Lola T97/30

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Lola T97/30

Der Lola T97/30 war ein vom britischen Rennwagenhersteller Lola Cars konstruiertes Auto, mit dem das Team Mastercard Lola in der Formel-1-Saison 1997 antrat. Mastercard Lola wollte die gesamte Saison mit dem Auto bestreiten; es kam jedoch nur zur Meldung für ein Rennen, bevor das Team sein Formel-1-Engagement wegen finanzieller Schwierigkeiten beendete.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lola Cars wurde 1957 von Eric Broadley gegründet. Das Unternehmen konstruierte in den folgenden Jahrzehnten Sport- und Rennwagen für unterschiedliche Motorsportklassen. Dazu gehörten Sportwagen für Langstreckenrennen, aber auch die Formel Junior bzw. Formel 3 sowie die Formel 2 und ihrer Nachfolgeserie Formel 3000. In den 1970er-Jahren war Lola neben March Engineering der am häufigsten vertretene Chassislieferant der Formel 2.

Seit den 1960er-Jahren konstruierte Lola daneben wiederholt Fahrzeuge für die Formel 1. Dabei beschränkte sich die Rolle des Unternehmens jeweils auf die des Chassiskonstrukteurs; die Renneinsätze wurden von organisatorisch selbständigen Teams bestritten. Lolas Formel-1-Autos erzielten mit Ausnahme des Honda RA300 (1967) nur wenige Weltmeisterschaftspunkte. Nachdem der von einem Ferrari-Motor angetriebene Lola T93/30 der BMS Scuderia Italia 1993 keinen Weltmeisterschaftspunkt eingefahren hatte, gab es zunächst keine weiteren Interessenten für Lola-Chassis in der Formel 1.

„Um seine Kompetenz zu beweisen“,[1] entwickelte Lola für die Formel-1-Saison 1995 den Lola T95/30, fand aber keinen Kunden. Allan McNish testete den T95/30 für Lola Anfang 1995 auf dem Silverstone Circuit, gewann aber keine Erkenntnisse, da der unkonventionell geformte Wagen schnell überhitzte und die Fahrten jeweils nach drei Runden abgebrochen werden mussten.

Im November 1996 ergab sich für Lola eine neue Möglichkeit eines Einstiegs in die Formel 1. Lola gewann die Unterstützung des Kreditkartenunternehmens Mastercard. Anders als bei den früheren Anläufen, sollte Lola in diesem Fall den Rennbetrieb selbst organisieren, sollte also als Werksteam auftreten. Nachdem anfänglich ein Start in der Saison 1998 ins Auge gefasst worden war, meldete sich das Mastercard Lola genannte Team schließlich bereits für die Saison 1997, die mit dem ersten Rennen in Australien am 9. März 1997 begann. Lola blieben damit vier Monate Zeit für die Entwicklung eines Rennautos und die Einrichtung der Infrastruktur, die für den Rennbetrieb erforderlich war. Am 20. Februar 1997 wurde der T97/30, das Einsatzgerät des Teams Mastercard Lola, der Öffentlichkeit vorgestellt.

Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Lola T 97/30 war keine Neuentwicklung. Er basierte weitgehend auf dem 1994 konstruierten T95/30, dem er auch in den Dimensionen entsprach. Als Antrieb diente ein leistungsschwacher Kundenmotor mit acht Zylindern; ein eigener Zehnzylindermotor war zwar projektiert, scheiterte aber vor der Realisierung.

