Ludwig Erhard

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Ludwig Erhard 1957 mit seinem Buch Wohlstand für Alle
Unterschrift
Büste von Ludwig Erhard, aufgestellt in seiner Geburtsstadt Fürth

Ludwig Wilhelm Erhard (* 4. Februar 1897 in Fürth; † 5. Mai 1977 in Bonn) war ein deutscher Politiker (CDU)(siehe), von 1949 bis 1963 Bundesminister für Wirtschaft und von 1963 bis 1966 zweiter Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Leben und Beruf bis 1945[Bearbeiten]

Ludwig Erhard im Jahre 1966 mit Zigarre

Jugend, Lehre und Krieg[Bearbeiten]

Ludwig Erhard wurde am 4. Februar 1897 im fränkischen Fürth geboren. Sein Vater war der aus Rannungen stammende katholische Textilwarenhändler und Weißwarengeschäftsbesitzer Wilhelm Philipp Erhard, seine Mutter Augusta (geborene Hassold) war evangelisch. Ludwig war das zweite von vier Kindern, die alle evangelisch getauft wurden. Im Alter von zwei Jahren erkrankte er an spinaler Kinderlähmung; aus dieser Zeit behielt er einen deformierten Fuß.[1] Erhard besuchte in Fürth Volks- und Realschule; danach begann er eine Lehre als Weißwarenhändler. Im Frühjahr 1916 schloss er diese als Einzelhandelskaufmann ab.[2]

Danach nahm Erhard als Soldat der Bayerischen Armee am Ersten Weltkrieg teil. Er war 1916/17 mit dem 22. Feldartillerie-Regiment in Rumänien und 1918 an der Westfront eingesetzt und wurde Ende September 1918 bei Ypern schwer verwundet. 1919 schied er als Unteroffizier und Offiziersaspirant aus dem Militärdienst aus.

Sein Biograf Hentschel schreibt zur Kriegszeit, dass Erhard in Flandern von einer Artilleriegranate getroffen wurde und sieben Operationen nötig waren. Er habe dies körperlich, aber nicht seelisch verwundet überstanden. Langes Stehen hinter der Ladentheke im väterlichen Geschäft war dann jedoch nicht mehr möglich, so dass Erhard in die Wissenschaft ging.[3]

Wissenschaftliche Karriere[Bearbeiten]

Von 1919 bis 1922 studierte Erhard an der Handelshochschule Nürnberg und erwarb einen Abschluss als Diplom-Kaufmann. Anschließend absolvierte er ein Studium der Betriebswirtschaftslehre und der Soziologie an der Universität Frankfurt. Hier erfolgte im Dezember 1925 seine Promotion bei Franz Oppenheimer über „Wesen und Inhalt der Werteinheit“ zum Dr. rer. pol.. Als seine akademischen Lehrer schätzte er besonders Wilhelm Rieger und Franz Oppenheimer, denen er sich lebenslang in Dankbarkeit verbunden fühlte.

Die Promotion war eine kritische Reflexion zur Arbeitswerttheorie des Doktorvaters, die Note war „gut“. Erst im Jahre 1928 konnte er beruflich wieder Fuß fassen, nachdem das Geschäft des Vaters die Inflationszeit nicht überlebt hatte. Erhard wurde Assistent beim Institut für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigware an der Handelshochschule in Nürnberg. Gründer des Instituts war drei Jahre zuvor der Nationalökonom Wilhelm Vershofen, der der Nationalversammlung angehört hatte. Vorbild war das amerikanische National Bureau of Economic Research, doch zu dessen deutschem Pendant entwickelte sich bald das Berliner Institut für Konjunkturforschung. Es war unter anderem Erhards Verdienst, dass das Nürnberger Institut sich im Dritten Reich auf die Marktforschung für Industriekunden verlegte.[4]

Von 1928 bis 1942 war er als wissenschaftlicher Assistent, später als stellvertretender Leiter beim Institut tätig. Seit 1933 wirkte er als Lehrbeauftragter an der Nürnberger Handelshochschule. Im Oktober 1932 forderte er, die Verbrauchsgüterproduktion zu fördern, und trat im Gegensatz zum damals vorherrschenden Protektionismus für eine Wettbewerbswirtschaft und freie Marktpreisbildung ein.

