Lucretia

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt die Römerin Lucretia. Die italienische Fürstin siehe Lucretia Borgia; den Asteroiden siehe (281) Lucretia.
Die Vergewaltigung der Lucretia; Gemälde von Tizian, 1571

Lucretia war laut späterer Tradition eine römische Frau aus der (halb-)mythischen Frühzeit, Tochter des Spurius Lucretius Tricipitinus und Gattin des Collatinus aus der königlichen Familie der Tarquinier. Sie war berühmt für ihre Schönheit und noch mehr für ihre Tugendhaftigkeit.

Überlieferung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die spätere, vor allem bei Titus Livius, aber auch in den Fasti Ovids, greifbare Überlieferung[1] berichtet die folgende Geschichte: Im 6. Jahrhundert v. Chr. fühlte sich demnach in Rom keiner seines Lebens, seiner Familien und seiner Ahnen sicher. Das Regime von Tarquinius Superbus war unerträglich, aber nicht nur für die Römer, die zu der Zeit noch Hirten und Bauern waren und daher noch keine gleichwertigen Vertreter in der Politik hatten. Auch für die mächtigen Etrusker und selbst für die Verwandten des Königs waren es unsichere Zeiten. Daher verschworen sich viele Männer aus dem Tarquinischen Adelsgeschlecht gegen den Tyrannen, um ihn zu stürzen. Unter diesen waren der Enkel von Tanaquil, Brutus, und der Mann von Lucretia, Collatinus.

Während der Besetzung der Stadt Ardea kamen die jungen Prinzen der Tarquinier abends in ihren Zelten zusammen. Eines Abends trafen sie sich im Zelt von Sextus Tarquinius, einem Sohn des Königs, und unterhielten sich über Frauen.[2] Das Gespräch erhitzte sich bei der Behauptung von Collatinus – dem Einzigen, der nicht mit einer Etruskerin, sondern mit einer Römerin verheiratet war –, dass seine Frau Lucretia über allen anderen Frauen stehe. Um sie zu überzeugen, lud Collatinus die anderen zu einem Besuch bei ihr ein. Im Gegensatz zu ihren Schwägerinnen fand man sie nicht beim Gelage oder bei anderen für Frauen der damaligen Zeit unschicklichen Dingen, sondern umgeben von ihren Mägden beim Spinnen der Wolle, im Schein einer Öllampe. Augenblicklich begehrte Sextus die Gattin seines Kameraden.[3]

Tarquinius und Lucretia von Antonio Bellucci
Marcantonio Raimondi, Lucretia, ca. 1510/11, Kupferstich

Während einer Abwesenheit ihres Ehemannes besuchte er unter einem Vorwand Lucretia, die ihm Einlass gewährte, da er ein entfernter Verwandter des Collatinus war. In der Nacht dann schlich er sich in ihr Zimmer und wollte sie vergewaltigen. Er bedrohte sie mit seinem Schwert, doch sie erklärte, lieber sterben zu wollen als ihrem Mann untreu zu werden. Als Tarquinius jedoch damit drohte, ihren Leichnam neben den eines toten Sklaven zu legen und sie dann der Unzucht zu beschuldigen (weswegen er dann beide auf frischer Tat getötet habe), ließ sie die Tat über sich ergehen. Nach der Vergewaltigung verschwand Tarquinius. Lucretia ließ ihren Mann und ihren Vater holen.[4] Unter Tränen erzählte sie ihnen das ihr zugefügte Unrecht. Die Männer betonten, dass Lucretia keine Schuld treffe, nur der Täter sei schuldig. Sie selbst sprach sich zwar auch von Sünde frei, wollte aber nicht weiterleben, da sie ihre Ehre verloren habe. Daher stieß sie sich ein Messer ins Herz und starb. Die Männer trugen die Leiche aus dem Haus und brachten sie auf den Marktplatz. Dort versammelte sich eine Menschenmenge, die nun erfuhr, was geschehen war. Dies löste beim Volk einen Aufstand gegen die verhasste Monarchie aus. Die Königsgegner aus dem Hause der Tarquinier nutzten diese Gelegenheit und stürzten das Regime.[5]

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lucius Iunius Brutus schwört Rache für den Tod von Lucretia, Wien, Schönbrunn

Diese Erzählung markierte (nach traditioneller Datierung 510/09 v. Chr.) das Ende der Monarchie und den Anfang der römischen Republik. Somit gehört „Die Schändung der Lucretia“ zum Gründungsmythos der Römischen Republik. Ein geschichtlicher Nachweis ist nicht überliefert: Die Vergewaltigung Lucretias wird erstmals von Livius zum Ende des ersten Buches von Ab urbe condita in den Kapiteln 58–60 berichtet. Von dieser Sage wurden viele Autoren inspiriert (s. u.); die meisten Althistoriker halten die Geschichte zumindest in der vorliegenden Form für eine spätere Erfindung, die auch den Einfluss griechischer Tyrannentopik verrät.

