Losgrößentransformation

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Als Losgrößentransformation (englisch lot size transformation) wird auf dem Finanzmarkt die Umwandlung unterschiedlich hoher Geldbeträge in die vom Nachfrager gewünschten Geldbeträge genannt.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort Losgrößentransformation beinhaltet mit der Losgröße einen Begriff aus der Industriebetriebslehre, worunter eine bestimmte Herstellungsmenge verstanden wird. Um bestimmte „Herstellungsmengen“ geht es auch bei der Losgrößentransformation von Finanzintermediären. Hier ist die Losgrößentransformation (auch Ballungsfunktion genannt) eine von drei volkswirtschaftlichen Funktionen. Daneben erfüllen Kreditinstitute noch die Fristen- und die Risikotransformation. Die Aufgabe der Institute besteht bei der Losgrößentransformation darin, eine nachfragebedingte Umwandlung vieler Kleinbeträge in wenige Großbeträge vorzunehmen.

Arten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da Kapitalnachfrager und Kapitalanbieter in der Regel nicht die gleichen Kapitalbeträge handeln, ist es die Aufgabe der Finanzintermediäre, für eine Kongruenz der Beträge zu sorgen. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten einer Losgrößentransformation:[1]

  • Große Kredite werden durch eine Vielzahl kleinerer Geldanlagen refinanziert und/oder
  • eine Vielzahl kleinerer Kredite wird durch eine oder wenige große Geldanlagen refinanziert.

Der im Bankwesen typische Fall ist die Bündelung mehrerer kleiner Geldanlagen in große Kredite. In beiden Fällen sorgt die Losgrößentransformation für eine Harmonisierung betraglicher Inkongruenzen.[2]

Bankbetriebliche Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Losgrößentransformation wird – wie die Fristentransformation – durch die Bodensatztheorie ermöglicht. Durch Prolongationen belassen die Einleger ihre Gelder faktisch länger bei den Banken als rechtlich vereinbart, durch Substitutionen werden abgehobene Gelder durch neue Geldanlagen ersetzt;[1] diese Bodensatztheorie gilt allerdings nur auf störungsfreien Märkten. Die Kapitalsammelfunktion besteht insbesondere in der Akkumulation vieler Kleinstbeträge von Spareinlagen und nicht abgerufener Bodensätze auf Girokonten.

Die in der Losgrößentransformation zum Ausdruck kommende Größendifferenz unterschiedlich hoher Geldbeträge ist empirisch gut belegt.[3] Aber auch die Diversifikation von Gläubigerrisiken kann ein Motiv für Kleinanlagen sein.[3] Losgrößentransformation kann als Reflex auf Entscheidungsprobleme der Gläubiger gesehen werden.[4] Durch eine große Zahl von Bankkunden führt bei Banken die Losgrößentransformation zu Skalen- und Erfahrungskurveneffekten.[5]

Je mehr Refinanzierungsvolumen gebündelt werden kann, desto größer sind die Wertsteigerungsmöglichkeiten eines Instituts.[6] Allerdings steigen auch die Kreditrisiken, wenn eine Bank durch Bündelung vieler kleiner Geldanlagen imstande ist, einen Großkredit an einen einzelnen Kreditnehmer zu gewähren.[7] Großkredite bedeuten ein besonderes Risiko, weshalb sie nach § 13 ff. KWG einer qualifizierten Beschlussfassung und Meldepflicht unterliegen.

Das Prinzip der Losgrößentransformation geht davon aus, dass es zu einer Refinanzierung gewährter Kredite durch entsprechend vorhandene Kapitalanlagen kommt. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass der modernen Kredittheorie zufolge Kreditinstitute auch mit Hilfe der Geldschöpfung imstande sind, Kredite zu gewähren. Ein Rückgriff auf Kapitalanlagen ist nicht erforderlich, solange die kreditgewährenden Institute solvent bleiben (diese aus Nettokreditgewährungen mehr Liquiditätszu- als Abflüsse generieren können - typischerweise größere Bankinstitute[8] in Exportüberschussstaaten). Ebenso stellt sich im Idealfall der „Kreditgewährung im Gleichschritt“[9] das Losgrößenthema nicht.

Außerhalb des Bankensektors[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Versicherungen sammeln viele kleine Versicherungsprämien, um hiermit wenige größere Versicherungsschäden zu begleichen oder größere Geldanlagen zu tätigen. Ähnliche Transformationen gehören zur Aufgabe anderer Kapitalsammelstellen. Losgrößentransformation gibt es nicht nur bei Finanzintermediären, sondern in vielen Bereichen direkter Finanzierung; so etwa bei Aktiengesellschaften, die den hohen Emissionsbetrag ihrer Aktien von einer Vielzahl kleiner Aktionäre sammeln.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Peter Betge, Bankbetriebslehre, 1996, S. 13 f.
  2. Matthias Hofmann, Management von Refinanzierungsrisiken in Kreditinstituten, 2009, S. 9.
  3. a b Friedrich Theißen, Opportunismus und Finanzmärkte, 2010, S. 198 f.
  4. Friedrich Theißen, Opportunismus und Finanzmärkte, 2010, S. 203.
  5. Nils H. Tröger, Mergers & Acquisitions im deutschen Bankensektor, 2003, S. 28.
  6. Christian Schäfer, Erfassung bankspezifischer Risiken bei der Bewertung von Kreditinstituten, 2008, S. 6.
  7. Nils Moch, Liquiditätsrisikomanagement in Kreditinstituten, 2007, S. 8.
  8. Wolfgang Stützel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik. Nachdruck der 2. Auflage. Tübingen 2011. S. 27:
    „So muß z. B. eine kleine Bank damit rechnen, dass die Überweisungen ihrer Kreditnehmer aus den ihnen eingeräumten Krediten vollständig bei anderen Banken landen, Kreditgewährung also zu einem gleichgroßen Liquiditätsverlust führt [...]. Eine größere Bank mit weit verstreutem Filialnetz kann bereits damit rechnen, dass ein Teil der Überweisungen ihrer Kreditnehmer auf den Konten von anderen eigenen Kunden landet, deren Einlagen erhöhen oder deren Kreditinanspruchnahme verringern. […] Infolgedessen führt nahezu jede Schmälerung der flüssigen Mittel bei einer einzelnen Bank zu einer Vermehrung der flüssigen Mittel anderer Banken dieser Gesamtheit (Größenmechanik).“
  9. Vgl. Hans Gestrich: Neue Kreditpolitik. Stuttgart und Berlin 1936. (PDF; 652,3 KiB)