Luigi Lucheni

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Luigi Lucheni

Luigi Lucheni (* 22. April 1873 in Paris; † 19. Oktober 1910 in Genf), auch Louis Lucheni, war ein italienischer Hilfsarbeiter und der Mörder der österreichischen Kaiserin Elisabeth (Sisi). Lucheni verstand sich als „individueller Anarchist“,[1] als Anhänger von Bakunin und als Vertreter der „Propaganda der Tat“.[2]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lucheni wurde als Sohn einer alleinstehenden italienischstämmigen Arbeiterin in Frankreich geboren und wuchs im Waisenhaus auf. Dann kam er bei verschiedenen Pflegeeltern unter, zunächst in Parma, später in dem kleinen Ort Varano bei Parma, wo er zwei Jahre lang zur Schule ging. Die Pflegeeltern hatten nach seiner eigenen Aussage nur Interesse am Pflegegeld, das sie vom Staat für ihn erhielten. Schon als Schüler musste er arbeiten, als Gärtner und als Diener des Pfarrers einer Nachbargemeinde. Das Geld musste er den Pflegeeltern abliefern. Mit zehn Jahren verließ er die Schule und arbeitete als Gehilfe eines Steinmetzen. 1889 schleppte er als 16-Jähriger schwere Eisenbahnschwellen und Schienen für den Bahnbau an der Strecke Parma–Spezia. Im Herbst 1889 verließ er seine letzten Pflegeeltern.[3]

Arbeiten in der Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lucheni ging nach Genua und fand im Hafen tageweise Arbeit. Im Frühjahr 1890 wanderte er in die Schweiz. Im Tessin arbeitete er zwei Jahre lang im Straßenbau, zuerst in Chiasso und später in Airolo. Im Frühjahr 1892 wanderte er mit einem Kameraden über den Gotthardpass, Andermatt und den Furkapass bis ins Tal der Rhone und weiter zum Genfer See. Lucheni behauptete später bei seiner Vernehmung, er sei „den größten Teil“ der Strecke ohne Schuhe gegangen: „Die Füße in Lumpen gewickelt oder auf nackten Sohlen.“ Über Lausanne und Nyon kamen die beiden Arbeiter nach Versoix nahe Genf. Dort fanden sie Beschäftigung im Straßenbau. Lucheni blieb etwa zehn Monate in Versoix und besuchte von dort aus auch Genf. Anfang 1893 wanderte er weiter nach Norden. In Uetikon am Zürichsee arbeitete er als Maurer, in Sonnenberg war er beim Bau einer großen Brücke beschäftigt.[4]

Im Frühjahr 1894 wanderte Lucheni schließlich nach Budapest, mit zwei Tagen Aufenthalt in Wien.[5] In Budapest fand er jedoch keine Arbeit und blieb deshalb nur zwei Wochen. Zusammen mit einem Kameraden ersuchte er Hilfe im italienischen Konsulat. Der Konsul füllte einen Gutschein aus, den sie in eine Fahrkarte für eine Zugfahrt nach Fiume eintauschen konnten. Von Fiume aus marschierte Lucheni allein weiter nach Triest. Dort griff ihn die österreichische Polizei auf und schob ihn nach einigen Tagen in Haft über die Grenze nach Italien ab.[6]

Militärdienst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Juli 1894 kam Lucheni zum Militär und diente dreieinhalb Jahre lang.[7] 1896 nahm er in der italienischen Kavallerie am Abessinienfeldzug teil. Er bekam auch einen Orden – obwohl er an der Schlacht von Adua, für die er ausgezeichnet wurde, gar nicht teilgenommen hatte.[8] Seine Jahre im Militärdienst waren ein Lichtblick in seinem Leben, da er ordentliche Kleidung und regelmäßiges Essen bekam, auch wenn er wegen seiner Aufmüpfigkeit von den Ausbildern schikaniert wurde.

Im Dezember 1897 endete Luchenis Militärdienst. Anschließend beschäftigte ihn der Rittmeister seiner Eskadron, ein Adeliger aus dem Hause Aragon, dreieinhalb Monate privat als Diener in seinen Haushalten in Neapel und Palermo.[9]

Zweite Auswanderung in die Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang April 1898 fuhr Lucheni mit einem Lastensegler nach Genua. Von dort ging er zu Fuß über Ventimiglia und Monte Carlo nach Turin. Nachdem er dort vergeblich Arbeit gesucht hatte, wanderte er wieder in die Schweiz. Er überquerte den Großen Sankt Bernhard, kam in Martigny an und arbeitete fünf Wochen lang als Maurer in Salvan. Im Mai marschierte er weiter nach Lausanne.[10] Dort war er beim Bau des neuen Postgebäudes beschäftigt.[11]

Das Attentat auf Kaiserin Elisabeth
Luigi Lucheni wird von Polizisten zum Verhör geführt

Anarchismus und Attentatspläne[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Armut der unteren Schichten und sein eigenes Leben am Existenzminimum ließen in Lucheni Hass auf die Obrigkeit wachsen. Er begann, sich für den Anarchismus zu öffnen und die Werke entsprechender Theoretiker zu studieren. Obwohl er nicht mit anderen Anarchisten in Kontakt stand, bezeichnete er sich selbst als solchen.[12] Bald sah er in Monarchen und Fürsten nur noch lästige Parasiten.