Die Handelshochschule hatte seit 1931 das Habilitationsrecht, und Erhard versuchte sich an dem überaus ambitionierten Thema „Die Überwindung der Wirtschaftskrise durch wirtschaftspolitische Beeinflussung“. Das Manuskript ist durch seinen Nachlass bewahrt geblieben. Biograf Hentschel, selbst Wirtschaftshistoriker, meint, Erhard tauge dem Habilitationsversuch zufolge nicht als wissenschaftlicher Nationalökonom, da ihm die formale Strenge und die Fähigkeit fehlten, klare und schlüssige Gedanken zu fassen und unter Hinweis auf die verwendeten Quellen argumentativ miteinander zu verbinden. Die Ursachen der damaligen Weltwirtschaftskrise habe Erhard logisch unschlüssig gedeutet, die Lösung der akuten Probleme sei verfehlt gewesen. Der Staat solle in die Produktion eingreifen und die Wirtschaft besser lenken, da dies Einzelinteressen nicht zuzutrauen sei. Wie der Staat dies tun solle, erklärt Erhard aber nicht. „Das Ganze wäre bei straffer Gedankenführung in knapper Diktion auf fünf Seiten abzutun gewesen.“ Dies sei aber nicht Erhards Sache gewesen, der 141 Seiten schrieb und dabei seinen Gedanken freien Lauf gelassen habe.[5]

Später behauptete Erhard, die Nationalsozialisten hätten ihn an der Habilitation gehindert. Diese aber hätte, so Hentschel, kein inhaltliches Problem gesehen, selbst wenn Erhard das Manuskript ohne Apparat eingereicht hätte. In der Zeitung des Instituts äußerte sich Erhard beispielsweise positiv über die nationalsozialistische Zwangskartellierung, denn sie beuge den Schäden des „artfremden Preiskampfes“ vor.[6]

Im Namen der Nürnberger Handelshochschule organisierte Erhard 1935 als wissenschaftlicher Assistent von Wilhelm Vershofen das erste Marketing-Seminar Deutschlands. Damals als „Absatzwirtschaftlicher Kurs“ bezeichnet, war dies ein Grundstein für die Nürnberger Akademie für Absatzwirtschaft und den GfK e. V. Aus diesen entstanden später die NAA GmbH und die GfK AG. Außerdem war er als wirtschaftspolitischer Berater zur Integration der annektierten Gebiete Österreich, Polen und Lothringen tätig. Von 1942 bis 1945 leitete er das von ihm gegründete Institut für Industrieforschung, das von der Reichsgruppe Industrie finanziert wurde. Ab Ende 1942 beschäftigte sich Erhard hier mit der ökonomischen Nachkriegsplanung. 1944 verfasste er im Auftrag der Reichsgruppe Industrie für das Institut seine Denkschrift Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung, in der er Überlegungen zum Neuaufbau der Wirtschaft nach dem Krieg anstellte und u.a. einen Währungsschnitt empfahl. Die Endfassung der Denkschrift übergab er sowohl Otto Ohlendorf als auch Carl Friedrich Goerdeler, die sich zustimmend äußerten.[7]

Ludwig Erhard mit seiner Ehefrau Luise

Ludwig Erhard war seit Dezember 1923 mit der Volkswirtin Luise Schuster (1893–1975), geborene Lotter, aus Langenzenn verheiratet. Aus ihrer Ehe ging die Tochter Elisabeth hervor. Familie Erhard lebte in Gmund am Tegernsee. Das Zigarrenrauchen war ab 1930 Erhards Markenzeichen. Aussagen aus seinem Umfeld zufolge konsumierte er in manchen Phasen seiner politischen Arbeit täglich etwa fünfzehn bis zwanzig Zigarren.

Politische Tätigkeit ab 1945[Bearbeiten]

Erste wirtschaftspolitische Ämter (1945–1948)[Bearbeiten]

Der parteilose Wirtschaftsfachmann gelangte nach dem Krieg rasch in hohe politische Ämter. Ludwig Erhard war einige Monate lang Wirtschaftsreferent in seiner Heimatstadt Fürth, bevor er im Oktober 1945 von der amerikanischen Militärregierung in die von Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (SPD) geführte Bayerische Staatsregierung zum Staatsminister für Handel und Gewerbe berufen wurde. Nach den Wahlen im Dezember 1946 musste er dieses Amt niederlegen.

