Lotos (Altes Ägypten)

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Lotos in Hieroglyphen
Altes Reich
M9

Seschen
Sšn
Lotospflanze
Nymphaea lotus (1).jpg
Ägyptischer weißer Lotos (Nymphaea lotus)
Nymphaea caerulea

Lotos (auch Lotus, Lotosblume, Lotusblume) hatte als Symbol- und Nahrungspflanze im Alten Ägypten verschiedenste Funktionen. Der altägyptische Lotos ist jedoch nicht mit der botanischen Gattung Lotos identisch. Eine genaue Pflanzenzuweisung steht noch aus; bislang wird neben dem Tigerlotus in Gleichsetzung auch die himmelblaue Wasserlilie (Nymphaea caerulea) vermutet.

In der hebräischen Sprache steht der ähnliche Begriff šušan (Susanne) in Übersetzung ebenfalls für die Lilienpflanzen.

Bedeutung und Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Lotos war neben dem Skarabäus das wichtigste Symbol für Regeneration und Auferstehung.[1] Diese Bedeutung des Lotos geht auf die Eigenschaft der Pflanze zurück, ihre Blüten bei Sonnenuntergang zu schließen, unter Wasser zu tauchen und bei Sonnenaufgang wieder aus dem Wasser emporzusteigen. Somit symbolisiert der Lotos, ebenso wie der Skarabäus, außerdem die Sonne.[2] Die blaue Lotosblüte galt im Alten Ägypten als heilig.[3] Wie der Papyrus die Pflanze Unterägyptens war, war der Lotos eines der Symbole für Oberägypten.[4]

Die Lotosblüte wurde als Blumenschmuck sowohl für die Lebenden als auch die Toten verwendet. Bei der Mumie Ramses II. fand sich beispielsweise eine Blumengirlande aus Nymphaea lotus (Tigerlotus). In den Tempeln gab es sogenannte „heilige Sträuße“, die dort geweiht wurden.[5]

Mythologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem Neuen Reich symbolisierte unter anderem ein auf einer Lotosblüte sitzendes Kind die göttliche Geburt des Sonnengottes. Nach den Vorstellungen der Altägypter wurde zu Beginn der Schöpfung der junge Sonnengott in einer Lotosblüte geboren, die aus dem Urozean Nun hervorging. Die Ägypter sahen deshalb den Sonnenaufgang als ständige Wiederholung der Schöpfung und der Wiederauferstehung.[6] Die Lotosblüte ist das Attribut des Gottes Nefertem, der diese häufig auf dem Kopf trägt.

Seit der griechisch-römischen Zeit wurden daher verschiedene Kindgötter auf einer Lotosblüte sitzend abgebildet. Von Hor-pa-chered ist diesbezüglich nur ein ikonografischer Beleg aus der Ptolemäerzeit erhalten geblieben.[6]

Totenkult[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sprüche 76 bis 88 des altägyptischen Totenbuches sollen dem Verstorbenen ermöglichen, unterschiedliche Gestalten anzunehmen, in der Regel Tier- oder Götterstalt, um im Jenseits zurecht zukommen.[7] Gemäß den Sprüchen 81 A (kurze Fassung) und 81 B (längere Fassung) hingegen kann der Verstorbene die Gestalt einer Lotosblüte annehmen:

„Ich bin jene reine Lotosblüte, die hervorging aus dem Lichtglanz, die an der Nase des Re ist. Ich verbringe meine Zeit und messe sie zu dem Horus. Ich bin die reine (Blüte), die hervorging aus dem Feld.“

Ägyptisches Totenbuch, Spruch 81 A[8]

„O du Lotosblüte dieses Nefertem-Bildes! Ich bin ein Mensch und kenne doch diese Sprüche, ich kenne den Spruch derer, die mit diesen Göttern, den Herren des Totenreichs sind.“

Ägyptisches Totenbuch, Spruch 81 B, 1. Abschnitt[9]

Der Spruch zur Verwandlung in eine Lotosblüte ist somit die Hoffnung auf Wiedergeburt.[10]

Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Lotosblüte ist ein in der altägyptischen Kunst häufig verwendetes Motiv, sowohl in der Baukunst, der Malerei als auch in der Goldschmiedekunst. Architektonisch findet die sogenannte „Lotosbündelsäule mit geschlossenem Kapitell“ Verwendung. Vorbild hierfür waren als Bündel zusammen gebundene Lotosblüten[11]. Solche Säulen sind aus Privatgräbern des Alten, Mittleren und Neuen Reiches erhalten. Die Lotosbündelsäulen ähneln den Papyrusbündelsäulen, unterscheiden sich jedoch durch den unteren Schaft, der bei den Lotosbündelsäulen gerade verläuft.[12] In Gräbern der 18. Dynastie (Neues Reich) wird in den Wanddekorationen sehr häufig die blaue Lotosblüte abgebildet, an deren Duft sich die Verstorbenen erfreuen sollen. Andere Wandmalereien zeigen Personen, die Bündel von Lotosblüten in den Händen halten oder die Blüte als Kopfschmuck tragen.

