Luftangriffe auf Halberstadt

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Die mitteldeutsche Stadt Halberstadt erlebte 1944 und 1945 zehn Luftangriffe durch die 8. US-Luftflotte, von denen das Flächenbombardement mit fast 600 Tonnen Spreng- und Brandbomben am 8. April 1945 der schwerste war. Dieses löschte, drei Tage vor Einmarsch der US-Bodentruppen, die historische Innenstadt zu über 80 % aus. Dabei gingen auch die meisten wertvollen Baudenkmäler verloren oder wurden schwer beschädigt. Insbesondere der Angriff vom 8. April hat "das Gesicht und die Identität Halberstadts auf Jahrzehnte zerstört".[1] Insgesamt wurden bei den Luftangriffen auf Halberstadt fast 1.400 Tonnen Bomben abgeworfen,[2] und 2.200 bis 3.000 Menschen verloren ihr Leben.

Stadtplan Halberstadt 1920er Jahre

Halberstadt vor dem Krieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Halberstadt war eine im Mittelalter gegründete alte Bischofsstadt, eine Metropole im Harzraum und zudem Verkehrsknotenpunkt mit großer Bahnhofsanlage an der bereits 1843 eröffneten Bahnstrecke von Magdeburg und Oschersleben. Sie galt als "Rothenburg des Nordens", mit 700 alten, teilweise architektonisch sehr wertvollen Fachwerkhäusern, prächtigen Häusern aus der Gründerzeit, mit schönen Villen und mit Arbeiterwohnungen in der Unterstadt. Mit seinen rund 50.000 Einwohnern war Halberstadt eine geschäftige Handelsstadt und hatte ein reiches kulturelles Leben mit überregional bekanntem Theater, bedeutenden Sporteinrichtungen und vielen Vereinen.

Es war eine traditionelle Garnisonsstadt (Halberstädter Kürassiere vor dem Ersten Weltkrieg, Reichswehr von 1920 bis 1934). In der NS-Zeit erfolgte die Aufrüstung des Wehrmachtstandortes Halberstadt, mit dem Schwerpunkt Luftwaffe (Fliegerhorst an den Thekenbergen). Auf einem Teil des früheren Werksgeländes der Halberstädter Flugzeugwerke wurde 1935 in der Klusstraße 30–38 ein neues Junkers-Zweigwerk zur Fertigung von Tragflächen für die Junkers Ju 88 errichtet.

Die einzelnen Angriffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Amerikanische "Fliegende Festungen" B-17 beim Bombenwurf
Amerikanischer Langstreckenjäger "Thunderbolt"
Amerikanische Langstreckenjäger "Mustang"

Alle Luftangriffe erfolgten als Tagesangriffe durch die 8. Luftflotte der US-Luftstreitkräfte. In den Akten des britischen RAF Bomber Command lagen bereits seit 1942 Pläne zur Bombardierung Halberstadt unter dem Codenamen „Sardine“.[3] Der Stellvertreter von Arthur Harris, Oberbefehlshaber des Bomber Command, war Air Vice-Marshal Robert Saundby, der als begeisterter Angler alle in Auswahl kommenden deutschen Städte mit einem Fish code versah.[4]

Angriffe Januar 1944 bis 7. April 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die folgenden Informationen stammen aus dem Standardbuch von Werner Hartmann (Halberstadt brennt)[5] und den Kriegstagebüchern der 8. US-Luftflotte[6].

