Ludger Honnefelder
Ludger Honnefelder (* 25. März 1936 in Köln) ist ein deutscher Philosoph und emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Bonn.
Wissenschaftlicher Werdegang
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Abitur in Köln studierte Honnefelder von 1955 bis 1962 als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes Philosophie, katholische Theologie und Pädagogik in Bonn, Innsbruck und Bochum. Von 1964 bis 1966 war er nach der Ordination zum Priester im pastoralen Dienst des Erzbistums Köln tätig.
Nach Assistententätigkeit in Bochum und Bonn wurde Honnefelder 1972 bei Wolfgang Kluxen an der Universität Bonn zum Dr. phil. promoviert. 1982 folgte an der Universität Bonn die Habilitation im Fach Philosophie. Von 1972 bis 1982 war Honnefelder zunächst als Dozent, dann als ord. Professor für Philosophie an der Theologischen Fakultät der Universität Trier tätig. 1982 wurde er als Professor am Seminar für Katholische Theologie und am Institut für Philosophie an die Freien Universität Berlin berufen. 1988 folgte die Berufung als Professor für Philosophie und Direktor des Philosophischen Seminars B an die Universität Bonn. Nach seiner Emeritierung nahm er von 2005 bis 2007 die neugeschaffene Guardini-Professur für Religionsphilosophie und Katholische Weltanschauung an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität wahr. Von März 2009 bis 2012 war er als Otto Warburg Senior Research Professor an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin tätig.
Honnefelder war von 1993 bis 2007 geschäftsführender Direktor des von ihm mitgegründeten Instituts für Wissenschaft und Ethik (IWE) der Universität Bonn sowie in den Jahren 1999 bis 2007 geschäftsführender Direktor des als Zentrale Einrichtung der Universität und als Arbeitsstelle der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften geführten Deutschen Referenzzentrums für Ethik in den Biowissenschaften (DRZE). Von 1992 bis 1994 war er Prorektor der Universität Bonn.
Im Nebenamt leitete er von 1982 bis 1991 die Bischöfliche Studienförderung Cusanuswerk sowie von 1995 bis 2012 das in Bonn angesiedelte Albertus-Magnus-Institut (AMI), das mit der kritischen Ausgabe der Werke Alberts des Großen und ihrer Erforschung befasst ist.
Von 1998 bis 1999 hatte er die Chaire de métaphysique Étienne Gilson an der Philosophischen Fakultät des Institut catholique de Paris inne. 2008 war er James Collins Visiting Professor der Philosophie am Department of Philosophy der Saint Louis University (USA). Mehrfach war er als Gastprofessor für Philosophie an der Pontifícia Universidade Católica do Rio Grande do Sul (PUCRS) in Porto Alegre (Brasilien) tätig.
Forschungsschwerpunkte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Honnefelders Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Metaphysik, der Ethik (einschließlich der Angewandten Ethik), der Anthropologie sowie der Geschichte der Philosophie in Mittelalter und früher Neuzeit.
In seinen philosophisch/philosophiegeschichtlichen Arbeiten ist Honnefelder der tiefgreifenden Transformation nachgegangen, die das Konzept der antiken Philosophie im Zuge der Aristoteles-Rezeption im lateinischen Westen des 12./13. Jahrhunderts erfährt. Wie Honnefelder zeigt, führt die Konfrontation mit den von den abrahimitischen Religionen thematisierten Phänomenen von Freiheit, Kontingenz, Geschichte und Individualität in der theoretischen Philosophie dazu, die Frage nach der Möglichkeit einer Ersten Philosophie (Metaphysik) neu zu stellen und durch eine veränderte Grundlegung der Disziplin zu beantworten, die insbesondere bei Johannes Duns Scotus zu ihrer Auslegung als einer Transzendentalwissenschaft (scientia transcendens) und einer neuen formal-modalen Bestimmung von Realität führt – ein Konzept, das über Francisco Suárez und Christan Wolff die neuzeitliche Metaphysik bis zur Transzendentalphilosophie Kants und zum Realitätsverständnis von Ch. Peirce bestimmt.
Für die praktische Philosophie zeigt Honnefelder, dass die mit der Aristoteles-Rezeption einsetzende Transformation der Ethik, beginnend bei Albertus Magnus und Thomas von Aquin zu einem veränderten Verständnis der Disziplin als einer eigenen, von einem obersten Prinzip geleiteten Disziplin führt, das in der praktischen Vernunft selbst liegt und das auf dem Hintergrund eines neuen Freiheitsverständnisses von J. Duns Scotus und F. Suárez als Prinzip vernünftiger Freiheit verstanden wird – ein Konzept, das über Grotius und Kant den Rahmen für die Entwicklung des neuzeitlichen Konzepts praktischer Philosophie bildet.
Unter dem Gesichtspunkt der Angewandten Ethik hat sich Honnefelder mit den Problemen auseinandergesetzt, mit denen eine moderne Ethik (als Bioethik) durch die immens erweiterten Erkenntnis- und Handlungsmöglichkeiten der neuen Lebenswissenschaften konfrontiert ist. Liegt der Grund des ethischen Anspruchs in dem in der praktischen Vernunft selbst gelegenen und im ‚Standpunkt der Moral‘ sich zeigenden obersten Prinzip, so Honnefelder, sind die maßgeblichen ethischen Kriterien moderner Bioethik in der Unverletzlichkeit der Menschenwürde und den damit verbundenen Grundrechten zu erblicken und mit zentralen Forderungen des tradierten medizinischen Berufsethos zu verbinden.
