Lucinde

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Titelblatt der Erstausgabe 1799

Lucinde (Untertitel: Bekenntnisse eines Ungeschickten) ist ein Roman von Friedrich Schlegel, der 1799 als erster Teil eines vierteiligen Romanprojektes erschien.[1] Er beschreibt in Briefen, Dialogen, Aphorismen, Tagebucheinträgen und anderen literarischen Formen die Liebe von Julius und Lucinde. Der Autor – nicht nur Schriftsteller, sondern auch Literaturtheoretiker, Historiker und Philosoph – artikuliert in und mit diesem Buch sein frühromantisches Romankonzept. Ein wichtiger Grundsatz dessen besagt, dass ein Roman stets sowohl einen Roman als auch seine eigene Theorie darstellen soll.

Das Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lucinde ist der einzige Roman Friedrich Schlegels, der als Begründer und Vordenker der frühromantischen Philosophie und Literaturtheorie gilt. Das Konzept der progressiven Universalpoesie hatte Schlegel seit 1797 in der Jenaer Zeitschrift Athenäum in Fragmenten und Aufsätzen entwickelt. Ausgehend von zwei – zunächst durchaus nicht als romantisch verstandenen – Romanen seiner Zeit, Johann Wolfgang Goethes Wilhelm Meister und Ludwig Tiecks Sternbald, hatte er die Wichtigkeit selbstbezogener Reflexionen innerhalb der Romantexte betont sowie eingefordert, dass ein Roman die Fähigkeit haben müsse, sein eigenes Konzept darzustellen. Die Lucinde stellt Schlegels Versuch dar, diese Konzeption umzusetzen.

Die Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenngleich die Theorie bis ins Detail umgesetzt wurde, gilt dieser Versuch in der älteren Forschung als missglückt. Der Hauptvorwurf, den man der Lucinde macht, ist, dass sie kein Roman im eigentlichen Sinne – und das heißt eine angenehm zu lesende Geschichte – sei, sondern eher „ein ästhetisches Ungeheuer“,[2] also eine trockene, für Laien schwer verständliche Ausbuchstabierung der komplexen Theorie darstelle. Bei Schlegels Projekt, diese selbst in einem romantischen Roman darzustellen, überwog – so die negative Kritik – die Theorie.
Es ist also die Romanhaftigkeit, die manche Interpreten dem Roman Lucinde absprechen. Dabei sind sie jedoch einem herkömmlichen Verständnis der Gattung Roman verhaftet. Kriterien hierfür sind: eine lineare, kohärente Handlung sowie Charaktere, die eine psychologisch nachvollziehbare Entwicklung durchlaufen, eingebettet in ein ‚Weltgeschehen‘, also ein soziales Umfeld, eine Gesellschaft, die meist auch ihr Denken, Fühlen und Handeln mitbeeinflusst bzw. bewertet.
Schlegels Lucinde hingegen ist ein Roman im Sinne der frühromantischen progressiven Universalpoesie (vgl. Athenäumsfragment 116). Dementsprechend zeichnet sich die Lucinde durch eine gattungsüberschreitende Offenheit aus.[3]

Als im Sinne der obigen Kritik ‚geglückter‘ Roman der Romantik, der also sowohl das Konzept umsetzt als auch im herkömmlichen Sinne lesbar bleibt, gilt gemeinhin Clemens Brentanos Godwi.

