Luise Kautsky

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Stolperstein vor dem Haus, Windscheidstraße 31, in Berlin-Charlottenburg

Luise Kautsky, auch Luise Kautsky-Ronsperger, geborene Ronsperger (* 11. August 1864 in Wien; † 8. Dezember 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau) war eine Berliner Kommunalpolitikerin der USPD. Sie war Sozialistin und seit 1890 Ehefrau von Karl Kautsky. Außerdem war sie eine Freundin Rosa Luxemburgs.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Luise Kautsky wurde in eine gutbürgerlich-jüdischen Familie geboren. Ab ca. 1880 arbeitete sie in der Konditorei ihrer Eltern. Sie freundete sich zu dieser Zeit mit der sozialistischen Schriftstellerin Minna Kautsky an und verlobte sich im Winter 1889/90 mit deren ältestem Sohn Karl Kautsky offiziell.[1] 1890 zog das Paar nach Stuttgart, 1897 von Stuttgart nach Berlin. Arbeitete sie zuerst vor allem als (unbezahlte) Sekretärin und Übersetzerin für ihren Ehemann, wurde sie später auf Anregung von Rosa Luxemburg auch selbst publizistisch aktiv.

Sie übersetzte u. a. einen Teil der Gesammelten Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels, 1852 bis 1862 aus dem Englischen ins Deutsche; beide Bände erschienen 1917.[2]

Nach 1918 wurde sie auch kommunalpolitisch tätig und Berliner Stadtverordnete der USPD.[3] Zwischen September 1920 und Januar 1921 besuchte sie zusammen mit ihrem Mann die damals sozialdemokratisch regierte Demokratische Republik Georgien; über ihre Reiseeindrücke veröffentlichte sie im April 1921 in der Wiener Arbeiter-Zeitung eine mehrteilige Artikelserie.[4] 1924 zog sie nach Österreich zurück.[5] 1929 brachte sie ein Gedenkbuch für Rosa Luxemburg heraus, nachdem die KPD in einem Urheberrechtsstreit die eigentlich geplante Herausgabe ihres zweiten Bandes mit Briefen von Rosa Luxemburg verhindert hatte.[6]

Nach dem Anschluss Österreichs (März 1938) musste sie als Sozialistin und Jüdin fliehen; sie zog in die Niederlande. In Amsterdam übergab sie den Nachlass ihres Mannes an das Internationale Archiv für Sozialgeschichte und sie gab Hilfestellung bei der Einarbeitung in die Materialien.[7] 1944 wurde sie – als inzwischen 80-Jährige – aus dem Durchgangslager Westerbork nach Auschwitz deportiert. Dort wurde sie von Mithäftlingen von der Selektionsrampe in die Häftlings-Krankenbaracke geschmuggelt, verstarb aber wenige Wochen später an Herzschwäche.[8][9]

Gedenken an Luise Kautsky auf dem Grabstein ihres Ehemannes Karl Kautsky auf dem Friedhof Westerveld.

Eine Gedenktafel am Berliner Rathaus erinnert an Luise Kautsky. Ihr Nachlass befindet sich im Internationalen Archiv für Sozialgeschichte in Amsterdam.

Im Januar 2011 eröffnete das Luise-und-Karl-Kautsky-Haus, ihr ehemaliges Wohnhaus in der Berliner Saarstraße, als Bundesgeschäftsstelle der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken.[10]

Eine Würdigung Luise Kautskys[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach ihrem Tod wurde ihr Lebensweg im Sommer 1945 in den „SOZIALISTISCHEN MITTEILUNGEN. News for German Socialists in England“ gewürdigt:

„Ein tragisches Schicksal hat dem Leben der greisen Genossin Luise Kautsky ein Ende gesetzt. Sie wurde von den Nazis aus ihrem Asylland Holland im September 1944 – wenige Wochen nach ihrem 80. Geburtstag – in das Todeslager Auschwitz verschleppt. Dort ist sie wenige Wochen spaeter verstorben. Ihr Sohn, Dr. Benedict Kautsky, der im Konzentrationslager Buchenwald befreit wurde, uebermittelte diese tragische Nachricht seinen Freunden in London. Luise Kautsky – selbst eine grosse, aufrechte Sozialistin – ist als die treue Lebensgefaehrtin unseres Karl Kautsky aus der Geschichte der internationalen und der deutschen Arbeiterbewegung nicht wegzudenken.“[11]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rosa Luxemburg. Ein Gedenkbuch. Laub, Berlin 1929. (Neuauflage heptagon Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-96024-000-6 (=Luise Kautsky: Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Günter Regneri, Bd. 1.))
  • Julie Bebel. Ein Leipziger Kind, geb. 1843, gest. 1910. In: Leipziger Volkszeitung vom 29. November 1930. ISSN 0232-3222.
  • Starke Frauen. 15 Porträts von Jenny Marx bis Rosa Luxemburg. heptagon Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-934616-04-2 (=Luise Kautsky: Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Günter Regneri, Bd. 2)
  • Kluge Männer: Gedanken über führende Köpfe der sozialistischen Bewegung. heptagon Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-96024-002-0 (=Luise Kautsky: Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Günter Regneri, Bd. 3)

Herausgeberschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rosa Luxemburg: Briefe aus dem Gefängnis 1920.
  • Rosa Luxemburg: Briefe an Karl und Luise Kautsky. 1923.

Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Louis B. Boudin: Das theoretische System von Karl Marx. Aus dem Englischen übersetzt von Luise Kautsky. Mit einem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Karl Kautsky. J. H. W. Dietz Nachf., Stuttgart 1909. (=Internationale Bibliothek 46)
  • Paul Lafargue: Ursprung und Entwicklung des Begriffs der Seele. 1909.
  • Karl Marx/Friedrich Engels: Gesammelte Schriften 1852-1862. Herausgegeben von N. Rjasanoff. 1917
  • Gilbert Murray: Das Problem der auswärtigen Politik. Eine Betrachtung der jetzigen Gefahren und den besten Methoden, ihnen zu begegnen. Nach der Ausgabe für Amerika aus dem Englischen übersetzen von Luise Kautsky. Mit einem Geleitwort von Karl Kautsky. J. H. W. Dietz Nachf., Berlin 1922.
  • Karl Marx: Die Inauguraladresse der internationalen Arbeiter-Association. Übersetzt von Luise Kautsky. Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Karl Kautsky. J. H. W. Dietz Nachf., Berlin 1922. (2. erw. Aufl. 1928).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Luise Kautsky zum Gedenken. Nachrufe von Friedrich Adler und Oda Lerda-Olberg. Berichte aus Amsterdam: Annie van Scheltema, aus Birkenau: Lucie Adelsberger . Briefe aus und über Buchenwald von Benedikt Kautsky. Willard, New York, NY 1945.
  • Karl und Luise Kautsky. Briefwechsel mit der Tschechoslowakei 1879–1939. Hrsg. von Zdeněk Šolle. Unter Mitw. von Jan Gielkens. Campus, Frankfurt am Main 1993. ISBN 3-593-34902-7.
  • Jutta Dick, Marina Sassenberg (Hrsg.): Jüdische Frauen im 19. und 20. Jahrhundert. Lexikon zu Leben und Werk, Reinbek 1993, ISBN 3-499-16344-6.
  • Günter Regneri: Luise Kautsky. Seele des internationalen Marxismus – Freundin von Rosa Luxemburg. Hentrich & Hentrich, Berlin 2013, ISBN 978-3-942271-82-0. (Reihe Jüdische Miniaturen.)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Luise Kautsky – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Friedrich Engels' Briefwechsel mit Karl Kautsky. Danubia Verlag, Wien 1955, S. 213 und 251.
  2. Erster Band (Volltext) und zweiter Band (Volltext).
  3. Buchbesprechung von Günter Regneri in neues deutschland, 22. November 2014.
  4. Luise Kautsky: Eine Fahrt nach Georgien." In Arbeiter-Zeitung', Teil I: 6.4.1921, Teil II: 7.4.1921, Teil III: 9.4.1921.
  5. https://web.archive.org/web/20141020123542/http://www.luise-berlin.de/gedenktafeln/cha/k/kautsky_luise.htm
  6. Luise Kautsky: Rosa Luxemburg. Ein Gedenkbuch. heptagon Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-96024-000-6, S. 9–11.
  7. Günter Regneri: Luise Kautsky: die vergessene Internationalistin der ersten Stunde. In: jacobin.de. 29. Dezember 2020, abgerufen am 29. Dezember 2020.
  8. E. R.: Eine Ärztin aus Auschwitz erzählt: Wie Luise Kautsky starb; in: Arbeiter-Zeitung Nr. 121, 25. Dezember 1945, S. 3.
  9. Ursula Langkau-Alex: Karl Kautsky in den Niederlanden. In Hans Würzner, Hrsg.: Österreichische Exilliteratur in den Niederlanden 1934-1940. Rodopi 1986, ISBN 90-6203-908-1, S. 50.
  10. www.wir-falken.de
  11. SOZIALISTISCHE MITTEILUNGEN. News for German Socialists in England. Nr. 75 / 76 - 1945. Juni - Juli 1945