Luchino Visconti

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Luchino Visconti (1906–1976)

Luchino Visconti (* 2. November 1906 als Conte Don Luchino Visconti di Modrone in Mailand; † 17. März 1976 in Rom) war ein italienischer Theater-, Opern- und Filmregisseur sowie Drehbuchautor. Er gilt als einer der bedeutendsten Regisseure des europäischen Kinos. Der aus einer italienischen Adelsfamilie stammende Visconti zählte in den 1940er-Jahren zu den Mitbegründern des Italienischen Neorealismus. Später widmeten sich seine Filme vor allem Themen wie Schönheit, Dekadenz und Tod,[1] insbesondere der Verfall des europäischen Adels und Bürgertums wurde wiederholt in seinen Filmen aufgegriffen.[2]

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Luchino Visconti war der dritte Sohn (das vierte von sieben Kindern) des Grafen Giuseppe Visconti di Modrone (1879–1941), der 1937 zum ersten Herzog von Grazzano Visconti erhoben wurde. Die Grafen Visconti di Modrone, in Primogenitur seit 1813 (durch Napoleon I.) Herzöge von Modrone, sind ein jüngerer Seitenzweig der 1447 erloschenen Herzöge von Mailand aus dem Hause Visconti. Seine Mutter war die Industriellenerbin Carla Erba (1880–1939) aus einer Mailänder Chemiedynastie. Visconti wuchs im Mailänder Familiensitz, dem Palazzo Visconti di Modrone in der Via Cerva, sowie auf dem Landsitz der Familie, Schloss Grazzano Visconti bei Vigolzone, auf. Nach der Trennung der Eltern (Anfang der 1920er Jahre) zog seine Mutter mit den jüngeren Kindern, ihn eingeschlossen, in ein eigenes Palais in der Via Marsala in Mailand sowie in die Villa Erba in Cernobbio am Comer See um. Der Vater erbaute sich als Kammerherr von König Viktor Emanuel III. auch eine Villa in Rom, in der Via Salaria, welche Luchino später erbte und jahrzehntelang bewohnte. Er teilte auch das Interesse seines Vaters für Oper und Theater, Arturo Toscanini gehörte zu den Freunden des Hauses, die Familie besaß eine eigene Mietloge im Teatro alla Scala und der Palazzo Visconti verfügte über ein kleines Haustheater, an dessen Aufführungen die Kinder mitwirkten. Über die Lektüre von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit fand Visconti zur Literatur; die Verfilmung dieser Romanfolge blieb später ein lebenslanges Projekt, das er nicht mehr realisieren konnte.

Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Luchino Visconti, der sich zunächst mit Leidenschaft der Zucht von Rennpferden gewidmet hatte, ging 1936 nach Paris und begann seine Karriere als Assistent von Jean Renoir. Nach einer kurzen Amerikareise, auf der er auch Hollywood besuchte, kehrte er nach Italien zurück, um 1939 erneut als Renoirs Assistent am Film La Tosca zu arbeiten. Die Produktion musste kriegsbedingt unterbrochen werden, sie wurde später durch den deutschen Regisseur Carl Koch beendet. Zusammen mit Roberto Rossellini trat Visconti dem salotto von Vittorio Mussolini bei, dem Sohn von Benito Mussolini und seinerzeit nationaler Kulturzensor, wo er vermutlich auch auf Federico Fellini traf. Mit Gianni Puccini, Antonio Pietrangeli und Giuseppe De Santis schrieb er das Drehbuch zu seinem ersten Film als Regisseur, Besessenheit (1943), ein Werk, das eine neue Stilrichtung, den Neorealismus begründete, der dem italienischen Nachkriegsfilm wesentliche Impulse gab.

1948 schrieb und inszenierte er Die Erde bebt nach dem Roman I Malavoglia von Giovanni Verga. Visconti hatte während seiner Pariser Zeit Sympathie für den Kommunismus entwickelt. Er wurde 1944 wegen Widerstandstätigkeiten gegen den Faschismus verhaftet. Nach dem Krieg trat er öffentlich für die KPI ein. Der Konflikt, der sich aus dieser Weltanschauung und seiner Herkunft aus einem bedeutenden Adelsgeschlecht Italiens ergab, ist in seinen Werken spürbar. Er selbst, finanziell immer unabhängig, traditionell erzogen und umfassend gebildet, betrachtete sich einer vergangenen Welt, der des 19. Jahrhunderts, zugehörig. In dem Film Der Leopard (1963) thematisierte er das Vergehen einer alten Gesellschaftsordnung und das Aufgehen „moderner Zeiten“. Der 68er-Bewegung stand er ablehnend gegenüber.

Mit der Abkehr vom Neorealismus gelang Visconti in seinen Filmen der 1960er Jahre eine unverwechselbare Bildsprache. Bedingt durch die einmalige Mischung aus adeliger Herkunft, politisch kommunistischer Überzeugung und brillanter Gesellschaftsanalyse schuf er neben Der Leopard (1963) mit Die Verdammten (1969), Tod in Venedig (1971) und Ludwig II. (1972) Meisterwerke der Filmgeschichte.