Chassis und Aufhängung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Lola T97/30 hatte ein Kohlefasermonocoque, das mit Karosserieteilen aus Kunststoff verkleidet war. Die Seitenkästen waren groß und geradlinig gestaltet. Sie erinnerten an den Benetton B194, dessen Konstrukteur Julian Cooper Ende 1994 zu Lola gewechselt war. Die Aerodynamik des T97/30 war ausschließlich am Computer entwickelt worden. Ein Windkanal-Test wurde aus Zeitgründen ausgelassen.[2] Stattdessen wurden die Ergebnisse von früheren Windkanal-Tests mit Lolas Indy-Car-Fahrzeugen herangezogen und auf die Formel 1 übertragen. Die Radaufhängung bestand aus Doppelquerlenkern.[3]

Antrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ford ED4 V8[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Antrieb diente ein Achtzylindermotor von Ford. Lola erhielt ebenso wie Tyrrell die Version ED4, die auf einer Cosworth-Konstruktion der frühen 1990er-Jahre basierte. Das Triebwerk war als Ford Zetec R zuletzt Formel-1-Saison 1995 von Sauber eingesetzt worden, eine ähnliche Version war 1996 von Forti Corse bestellt, aber nicht genutzt worden. Der ED4 war mit 130 kg das schwerste Triebwerk des Starterfelds 1997 – der bei Ilmor entwickelte Zehnzylinder des McLaren-Teams war 15 leichter – und „nicht überaus stark“.[4] Lediglich der bei Minardi eingesetzte Achtzylindermotor von Hart war noch schwächer.

Ein eigener Zehnzylindermotor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eric Broadley bezeichnete die Wahl des Ford-Aggregats bei der Teampräsentation im Februar 1997 als Notlösung und erklärte, sein Team werde in absehbarer Zukunft einen selbst entwickelten Zehnzylindermotor einsetzen. Mit dessen Entwicklung hatte Lola Ende 1996 den britischen Motorenhersteller Al Melling beauftragt. Der Melling-Zehnzylinder sollte nach Broadleys Planung im April 1997 ersten Tests unterzogen und dann ab Sommer 1997 regelmäßig bei Großen Preisen eingesetzt werden. Melling entwickelte im Winter 1996/97 ein Formel-1-Triebwerk, das nach britischen Darstellungen im Februar 1997 testbereit war, nach dem Zusammenbruch des Teams im März 1997 aber nicht weiterentwickelt wurde.[5]

Testfahrten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Präsentation des T97/30 am 20. Februar 1997 führte das Team einen ersten Funktionstest auf dem Santa Pod Raceway[6], einer Flugplatzpiste in der mittelenglischen Gemeinde Podington, durch, einen Tag später gab es Testfahrten in Silverstone, die durch wiederholte Getriebeprobleme behindert worden.[7] Danach wurden die Autos und das sonstige Material unmittelbar für das erste Rennen des Jahres nach Australien verschifft.

Renneinsatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum ersten Rennen des Jahres, dem Großen Preis von Australien 1997, meldete Mastercard Lola zwei T97/30 für die Fahrer Ricardo Rosset und Vincenzo Sospiri.

Bei den beiden Trainingssitzungen am Freitag erreichte Rosset eine Rundenzeit von 1:41 Minuten, Sospiri war eineinhalb Sekunden langsamer. Rossets Qualifikationszeit ebenfalls 1:41 Minuten, Sospiri wurde mit einer Zeit von 1:44 gestoppt. Damit waren beide Fahrer die jeweils langsamsten im Feld. Rossets Abstand auf die Pole-Zeit von Jacques Villeneuve betrug 12 Sekunden, zur Qualifikation wäre eine Rundenzeit von 1:35,6 notwendig gewesen, die Rosset um fünf Sekunden überschritt. Letzten Endes scheiterten beide Fahrer somit an der 107-Prozent-Regel.

Beobachter bemerkten, dass an dem Lola „etwas Grundsätzliches falsch“ sei. Sospiri und Rosset beklagten den Mangel an Grip und Abtrieb; das Auto sei nicht in der Lage, die Reifen hinreichend zu erwärmen.[8] Neben konstruktiven Fehlern wird die wesentliche Ursache für das Scheitern des Teams in der knappen Zeitspanne gesehen, die zwischen dem Start des Projekts im November 1996 und dem ersten Rennen im März 1997 lag: Lola sei erst in allerletzter Minute fertiggeworden und sei für die Formel 1 nur schlecht vorbereitet gewesen.[9] Zum Vergleich wird auf das schottische Team Stewart Grand Prix verwiesen, das ebenfalls 1997 in der Formel 1 debütierte und dabei mehr als ein Jahr der Vorbereitung aufgewendet hatte.

