Luftangriff auf Hanau am 19. März 1945

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Der Luftangriff auf Hanau am frühen Morgen des 19. März 1945 war der letzte aber auch schwerste Luftangriff auf Hanau im Zweiten Weltkrieg. Die Stadt wurde dabei von Einheiten des RAF Bomber Command weitgehend zerstört. Die Angriffe auf die Stadt folgten dabei der britischen Strategie des Moral bombing.

Der Angriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Angreifer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Britischer Bomber AVRO Lancaster, wie sie über Hanau eingesetzt wurden.

Der Angriff wurde unter dem Befehl von Luftmarschall Arthur Harris von der No. 5 Bomber Group der Royal Air Force (RAF) durchgeführt. Die No. 5 Bomber Group war unter anderem für die Flächenbombardements auf Dresden, Kassel, Königsberg, Braunschweig, Pforzheim, Hamburg und Darmstadt verantwortlich. Die Einheit wandte eine Kombination von Spreng- und Brandbomben an. Diese Kombination führte im militärischen Optimalfall zu einem Feuersturm. Das Feuer vervielfachte dabei die Erstschäden, die zunächst die Sprengbomben verursachten. Ziel war die systematische Zerstörung ziviler Flächenziele.[1] Die am Stadtrand gelegene Industrie (Sondermetalle, Vakuumpumpen u.a.) war dagegen nicht Ziel des Angriffs.

Vorbereitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mittelbare Vorbereitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die genaue Auswahl der zu bombardierenden Stadtteile wurde anhand von Luftbildern, Bevölkerungsdichtekarten und Brandversicherungskatasterkarten getroffen. Die Katasterkarten waren durch deutsche Feuerversicherungen bei britischen Rückversicherungsgesellschaften vor dem Krieg hinterlegt worden. Die Hanauer Innenstadt war das Kerngebiet des Angriffs.[Anm. 1]

Unmittelbare Vorbereitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die RAF setzte für den Angriff unter anderem 227 Lancaster-Bomber und 8 Mosquito Flugzeuge ein[2], insgesamt 279 Flugzeuge mit mehr als 1.950 Besatzungsmitgliedern.[3] Der Angriff wurde durch eine Radarstörung (Düppelstörung) vorbereitet.[4] Die Flugzeuge der RAF flogen zwischen Köln und Bonn in das Reichsgebiet ein, täuschten zunächst als Ziel Kassel vor, bevor sie scharf nach Südosten abbogen.[5] So flogen die Flugzeuge der deutschen Abwehr nach Kassel und kamen dort zu dem Zeitpunkt an, zu dem der Angriff auf Hanau begann.[6] Der Konvoi der britischen Bomber war etwa 110 km lang.[7]

Vor dem Bombardement wurde das Zielgebiet von Mosquito-Flugzeugen durch 70 rote und grüne Leuchtbomben (sogenannte „Christbäume“) markiert und das Zielgebiet durch weitere 804 Leuchtbomben taghell ausgeleuchtet.[8] Dies wurde überwacht durch einen in großer Höhe fliegenden Masterbomber, der über Funk mit den Markierungsfliegern verbunden war. Nachdem dies beendet war, wurde vom Masterbomber aus auf einer tieferen Flugbahn nochmals das Hanauer Zielgebiet geprüft, die Anflughöhen festgelegt und der Angriff freigegeben.

Luftalarm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es war kein Fliegeralarm ausgelöst worden: Die deutsche Luftüberwachung hatte durch die britischen Täuschungen die Gefahr nicht rechtzeitig erkannt. So wurde die Mehrheit der Bevölkerung erst durch die ersten Bombenexplosionen alarmiert und begab sich in die Luftschutzkeller.[9]

Das Bombardement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Zielgebiet des Angriffs auf Hanau stellte im Wesentlichen das dichtbesiedelte Stadtzentrum dar. Der Zielpunkt lag in der Mitte der Innenstadt.[10] Das Bombardement begann um 4:24 Uhr und endete gegen 4:40 Uhr und dauerte so nur etwa 17 Minuten.[11] Aufgrund der klaren Wetterlage konnten die Bomben sehr gezielt und konzentriert abgeworfen werden.[12]

Zuerst wurden 117 schwere und mittelschwere Sprengbomben und 225 Luftminen abgeworfen.[13] Durch die Druckwellen der Explosionen wurden die Dächer aufgerissen. Danach wurden 360.000 Stabbrandbomben (643 Tonnen) über dem Stadtgebiet abgeworfen[14], die nun in die aufgerissen Dachstühle der Häuser fielen und diese innerhalb kürzester Zeit in Vollbrand setzten. Binnen kurzer Zeit breiteten sich tausende kleinere Gebäudebrände zu einem Feuersturm aus. Die abfliegenden britischen Bomber konnten den Brand noch in 100 km Entfernung sehen.[15] Insgesamt wurden bei diesem Angriff auf Hanau 1.200 Tonnen Bomben abgeworfen.[16]

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Opfer und Schäden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenktafel für die Kriegsopfer auf dem Hauptfriedhof

