 1945 51 24. Waffen-Gebirgs-(Karstjäger-)Division der SS

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bericht der von den Außenministern der Bundesrepublik Deutschland und der Italienischen Republikam 28.3.2009 eingesetzten Deutsch-Italienischen Historikerkommission (PDF), auf Villa Vigoni. Abgerufen am 1. November 2019. S. 92
  2. Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 405/406
  3. a b Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 410/411
  4. Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 412
  5. Monchio, auf Gedenkorte Europa 1939–1945. Abgerufen am 30. Oktober 2019
  6. Atlante delle Stragi Naziste e Fasciste in Italia. Abgerufen am 30. Oktober 2019