Ein „ästhetisches Ungeheuer“: Die Struktur des Buches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Text verfolgt keine epische Erzählung, sondern bietet seinem (gemäß dem „unbezweifelte[n] Verwirrungsrecht“ des Erzählers/Autors) verwirrten Leser Stimmungen und Reflexionen der Hauptfigur Julius. Es ist stets unsicher, in welchem Bezug ein Textstück zu einem anderen steht. Und erahnt der Leser einen Zusammenhang, der einer Handlung ähnelt, wird dieser Eindruck bald wieder zertrümmert. Den Sprüngen im Text kann der überforderte Leser kaum folgen. Damit sind Merkmale des modernen Romans vorweggenommen: Die Forschung vergleicht die Lucinde gern mit James Joyces Ulysses oder Virginia Woolfs Mrs. Dalloway.
Trotzdem ist der Text klar gegliedert. Wir finden ein „systematisches Chaos“, eine – wie es in Schlegels Rede über die Mythologie heißt – „künstlich geordnete Verwirrung“. Diese für die Schlegelsche Theorie typischen paradoxen Formulierungen meinen in der Praxis Folgendes:
Das Buch besteht aus 13 Teilen und einem Prolog. Jeweils sechs kurze, fragmentartige Textstücke gruppieren sich um den in der dritten Person erzählten Mittelteil. Bei diesem Mittelteil bleibt unklar, ob Julius oder Wilhelmine die biographische Schilderung der Entwicklung von Julius vornehmen, oder ob von einem außenstehenden auktorialen Erzähler ausgegangen werden muss. Die anderen zwölf Textstücke entsprechen sich einerseits inhaltlich und formal bis ins Detail, der Fortgang drückt jedoch trotzdem die Entwicklung von Julius und seiner Liebe aus, seine geistige Entwicklung, denn: Das Maß für die Lucinde ist der klassische Bildungsroman der Zeit, Goethes Wilhelm Meister.

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Prolog
  • [Erster Teil]
- Julius an Lucinde
- Dithyrambische Phantasie über die schönste Situation
- Charakteristik der kleinen Wilhelmine
- Allegorie von der Frechheit
- Idylle über den Müssiggang
- Treue und Scherz
  • [Zweiter Teil]
- Lehrjahre der Männlichkeit
  • [Dritter Teil]
- [Ohne Überschrift]
- Metamorphosen
- Zwei Briefe
- 1.
- 2.
- Julius an Antonio
- 1.
- 2.
- Sehnsucht und Ruhe
- Tändeleien der Phantasie

Der Stoff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Thema des Romans ist die Liebe und das Reflektieren über die Liebe in jeder denkbaren schriftlichen Form: Briefe, Tagebuch, hingekritzelte Gedanken, Zettelchen, aufgezeichnete Dialoge. Es ist oben bereits erwähnt worden, dass die Lucinde keine kohärente Handlung aufweist. Dennoch liegt dem Buch natürlich ein bestimmter Stoff zugrunde und dieser ist autobiographisch. Es hat dies seinen Grund ebenfalls wieder in der Theorie Friedrich Schlegels. Ist der Roman doch dazu gemacht, „den Geist des Autors vollständig auszudrücken: so dass manche Künstler, die nur auch einen Roman schreiben wollten, von ungefähr sich selbst dargestellt haben“.[4] Ein romantischer Roman stellt also notwendigerweise die ganz persönlichen Empfindungen und Taten, kurz: die Lebensweise des Autors dar. Und dies nicht in versteckter Weise – so wie man im Rahmen einer autobiographischen Deutung gerne diverse Bücher mit der Biographie des Autors interpretiert (vgl. z. B. Franz Kafka, Mark Twain, James Joyce) –, sondern ganz explizit.

Das Liebesmodell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anthologien über die Entwicklung des Liebes- und Ehemodells und des dazugehörenden Liebesdiskurses in Deutschland und Europa – seien es soziologische, historische oder literaturwissenschaftliche Arbeiten – sehen in der Lucinde stets das paradigmatische Beispiel für die Liebe in der Romantik (wenngleich der „Licht-Name“ der Titelheldin und somit auch des gesamten Buches über diese Metapher zunächst der Aufklärung verpflichtet zu sein scheint).[5] Im Folgenden soll deshalb die Vorstellung von Liebe in diesem Buch dargestellt werden.

Soziologisch verstanden: Ehe ist Liebe und Liebe ist Ehe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Schlegels Lucinde finden wir zum ersten Mal in der Geschichte der Liebe (in der Neuzeit) die explizite Forderung danach, dass radikale Liebe und Ehe, also die große, wilde Leidenschaft und der bürgerlich-brave Bund fürs Leben, zusammengehören. Dem Einwand, dass es sich dabei um eine Utopie handele und dass lodernde Gefühle nur schwer zwischen „Kindergeschrei und Küchendämpfen“ dauerhaft vorstellbar seien, setzen die Romantiker die Unterscheidung zwischen poetischen Menschen (Enthusiasten) und Spießbürgern (Philister) entgegen: Dem romantischen Menschen spricht man die Fähigkeit zur ekstatischen Harmonie per definitionem zu. Und die (romantische) Kunst wie auch die richtige Art, hingebungsvoll zu lieben, helfen dem Menschen, seine poetische Seite auszubilden. Auch hierzu möchte der Roman Lucinde einen Beitrag leisten.