  • 11. Januar 1944: 52 B-17 „Fliegende Festungen“ der 1. Bomberdivision der 8. Luftflotte der USAAF warfen 143 Tonnen Bombenlast auf das Junkers-Zweigwerk, den Hauptbahnhof, die Harzbrauerei und benachbarte Häuser ab. Das Junkers-Werk wurden erheblich getroffen. Ein 16-jähriger Junge im Sommerbad war das erste Todesopfer des Bombenkriegs in Halberstadt.
  • 22. Februar 1944: 18 B-17-Bomber warfen mit dem verfehlten Ziel der Flugzeugwerke aus 6.500–7.000 Meter Höhe 26,5 (33) Tonnen Bombenlast ins freie Feld zwischen Harsleben und Halberstadt: 150 Bombenkrater. Es gab keine Toten.
  • 11. April 1944: Bei einem US-Luftangriff auf den Fliegerhorst der Luftwaffe in den Thekenbergen wurden zahlreiche Gebäude zerstört, 29 Soldaten kamen ums Leben. Alle 8 Besatzungsmitglieder eines am Großen Thekenberg abgeschossenen US-Fernbombers starben.
  • 30. Mai 1944: 107 B-17 warfen 145 Tonnen Bombenlast auf das Flugzeugwerk und Wohngegend. 52 Menschen starben in dem Werk (darunter 20 Italiener), in ihren Häusern und auf den Straßen.
  • 16. August 1944: 13 B-17-Bomber griffen mit 27,5 Tonnen Bomben den Fliegerhorst an. Neun Soldaten und drei Wehrmachthelferinnen kamen ums Leben.
  • 14 Februar 1945: Ein Angriff mit dem Ziel Junkers-Werk führte zur Zerstörung mehrerer Gebäude und Beschädigung des Standortlazaretts. 21 Personen starben, davon 11 Ausländer.
  • 19. Februar 1945: US-Jagdbomber griffen den Hauptbahnhof und Wehrstedt an. 11 Personen, wohl alle Ausländer, kamen ums Leben.
  • 22. Februar 1945: Gegen 13:00 Uhr erfolgte ein Großangriff auf den Hauptbahnhof und auf Wehrstedt, dem 155 Menschen zum Opfer fielen. Der Bahnhof wurde völlig verwüstet und unbrauchbar gemacht, den Bombern folgten gleich die Tiefflieger. Auch in der Stadt und besonders Wehrstedt entstanden schwere Schäden. In der Kirche von Wehrstedt begrub ein Volltreffer viele dort Schutzsuchende.
  • Durch Bordwaffenbeschuss von Tieffliegern, ebenfalls am 22. Februar, kamen auf einem Transport zwischen Wegeleben und Halberstadt 15 kriegsgefangene Briten und zwei US-Amerikaner ums Leben.[7]
  • 7. April 1945: Mehrere US-Jagdbomber warfen bei klarer Sicht Brandbomben in Halberstadt ab und schossen in die Straßen. Dann griffen sie einen auf Gleis 9 im Bahnhofsgelände abgestellten Munitionszug an. Die Jagdbomber wurden nach Angriffsbeginn von Zugflak beschossen.[8] Eines der Flugzeuge – eine Thunderbolt – stürzte ab, der Pilot wurde gefangen genommen. Die hochbrisanten Seeminen auf dem Zug explodierten, es entstand ein riesiger Krater, 650 Eisenbahnwaggons und 45 Lokomotiven wurden vernichtet. Der Bahnhof mit seinen Gebäuden, Gleis- und Weichen-Anlagen war außer Funktion gesetzt. Im Stadtgebiet entstanden erhebliche Luftdruckschäden an Fenstern, Türen und Dächern.

Die Lage in Halberstadt Anfang April 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stadt war mit 70.000 Menschen übervölkert: darunter befanden sich viele Luftkriegsevakuierte, Tausende Flüchtlinge aus den Ostgebieten, ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene. In 22 Einrichtungen wurden 3.000 bis 4.000 Verwundete und kranke Soldaten betreut: im Standortlazarett, im Salvator-Krankenhaus, in Privatkliniken, Reservelazaretten und Krankenrevieren der Kasernen.[9] Die Lazarette waren mit großen und weithin nach oben sichtbaren Rotkreuzzeichen erkennbar. Verteidigungsfähige Kampftruppen oder militärische Stäbe befanden sich nicht in der Stadt, auch andere militärische Ziele gab es nicht mehr.[10] Der Volkssturm war einberufen und hatte "Panzersperren" gebaut. Flak oder Jagdflugzeuge gab es nicht mehr. Die Bevölkerung war in passivem Luftschutz ausgebildet. Höhlen in den Spiegelsbergen (Lange Höhle, Am Felsenkeller) waren zu sicheren Schutzräumen ausgebaut worden – mussten aber natürlich erst erreicht werden. Auch der Remterkeller der Domklausur war zum Luftschutzraum ausgebaut worden. An verschiedenen Standorten waren große Feuerlöschteiche angelegt worden. Im Hauptpostamt befand sich eine Luftwarnzentrale, die auch für die umliegenden Städte und Dörfer zuständig war. Es herrschte praktisch ständig Luftalarm, da dauernd US-Jagdbomber im Einsatz waren oder Überflüge von "Bomberströmen" erfolgten. Am 8. April befanden sich die US-Panzerspitzen nur noch 40 km westlich von Halberstadt.