1947 leitete er die Expertenkommission Sonderstelle Geld und Kredit bei der Verwaltung der Finanzen der britisch-amerikanischen Bizone und war in dieser Funktion mit der Vorbereitung der Währungsreform betraut. 1947 wurde er Honorarprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1950 folgte er zusätzlich einem Ruf an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Am 2. März 1948 wurde Erhard auf Vorschlag der FDP zum Direktor der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebietes gewählt und zeichnete damit für die Wirtschaftspolitik in den westlichen Besatzungszonen verantwortlich. Die sukzessive Aufhebung von Preisbindungen durch Erhard konzipierte als sein Mitarbeiter Leonhard Miksch aus dem Freiburger Umfeld Walter Euckens[8]. Erhard wurde erst fünf Tage vor dem geplanten Termin von den West-Alliierten über den Zeitpunkt der bevorstehenden Währungsreform am 20. Juni 1948 informiert. Einen Tag vor der Reform ließ er über den Rundfunk verkünden, Zwangsbewirtschaftung und Preisbindungen seien für einen ersten Bereich industrieller Fertigprodukte aufgehoben. Erhards Entscheidung, die dann mit dem „Leitsätzegesetz“ vom 21. Juni 1948 bestätigt wurde, gilt manchem als ein früher Beitrag zum späteren „Wirtschaftswunder“. Doch gab es ähnlich rasanten Aufschwung auch in anderen Industrieländern ohne Währungsreform und mit dauerhafter Wirtschaftslenkung (vgl. Wirtschaftswunder).

Erhards Wirtschaftspolitik war zunächst heftig umstritten und nicht direkt von Erfolg gekrönt. Die Reformen führten zu hohen Preissteigerungen. Am 12. November 1948 riefen die Gewerkschaften einen Generalstreik aus. Erst das einsetzende Wirtschaftswachstum zu Beginn der fünfziger Jahre schien seinen Kurs zu bestätigen.

Als Direktor der Verwaltung für Wirtschaft suchte Erhard 1949 die Rückgabe der durch die Nazis „arisierten“ Porzellanfirma Rosenthal Porzellan AG an die Familie des Unternehmensgründers Philipp Rosenthal durch Intervention bei den US-Militärbehörden zu verhindern.[9] Erhard hatte einen Beratervertrag mit der Rosenthal AG und erhielt jährlich 12.000 DM.[9][10] Der US-Geheimdienst stufte ihn ab diesem Zeitpunkt als bestechlich ein.[11]

Abgeordneter[Bearbeiten]

Von 1949 bis zu seinem Tode 1977 war Erhard Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 1949 bis 1969 zog er als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Ulm ins Parlament ein, 1972 und 1976 über die CDU-Landesliste Baden-Württemberg. Sowohl 1972 als auch 1976 oblag ihm als Alterspräsident die Eröffnung des Deutschen Bundestages.

Erhard gehörte neben Hermann Götz, Gerhard Schröder (beide CDU), Richard Jaeger, Franz Josef Strauß, Richard Stücklen (alle CSU), Erich Mende (FDP, später CDU), Erwin Lange, R. Martin Schmidt und Herbert Wehner (alle SPD) zu den zehn Abgeordneten, die die ersten 25 Jahre seit der Bundestagswahl 1949 ununterbrochen dem Parlament angehörten.

Als Wirtschaftsminister, 25. April 1963

Wirtschaftsminister[Bearbeiten]

Ludwig Erhard auf der Rückseite einer Zwei-DM-Münze

Nach der Bundestagswahl 1949 wurde Erhard am 20. September 1949 als Bundesminister für Wirtschaft in die von Bundeskanzler Adenauer geführte Bundesregierung berufen.