Mitgliedschaften (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und Künste (o. Mitglied seit 1992)
- Hegel-Kommission der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste (1993–2018)
- Steering Committee on Bioethics (CDBI) des Europarats (1994–2012)
- Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ des Deutschen Bundestages (2002–2004)
- Vorstand der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaften (1991–2015)
- Interdisziplinäres Institut der Görres-Gesellschaft (seit 1990)
- Permant Working Group on Science and Ethics der All European Academies (ALLEA) (1998–2011)
- Ethisch-rechtlich-sozialwissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft des Kompetenznetzwerks Stammzellforschung NRW (2002–2007)
Auszeichnungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Palacky-Medaille in Gold der Tschechischen Akademie der Wissenschaften (1991)
- Ehrendoktorat der Universität Innsbruck (1999)
- Franciscan Institute Medal (2007)
- Bundesverdienstkreuz am Bande (2007)
- Ehrenring der Görres-Gesellschaft (2016)
- Ehrendoktorat der Pontifícia Universidade Católica do Rio Grande do Sul, Porto Alegre (PUCRS) (2017)
Werke (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Ens inquantum ens. Der Begriff des Seienden als solchen als Gegenstand der Metaphysik nach der Lehre des Johannes Duns Scotus, Münster: Aschendorff 1979, 2. A. 1989 (Dissertation)
- Scientia transcendens. Die formale Bestimmung der Seiendheit und Realität in der Metaphysik des Mittelalters und der Neuzeit (Duns Scotus – Suárez – Wolff – Kant – Peirce). Hamburg: Meiner 1990 (Habilitationsschrift)
- La métaphysique comme science transcendantale entre le Moyen Âge et les Temps Modernes, Paris: Presses Universitaire de France 2002
- Johannes Duns Scotus. München: Beck 2005 (Übersetzung ins Portugiesische v. R. Hofmeister-Pich, Sao Paulo 2010)
- Was soll ich tun, wer will ich sein? Vernunft und Verantwortung, Gewissen und Schuld, Berlin University Press 2007
- Woher kommen wir? Ursprünge der Moderne im Denken des Mittelalters, Berlin University Press 2008
- Johannes Duns Scotus. Denker auf der Schwelle vom mittelalterlichen zum neuzeitlichen Denken, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2011
- Welche Natur sollen wir schützen? Über die Natur des Menschen und die ihn umgebende Natur, Berlin University Press 2011
- Im Spannungsfeld von Ethik und Religion, Berlin University Press 2014
- Was ist Wirklichkeit? Zur Grundfrage der Metaphysik, hg. von Isabelle Mandrella und Hannes Möhle, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2016 (mit Schriftenverzeichnis bis 2016)
- Zahlreiche Beiträge und Herausgeberschaften aus den oben genannten Forschungsgebieten
Herausgeberschaften (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Reihe Grenzfragen, Bde. 19–38. Freiburg: Karl Alber 1992–2014
- (mit R. Wood, M.Dreyer), John Duns Scotus. Metaphysics and Ethics, Leiden: Brill 1996
- (mit R. Wood, M. Dreyer, M.-A. Aris), Albertus Magnus und die Anfänge der Aristoteles-Rezeption im lateinischen Mittelalter. Von Richardus Rufus bis zu Franciscus de Mayronis, Münster: Aschendorff 2005
- (mit H. Möhle, S. Bullido del Barrio), Via Alberti. Texte – Quellen – Interpretationen, Münster: Aschendorff 2009c
- Albert der Große und der Ursprung der Universitätsidee. Die Begegnung der Wissenschaftskulturen im 13. Jahrhundert und die Entdeckung des Konzepts der Bildung durch Wissenschaft, Berlin University Press 2011
Sammelbände (zum 60. und 65. Geburtstag)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- M. Dreyer – K. Fleischhauer (Hgg.). Natur und Person, Freiburg : Karl Alber 1998
- J. Szaif – M. Lutz-Bachmann (Hgg.), Was ist das für den Menschen Gute? / What is Good for a Human Being?: Menschliche Natur und Güterlehre / Human Nature and Values, Berlin: de Gruyter 2004
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und über Ludger Honnefelder im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Ludger Honnefelder bei der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste
- Ludger Honnefelder am Institut für Philosophie an der Universität Bonn
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Honnefelder, Ludger |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Philosoph |
| GEBURTSDATUM | 25. März 1936 |
| GEBURTSORT | Köln |
- Philosoph (21. Jahrhundert)
- Philosoph (20. Jahrhundert)
- Hochschullehrer (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn)
- Hochschullehrer (Freie Universität Berlin)
- Hochschullehrer (Humboldt-Universität zu Berlin)
- Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste
- Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste
- Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande
- Ehrendoktor der Universität Innsbruck
- Deutscher
- Geboren 1936
- Mann