Ludwig Meidner

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Ludwig Meidner (* 18. April 1884 in Bernstadt an der Weide (Schlesien); † 14. Mai 1966 in Darmstadt) war ein deutscher Maler des Expressionismus sowie Dichter und Grafiker.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Studium an der Breslauer Kunstakademie von 1903 bis 1905 zog Meidner nach Berlin, wo er Radierunterricht im Atelier von Herrmann Struck nahm. 1906 bis 1907 besuchte er die Académie Julian und das Atelier Cormon in Paris. Hier entdeckte er die Kunst von Picasso, Gauguin und Ensor und befreundete sich mit Amedeo Modigliani.[1] 1912 gründete er mit Richard Janthur und Jakob Steinhardt die Gruppe Die Pathetiker. Nach einer Ausstellung in der Galerie Der Sturm von Herwarth Walden löste sich die Gruppe jedoch bereits im selben Jahr wieder auf. In Berlin arbeitete Meidner an verschiedenen expressionistischen Zeitschriften, unter anderem Der Sturm, Die Aktion, Die Weißen Blätter oder Der Feuerreiter, mit.

In Meidners Frühwerk sind Einflüsse des Impressionismus und Postimpressionismus erkennbar, ab 1912 ist sein expressiver, dynamischer Stil von Kubismus und Futurismus geprägt. Sein Hauptthema zu dieser Zeit war das hektische Großstadtleben, das er in Gemälden, dynamischen Zeichnungen und Grafiken (etwa der Mappe Straßen und Cafés) festhielt. Meidner schrieb hierzu: „Malen wir das Naheliegende, unsere Stadt-Welt! die tumultarischen Straßen, die Eleganz eiserner Hängebrücken, die Gasometer, welche in weißen Wolkengebirgen hängen, die brüllende Koloristik der Autobusse und Schnellzuglokomotiven, die wogenden Telefondrähte (sind sie nicht wie Gesang?), die Harlekinaden der Litfaß-Säulen, und dann die Nacht ... die Großstadt-Nacht..“[2]

Ab 1912 entstanden auch Katastrophenszenarien: brennende Städte mit Kometen und Feuersäulen am Himmel, die von panischen Menschenmengen bevölkert sind. Diese Apokalyptischen Landschaften wurden (nicht nur) von Meidner später als Vorahnungen des Ersten Weltkrieges interpretiert. Im Herbst 1913 lernte Meidner den Dichter Ernst Wilhelm Lotz kennen, mit dem er im April 1914 ein Wohnatelier in Dresden bezog. Bereits 1914 entstand Meidners Mappe Krieg, die sich, während in Deutschland noch allgemeine Kriegseuphorie herrschte, bereits in düsteren Bildern kritisch mit dem Krieg auseinandersetzte. Der frühe Kriegstod von Lotz bedeutete für Meidner einen unersetzlichen Verlust.[3]

Meidner leistete von 1916 bis 1918 seinen Militärdienst als Dolmetscher in einem Kriegsgefangenenlager ab. Hier entstanden auch seine beiden Bände mit expressionistischer, hymnischer Prosa Im Nacken das Sternemeer und Septemberschrei.[4] Nach kurzem Engagement in revolutionären Künstlergruppen wie der Novembergruppe, wandte sich Meidner in den 1920er Jahren intensiv religiösen Themen zu. Die latente Beschäftigung mit der Religion (etwa dem Thema des Jüngsten Gerichts in den Apokalyptischen Landschaften) wurde mehr und mehr zu einer bewussten religiösen Sinnsuche im Medium der Kunst. Aus der Suche nach seiner religiösen Identität entstanden so intensive Darstellungen im Selbstporträt von jüdischen Propheten und religiösen Zeloten. Ab Mitte der 1920er Jahre, als Meidner sein Leben streng nach den religiösen Vorschriften des Judentums ausrichtete, zeichnete er viele biblische Szenen und Idealporträts frommer Juden im Gebet. Obwohl sein Stil jetzt zunehmend naturalistisch wurde, weisen seine Bilder weiterhin eine gewisse Dramatik und expressive Spannung auf.