Ludwig Erhard gilt als Vertreter des Ordoliberalismus, der im Wesentlichen von Walter Eucken in dessen Werk Grundlagen der Nationalökonomie aus dem Jahre 1939 geprägt wurde. Im Ordoliberalismus kommt dem Staat die Aufgabe zu, einen Ordnungsrahmen für freien Wettbewerb zu erzeugen, in der die Freiheit aller Wirtschaftssubjekte (auch voreinander) geschützt wird. Aus dieser Schule hatten besonders Wilhelm Röpke und Leonhard Miksch unmittelbaren Einfluss auf die Wirtschaftspolitik im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik. Als zweites wirtschaftspolitisches Konzept hatte die von Alfred Müller-Armack entworfene Soziale Marktwirtschaft grundsätzlichen Einfluss auf die Politik der jungen Bundesregierung, wie unten Kapitel 3 näher ausführt. Erhard war einer der beliebtesten Politiker der 1950er Jahre. Er galt für viele als Schöpfer des „deutschen Wirtschaftswunders“, dessen Markenzeichen der stets Zigarre rauchende Wirtschaftsminister wurde. Die großen Wahlsiege der CDU bei den Bundestagswahlen von 1953 und 1957 waren zum erheblichen Teil der erfolgreichen Strategie zu verdanken, den (tatsächlich internationalen) Wirtschaftsaufschwung mit dem Unionsleitbild der Sozialen Marktwirtschaft im Bürgerbewusstsein zu verknüpfen. Ludwig Erhard zog zwei Jahrzehnte später im Rückblick das Resümee: „In jenem ersten Wahlkampf waren Soziale Marktwirtschaft und CDU zu einer Identität geworden.“[12]. In seinem populären Buch Wohlstand für Alle (1957) legte er seine Vorstellungen allgemeinverständlich dar. Unbeirrbar trat Erhard für die Liberalisierung des Außenhandels ein, was ihm auch in den eigenen Reihen den Ruf eines Dogmatikers einbrachte.

Als überzeugter Verfechter der Marktwirtschaft trug Erhard harte Auseinandersetzungen mit dem Sozialpolitiker Adenauer aus, die 1957 im Streit um die von Adenauer letztlich durchgesetzte Rentenreform gipfelten. Das seitdem bestehende Umlageverfahren (sogenannter Generationenvertrag) lehnte Erhard als nicht zukunftsfähig ab. Adenauer setzte sich jedoch mit dem bekannten Ausspruch „Kinder kriegen die Leute sowieso“ über diese Bedenken hinweg. Sowohl der Vorgesetzte Erhards (Kanzler Adenauer) als auch ein wichtiger Abteilungsleiter (Müller-Armack) arbeiteten also für aktivere Sozialpolitik als der ordoliberale Erhard.

Vom Beginn seiner Tätigkeit als Minister an sah sich Erhard harter Kritik seitens des Kanzlers ausgesetzt. Adenauers Hauptvorwürfe waren häufige Abwesenheit, mangelnde Kontrolle des Ministeriums und unbedachte Reden. Seine Anhänger wurden scherzhaft „Brigade Erhard“ genannt – nach einer Marineeinheit aus dem Kapp-Putsch von 1920. Um eine gefestigte Gruppe handelte es sich allerdings nicht; manche unterstützten den Wirtschaftsminister nicht zuletzt deshalb, weil sie Adenauer ablösen und nach Erhard selbst Kanzler werden wollten.

Nach der Bundestagswahl 1957 ernannte Adenauer Ludwig Erhard zum Vizekanzler. Am 24. Februar 1959 schlug Adenauer die Kandidatur Erhards für das Amt des Bundespräsidenten vor, was aber von Erhard am 3. März endgültig abgelehnt wurde. Nach der Bundestagswahl 1961 wurde Erhard erneut Vizekanzler und Wirtschaftsminister. Als er 1962 während der Spiegel-Affäre die Kanzlerschaft hätte erringen können, enttäuschte er seine Anhänger durch seine Zögerlichkeit.

Bundeskanzler[Bearbeiten]

Ludwig Erhard,
Porträt von Günter Rittner, 1974,
Kanzlergalerie Berlin

Nach Adenauers Rücktritt am 15. Oktober 1963 wurde Erhard, seit 1957 bereits Vizekanzler, am folgenden Tag zum Bundeskanzler gewählt. Viele – allen voran Adenauer – glaubten, er sei als Kanzler ungeeignet. So wurde er mehrheitlich als eine Art Zwischenlösung angesehen mit der Hauptaufgabe, einen Wahlsieg bei der Bundestagswahl am 19. September 1965 zu erringen.