Der Flächenangriff vom 8. April 1945 auf die Innenstadt[11][Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fächerangriff der US-Bomber am 8. April 1945 (nach Werner Hartmann: Halberstadt brennt. 2015. S. 13)

Unter der Code-Nr. GY 4822, wurde an die 1. Air Division der 8. US-Luftflotte der Befehl zum Angriff auf Halberstadt als "Sekundärziel" gegeben. Die dafür bestimmten 215 (218) B-17-Bomber waren eine Teilstreitkraft von insgesamt 339 B-17 mit Eskorte von 239 Mustang Langstreckenjägern, die am 8. April Ziele in Mitteldeutschland ansteuerten. Der Start von den Basen in Mittelengland um Bedford erfolgte um 6:15 Uhr. Als Angriffsziel für die Gruppe von 215 (218) B-17 war offiziell mit Priorität 1 Leopoldshall (bei Staßfurt) angegeben, als "Alternativziel" Halberstadt mit Priorität 2.[12] Da der Mosquito-Aufklärer Dunst über Leopoldshall meldete, fiel die Entscheidung für Halberstadt. Hartmann vermutet jedoch, dass das angebliche Ziel Leopoldshall nur eine Täuschung war und Halberstadt für diese große Bomberflotte der eigentliche Auftrag.[10] Um 11:10 Uhr wurde in Halberstadt Luftalarm gegeben, um 11:31 Uhr erschienen die ersten Bomber über der Stadt und begannen nach Zielmarkierung durch Rauchzeichen aus 6.700 Metern Höhe mit dem Abwurf von 504 Tonnen Spreng- und 50 Tonnen Brandbomben. Nach dem Kriegstagebuch der 8. Luftflotte war die Bombenbeladung zusammen 595 Tonnen. Angewandt wurde die ursprünglich britische "Fächertaktik" (Todesfächer") (siehe Abbildung).[10] Orientierungspunkt für die Bomberbesatzungen war das markante Gebäude des Lyzeums (Käthe Kollwitz-Gymnasium) im Süden von Halberstadt, das Totalschadensgebiet sollte im Zentrum liegen. Sechs Bombergruppen griffen die Stadt aus Himmelsrichtung Süd von 11:31 Uhr bis 11:54 Uhr in mehreren Wellen – ungestört durch Flakfeuer – planmäßig in "erstaunlicher Präzision" (W. Hartmann) an und legten die Innenstadt in Schutt und Asche. Die Brandbomben waren gefüllt mit insgesamt 50 Tonnen Gemisch aus Benzin, Viskose und Magnesiumstaub. Flüssigkeitsbrandbomben (AN-M47), Stabbrandbomben und Phosphorbrandbomben wurden geworfen. Durch die initialen Sprengbomben waren die Dächer abgedeckt, die Fenster zersprungen und die Häuserwände aufgerissen. Durch die Brandmittel entwickelten sich dann in der gut brennbaren, dicht bebauten, "ideal verletzlichen"[13] Fachwerkstadt schwer zu bekämpfende Flächenbrände, die das Vernichtungswerk vollendeten. Aus den Türmen der Martinikirche und vieler Häuser schoss das Feuer wie Fackeln in die Höhe. In der Innenstadt entwickelte sich aus den Einzelbränden ein Feuersturm[10][14]. Über der Stadt stand eine Rauchwolke, die den sonnigen Tag zur Nacht machte. Rettungs- und Löscharbeiten wurden durch Tiefflieger gestört. Auch die Fluchtwege von Tausenden Halberstädtern in Richtung Spiegelsberge wurden bombardiert und mit Bordwaffen der Begleitjäger angegriffen.[15][16] Die B-17-Bomber landeten gegen 15:00 Uhr ohne Verluste auf ihren Stützpunkten in Mittelengland.[17] 25.000 Halberstädter waren obdachlos geworden und irrten umher, meist mit dem Ziel Orte der Umgebung.