Nachdem Visconti von den Folgen eines schweren Schlaganfalls (27. Juli 1972) genesen war, gelang ihm noch die Realisierung von zwei Filmen: In Gewalt und Leidenschaft (1974) analysierte er das von faschistischen Tendenzen geprägte Italien der zeitgenössischen Gegenwart. Mit seinem letzten Film Die Unschuld (1976) brachte er den Roman L’innocente von Gabriele D’Annunzio auf die Leinwand. Er handelt vom ewigen Spiel zwischen Mann und Frau sowie zwischen Gut und Böse.

Visconti war ebenso ein gefeierter Theaterregisseur. In den Jahren 1946 bis 1960 realisierte er viele Aufführungen der Rina-Morelli-Paolo-Stoppa-Kompanie mit Vittorio Gassman und bis in die 1970er Jahre war er für das Sprechtheater tätig. Bedeutend war auch seine Tätigkeit als Opernregisseur, die ihn u. a. an die Mailänder Scala, die Wiener Staatsoper und die Londoner Covent Garden Opera führte, wo er vor allem Opern von Giuseppe Verdi in Szene setzte – darunter 1953 eine berühmte Traviata an der Scala (Dirigent Carlo Maria Giulini), deren Wiederaufnahme mit Maria Callas 1955 gefeiert wurde, 1957 eine Anna Bolena, ebenfalls mit Callas, oder 1966 der vielgelobte Falstaff (Dirigent Leonard Bernstein) an der Wiener Staatsoper –, aber auch Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Giacomo Puccini oder Richard Strauss.

Die kirchliche Trauerfeier für Visconti fand am 19. März 1976 in Sant’Ignazio di Loyola in Campo Marzio in Rom statt. Neben der Familie Visconti waren der italienische Staatspräsident Giovanni Leone sowie die Schauspieler Burt Lancaster[3], Claudia Cardinale, Laura Antonelli, Vittorio Gassman und Helmut Berger anwesend. Die Urne wurde vermutlich in der Familiengruft der Schlosskapelle von Grazzano Visconti beigesetzt.

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine 1935 geschlossene Verlobung mit Prinzessin Irma zu Windisch-Graetz stieß bei deren Vater auf Bedenken, worauf Visconti sie wieder löste.[4] Visconti war homosexuell. Er führte dann ab 1936 eine dreijährige, diskrete Beziehung mit dem Fotografen Horst P. Horst.[5] Später scheute er sich nicht, sich mit seinen Freunden und Begleitern in der Öffentlichkeit zu zeigen, wie etwa mit dem Regisseur Franco Zeffirelli und dem deutschen Schauspieler Udo Kier. Viscontis letzter längerer Lebensgefährte war ab 1964 der österreichische Schauspieler Helmut Berger.

Sein Neffe Eriprando Visconti arbeitete ebenfalls als Filmregisseur (u. a. Una spirale di nebbia).[6] Ein weiterer Neffe von ihm, Giovanni Gastel, war Fotograf.[7]

Mit König Ludwig II. von Bayern, über den Visconti 1973 seinen Film Ludwig II. drehte, war Visconti entfernt verwandt. Die letzten gemeinsamen Vorfahren, die sie sich teilten, waren Margarete von Bayern und Federico I. Gonzaga, die Mitte des 15. Jahrhunderts lebten. Damit war Visconti der Sohn eines Cousins zwölften Grades von Ludwig II.[8]

Filmografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Opernproduktionen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Laufe seiner Karriere ist Visconti mit zahlreichen Filmpreisen ausgezeichnet worden; zu den bedeutendsten Ehrungen gehören:

1963 wurde Visconti mit dem Antonio-Feltrinelli-Preis ausgezeichnet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Henry Bacon: Visconti, Explorations of Beauty and Decay; Cambridge University Press, 1998

Dokumentarfilm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Luchino Visconti, vom Film besessen. (OT: Luchino Visconti – Entre vérité et passion.) Dokumentarfilm, Frankreich, 2015, 58:24 Min., Buch und Regie: Elisabeth Kapnist und Christian Dumais-Lvowski, Produktion: arte France, Bel Air Media, INA, Avrotos, ORF, Erstsendung: 11. Dezember 2016 bei arte, Inhaltsangabe von ARD.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Luchino Visconti – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Luchino Visconti. In: KINO. (kino.de [abgerufen am 15. März 2018]).
  2. programm.ARD.de - ARD Play-Out-Center Potsdam, Potsdam, Germany: Luchino Visconti, vom Film besessen. Abgerufen am 15. März 2018.
  3. Luchino Visconti - Biography. In: www.luchinovisconti.net. Abgerufen am 2. Juli 2016.
  4. Laurence Schifano: Luchino Visconti, S. 141–150
  5. Laurence Schifano: Luchino Visconti, S. 152–156.
  6. Die Nonne von Monza, kino.de
  7. Starfotograf Giovanni Gastel porträtiert B-Tech Sondermodelle von Alfa Romeo Giulia, Alfa Romeo Stelvio und Alfa Romeo Giulietta. In: media.stellantis.com. 13. September 2018, abgerufen am 15. März 2019: „Er ist der Neffe von Meisterregisseur Luchino Visconti (1906–1976), der mit Klassikern wie „Der Leopard“ oder „Tod in Venedig“ Kinogeschichte geschrieben hat.“
  8. Family tree of Luchino Visconti di Modrone. Abgerufen am 15. März 2021 (englisch).