Erhards Regierungszeit gilt als glücklos. Aus den Reihen der CDU warf man ihm unter anderem vor, er sei für eine Abkühlung der deutsch-französischen Beziehungen verantwortlich. Neben Außenminister Gerhard Schröder zählte er zu den Atlantikern, die den Beziehungen zu den USA gegenüber denen zu Frankreich Vorrang gaben. Zudem intrigierte der nunmehrige Altkanzler Adenauer gegen ihn: Erhard sei als Kanzler unfähig; vergeblich hatte der Kölner ihn schon als Nachfolger zu verhindern versucht. 1965 fuhr Erhard zwar den bis dahin zweitgrößten Wahlsieg in der Geschichte der Union ein, doch schon bei der Regierungsbildung konnte er seine Ansichten in der CDU/CSU nicht mehr durchsetzen. In den folgenden Monaten verfiel seine Autorität zusehends. Das von ihm aufgestellte Leitbild einer „formierten Gesellschaft“ fand kaum Zustimmung. Um sich zu behaupten und seinen Konkurrenten Barzel zu bremsen, ließ Erhard sich im März 1966 zum Vorsitzenden der CDU wählen.

Sein Ansehen als Wirtschaftsfachmann wurde erschüttert, als 1966 US-Präsident Lyndon B. Johnson hohe zusätzliche Zahlungen in Höhe von 1,35 Milliarden US$ (etwa 5,4 Milliarden DM)[13] für Besatzungskosten und den Vietnamkrieg einforderte und die zweite Rezession der Nachkriegszeit (die erste war unmittelbar auf die Währungsreform von 1948 gefolgt) mit drastisch steigenden Arbeitslosenzahlen einsetzte. Es folgten schwere Niederlagen für die CDU bei Landtagswahlen, insbesondere am 10. Juli 1966 in Nordrhein-Westfalen, wo sich die CDU nur mit knappster Mehrheit an der Macht halten konnte. Wegen einer Finanzkrise und in Betracht gezogener moderater Steuererhöhungen folgte der Rücktritt der FDP-Minister.

Erhard bildete am 26. Oktober 1966 eine Minderheitsregierung aus CDU und CSU. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion wählte indes Kurt Georg Kiesinger zum Kanzlerkandidaten, der eine Große Koalition mit der SPD zustande brachte. Erhard trat schließlich am 1. Dezember 1966 zurück. Im Mai 1967 legte er auch den CDU-Vorsitz nieder.

Sein politisches Scheitern als Kanzler wurde nicht zuletzt darauf zurückgeführt, dass ihm als „Quereinsteiger“ in die Politik Durchsetzungsfähigkeit fehlte und dass sein kollegialer Stil als Führungsschwäche ausgelegt wurde. Hinzu kam seine im Vergleich zum zwei Jahrzehnte älteren Adenauer bereits recht angeschlagene Gesundheit. Das Unbehagen mit seiner Amtsführung spiegelt eine Reportage aus seinem ersten Amtsjahr im Nachrichtenmagazin Der Spiegel wider:

„Der Bundeskanzler gehört zu jenen nur scheinbar dickhäutigen und dickfelligen Pykniker-Typen, die Anerkennung brauchen […] Schon die kühle Brise, die Erhard ab und zu ins Gesicht bläst, seit er die Kommandobrücke im Palais Schaumburg betreten hat, reicht aus, um sein seelisches Gleichgewicht zu stören.“[14]

Auch Erhards Berater Johannes Gross wies auf dessen Schüchternheit und Zögerlichkeit im kleinen Kreis hin; sie stand in einem Kontrast zu dem öffentlich zur Schau gestellten Optimismus in seinen mitreißenden Reden.[15]

Partei[Bearbeiten]

Bundesparteitag 1971 Düsseldorf

Obwohl er als Wirtschaftsminister und Bundestagsabgeordneter seit 1949 ausschließlich für die CDU aktiv war, ist die Frage der formalen Parteimitgliedschaft Erhards nicht abschließend geklärt. Von 1966 bis 1967 war er Bundesvorsitzender, ab 1967 Ehrenvorsitzender der CDU.

Im Jahr 2002 kam die Welt zu dem Rechercheergebnis, dass sich die Frage einer Parteimitgliedschaft für Erhard tatsächlich erst bei seiner Wahl zum CDU-Vorsitzenden gestellt habe, da dieses Amt nur von einem Parteimitglied ausgeübt werden kann. Erhard sei daher 1966 der CDU beigetreten, sein Beitritt sei in den Büchern der CDU aber drei Jahre zurückdatiert und somit formell auf 1963 festgelegt worden. Faktisch wäre Erhard damit aber bei seinem Amtsantritt als Bundeskanzler 1963 parteilos gewesen.[16]