An den Rettungs- und Löscharbeiten in dem ausgelösten Inferno beteiligten sich außer der Halberstädter Wehr (deren Feuerwehrhaus in der Krebsscheere komplett zerstört war) auch Berufsfeuerwehren aus Hanau und Dortmund (die nach Heimburg verlegt waren), Freiwillige Wehren aus den umliegenden Städten und Dörfern und Sanitätskräfte von dort. An den Rettungsarbeiten nahmen auch französische und englische Kriegsgefangene teil. Dem Einsatz aller Beteiligten ist zu verdanken, dass durch Rettung vieler Verschütteter und Verwundeter und Herausleitung Flüchtender aus brennenden Bezirken nicht noch mehr Tote zu verzeichnen waren. Auch konnten eine größere Zahl von Wohngebäuden, das teilzerstörte Garnisonslazarett und das Gleim-Haus vor dem vollständigen Abbrennen bewahrt werden. Das Löschwasser musste wegen der Zerstörung der Wasserleitungen (60 km) aus der Holtemme, dem Kulkgraben, dem Hallenbad, den Löschteichen und Bombentrichtern entnommen werden, zum Teil mit "Eimerketten". Die Stadt brannte 3 1/2 Tage lang.[1] Die Straßen waren großenteils durch Schuttmassen blockiert. Viele Bomben mit Langzeitzündern gingen noch unberechenbar hoch.[18]

Das Stadtkrankenhaus war unzerstört geblieben, die meisten Lazarette jedoch ganz oder teilzerstört. So wurden die Verwundeten in den Felsenkeller, andere ausgebaute Höhlen, in Notlazarette in umliegenden Landgütern, aber auch in die unterirdische Waffenfabrik in den Klusbergen gebracht.[19]

Die Leichenbergung hatte wegen der schnellen Verwesung bei der Hitze und Seuchengefahr möglichst rasch zu erfolgen. Auf dem Friedhof wurden eilig Massengräber ausgehoben. Alle verfügbaren Transportmittel wurden eingesetzt, besonders von Fuhrunternehmern. Die Transporte und "Beisetzungen" mussten überwiegend ohne Särge erfolgen. Schrumpfleichen wurden in Kisten gesammelt. Es wurden Bergung (Technische Hilfe)skommandos auch aus Häftlingen des KZ Langenstein-Zwieberge zusammengestellt. Diese wurden mit der amerikanischen Besetzung ab 12. April durch NSDAP-Mitglieder abgelöst. Noch wochenlang lag "ein gräßlicher Geruch über der Reststadt".[20]

Nach Werner Hartmann, Stadthistoriker, Ehrenbürger und bester Kenner der Materie, handelte es sich am 8. April um einen Terrorangriff.[21]

Materielle Folgen des Luftangriffs vom 8. April[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Hartmann[22], auf den auch die anderen Angaben in diesem Abschnitt zurückgehen, sind in der Stadt insgesamt 1,5 Millionen Kubikmeter Schutt und Trümmer durch den Luftangriff am 8. April angefallen. Drei riesige Schuttberge entstanden bei der Enttrümmerung. Von den 19.000 Wohnungen wurden 8.000 total vernichtet und 1.500 weitere schwer beschädigt. Von 5.400 Wohnhäusern wurden 2.200 ganz zerstört, und 800 weitere erlitten mehr oder weniger starke Beschädigungen. 25.000 Halberstädter wurden obdachlos. 900 Gewerbe- und Handwerksbetriebe aller Art waren vernichtet. Von 15 Krankenhäusern/Lazaretten wurden 8 zerstört. 15 Schulen waren entweder zerstört oder schwer beschädigt. 42 Straßenzüge existierten gar nicht mehr, 31 weitere waren teilweise zerstört. Das Verkehrswesen gab es nicht mehr: der Bahnhof war vernichtet, Straßenbahnschienen und Oberleitungen zerstört, die Straßen nicht mehr passierbar. Gas-, Wasser- und Stromversorgung waren ausgefallen, ebenso das Telefonnetz.

