Ludwig Baumann (Wehrmachtsdeserteur)

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Ludwig Baumann, 2014

Ludwig Baumann (* 13. Dezember 1921 in Hamburg) ist ein deutscher Friedensaktivist und ehemaliger Wehrmachtsdeserteur.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ludwig Baumann wurde als Sohn eines Tabakgroßhändlers geboren. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten trat er weder der Hitlerjugend noch einer anderen Organisation der NSDAP bei. Als 19-Jähriger wurde er zur Kriegsmarine eingezogen. Am 3. Juni 1942 desertierte er zusammen mit Kurt Oldenburg bei Bordeaux in Frankreich. Nach dem Krieg erklärte Ludwig Baumann zu seinen damaligen Motiven: „Ich hatte erkannt, dass es ein verbrecherischer, völkermörderischer Krieg war.“

Am Tag nach der Desertion wurde er von deutschen Grenzposten gestellt. Obgleich Baumann bei seiner Festnahme bewaffnet war, ließen er und Oldenburg sich – aufgrund ihrer gewaltfreien Gesinnung – widerstandslos festnehmen. Am 30. Juni 1942 wurde Baumann wegen „Fahnenflucht im Felde“ zum Tode verurteilt. Davon, dass die Todesstrafe in eine 12-jährige Zuchthausstrafe umgewandelt wurde, erfuhr er erst nach Monaten, die er in Todesangst in der Todeszelle eines Wehrmachtsgefängnisses verbracht hatte. Jeden Morgen rechnete er mit seiner Hinrichtung. Baumann wurde danach im KZ Esterwegen im Emsland inhaftiert und kam später in das Wehrmachtgefängnis Torgau. In Torgau erlebte er, wie Tausende andere Deserteure hingerichtet wurden. Insgesamt wurden ca. 30.000 Deserteure zum Tod verurteilt, rund 20.000 davon wurden hingerichtet.

Sein Schicksal teilte er im weiteren Verlauf des Zweiten Weltkrieges mit weiteren Opfern der NS-Militärjustiz, die wie er in die so genannte Bewährungstruppe 500 gezwungen wurden, die an der Ostfront in besonders gefährdeten Abschnitten eingesetzt war. Trotzdem überlebte Baumann den Krieg. Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion hatte er es schwer in einer Gesellschaft, in der Deserteure noch immer als „Feiglinge“ geächtet wurden. In kurzer Zeit vertrank er sein Erbe. Als seine Frau bei der Geburt des sechsten Kindes starb, gelang es ihm, vom Alkohol loszukommen. Schließlich begann Baumann, sich in der Friedens- und Dritte Welt-Bewegung zu engagieren.

Ludwig Baumann beim Gelöbnix 2008 in Berlin

1990 gründete er zusammen mit etwa 40 noch lebenden Wehrmachtsdeserteuren und einigen engagierten Wissenschaftlern und Historikern die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, um eine Aufhebung der Unrechtsurteile gegen Deserteure, „Wehrkraftzersetzer“, Selbstverstümmeler und andere Opfer der NS-Militärjustiz durchzusetzen sowie deren vollständige Rehabilitation zu erreichen. 2002 wurde dieses Ziel mit dem Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege erreicht.[1] Im Laufe der Anerkennung war Baumann bei mehreren parlamentarischen Debatten und Beratungen in Bundestagsausschüssen aktiv.

Neben diesem Einsatz für Deserteure und andere von der NS-Gerichtsbarkeit Verfolgte setzte er sich in der Friedensbewegung ein. Bis zur Aufhebung der Wehrpflicht in Deutschland im Juli 2011 versuchte er an jedem Einberufungstermin, mit Einberufenen auf dem Weg in die Kaserne ins Gespräch zu kommen. Seine Botschaft lautete: „Leistet Widerstand, wenn ihr Befehle bekommt, denen ihr im zivilen Leben nicht folgen würdet.“

Zur Einweihung der Installation Denkzeichen zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Militärjustiz am Murellenberg am 8. Mai 2002 in Berlin leitete Baumann seine Rede mit dem Zitat Hitlers ein: „Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben.“[2]

Baumann war auch anwesend, als im November 2015 nach langem Streit das Deserteur-Denkmal am Stephansplatz in Hamburg zugänglich gemacht wurde. Er erinnerte dabei an seinen zum Tode verurteilten Freund Kurt Oldenburg und dessen letzte Worte: „Nie wieder Krieg!“ Er fügte hinzu: „Das ist mir ein Vermächtnis geworden“ und „(für meine Haltung) bin ich beschimpft und von ehemaligen Soldaten verprügelt worden. Ich ging zur Polizei und wurde nochmals zusammengeschlagen“.[3]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ludwig Baummann am Denkmal für den unbekannten Deserteur in Bremen-Vegesack
  • 1994 erhielt Ludwig Baumann den Sievershäuser Friedenspreis.
  • 1995 bekam er den Aachener Friedenspreis.
  • 2007 erhielt er den Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon in Bremen.
  • 2010 trug sich Baumann in das Goldene Buch der Stadt Erfurt ein.
  • Am 13. Dezember 2011 würdigte anlässlich des 90. Geburtstages von Baumann der Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen dessen Einsatz im Rahmen eines Senatsempfangs.[4] Böhrnsen überreichte Baumann den „Bremer Schlüssel“ als Zeichen der Anerkennung seines unermüdlichen Einsatzes für die Opfer der NS-Militärjustiz.
  • 2014 erhielt Baumann den Franco-Paselli-Friedenspreis der Internationalen Friedensschule Bremen.

Die eigens dafür gegründete Potsdamer Initiative schlug ihn zur Nominierung für den Friedensnobelpreis im Jahre 1996 vor.[5]

Die Annahme des Bundesverdienstkreuzes hat Baumann unter anderem deshalb abgelehnt, „weil ich keinen Orden haben will, den auch ehemalige Nazis tragen“.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Niemals gegen das Gewissen: Plädoyer des letzten Wehrmachtsdeserteurs. Herder, Freiburg im Breisgau 2014, ISBN 978-3-451-30984-7 (unter Mitwirkung von Norbert Joa).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ludwig Baumann – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Hannes Metzer: "Ehrlos für immer?" - Die Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure in Deutschland und Österreich. Wien, 2007.
  2. Murellenschlucht (auf der linken Seite den Cursor auf den 7. Kreis von oben stellen); zum Hitlerzitat und einer ähnlichen Rede Baumanns siehe auch: AG Friedensforschung an der Uni Kassel: Endlich: Gedenkstein für die Kriegsdienstverweigerer und Deserteure der Wehrmacht in Buchenwald enthüllt, „In Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Militärjustiz ...“
  3. Volker Stahl: „Hamburg hat umgedacht“. Die Hansestadt hat nun ein Deserteur-Denkmal. Es ehrt die Opfer der NS-Militärjustiz. In: neues deutschland vom 26. November 2015, S. 14
  4. bremen.de: Pressemitteilung
  5. Einer, der sich wehrte in Die Zeit vom 13. Dezember 1996