Im Jahre 2007 thematisierten verschiedene Presseorgane und Nachrichtenagenturen erneut das Thema der Parteizugehörigkeit Erhards und insbesondere, dass Erhard niemals Parteimitglied der CDU gewesen sei. Zwar sei beim CDU-Kreisverband Ulm eine Mitgliedskarte nachweisbar; entscheidend für die Parteizugehörigkeit sei aber die Beitrittserklärung, die aber offensichtlich nicht vorliege. Auch Mitgliedsbeiträge solle Erhard nie gezahlt haben.[17]

Ludwig Erhards Grabstätte in Gmund am Tegernsee

Späte Jahre[Bearbeiten]

Ludwig-Erhard-Briefmarke zum zehnten Todestag 1987. Das zugrundeliegende Foto stammt vom Saarbrücker Fotografen Gerhard Heisler.
Briefmarke von 1997 aus Anlass des 100. Geburtstags

Erhard blieb nach seiner Zeit als Bundeskanzler noch weitere elf Jahre Bundestagsabgeordneter. 1967 gründete er die Ludwig-Erhard-Stiftung, die seine wirtschaftswissenschaftlichen und Wirtschaftsordnungs-Vorstellungen wissenschaftlich und publizistisch weiter pflegen soll. Außerdem war er erster Vorsitzender des Kuratoriums der Hermann Kunst-Stiftung zur Förderung der neutestamentlichen Textforschung (1964–1977), das die Arbeit des Instituts für Neutestamentliche Textforschung in Münster fördert. Ludwig Erhard starb am 5. Mai 1977 an Herzversagen in Bonn. Am 11. Mai 1977 fand aus Anlass seines Todes ein Staatsakt im Plenarsaal des Deutschen Bundestages statt. Er fand seine letzte Ruhe auf dem Bergfriedhof in Gmund am Tegernsee.

Postum wurde anlässlich seines 110. Geburtstages im Jahre 2007 eine vom Aachener Bildhauer Wolf Ritz angefertigte Büste im Eingangsbereich des Bundeswirtschaftsministeriums in Berlin aufgestellt und eingeweiht.[18]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Ludwig-Erhard-Preise[Bearbeiten]

Der deutsche Qualitätspreis ist nach Ludwig Erhard benannt: Als Ludwig-Erhard-Preis wird er jährlich auf der Basis des EFQM-Modells an Unternehmen verliehen, die besondere Leistungen im Qualitätsmanagement erkennen ließen.

Mit dem Fürther Ludwig-Erhard-Preis zeichnet der Ludwig-Erhard-Initiativkreis Fürth wirtschaftswissenschaftliche Dissertationen aus, „in denen verstärkt die Faktoren Innovation, Praxisnähe, Realisierbarkeit, wirtschaftlicher Nutzen und die Auswirkungen auf die Menschen in unserer Gesellschaft berücksichtigt sind“.[19]

Die Ludwig-Erhard-Stiftung verleiht die Ludwig-Erhard-Medaille für Verdienste um die Soziale Marktwirtschaft und den Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik.

Werke[Bearbeiten]

  • Wesen und Inhalt der Werteinheit. Dissertation. 1925.
  • Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung. Denkschrift. 1944. Propyläen, 1977, ISBN 3-550-07356-9.
  • Deutschlands Rückkehr zum Weltmarkt. 1953.
  • Wohlstand für Alle 1957. 8. Auflage: 1964.
  • Deutsche Wirtschaftspolitik. 1962.
  • Grenzen der Demokratie? Düsseldorf 1973.

Literatur[Bearbeiten]