Meidner war auch ein bedeutender Porträtist, der sehr viele Intellektuelle, besonders Schriftsteller, der Weimarer Republik in psychologisch intensiven Bildnissen festhielt. Neben Porträts in Ölmalerei schuf Meidner, vor allem zwischen 1914 und 1928, zahlreiche Porträtradierungen. Zu den Porträtierten zählen unter anderem die Dichter Johannes R. Becher, Max Herrmann-Neiße, Johannes Bader und Paul Zech, die Maler Conrad Felixmüller und Otto Th. W. Stein, die Schauspieler Eugen Klöpfer und Lotte Lenya, die Kunstkritiker Paul Westheim und Ernst Cohn-Wiener, der Pianist Walter Kaempfer, der Kunsthändler Israel Ber Neumann oder der Rabbiner Leo Baeck.

Nach 1933 erhielt Meidner Mal- und Ausstellungsverbot im nationalsozialistischen Deutschland. In der Ausstellung „Entartete Kunst“ wurde ein Selbstporträt von ihm gezeigt. Um dem wachsenden antisemitischen Druck zu entgehen, nahm er 1935 eine Stelle als Zeichenlehrer am jüdischen Realgymnasium Jawne in Köln an. In Theodor Fritschs Hetzwerk Handbuch der Judenfrage wurde er 1936 als "führender Kunstjude" gebrandmarkt.[5] 1939 emigrierte Meidner nach London, wo er unter schwierigsten materiellen Umständen lebte. 1940–41 war er als „Feindlicher Ausländer“ in verschiedenen Internierungslagern. Im Londoner Exil entstanden neben Aquarellen und Zeichnungen mit religiöser Thematik auch ein Bilderzyklus zur Judenverfolgung und einer Serie von humoristischen Szenen und Blättern, die ein groteskes Welttheater zeigen.

Da Meidner in London als Künstler nicht Fuß fassen konnte, kehrte er 1953 nach Deutschland zurück. Er vermisste Deutschland und schrieb an einen Freund: „Ich weiß nicht, ob Deutschland noch der Ort sein kann, wo Juden in größerer Zahl existieren und mitarbeiten können. Aber ich selber kann nur leben, wo man deutsch spricht und schreibt; noch immer liebe ich das, da ist nichts zu machen.“[6] Nach einem Aufenthalt im jüdischen Altersheim in Frankfurt am Main bezog er durch Vermittlung der Galeristin Hanna Bekker vom Rath ein Atelier in Hofheim am Taunus im Ortsteil Marxheim. 1963 übersiedelte er nach Darmstadt, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte.

Seine Ehefrau war die Grafikerin und Malerin Else Meidner. Sie war zunächst seine Schülerin, beharrte aber stets auf ihrer künstlerischen Eigenständigkeit. Sie heirateten im Jahr 1927 und bekamen zwei Jahre später ihren Sohn David. Anders als Ludwig Meidner wollte sie nicht nach Deutschland zurückkehren und blieb in London.

Im Gegensatz zu anderen expressionistischen Künstlern, etwa den Malern der Brücke oder des Blauen Reiters, wurde Meidner erst spät wiederentdeckt. Erst seit den späten 1980er Jahren, als seine Werke (auch auf dem Kunstmarkt) wieder international Beachtung fanden, gilt er als einer der Hauptvertreter des urbanen Expressionismus. Ludwig Meidner war Mitglied im Deutschen Künstlerbund.[7]

Sein künstlerischer Nachlass wird im Ludwig Meidner-Archiv im Jüdischen Museum Frankfurt[8] betreut, das auch die künstlerischen Urheberrechte Meidners verwaltet.