Poetologisch verstanden: Alles ist beseelt für mich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zudem bezieht sich nun in der Liebe nicht mehr ein (liebendes) Subjekt auf das (geliebte) andere, sondern man liebt jetzt – gemäß dem romantischen Universalitätsprinzip – die gesamte Welt durch den anderen.

Alles, was wir sonst liebten, lieben wir nun noch wärmer. Der Sinn für die Welt ist uns erst recht aufgegangen. (Lucinde, S. 89.)

In Schlegels philosophischem System, mit dem er Ende des 18. Jahrhunderts versuchte, die unermessliche Welt der Poesie zu ergründen, hat die Liebe einen besonderen Stellenwert: Sie galt ihm als der erste Schritt zu deren Verständnis. Denn sie ist unmittelbar zu empfinden und führt dennoch zu dem Wunsch zur Reflexion darüber, so dass in ihr zwei sich gemeinhin konträr gegenüber stehende Prinzipien – Unmittelbarkeit und Reflexion, Unbewusstheit und höchstes Bewusstsein – gleichzeitig umgesetzt werden.

Zudem ist die romantische Liebe unendlich wie die Poesie.

Die Funktion des Liebesdiskurses[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Reflektieren der Liebe ist notwendig, um eine Distanz herzustellen, die letztlich zu einer Steigerung des Erlebten führt. In der Lucinde wird in Form von literarischen Dialogen reflektiert, jedes Textstück ist sowohl an Lucinde als auch an den Leser gerichtet. Ja, man kann sagen, dass es sich dabei um einen einzigen großen Liebesbrief handelt, in den der Leser hinein schauen darf.[6]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeitgenössische Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Lucinde erfuhr unmittelbar nach ihrem Erscheinen eine lebhafte, bisweilen wütende Rezeption. Zum einen hatten die Zeitgenossen Probleme mit der sperrigen Form. Die Bezeichnung „Roman“ wurde als ‚Mogelpackung‘ empfunden. Zum anderen wurde er als höchst unmoralisch angesehen. Der freizügige Umgang mit Sexualität, gekoppelt an eine in Richtung Emanzipation weisende Stellung der selbstbewusst liebenden Titelheldin, brach mit zeitgenössischen Moralvorstellungen. Noch 1816, als Friedrich Schlegel zum österreichischen Legationssekretär am Bundestag in Frankfurt ernannt worden war, wurde er für die Lucinde bei der Obersten Polizei- und Zensur-Hofstelle in Wien anonym als „höchst hirnloser und unzüchtiger Skribler“ angezeigt, dem Buch wurde „Ärgerlichkeit und Verworfenheit“ vorgeworfen.[7] Die Hauptleidtragende war seine Gefährtin Dorothea Veit, die den Roman – da sie das Konzept verstanden hatte und verehrte – jedoch gegen Angriffe verteidigte.[8]

Neuere Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hesse[9] kann am 21. Januar 1900 in der „Allgemeinen Schweizer Zeitung“ dem modernen Leser den Roman gar nicht mehr empfehlen.

Feministische Deutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den gender-studies der 90er Jahre gilt die Lucinde nur als scheinbar emanzipatorisch. Zunächst einmal ist das Liebesmodell zu kritisieren: Denn obwohl es darum geht, dass jeder sich selbst als ein Individuum herausbilde, bleibt die Asymmetrie der Geschlechter erhalten. „Der Mann liebt das Lieben, die Frau liebt den Mann; sie liebt dadurch einerseits tiefer und ursprünglicher, andererseits auch gebundener und weniger reflektiert.“[10] Die dargestellte Utopie des Rollentausches im Geschlechtsakt, so beschrieben in der Dithyrambischen Fantasie über die schönste Situation,[11] wird als Schlüsselszene zur Gleichberechtigung der Geschlechter begriffen. Dennoch bleibt im gesamten Buch die traditionelle Dichotomie: Frau – Natur, Mann – Geist erhalten. Die Frau ist die Erlöserin des Mannes – auch wenn dieses mystische Erlebnis, das gleichzeitig ein ästhetisches sein soll, Ehe genannt wird.

Fortsetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Lucinde sollte der erste Teil eines vierbändigen Romanprojektes werden, das die vier Arten des Romans verkörpern sollte. Der erste Teil blieb jedoch der einzige. In Friedrich Schlegels Nachlass fanden sich zahlreiche Notizen und Pläne zur Fortsetzung. Durchgeführt – wenngleich nicht immer im Sinne Schlegels – wurden drei Fortsetzungen.

  • Friedrich Schleiermacher: Vertraute Briefe über Friedrich Schlegels Lucinde
  • Johann Bernhard Vermehren: Briefe über Friedrich Schlegel's Lucinde zur richtigen Würdigung derselben
  • Johann Wilhelm Christern: Fr. Schlegels „Lucinde“. Herausgegeben und fortgesetzt von Christern (1842)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verwendete Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ernst Behler: Friedrich Schlegel: „Lucinde“. In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzahlungen der deutschen Romantik: Neue Interpretationen. Reclam, Stuttgart 1981.
  • Nicola Kaminski: Kreuz-Gänge. Romanexperimente der deutschen Romantik. de Gruyter, Berlin, New York 2001.
  • Niklas Luhmann: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. Frankfurt/M. 1982 (1. Aufl./1994, stw).
  • Peter von Matt: Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur. München 1989 (2. Aufl./1994, dtv)
  • Karl Konrad Polheim: Nachwort. In: Friedrich Schlegel. Lucinde. Reclam, Stuttgart 1963. (Revid. u. erweit. Ausgabe 1999, mit "Repertorium F. Schlegelscher Begriffe zu Lucinde")

Weiterführende Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Volker Michels (Hrsg.): Hermann Hesse. Die Welt im Buch I. Rezensionen und Aufsätze aus den Jahren 1900-1910. In: Hermann Hesse. Sämtliche Werke in 20 Bänden, Bd. 16. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988 (Aufl. 2002), 646 Seiten, ohne ISBN
  • Manfred Engel: Friedrich Schlegel, „Lucinde“: „Wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln“ (Frühromantische Potenzierung). In: Ders.: Der Roman der Goethezeit. Bd. 1: Anfänge in Klassik und Frühromantik. Metzler, Stuttgart 1993, S. 381–443.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Friedrich Schlegel: Lucinde. Frölich, Berlin 1799. (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)
  2. Kaminski
  3. Ihre [der romantischen Poesie] Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen [...]. (Athenäumsfragment 116)
  4. Athenäumsfragment 116
  5. So z. B. Niklas Luhmann: Liebe als Passion oder Peter von Matt: Liebesverrat.
  6. Kaminski
  7. Karl Konrad Polheim: Nachwort. In: Friedrich Schlegel: Lucinde. Stuttgart 1963. (RUB)
  8. Brief an Schleiermacher:
  9. Michels, S. 20, 17. Z.v.u.
  10. Luhmann, S. 172.
  11. Eine unter allen ist die witzigste und die schönste: wenn wir die Rollen vertauschen und mit kindischer Lust wetteifern, wer den andern täuschender nachäffen kann, ob dir die schonende Heftigkeit des Mannes besser gelingt, oder mir die anziehende Hingebung des Weibes. Aber weißt du wohl, daß dieses süße Spiel für mich noch ganz andre Reize hat als seine eignen? Es ist auch nicht bloß die Wollust der Ermattung oder das Vorgefühl der Rache. Ich sehe hier eine wunderbare sinnreich bedeutende Allegorie auf die Vollendung des Männlichen und Weiblichen zur vollen ganzen Menschheit. Es liegt viel darin, und was darin liegt, steht gewiß nicht so schnell auf wie ich, wenn ich dir unterliege.