Zum Grabschatz des Tutanchamun aus KV62 zählen einige Objekte, in denen die Lotosblüte enthalten ist. Beispielsweise der sogenannte „Kopf des Nefertem“, eine Darstellung des jungen Königs, der Lotoskelch aus Alabaster, der eine weiße Lotosblüte darstellt und ein Schmuckstück mit dem Thronnamen Tutanchamuns.

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außerägyptische Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Homers Odyssee wird ein Volk erwähnt, die so genannten Lotophagen, die eine Lotospflanze aßen, die drogenähnliche Wirkung gehabt haben soll: Wer nun die Honigsüße der Lotosfrüchte gekostet, der dachte nicht mehr an Kundschaft oder Heimkehr, sondern sie wollten immer in der Lotophagen Gesellschaft bleiben und Lotos pflücken und ihrer Heimat entsagen (Homer, Odyssee IX, 94ff.). Da Homer zuvor schildert, dass Odysseus Schiffe bei Kap Malea vom Nordwind erfasst und neun Tage durch Stürme über das Meer getrieben wurden, versucht schon seit der Antike die überwiegende Zahl der Forscher, das Land der Lotophagen im heutigen Libyen oder auf Djerba[13] zu lokalisieren.

Ob Lotos tatsächlich als Droge konsumiert wurde, bleibt zumindest bei den Berichten der Odyssee fragwürdig, da die bei den Lotophagen gestrandeten Seeleute nach ihrer zehntägigen Irrfahrt ausgehungert waren und vielleicht die Lotospflanzen als willkommenes Nahrungsmittel ansahen. Auch Herodot berichtete insbesondere über den süßlichen Wohlgeschmack der Lotoswurzel. Eine ausführliche Beschreibung der Pflanze ist in Polybios’ Historien, Buch XII.2.

Innerägyptische Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Altägyptische Lotosernten sind bereits seit dem Alten Reich ikonografisch belegt. In einem aus Illahun stammenden Papyrusfragment des Mittleren Reiches wird der von Herodot beschriebene Verzehr der Lotospflanze bestätigt: Veranlasst, dass mir Süße gegeben wird, veranlasst dass mir Liebe gegeben wird, von den Öffnern des Hauses, von den Lotosessern.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rainer Hannig: Großes Handwörterbuch Ägyptisch-Deutsch: (2800-950 v. Chr.). von Zabern, Mainz 2006, ISBN 3-8053-1771-9, S. 831.
  • Sandra Sandri: Har-Pa-Chered (Harpokrates): Die Genese eines ägyptischen Götterkindes (Orientalia Lovaniensia analecta 151). Peeters, Leuven 2006, ISBN 90-429-1761-X.
  • Alexandra von Lieven: Fiktionales und historisches Ägypten (Das Ägyptenbild der Odysee aus ägyptologischer Sicht) In: Andreas Luther: Geschichte und Fiktion in der homerischen Odyssee (interdisziplinäre Tagung, Oktober 2003 an der Freien Universität in Berlin). Beck, München 2006, ISBN 3-406-54192-5, S. 61–76.
  • Manfred Lurker: Lexikon der Götter und Symbole der alten Ägypter. Scherz, Bern / München / Wien 1998, ISBN 3-502-16430-4, S. 127.
  • Ian Shaw, Paul Nicholson: Reclams Lexikon des Alten Ägypten. Reclam, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-010444-0, S. 167–168.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Lotos (Altes Ägypten) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Erik Hornung: Das Totenbuch der Ägypter. Unveränderter fotomechanischer Nachdruck der Ausgabe 1979, Artemis & Winkler, Düsseldorf/ Zürich 1997, ISBN 3-7608-1037-3, S. 465.
  2. Alessia Amenta, Maria Sole Croce, Alessandro Bongioanni: Ägyptisches Museum Kairo. National Geographic Art Guide, mit Vorwort von Zahi Hawass, 2. Auflage, National Geographic Deutschland, Hamburg 2006, ISBN 3-934385-81-8, S. 291.
  3. Manfred Lurker: Lexikon der Götter und Symbole der alten Ägypter. S. 127.
  4. Ian Shaw, Paul Nicholson: Reclams Lexikon des Alten Ägypten. S. 167.
  5. Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Kleines Lexikon der Ägyptologie. Harrassowitz, Wiesbaden 1999, ISBN 3-447-04027-0, S. 175.
  6. a b Sandra Sandri: Har-Pa-Chered (Harpokrates). S. 120.
  7. A. Amenta, M. Sole Croce, A. Bongioanni: Ägyptisches Museum Kairo. S. 291.
  8. Erik Hornung: Das Totenbuch der Ägypter. S. 167.
  9. Erik Hornung: Das Totenbuch der Ägypter. S. 168.
  10. Manfred Lurker: Lexikon der Götter und Symbole der alten Ägypter. S. 127.
  11. Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Kleines Lexikon der Ägyptologie. Harrassowitz, Wiesbaden 1999, ISBN 3-447-04027-0, S. 175
  12. Dieter Arnold: Die Tempel Ägyptens. Götterwohnungen, Baudenkmäler, Kultstätten. Bechtermünz, Augsburg 1996, ISBN 3-86047-215-1, S. 64.
  13. Erstmals: Eratosthenes nach Plinius: Naturalis Historia V, 7,2.