Es dauerte 15 Jahre, bis aller Schutt beseitigt war. Erhaltene Fachwerkhäuser, vor allem einfache in der Unterstadt, verfielen zur DDR-Zeit und wurden teilweise abgerissen. Erst ab 1990 wurden die städtebaulichen Wunden in der Innenstadt allmählich geschlossen.[10]

Blindgänger finden sich auch noch heute. So mussten am 12. August 2015 5.000 Einwohner von Halberstadt während der aufwendigen Entschärfung einer US-Bombe evakuiert werden, die bei Bauarbeiten am Rande der Altstadt gefunden worden war. Von 1952 bis 1976 wurden 62 Blindgänger im Stadtgebiet entschärft, für die hohe Zahl von 1945 bis 1951 gab es keine zuverlässige Registrierung.[23]

Verluste an Baudenkmälern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Zusammenstellung basiert auf dem Standardwerk "Schicksale deutscher Baudenkmale im zweiten Weltkrieg"[24], der Dokumentation von Hartmann[25] und der Liste der Kulturdenkmale in Halberstadt

Teilzerstörter Dom 1945 (Schautafel im Dom)
Martinikirche 1945, Detail vom Denkmal für die Trümmerfrauen

Vernichtete Baudenkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schwer beschädigte Baudenkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bauensembles von Domplatz, Holzmarkt (Zentrum der Bürgerstadt), Fischmarkt, Martiniplan und Paulsplan wurden ganz oder weitgehend zerstört. Von den 720 Fachwerkhäusern aus der Zeit vom 15. bis Anfang des 18. Jahrhunderts, die "Halberstadts Ruhm als niedersächsische Fachwerkstadt ausmachten, sanken die meisten in Schutt und Asche" (Renate Kroll). Nur ein kleiner Teil blieb in der Vogtei und der Neustadt erhalten.

Durch Einmauerung/Einbetonierung gerettet wurden unter anderem Teile der Innenarchitektur des Domes, die Chorschrankenfiguren der Liebfrauenkirche und der Halberstädter Roland vor dem Rathaus. Ausgelagert waren zahlreiche wertvolle Kulturgüter. Am bekanntesten ist die Auslagerung des Domschatzes in Höhlen (wo er auch den Besatzungsmächten verborgen blieb)[26] und die Sicherung der mittelalterlichen Kirchenfenster. Aus dem Gleimhaus waren die Gemälde- und die Handschriftensammlung und die Bibliothek ausgelagert worden.

Die Ruine des Rathauses soll nach Einschätzung von Fachleuten wieder aufbaufähig gewesen sein. Der Abbruch erfolgte aufgrund einer politischen Entscheidung Anfang der 1950er Jahre.[1] Das kann auch bei der Beseitigung anderer teilzerstörter Gebäude der Fall gewesen sein (Stadttheater).

Verluste an Menschenleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenkstein für die Bombenopfer am Ort der Massengräber

Bei den Luftangriffen vor dem 7./8. April kamen insgesamt 289 Menschen ums Leben.[27] Davon waren etwa 46 Soldaten und 52 Ausländer. Unter der deutschen Zivilbevölkerung überwogen bei weitem die Frauen, ein hoher Anteil waren Kinder.

Bei den Luftangriffen am 7. und 8. April kam Hartmann anhand der Unterlagen von Friedhofsverwaltung und Stadt auf 1.356 identifizierte Opfer und etwa 500 "unbekannte Bombenopfer", zusammen somit etwa 1.855 Tote an diesen beiden Tagen.[28] Andere Quelle: 2.100 Tote allein am 8. April, darunter 400 Kinder.[10]

Die Gesamtzahl der Luftkriegsopfer in Halberstadt liegt damit bei mindestens 2.150. Es gibt auch höhere Angaben von 2.500 bis 3.000 Opfern.[29]

Sicher sind nicht alle verschütteten und verbrannten Menschen geborgen worden. Noch Jahrzehnte nach dem Angriff wurden Skelette bei Bauarbeiten gefunden.

Über die Zahl der Schwerverwundeten und bleibend geschädigten Bombenopfer gibt es keine Angaben.

