Louis Lewin

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Louis Lewin um 1887

Louis Lewin (* 9. November 1850 in Tuchel, Westpreußen; † 1. Dezember 1929 in Berlin) war ein deutscher Arzt, Pharmakologe, Toxikologe und Autor. Er ist der Begründer der Industrietoxikologie und modernen Suchtmittelforschung.

Leben[Bearbeiten]

Louis Lewin wurde als Sohn von Rahel und Hirsh Lewin geboren, die ursprünglich Appelbaum hießen und aus einer polnischen Provinz in Russland stammten. Sein Vater war von Beruf Schuhmacher und ein hervorragender Kenner der hebräischen Sprache. 1856 zog die Familie nach Berlin, ins „Scheunenviertel“; die finanzielle Lage war schlecht. Louis Lewin verdiente hinzu, kaufte Bücher und lernte im Selbststudium Deutsch. 1864 wurde er im Friedrichwerderschen Gymnasium aufgenommen, wo er 1871 das Reifezeugnis erhielt, so dass er Medizin an der Friedrich-Wilhelms-Universität (jetzt: Humboldt-Universität zu Berlin) studieren konnte.

1875 promovierte er mit seiner Preisarbeit Experimentelle Untersuchungen über die Wirkung des Aconitin auf das Herz. Die Approbation als Praktischer Arzt erhielt er am 16. Februar 1876. Wenige Monate später unterzog er sich einer militärischen Grundausbildung und wurde Mitte 1877 zum Assistenzarzt der Reserve ernannt; im Herbst zog er nach München und arbeitete in Forschungslabors über Stoffwechsel und Hygiene bei Carl von Voit und Max von Pettenkofer. 1878 bewarb er sich vergeblich bei Oskar Liebreich um eine Assistentenstelle am Pharmakologischen Institut in Berlin und zog dorthin; er durfte am Institut forschen, bekam jedoch nicht die Räumlichkeiten, die er als Privatdozent brauchte – sein Äußeres machte einen exzentrischen Eindruck, er ließ sich nicht christlich taufen und blieb zeitlebens nichtbeamtet.

1881 habilitierte er sich in Arzneimittellehre (jetzt: Pharmakologie), Toxikologie und Hygiene und heiratete Clara Wolff, die ihn bei seiner umfangreichen Autorentätigkeit durch Korrekturlesen unterstützte. 1893 bekam er den Professorentitel, jedoch keinen offiziellen Lehrauftrag und unterrichtete Studenten und auch Nichtmediziner in überfüllten privaten Räumlichkeiten neben der Charité über Wirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln.

Im Jahre 1887 reiste er in die USA und nach Kanada. Die Eindrücke dieser Reise hielt er in einem Reisetagebuch für seine Frau fest, das posthum veröffentlicht wurde. Er kam mit einigen Peyotl-Stücken (Mescale buttons) zurück nach Berlin und identifizierte ihre Inhaltsstoffe. Schwerpunkt seiner Forschung und Lehre wurden allmählich die gewerblichen Vergiftungen und die Hilfe für Giftarbeiter; dafür wurde er 1919 ordentlicher Honorarprofessor an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg und erhielt am 1. Oktober 1923 endlich einen offiziellen Lehrauftrag. Im Wintersemester 1924/25 hielt er eine wichtige Vorlesung: Die Lehre von den Giften, Betriebsgiften, Unfallvergiftungen, Gewerbekrankheiten mit Projektionen und Besichtigungen von Betrieben, Sonnabends 12–14 Uhr.[1] Louis Lewin war der Auffassung:[2]

„Die Tabakenthaltsamkeit, als Produkt subjektiver Auffassung, ist ebenso anzuerkennen wie das Alkoholabstinententum oder der Weiberhaß oder viele andere Minusleidenschaften. Aber man beschränke sich auf sich selbst! Will man schon an Menschheitszuständen bessern, so gibt es wahrlich bedeutsamere Aufgaben, z.B. die Besserung von lebensverkürzenden Arbeitseinflüssen und Arbeitsbedingungen bei vielen Tausenden von Menschen.“

Louis Lewin

In ungezählten Gerichtsverhandlungen trat er als Gutachter auf. Zusammen mit August Bebel und Rosa Luxemburg war er Mitglied in einem „Komitee für Obdachlosenasyl“.

Louis Lewin starb im Alter von 79 Jahren an einer monatelangen Blutvergiftung (Sepsis). In einem Nachruf von 1930 wurde die Frage gestellt, „[…] was war die Ursache für den auffälligen Kontrast zwischen Leistung und Laufbahn in diesem Leben? War es nur Eifersucht der Konkurrenten, nur Rassenfeindschaft, nur Scheu vor dem gewiß nicht ‚bequemen‘ Kollegen? […] Gerade sein Temperament und seine gefühlsmäßige Parteinahme für die nach seiner Meinung zu unrecht Verfolgten, für die wirtschaftlich Schwachen usw. trübten ihm den sonst oft so scharfen kritischen Blick und rissen ihn zu voreiligen Schlüssen hin, die seinen Meinungsäußerungen in den Augen der Besonnenen viel an Kredit nahmen.“[3]