Die 1990 gegründete Ludwig-Meidner-Gesellschaft in Frankfurt am Main arbeitet seit dem Jahre 2010 an einem Werkverzeichnis der Gemälde Meidners.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Feuerreiter. Blätter für Dichtung und Kritik, 2. Jg. (Sonderheft), Berlin: August 1923. Die Ausgabe wurde Ludwig Meidner gewidmet. Texte zu und über ihn von Oskar Walzel, Fred von Zollikofer, Hugo Marcus, Johannes R. Becher, Willi Wolfradt, Heinrich Eduard Jacob und Fritz Gottfurcht sowie vier Textbeiträge und zwei Bildwerke - darunter ein Selbstporträt - von Meidner.
  • Thomas Grochowiak: Ludwig Meidner Recklinghausen 1966
  • Gerhard Leistner: Idee und Wirklichkeit. Gehalt und Bedeutung des urbanen Expressionismus in Deutschland, dargestellt am Werk Ludwig Meidners, Phil.Diss. Frankfurt/M., Bern, New York 1986 (= Europäische Hochschulschriften Reihe XXVIII, Bd. 66)
  • Jörg Deuter: Meidner, Ludwig. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 16, Duncker & Humblot, Berlin 1990, ISBN 3-428-00197-4, S. 640–642 (Digitalisat).
  • Carol S. Eliel (Hrsg.): Ludwig Meidner. Apokalyptische Landschaften Ausstellungskatalog. Berlinische Galerie, Berlin 1990
  • Ludwig Meidner. Zeichner, Maler, Literat 1884-1966 Ausstellungskatalog. Institut Mathildenhöhe Darmstadt, bearb. von Gerda Breuer und Ines Wagemann, 2 Bde, Hatje, Stuttgart 1991 (hier ist auch eine umfangreiche Auswahl von Schriften Ludwig Meidners wiederabgedruckt) ISBN 3-7757-0357-8
  • Meidner, Ludwig in: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler des XX. Jahrhunderts. Dritter Band (K-P), E. A. Seemann, Leipzig 1999 (Studienausgabe). ISBN 3-363-00730-2 (S. 364)
  • Ljuba Berankova, Erik Riedel (Hrsg.): Apokalypse und Offenbarung. Religiöse Themen im Werk von Ludwig Meidner (Schriftenreihe des Jüdischen Museums Frankfurt am Main Bd. 5) Sigmaringen 1996
  • Tobias Natter (Hrsg.): Im Nacken das Sternemeer. Ludwig Meidner - Ein deutscher Expressionist Ausstellungskatalog. Jüdisches Museum Wien 2001
  • Georg Heuberger (Hrsg.): Ludwig und Else Meidner Ausstellungskatalog. Jüdisches Museum Frankfurt, Ben Uri Gallery London, Frankfurt 2002
  • Wolfgang Maier-Preusker: Buch- und Mappenwerke mit Grafik des Deutschen Expressionismus, Ausstellungskatalog für Hansestadt Wismar. Wien 2006 ISBN 3-900208-37-9
  • Dorle Meyer: Doppelbegabung im Expressionismus. Zur Beziehung von Kunst und Literatur bei Oskar Kokoschka und Ludwig Meidner. Göttinger Universitätsverlag, Göttingen 2013, ISBN 978-3-86395-107-8, online-Version (PDF; 28,9 MB)
  • Gerd Presler, Erik Riedel: Ludwig Meidner. Werkverzeichnis der Skizzenbücher / Catalogue Raisonné of His Sketchbooks (zweisprachig: deutsch und englisch), Prestel, München 2013, ISBN 978-3-7913-5302-9
  • Katalog zur Ausstellung Horcher in die Zeit – Ludwig Meidner im Exil, Herausgeber: Museum Giersch der Goethe-Universität, Frankfurt am Main. Hirmer, München 2016, ISBN 978-3-7774-2554-2 (deutsch); ISBN 978-3-7774-2586-3 (englisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ludwig Meidner, The Young Modigliani. Some Memories, in: Burlington Magazine, Vol LXXXII, 1943, S. 87-91
  2. Ludwig Meidner, Anleitung zum Malen von Großstadtbildern, in: Kunst und Künstler, XII. Jg., H. 6, Berlin 1914, S. 312-314
  3. Bernd-Ulrich Hergemöller: Mann für Mann, Seite 502/503
  4. Septemberschrei
  5. Ernst Klee: Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2009. ISBN 978-3-596-17153-8 (S.362)
  6. Thomas Grochowiak: Ludwig Meidner. Bongers, Recklinghausen 1966.
  7. kuenstlerbund.de: Ordentliche Mitglieder des Deutschen Künstlerbundes seit der Gründung 1903 / Meidner, Ludwig (abgerufen am 13. November 2015)
  8. Jüdisches Museum Frankfurt

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]