Nach der verpassten Qualifikation in Australien kündigte Eric Broadley an, umgehend mit der Entwicklung eines neuen Autos für die Formel 1 zu beginnen. Daraus wurde nichts. Zwei Tage nach dem Rennen beendete Mastercard die Vereinbarung mit Lola, was zu einer Insolvenz des Rennstalls und des Mutterunternehmens Lola Cars führte.

Verbleib der Autos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die beiden in Australien eingesetzten Exemplare des T97/30 wurden im Laufe des Jahres an eine kanadische Rennfahrerschule verkauft, ein drittes Exemplar wurde einige Jahre in einem Museum an der irischen Motorsportstrecke Mondello Park Circuit ausgestellt.[10]

Resultate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fahrer Nr. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 Punkte Rang
Formel-1-Saison 1997 Flag of Australia.svg Flag of Brazil.svg Flag of Argentina.svg Flag of San Marino (before 2011).svg Flag of Monaco.svg Flag of Spain.svg Flag of Canada.svg Flag of France.svg Flag of the United Kingdom.svg Flag of Germany.svg Flag of Hungary.svg Flag of Belgium (civil).svg Flag of Italy.svg Flag of Austria.svg Flag of Luxembourg.svg Flag of Japan.svg Flag of Europe.svg 0 -
ItalienItalien Vincenzo Sospiri 24 DNQ
BrasilienBrasilien Ricardo Rosset 25 DNQ
Legende
Farbe Abkürzung Bedeutung
Gold Sieg
Silber 2. Platz
Bronze 3. Platz
Grün Platzierung in den Punkten
Blau Klassifiziert außerhalb der Punkteränge
Violett DNF Rennen nicht beendet (did not finish)
NC nicht klassifiziert (not classified)
Rot DNQ nicht qualifiziert (did not qualify)
DNPQ in Vorqualifikation gescheitert (did not pre-qualify)
Schwarz DSQ disqualifiziert (disqualified)
Weiß DNS nicht am Start (did not start)
WD zurückgezogen (withdrawn)
Hellblau PO nur am Training teilgenommen (practiced only)
TD Freitags-Testfahrer (test driver)
ohne DNP nicht am Training teilgenommen (did not practice)
INJ verletzt oder krank (injured)
EX ausgeschlossen (excluded)
DNA nicht erschienen (did not arrive)
C Rennen abgesagt (cancelled)
  keine WM-Teilnahme
sonstige P/fett Pole-Position
SR/kursiv Schnellste Rennrunde
* nicht im Ziel, aufgrund der zurückgelegten
Distanz aber gewertet
() Streichresultate
unterstrichen Führender in der Gesamtwertung

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Adriano Cimarosti: Das Jahrhundert des Rennsports, Stuttgart 1997, ISBN 3-613-01848-9
  • Sam S. Collins: Unraced. Formula One's Lost Cars. Veloce, Dorchester 2007, ISBN 978-1-84584-084-6 (engl.).
  • David Hodges: A–Z of Grand Prix Cars 1906–2001, 2001 (Crowood Press), ISBN 1-86126-339-2 (englisch)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Lola T97/30 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Collins: Unraced, S. 34.
  2. Vgl. Teamgeschichte auf der Internetseite www.f1rejects.com (abgerufen am 20. August 2012).
  3. Collins: Unraced, S: 41.
  4. Cimarosti: Das Jahrhundert des Rennsports, S. 508, 515.
  5. Collins: Unraced, S. 38.
  6. Homepage des Santa Pod Raceway
  7. Collins: Unraced, S. 40.
  8. Collins: Unraced, S: 40.
  9. Cimarosti: Das Jahrhundert des Rennsports, S. 398.
  10. Collins: Unraced, S. 41.