1979 schrieb der Medizinhistoriker Erwin Heinz Ackerknecht zu seinem 50. Todestag: „Es ist paradox, aber wer LEWIN gekannt, verehrt, geliebt hat, empfindet ein gewisses Gefühl der Erleichterung, daß es einem der größten der vielen großen Juden in der deutschen Medizingeschichte vergönnt war, vor 1933 zu sterben.“[4] Clara Lewin, seine Witwe, wurde im KZ Theresienstadt umgebracht.[5]

Leistungen[Bearbeiten]

Von Louis Lewin stammen grundlegende Aussagen:

  • Es gibt kein einziges chemisch bekanntes Gift, das – beliebig lange Zeit Tieren eingeführt – ein Gegengift im Blute entstehen lässt, dem die Fähigkeit zukommt, in irgendeiner Weise das Gift unschädlich zu machen.
  • Kein Alkaloid, kein Glykosid, keine blutverändernden oder anderswie giftigen, chemisch gekannten Substanzen aus der Reihe der anorganischen oder organisch synthetischen Stoffe können durch die Serologie gehindert werden, ihre Giftwirkung zu entfalten.
  • „Wer da sagt, daß ihm ein Gift nichts anhaben kann, der irrt sich. Jeder Mensch wird von Gift geschädigt, der eine früher, der andere später, der eine mehr, der andere weniger. […] Eine Krankheit, die durch ein Gift gekommen ist, kann man gewöhnlich nicht leicht von einer wirklichen Krankheit unterscheiden, weil die Leiden durch Gifte und die bei einer Krankheit kommenden sich zum Verwechseln ähnlich sein können.“ (Allgemeines Belehrungsblatt für Giftarbeiter, 1907)

Er beschrieb 1888 den nach ihm benannten Kaktus „Anhalonium Lewinii“ (Lophophora williamsii, Peyote) und untersuchte sein chemisches Prinzip, das er „Anhalonin“ (meskalinhaltige Alkaloidfraktion) nannte.[6] Weiterhin erstellte er ein Klassifikationssystem für Drogen und psychoaktive Pflanzen, basierend auf ihrer pharmakologischen Wirkung. Seine originale Einteilung war:

In ihrer Doktorarbeit über Louis Lewin kommt Brigitte Hoppe zu dem Schluss: „Es steht außer Zweifel, daß Louis Lewin, wie etwa auch der Pharmakologe Rudolf Kobert zu den letzten großen ‚Enzyklopädisten‘ gehörten, welche experimentelle Einzelforschung auf verschiedenen Gebieten durch ihren polyhistorischen Ansatz zu einem Gesamtbild zu integrieren strebten […]“[7]

Ehrungen[Bearbeiten]

Gedenktafel am Haus Ziegelstraße 5 in Berlin-Mitte

Sein Ehrengrab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee (Grabnummer 79405, Feld M I, Erbreihe 475).[7] Es wurde 1981 von der jüdischen Gemeinde restauriert.

Am 23. Oktober 1981 wurde zu Ehren Lewins gemeinsam von der Akademie der Wissenschaften der DDR, dem Fachverband Toxikologie der Chemischen Gesellschaft der DDR und der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften ein Symposium veranstaltet.[8]

Im Berliner Stadtteil Hellersdorf tragen eine Straße (vorher nach Paul Verner benannt) und ein Bahnhof der U-Bahnlinie 5 seinen Namen. Im Oktober 1992 fand im Kulturforum Berlin-Hellersdorf wiederum ein Symposium statt, die „Hellersdorfer Heimathefte“ druckten die dort vorgetragenen Beiträge mit Bildmaterial. Zu der Veranstaltung waren Lewins Enkelin Gabrielle Forrest aus den USA und der Lewin-Kenner Bo Holmstedt aus Schweden angereist.[9]

In der Nähe seiner Wirkungsstätte ist eine Gedenktafel angebracht.

Schriften[Bearbeiten]

Ein vervollständigtes Verzeichnis seiner pharmakologischen und toxikologischen Untersuchungen, Abhandlungen und Werke (1874–1929) mit 265 Titeln steht in: Der Toxikologe Louis Lewin (1850–1929), herausgegeben von R. Klaus Müller, Bo Holmstedt, Karlheinz Lohs, Leipzig 1982. Einige Veröffentlichungen werden immer wieder neu aufgelegt.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Louis Lewin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorlesungsverzeichnis der TH Berlin von 1918/19 bis 1929/30
  2. Phantastica. Gerstenberg, Berlin 1973, S. 413
  3. Wolfgang Heubner: Louis Lewin. In: Münchn. Med. Wschr. 77, Seiten 405–406 (zitiert nach Der Toxikologe Louis Lewin, Leipzig 1982).
  4. Zitiert nach Karlheinz Lohs in: Der Toxikologe Louis Lewin (1850–1929). Leipzig 1982, Seite 2.
  5. Radio-Porträt im inforadio vom 28. April 2010. Abgerufen am 24. September 2012.
  6. L. Lewin: Ueber Anhalonium Lewinii. In: Archiv für Experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 24, 1888, S. 401–411, doi:10.1007/bf01923627.
  7. a b Brigitte Hoppe: Louis Lewin (1850–1929). Sein Beitrag zur Entwicklung der Ethnopharmakologie, Toxikologie und der Arbeitsmedizin. Inaugural-Dissertation, Freie Universität Berlin 1985, Seite 135
  8. Der Toxikologe Louis Lewin. Leipzig 1982
  9. Louis Lewin (1850–1929). Leben – Werk – Wirkung. In: Hellersdorfer Heimathefte 3, Berlin 1992