Als der italienische König Umberto I. im Mai 1898 einen Arbeiteraufstand in Mailand blutig niederschlagen ließ, schwor Lucheni Rache und fasste Attentatspläne, hatte allerdings kein Geld für eine Reise nach Italien. Auch sein Plan, den Prinzen Henri Philippe Marie d’Orléans zu ermorden, scheiterte an dessen kurzfristig gestrichenem Aufenthalt in Genf.

Das Attentat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Lucheni schließlich vom Besuch der österreichischen Kaiserin in Genf erfuhr,[13] änderte er seinen Attentatsplan und beschloss, sie zu ermorden.[14] Geduldig wartete er am 10. September 1898 vor dem Luxushotel Beau-Rivage. Als Elisabeth mit ihrer Hofdame Gräfin Irma Sztáray auf dem Weg zu einem Dampfer am Genfersee war, versetzte er ihr mit einer Feile eine 85 mm tiefe Stichwunde in den Herzbeutel.[15] Nachdem die Wunde zunächst unbemerkt blieb, starb die Kaiserin nach mehreren Ohnmachtsanfällen am gleichen Nachmittag. Lucheni hatte damit sein Ziel erreicht, ein Mitglied der ihm verhassten Aristokratie zu ermorden und die Öffentlichkeit zu schockieren.

Wenige Minuten nach dem Übergriff, den man zunächst für die Attacke eines Rowdys hielt, wurde er von Passanten festgehalten und der Polizei übergeben. Bei seiner ersten Vernehmung bekannte er sich sofort stolz zu der Tat. Als gegen 14.50 Uhr der Tod Elisabeths gemeldet wurde, rief er triumphierend: „Es lebe die Anarchie! Es leben die Anarchisten!“[16]

Verurteilung und Haft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 10. November wurde Lucheni wegen Mordes an der Kaiserin zu lebenslanger Haft verurteilt. Er selbst hatte für sich – mit dem zweischneidigen, auch gegen den Adel gerichteten Argument, wer nicht arbeite, soll auch nicht essen – die Todesstrafe gefordert, möglicherweise auch, um einen letzten öffentlichen Auftritt unter der Guillotine zu haben und als Märtyrer in die Anarchistenbewegung einzugehen. Daher hatte der Attentäter seine Auslieferung an Italien verlangt, wo die Todesstrafe nicht, wie im Kanton Genf, abgeschafft war. Dem wurde jedoch nicht entsprochen. Seine Tat, wiewohl als Einzelgänger begangen, hatte noch im selben Jahr die Internationale Konferenz von Rom für die soziale Verteidigung gegen Anarchisten zur Folge.[12]

In der Haft verhielt sich Lucheni aggressiv, vor allem, nachdem man ihm seine Lebenserinnerungen weggenommen hatte. Er griff wiederholt Gefängniswärter und den Gefängnisdirektor an. Letzteren versuchte er mit einer Ahle zu erstechen, mit der er während des Pantoffelflechtens in seiner Zelle arbeitete. Mehrmals wurde er in Einzelhaft genommen. In einer Dunkelzelle erhängte sich Lucheni am 19. Oktober 1910 mit einem Gürtel.[17] Die offizielle Selbstmordversion wurde angezweifelt. Gerüchteweise soll bei Luchenis „Selbstmord“ etwas nachgeholfen worden sein.[18]

Die Tatwaffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Tatwaffe Luchenis

Für den Erwerb eines Revolvers fehlten Lucheni die Mittel. Auch für einen Dolch reichte sein Geld nicht, lediglich für eine Feile,[19] die auf drei Seiten geschliffen war und die gerade so lang war, dass man mit einem präzisen Stich mitten ins Herz einen tödlichen Treffer setzen konnte. Ein Bekannter Luchenis, Martinelli, brachte ihm einen festen Griff an der Feile an.[20] Die originale Tatwaffe wird im Sisi-Museum in der Wiener Hofburg ausgestellt.[21]