Die Mehrheit der Opfer waren Menschen, die in den Luftschutzkellern Zuflucht gesucht hatten. Ein Teil wurde während des Angriffs durch Trümmer erschlagen, sie erstickten oder verbrannten dort. Eine Flucht aus den Kellern war nur selten möglich, da die Hitzeentwicklung zu groß war und sich teilweise auch der Teer des Straßenbelags entzündet hatte. Dem Angriff auf die dichtbesiedelte Stadt fielen bis zu 2.003 Menschen zum Opfer. 382 Tote konnten nicht mehr identifiziert werden.[17] 2.240 Häuser wurden zerstört.[18] Anschließend waren 87 Prozent der Innenstadt zerstört.[19] Das entsprach 80 Prozent der Bausubstanz Hanaus, ein Zerstörungsgrad wie in kaum einer anderen Stadt im heutigen Hessen. In der Innenstadt standen nur noch sieben Häuser. Die Einwohnerzahl der Stadt sank unter 10.000. Hanau verlor eine Vielzahl seiner Kulturdenkmäler.

Die RAF verlor bei dem Angriff einen Bomber.[20]

Eine Gedenkstätte auf dem Hauptfriedhof Hanau erinnert auch an die Opfer des Luftangriffs vom 19. März 1945.

Wiederaufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim Wiederaufbau der Stadt wurden gegen große Widerstände aus der Bürgerschaft und zivilgesellschaftlicher Organisationen, wie des Hanauer Geschichtsvereins, die Ruinen des Stadtschlosses, der Kommandantur, des Zeughauses und des Stadttheaters abgerissen, ebenso die meisten noch erhaltenen Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Die Umfassungsmauer der wallonischen Hälfte der Wallonisch-Niederländischen Doppelkirche steht bis heute als Ruine und Mahnmal. Das Hanauer Stadtbild hat sich so durch die Luftangriffe und den Wiederaufbau radikal gegenüber dem Erscheinungsbild von vor 1945 verändert.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helmut Blome: Hanau. Zerstörung und Wiederaufbau. Eine Dokumentation des Hanauer Anzeiger (!) zum 19. März 1945. Hanau 1985.
  • Stadt Hanau (Hrsg.), Karlheinz Hoppe (Schriftleitung): Hanau. 19. März 1945. 50. Jahrestag der Zerstörung am 19. März 1945. Hanau 1995.
  • Magistrat der Stadt Hanau (Hrsg.): Hanau 19. März. 50. Jahrestag der Zerstörung der Stadt 1945. Hanau 1995. ISBN 3-926011-30-0
  • Richard Schaffer-Hartmann: Die Nacht, als Hanau unterging. 19. März 1945 (= Deutsche Städte im Bombenkrieg). Wartberg-Verlag, Gudensberg-Gleichen 2004, ISBN 3-8313-1471-3.
  • Hans-Günter Stahl: Der Luftkrieg über dem Raum Hanau 1939-1945 = Hanauer Geschichtsblätter 48. Hanau 2015. ISBN 978-3-935395-22-1, insb.: S. 327–381.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Entgegen einer immer wieder kolportierten Meinung war nicht die historische Hanauer Altstadt als Kerngebiet des Angriffs mit der Begründung ausgewählt worden, weil hier der Holzanteil an der Gesamtbaumasse am Höchsten war. Die Altstadt war bereits bei dem Luftangriff auf Hanau am 6. Januar 1945 weitestgehend zerstört worden (Stahl: Der Luftkrieg, S. 274–310).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl.: Arthur Harris: Bomber Offensive – Sir Arthur Harris – Marshal RAF – The Memoirs of one oft the greatest and most Controversial Commanders of World War II. London 1947. ND 1990, S. 147.
  2. Kriegstagebuch des Bomber Command, zitiert bei Stahl: Der Luftkrieg, S. 328.
  3. Stahl: Der Luftkrieg, S. 329.
  4. Stahl: Der Luftkrieg, S. 370.
  5. Stahl: Der Luftkrieg, S. 327.
  6. Stahl: Der Luftkrieg, S. 331.
  7. Stahl: Der Luftkrieg, S. 327.
  8. Stahl: Der Luftkrieg, S. 329, 333f.
  9. Stahl: Der Luftkrieg, S. 327.
  10. Vgl. Kartenskizze des Bomber Command, abgebildet bei: Stahl: Der Luftkrieg, S. 332.
  11. Stahl: Der Luftkrieg, S. 338.
  12. Stahl: Der Luftkrieg, S. 330f.
  13. Stahl: Der Luftkrieg, S. 329.
  14. Stahl: Der Luftkrieg, S. 339.
  15. Stahl: Der Luftkrieg, S. 334.
  16. Stahl: Der Luftkrieg, S. 339.
  17. Stahl: Der Luftkrieg, S. 338.
  18. Kriegstagebuch des Bomber Command, zitiert bei Stahl: Der Luftkrieg, S. 328.
  19. Stahl: Der Luftkrieg, S. 338.
  20. Stahl: Der Luftkrieg, S. 330.