In der Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nutzten die antiken Autoren die Vorkommnisse um Lucretias Suizid noch in Bezug auf die literarische Darstellung der Tyrannentopik und sahen in Sextus Tarquinius den alleinig Schuldigen an Lucretias Tod, so verschiebt sich die Interpretation bei dem Kirchenvater Aurelius Augustinus. Dieser lehnt Lucretias Begründung für den Selbstmord ab und unterstellt Lucretia im Zusammenhang mit seiner entschiedenen Verurteilung des Selbstmordes eine Mitschuld sowie ein Motiv. So soll sie insgeheim an der Vergewaltigung Gefallen gefunden haben. Daraufhin soll sie, von Scham befallen, den Selbstmord zur Vertuschung gewählt haben.[6]

Dante Alighieri greift, wie viele weitere Autoren, die seit der Antike bekannte positive Interpretation des Stoffes wieder auf. Der italienische Dichter lässt Lucretia in seiner Divina Commedia zusammen mit zahlreichen ‚guten Heiden‘, den Helden und Philosophen der Antike auf einem begrünten Rasenstück innerhalb des ersten Höllenkreises auf das lyrische Ich und dessen Begleiter treffen. Die Möglichkeit Lucretia als Selbstmörderin – in der Interpretation des Augustinus – in den für Selbstmörder vorgesehenen siebten Höllenkreis zu verweisen, verwirft er.[7]

Gotthold Ephraim Lessing hat 1772 in seinem „bürgerlichen Trauerspiel“ Emilia Galotti das bereits klassische Thema der antiken Lucretia und Verginia in die damalige Gegenwart übertragen, die verführte und entehrte Protagonistin Emilia stirbt jedoch nicht, wie Lucretia durch die eigene Hand, sie wünscht sich vielmehr von ihrem Vater erdolcht zu werden.

In den Künsten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lucretia ist die Titelheldin zahlreicher Werke mit dem Zentralthema der ehelichen Treue und geschändeten Keuschheit.

Belletristik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ovid: Fasti, Verswerk (darin die Geschehnisse um Lukretia)
  • William Shakespeare: The Rape of Lucrece, Langgedicht. Hierbei steht nicht mehr das römische Ideal der Tugend einer „Uxor Romana“ im Vordergrund, sondern tragische und machtpolitische Elemente. Die feindselige Untat des Tarquin wird nur durch Erzählungen seines Gegners Collatin fokussiert und der Täter begegnet Lucretia erstmals, als er sie schändet. Sie verlangt ihrem Mann einen Racheschwur ab.
  • Alexander Puschkin: Graf Nulin, Parodie
  • Jean Giraudoux: Pour Lucrèce, Schauspiel
  • André Obey: Le Viol de Lucrèce, Bühnenstück
  • Mario Vargas Llosa: Lob der Stiefmutter, Roman
  • Heinrich Bullinger: Ein schoen Spil von der Geschicht der edlen Römerin Lucretiae, Drama in 2 Akten, UA: Basel 1533.
    • Andere Titel:
      • Ein schoen Spil von der Geschicht der edlen Römerin Lucretiae unnd wie der Tyrannisch küng Tarquinius Superbus von Rhom vertriben und sunderlich von der standthafftigkeit Junij Bruti des Ersten Consuls zu Rhom
      • Spiel von der schönen Lucretia
      • Ein schoenes Spiel von der Geschichte der edlen Römerin Lucretiae
      • Spiel von Lucretia und Brutus

Bildende Künste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gestalt der Lucretia erscheint auch in bildlichen Darstellungen der Neun Guten Heldinnen, sie ist in dieser ikonografischen Reihe eine Vertreterin des Heidentums. So wurde sie in der Renaissance ein bedeutendes ‚weltliches‘ Thema:

Das Museum für Spätantike und Byzantinische Kunst (Bode-Museum) zeigt die Bedrohung von Lucretia mit dem Messer durch Tarquinius in einer Plastik des italienischen Bildhauers Pietro Tacca von 1700.[8]

Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sodoma: Der Tod Lucretias, 1513
  • The Sisters of Mercy: Lucretia My Reflection, Dritte Singleauskopplung vom Album Floodland (1987)
  • Megadeth: Lucretia, Thrash Metal-Song (erschienen unter Capitol Records auf der LP Rust in Piece von 1990)
  • Kreator: Lucretia My Reflection, Thrash Metal, erschien auf dem Album "Voices of Transgression"
  • Momus: The Rape of Lucretia, auf dem Album Circus Maximus

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Lucretia – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Siehe Livius 1,57-60 und Ovid, Fasti 2,685-855.
  2. Livius 1,57,5-8.
  3. Livius 1,57,9-11.
  4. Livius 1,58,1-5.
  5. Livius 1,58,6–1,59,4.
  6. Aug. civ. I,XIX. Siehe hierzu auch Walther, S. 122-123.
  7. Inferno, IV, 111-144. Siehe auch Walther, S. 124.
  8. Der Tagesspiegel, 23. Oktober 2006; Bildergalerie Staatliche Museen zu Berlin, abgerufen am 11. Dezember 2015
  9. Jacques Gallot - Tarquin. Abgerufen am 26. März 2013.
  10. Jacques Gallot - Lucrèce. Abgerufen am 26. März 2013.