Untersuchung des Gehirns[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Suizid Luchenis wurde der Kopf von der Leiche abgetrennt. Das Gehirn wurde entnommen und phrenologisch untersucht, wobei keine Auffälligkeiten festgestellt wurden. Anschließend wurde der Kopf in einem mit Formalin gefüllten Glasbehälter im Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Genf aufbewahrt. Auf Ersuchen Österreichs kam das Präparat 1985 nach Wien ins Pathologisch-anatomische Bundesmuseum, den sogenannten Narrenturm. Der Kopf wurde nicht öffentlich ausgestellt und auch nicht weiter untersucht. Im Jahr 2000 wurde der Schädel in aller Stille auf dem Wiener Zentralfriedhof in den sogenannten Anatomiegräbern beigesetzt.[22][23]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Maria Matray, Answald Krüger: Das Attentat. Der Tod der Kaiserin Elisabeth und die Tat des Anarchisten Lucheni. Langen Müller, München 1998², ISBN 3-7844-2694-8.
  • Santo Cappon (Hrsg.): Ich bereue nichts!. Die Aufzeichnungen des Sisi-Mörders. Paul Zsolnay Verlag, Wien 1998, ISBN 3-552-04913-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Luigi Lucheni – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Protokolle der Vernehmungen in der Akte Lucheni, Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Genf. Zitiert in: Textsammlung (PDF), S. 40, 48.
  2. Protokolle der Vernehmungen in der Akte Lucheni, Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Genf. Zitiert in: Textsammlung (PDF), S. 23 f.
  3. Protokolle der Vernehmungen in der Akte Lucheni, Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Genf. Zitiert in: Textsammlung (PDF), S. 40 f.
  4. Protokolle der Vernehmungen in der Akte Lucheni, Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Genf. Zitiert in: Textsammlung (PDF), S. 41–43.
  5. Protokolle der Vernehmungen in der Akte Lucheni, Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Genf. Zitiert in: Textsammlung (PDF), S. 43.
  6. Protokolle der Vernehmungen in der Akte Lucheni, Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Genf. Zitiert in: Textsammlung (PDF), S. 45 f.
  7. Protokolle der Vernehmungen in der Akte Lucheni, Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Genf. Zitiert in: Textsammlung (PDF), S. 46 f.
  8. Protokolle der Vernehmungen in der Akte Lucheni, Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Genf. Zitiert in: Textsammlung (PDF), S. 64.
  9. Protokolle der Vernehmungen in der Akte Lucheni, Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Genf. Zitiert in: Textsammlung (PDF), S. 46 f.; vgl. Briefe S. 51–53, 81–83.
  10. Protokolle der Vernehmungen in der Akte Lucheni, Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Genf. Zitiert in: Textsammlung (PDF), S. 47 f.
  11. Protokolle der Vernehmungen in der Akte Lucheni, Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Genf. Zitiert in: Textsammlung (PDF), S. 14.
  12. a b Michael Newton: Famous Assassinations in World History: An Encyclopedia (2 Bände), S. 134
  13. Zu der Frage, wie er Kenntnis von Elisabeths Anwesenheit in Genf erlangt hat, machte Lucheni in den Verhören falsche Angaben. Er sagte, er habe die Kaiserin schon am Vortag des Mordes beobachtet, was durch eine Zeugenaussage bestätigt wurde (Texte aus der Akte Lucheni, S. 20, 36). Den Aufenthalt der Kaiserin habe er „aus den Zeitungen“ erfahren (S. 24). Der Besuch der Kaiserin wurde jedoch erst am Tag des Mordes in der Presse erwähnt (S. 74).
  14. Protokolle der Vernehmungen in der Akte Lucheni, Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Genf. Zitiert in: Textsammlung (PDF), S. 59.
  15. Marc Tribelhorn: «Ich würde die Tat noch einmal begehen!» In: Neue Zürcher Zeitung vom 11. September 2017
  16. Protokolle der Vernehmungen in der Akte Lucheni, Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Genf. Zitiert in: Textsammlung (PDF), S. 13–16.
  17. Sigrid-Maria Größing: Mord im Hause Habsburg
  18. Wolfgang Regal/Michael Nanut, Der Kopf des Mörders (Narrenturm 22). SpringerMedizin, Ärzte Woche 30/2005, 5. Dezember 2005. Abgerufen am 12. April 2017.
  19. Protokolle der Vernehmungen in der Akte Lucheni, Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Genf. Zitiert in: Textsammlung (PDF), S. 37.
  20. Protokolle der Vernehmungen in der Akte Lucheni, Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Genf. Zitiert in: Textsammlung (PDF), S. 58.
  21. Foto: Vitrine mit der Tatwaffe im Ausstellungsraum „Das Attentat“ hofburg-wien.at, abgerufen am 18. August 2016
  22. Wolfgang Regal, Michael Nanut: Der Kopf des Mörders SpringerMedizin.at, 5. Dezember 2005
  23. Wiener Medizinische Wochenschrift, Band 158/11–12, 2008, S. 312 f.