  • Erwin von Beckerath, Fritz W. Meyer, Alfred Müller-Armack (Hrsg.): Wirtschaftsfragen der freien Welt [Zum 60. Geburtstag von Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard]. Knapp, Frankfurt am Main 1957.
  • Jan Berwid-Buquoy: Der Vater des deutschen Wirtschaftswunders – Ludwig Erhard. Berlin 2004, ISBN 3-924933-06-5.
  • Volker Hentschel: Ludwig Erhard. Ein Politikerleben. Olzog, München 1996, ISBN 3-7892-9337-7
  • Karl Hohmann: Ludwig Erhard (1897–1977). Eine Biographie, Bonn 1997 (PDF-Datei, ca. 3 MB)
  • Alfred C. Mierzejewski: Ludwig Erhard. Siedler, München 2005, ISBN 3-88680-823-8.
  • Andreas Metz: Die ungleichen Gründerväter: Adenauers und Erhards langer Weg an die Spitze der Bundesrepublik. UVK, Konstanz, ISBN 3-87940-617-0.
  • Karl Heinz Roth: Das Ende eines Mythos. Ludwig Erhard und der Übergang der deutschen Wirtschaft von der Annexions- zur Nachkriegsplanung (1939 bis 1945). 1. 1939 bis 1943. In: Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Jhrg. 10, n. 4, 1995, ISSN 0930-9977, S. 53–93.
  • Karl Heinz Roth: Das Ende eines Mythos. Ludwig Erhard und der Übergang der deutschen Wirtschaft von der Annexions- zur Nachkriegsplanung (1939 bis 1945). II. 1943 bis 1945. In: Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Jhrg. 13, n. 1, 1998, ISSN 0930-9977, S. 92–124.
  • Bernhard Löffler: Ludwig Erhard. In: Katharina Weigand (Hrsg.):Große Gestalten der bayerischen Geschichte. Herbert Utz Verlag, München 2011, ISBN 978-3-8316-0949-9.

Siehe auch[Bearbeiten]

Kabinett Adenauer IKabinett Adenauer IIKabinett Adenauer IIIKabinett Adenauer IVKabinett Adenauer VKabinett Erhard IKabinett Erhard II

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ludwig Erhard – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Belege[Bearbeiten]

  1. Volker Hentschel: Ludwig Erhard. Ein Politikerleben. München / Landsberg am Lech: Olzog 1996, S. 12.
  2. Volker Hentschel: Ludwig Erhard. Ein Politikerleben. München / Landsberg am Lech: Olzog 1996, S. 12.
  3. Volker Hentschel: Ludwig Erhard. Ein Politikerleben. München / Landsberg am Lech: Olzog 1996, S. 12.
  4. Volker Hentschel: Ludwig Erhard. Ein Politikerleben. München / Landsberg am Lech: Olzog 1996, S. 17/18.
  5. Volker Hentschel: Ludwig Erhard. Ein Politikerleben. München / Landsberg am Lech: Olzog 1996, S. 22.
  6. Volker Hentschel: Ludwig Erhard. Ein Politikerleben. München / Landsberg am Lech: Olzog 1996, S. 24.
  7. Ralf Ptak: Vom Ordoliberalismus zur Sozialen Marktwirtschaft, VS-Verlag 2003, ISBN 3-8100-4111-4, S. 145–149
  8. http://www.walter-eucken-institut.de/fileadmin/bilder/Publikationen/Diskussionspapiere/10_4bw.pdf
  9. a b Jürgen Lillteicher: Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine Studie über Verfolgungserfahrung, Rechtsstaatlichkeit und Vergangenheitspolitik 1945–1971. Dissertation Universität Freiburg 2002, S. 114 ff.; Text online (PDF; 3,3 MB)
  10. Constantin Goschler, Jürgen Lillteicher (Hrsg.) (2002): „Arisierung“ und Restitution. Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989. S. 141-142.
  11. Geschichte im Ersten: Unser Wirtschaftswunder. Die wahre Geschichte. Dokumentarfilm von Christoph Weber, ausgestrahlt in der ARD am 15. Juli 2013
  12. Markus Lingen: Geschichte der CDU: Die Düsseldorfer Leitsätze, Konrad-Adenauer-Stiftung
  13. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-Format"Prospects for change in West German foreign policy". Central Intelligence Agency, 6. September 1966, abgerufen am 6. Juni 2014.
  14. Der Hauch des Eises ist gewichen. In: Der Spiegel 18/1964
  15. Ludwig Erhard – Der Optimist. Fernseh-Dokumentation
  16. Gerhard Haase: Ludwig Erhard wurde offenbar als Parteiloser Bundeskanzler. In: Welt Online. 4. Mai 2002. Archiviert vom Original am 30. Oktober 2013. Abgerufen am 9. Oktober 2013.
  17. Hans Ulrich Jörges, Walter Wüllenweber: CDU-Altkanzler: Ludwig Erhard war nie CDU-Mitglied - Politik. In: Stern. 25. April 2007. Archiviert vom Original am 26. Oktober 2013. Abgerufen am 7. Oktober 2013.
  18. Einweihung Ludwig-Erhard-Büste, S. 82 (PDF; 719 kB)
  19. Der Fürther Ludwig-Erhard-Preis abgerufen auf ludwig-erhard-initiative.de am 6. Juni 2014