Besetzung der Stadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 11. April 1945 nachmittags besetzten Truppen der US-Armee widerstandslos die Stadt, im Mai wurden sie von Briten und Ende Juni durch die Rote Armee abgelöst. In der Zuckerfabrik wurde ein Lager für deutsche Kriegsgefangene eingerichtet.

Begräbnis- und Erinnerungsstätten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die etwa 1.850 (2.100) Toten des Luftangriffs vom 8. April wurden in Massengräbern auf dem Nordende des Halberstädter Friedhofs bestattet. An die Bombenopfer unter den italienischen Internierten erinnert ein gesonderter Gedenkstein, ein gemeinsamer an die anderen umgekommenen Fremdarbeiter. In der Nachbarschaft finden sich Grabanlagen von Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges.

Erinnerungsstätten in der Stadt sind die Ruinen der "Franzosenkirche" (seit 1968 als Mahnmal gestaltet) und der Wehrstedter Kirche, in beiden Gebäuden waren viele Schutzsuchende umgekommen. Vor dem wieder aufgebauten Rathaus findet sich ein kleines, am 8. April 2004 eingeweihtes Denkmal zu Ehren der Trümmerfrauen, die bis Herbst 1946 in harter Arbeit die Schuttmassen vom 8. April 1945 beseitigt haben: Voraussetzung für den sich über Jahrzehnte hinziehenden Wieder- und Neuaufbau der Stadt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Marcus Ahrens: Operation Sardine. Die Zerstörung von Halberstadt. (Film/DVD nach dem Buch von Werner Hartmann Halberstadt brennt und Begleitbooklet), Halberstadt 2005.
  • Roger A. Freeman: Mighty Eighth War Diary. JANE´S: London, New York, Sydney 1981. ISBN 0-7106-0038-0.
  • Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Eine Dokumentation über Halberstadt im Luftkrieg 1944–1945, insbesondere über die Zerstörung der Stadt am 8. April 1945. Redaktionelle Bearbeitung Simone Bliemeister. Hrsg. Geschichtsverein für Halberstadt. Koch-Druck, Halberstadt 2015 (Neubearbeitung)
  • Alexander Kluge: Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 2008, ISBN 978-3-518-42035-5.
  • Renate Kroll: Halberstadt. In: Schicksale deutscher Baudenkmale im zweiten Weltkrieg. Hrsg. Götz Eckardt. Henschel-Verlag, Berlin 1978. Band 1, S. 216–245.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Schautafel Stadtmuseum Halberstadt (2015).
  2. Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Berlin 1990. S. 449.
  3. Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Berlin 1990, S. 35.
  4. amaot.de: Datenblatt Fishcodes. Abgerufen am 13. Juli 2016.
  5. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 15–28 und 82–85.
  6. Roger Freedman: Mighty Eighth War Diary. London, 1981.
  7. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015. S. 18.
  8. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 20.
  9. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 29–30.
  10. a b c d e f Marcus Ahrens: Operation Sardine. Die Zerstörung von Halberstadt. Dokumentarfilm, Halberstadt 2005.
  11. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015.
  12. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 33.
  13. Marcus Ahrens: Operation Sardine. Die Zerstörung von Halberstadt. Dokumentarfilm, Halberstadt 2005. Aussage von Jörg Friedrich.
  14. Alexander Kluge: Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945. Frankfurt 2008, S. 73–74.
  15. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015. Zahlreiche Augenzeugenberichte.
  16. Marcus Ahrens: Operation Sardine. Die Zerstörung von Halberstadt. Dokumentarfilm, Halberstadt 2005. Zahlreiche Augenzeugenberichte.
  17. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 34–35.
  18. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015. Zahlreiche Augenzeugenberichte.
  19. Alexander Kluge: Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945. Frankfurt 2008.
  20. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 56.
  21. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 58.
  22. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 68–71.
  23. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 71.
  24. Renate Kroll in Schicksale deutscher Baudenkmale im zweiten Weltkrieg, Band 1, S. 216–245.
  25. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015.
  26. Schautafeln im Dom (2015).
  27. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 82–85.
  28. Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 85–111.
  29. Renate Kroll in: Schicksale deutscher Baudenkmale im zweiten Weltkrieg. Band 1, S. 217.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Luftangriffe auf Halberstadt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien