Luftangriff auf Swinemünde

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Das Westfort der Festung Swinemünde
Der Panzerkreuzer Lützow und sein Schwesterschiff Admiral Scheer waren fünf Tage vor dem Angriff in der Marinebasis Swinemünde stationiert worden.

Der Luftangriff auf Swinemünde fand am 12. März 1945, wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges statt. Dabei wurde Swinemünde durch einen massiven Luftangriff aller drei Bomberdivisionen der 8. US-Luftflotte zum großen Teil zerstört. Die Zahl der – ganz überwiegend zivilen – Todesopfer war erheblich. Die Rote Armee, die vor der Insel Wollin stand, hatte die Verbündeten um Unterstützung gebeten, da sich das weitere Vordringen nach Westen als schwierig erwies.

Ausgangslage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Swinemünde war als Stützpunkt der Kriegsmarine die wichtigste Station auf dem Seeweg zwischen der Ostfront und Kiel. Der Militärhafen wurde von der Festung Swinemünde geschützt, die bis Kriegsende weitestgehend intakt blieb. Zudem lag der Bahnhof Swinemündes an der Eisenbahnlinie entlang der Ostseeküste. Am 7. März 1945 wurde die Kampfgruppe 2 der Kriegsmarine, bestehend aus den Panzerkreuzern Admiral Scheer und Lützow sowie mehreren Zerstörern und Torpedobooten von Gotenhafen in den Militärhafen von Swinemünde verlegt. Dort lagen zudem zwölf Transportschiffe, mit denen die Kriegsmarine im Anschluss an das Unternehmen Hannibal im Rahmen der Versorgungslogistik für die Truppen an der Front auf dem Rückweg auch Flüchtlinge vor der heranrückenden Roten Armee aus Ostpreußen evakuierte. Auch auf dem Landweg galt die Strecke über Swinemünde als eine der letzten einigermaßen sicheren Routen für die Flucht über Straße oder Schiene aus den Kesseln in Pommern und Westpreußen (Oxhöfter Kämpe, Hela, Danzig, Köslin und Kolberg), so dass die Stadt voller Flüchtlinge war. Der Roten Armee war Anfang März 1945 bei Stargard ein Durchbruch gelungen, doch stieß ihr Vormarsch bei Wollin auf energischen Widerstand der Wehrmacht. Die schwere Schiffsartillerie der in Swinemünde stationierten Kampfgruppe stellte eine ernsthafte Bedrohung für die in Küstennähe operierenden sowjetischen Truppen dar. Zur Entlastung erbat die Sowjetunion von ihren westlichen Verbündeten auch an der Ostseeküste Luftangriffe auf die logistische Infrastruktur des Feindes und auch auf dessen Großkampfschiffe.

Der Angriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

US-amerikanische B-17 "Fliegende Festungen"
US-amerikanische "Liberator" B-24

Der Angriff begann kurz nach 12 Uhr und dauerte etwa eine Stunde. Er wurde von 661 schweren, viermotorigen Bombern ("Fliegenden Festungen" B-17 und B-24 "Liberators") und 412 Begleitjägern ausgeführt. Die Sichtverhältnisse begünstigten zwar den Einsatz, da so das Feuer der schweren deutschen Flugabwehrbatterien weitestgehend wirkungslos blieb, erschwerten jedoch auch das Zielen. Die Bomber warfen aus rund 6.000 Meter Höhe 1609 Tonnen Bomben ab, zumeist Spreng- und Splitterbomben.

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sachschäden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Angriff verursachte zwar an einigen schwimmenden Einheiten im Hafen schwere Schäden bzw. Totalverlust, doch verfehlte er sein Ziel, den Marinestützpunkt Swinemünde unbrauchbar zu machen. Auch war keines der größeren Kampfschiffe getroffen worden, da sie sich zum Zeitpunkt des Angriffs nicht im Hafen befanden. Lediglich zwei Torpedoboote hatten leichte Schäden davon getragen. Die Transportschiffe Jasmund, Hilde, Ravensburg, Heiligenhafen, Tolina, Cordillera und Andros wurden hingegen versenkt.

Größere Teile der Innenstadt wurden weitgehend zerstört, auch Vororte sowie der Bereich des Kurparkes wurden von den Bombenteppichen getroffen.

Opferzahlen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den Opfern des Luftangriffs unter Flüchtlingen und Einwohnern gibt es unterschiedliche Zahlen:

Zunächst liegen zwei deutsche Verlust- bzw. Schadensmeldungen von den beiden Tagen nach dem Angriff vor, die übereinstimmend jeweils 1.500 Tote nennen. So meldete am 13. März 1945 der Befehlshaber der Ordnungspolizei (BdO) Stettin: Personenverluste bisher: 1500 Gefallene, davon 1000 auf Dampfer ‚Andros‘, 2000 Verwundete.[1] Der Luftwaffenführungsstab meldete: Bisher 1500 Gefallene, 2000 Verwundete.[2] Die Ermittlung der Opferzahlen wurde jedoch dadurch erschwert, dass die Anzahl der zur Zeit des Angriffs in Swinemünde befindlichen Flüchtlinge zuvor nicht exakt erfasst war, da die Behörden damit aufgrund der Masse von Flüchtenden überfordert waren bzw. diese als Durchreisende ohnehin nicht registriert wurden. Da viele der Opfer durch die Bombeneinwirkung stark entstellt waren, konnten zahlreiche Tote auch nicht mehr identifiziert werden.

In der wissenschaftlichen Literatur nennt z.B. Rolf-Dieter Müller vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt 3.000 bis 4.000 Tote[3], Helmut Schnatz kommt in seiner Monografie über den Angriff auf 4.500 Tote. Die meisten Toten gab es auf der Andros und im Kurpark, auf dem zahlreiche Flüchtlinge im Freien gelagert hatten. Alleine auf der Andros kamen 570 Menschen ums Leben. Zudem wurde ein mit Flüchtlingen besetzter Zug getroffen.

Die in Medien teilweise kursierende Zahl von 23.000 Toten[4] bezeichnet Müller als nicht haltbar.[3] Auch Schnatz verwirft die Zahl insbesondere unter Hinweis darauf, dass eine derartige Zahl an Toten im Hinblick auf die eingesetzte Sprengkraft unrealistisch sei und Aufmessungen der Friedhofsanlagen eindeutig ergaben, dass der ausgewiesene Platz für diese Anzahl bei weitem nicht ausreiche.[5]

Erinnerungskultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Mehrzahl der geborgenen Toten wurde auf dem nahen Golm bei Kamminke in Massengräbern begraben. Der Golm ist mit 69 Metern die höchste Erhebung auf der Insel Usedom. Swinemünde selbst liegt so tief, dass die Anlage von Massengräbern sich wegen des hohen Grundwasserspiegels verbot. Infolge der neuen Grenzziehung (Swinemünde gehört seit 1945 zu Polen und heißt seitdem Świnoujście) drang der Luftangriff lange Zeit nicht ins öffentliche Bewusstsein.[3] Am 12. März eines jeden Jahres finden in der Gedenkstätte auf dem Golm, der auf der deutschen Seite der neuen Grenze verblieb, Gedenkveranstaltungen für die Opfer dieses Angriffs statt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der Chef der Ordnungspolizei, Luftangriffe auf das Reichsgebiet, Lagemeldung Nr. 1.395, 13. März 1945, Bundesarchiv (BArch) R 19/341.
  2. 2. Nachtrag zur Schadensmeldung zu den Einflügen am 12. März 1945, (Luftwaffenführungsstab) Ic/M-Feind H.Qu. den 14. März 1945, BA-Militärarchiv, RL 2 II/840.
  3. a b c Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg 1939 - 1945. Links Verlag, 2004, ISBN 3-86153-317-0, S. 224.
  4. so z.B. Axel Büssem, Inferno am Ostseestrand, Stern vom 11. März 2005 , abgerufen am 28. September 2016, oder Antje Krüger und Matthias Zuber: Die Toten auf dem Golm, Deutschlandradio Kultur vom 25. April 2005, abgerufen am 28. September 2016
  5. Dresden des Nordens? Der Luftangriff auf Swinemünde am 12. März 1945 historicum.net, abgerufen am 28. September 2016