Lutherkirche (Leer)

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Lutherkirche in Leer
Glockenturm der Lutherkirche

Die Lutherkirche Leer (Ostfriesland) wurde 1675 als Barockkirche gebaut, später mehrfach erweitert und im Grundriss zu einer Kreuzkirche ausgebaut. Überregionale Bekanntheit hat die Orgel von Jürgen Ahrend erlangt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Lutheraner im reformierten Leer mussten bis 1639 lutherische Kirchen außerhalb der Stadt besuchen. Ab 1639 schlossen sie sich der Kirchengemeinde in Logabirum an. Dank der Erlaubnis von Christine Charlotte konnte die Kirche 1675 errichtet werden, für die auch Steine aus dem aufgehobenen Kloster Thedinga zur Verfügung gestellt wurden.[1] 1706–1710 erfolgte ein Erweiterungsbau im Westen, auf den 1766 der Glockenturm gesetzt wurde. 1738 wurde durch einen Nordanbau das Gebäude T-förmig erweitert. 1793 wurde der Ostteil vergrößert und eine Sakristei angebaut sowie ein hölzernes Tonnengewölbe eingezogen, um mehr Raum für eine neue Orgel zu bieten. 1882 vervollständigte man durch einen Südflügel den Ausbau zu einer Kreuzkirche.[2]

Baubeschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der 1882 angebaute Südflügel

In seiner heutigen Gestalt präsentiert sich das Gebäude als Zentralbau in der Form eines griechischen Kreuzes.[1] Das Langhaus von 1675 ist nach Osten ausgerichtet und um die angebauten Nord- und Südarme nachträglich erweitert worden. Sowohl das Ost- wie auch das Westende wurde nachträglich ausgebaut, sodass von der ursprünglichen Gestalt nicht mehr viel erkennbar ist. Der Südflügel bietet durch zwei Eingänge Zugang zur Empore, während ein 1910 geschaffenes Treppenhaus im Nordwesten diese Funktion übernimmt. Das 1710 geschaffene Westportal ist schlicht gestaltet. Die Seitenarme sind durch drei große Rundbögen auf Freipfeilern mit dem Langschiff verbunden, erscheinen jedoch von dem beherrschenden Langhaus separiert.[1]

Der Glockenturm an der Westseite erhebt sich über quadratischem Grundriss. Über dem hohen Unterbau bildet ein kleines Oktogon das Mittelstück, das zur achteckigen offenen Laterne überleitet, die von einem zwiebelförmigen Helm abgeschlossen wird.[1] Ein goldener Schwan als Symbol der Lutherischen Kirche über dem Kupferdach bekrönt den Turm. Die kleine Weltenkrone am Schwanenhals ist eine Referenz an Friedrich den Großen, der den Bau genehmigt hatte.[2] Die beiden Glocken wurden 1775 gegossen.

Innenausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innenraum Richtung Westen
Kanzel der Lutherkirche

Das Innere der Kirche ist im Wesentlichen barock, hat aber durch die Renovierung im Jahr 1910 seine heutige Gestalt erhalten. Im Mittelschiff wurde ein Tonnengewölbe eingezogen und durch Reinhard Ebeling (Hannover) im Stil des Neobarock bunt ausgemalt, wobei die Reste wiederentdeckter Malereien integriert wurden. Aus dieser Zeit stammen auch die Holzvertäfelungen an den Seiten und die Bemalung im Kirchenraum. Zentral auf der Decke des Mittelschiffs sind Christus und die vier Evangelisten dargestellt. An der Nord- und Westseite sind die Bildnisse der ostfriesischen Fürsten Edzard I., Christian Eberhard, Christine Charlotte, Georg Albrecht, Carl Edzard sowie Friedrich II. angebracht.[2] In den Kartuschen am unteren Rand des Tonnengewölbes sind die Namen der zwölf Apostel angebracht, wobei Thaddäus und Bartholomäus ungewöhnlicherweise zweimal erscheinen.[3]

Da keine Vorgängerkirche bestand, konnten keine älteren Einrichtungsgegenstände übernommen werden. Nur die reich verzierte, polygonale Kanzel mit Wappen und Faltwerk in den hochrechteckigen Füllungen ist älter als das Kirchengebäude. Sie war ein Geschenk der lutherischen Gemeinde Esens und erfuhr eine eingreifende Restaurierung. Die Vermutung, dass sie möglicherweise aus dem Kloster Ihlow stammt,[4] ist durch die Wappen widerlegt, die auf eine Stiftung von Walburgis von Rietberg um 1576 hinweisen. Während die äußersten beiden Felder mit Rollwerk verziert sind, tragen die vier mittleren Felder Wappen. Walburgis eigenes Rietberger Wappen und das ihrer Mutter, der Gräfin von Bentheim-Steinfurt, werden von den Wappen ihrer Großmutter Onna von Rietberg und der Esenser Urgroßmutter Armgard von Oldenburg flankiert, den einstigen Regentinnen des Harlingerlandes.[5]

Der Altar wurde im Jahr 1696 aus einem massiven Steinblock gefertigt. Er ist um zwei Stufen erhöht und wird von einer rot marmorierten Mensaplatte über Schräge bedeckt. Im Jahr 1910 schuf der Bildhauer P. Vogler (Hannover) das Kruzifix auf dem Altar. Der alte achteckige Taufstein ist eine Gips-Replik. Ein neues Taufbecken des Bildhauers Gerd Christmann aus hellrotem Bentheimer Sandstein wurde im Jahr 2016 eingeweiht. Der vierseitige Fuß hat an den Seiten Obelisken und trägt eine große Schale in Gestalt eines Vierpasses. Die Emporen sind mit barocken Holzschnitzarbeiten reich verziert. Der Fürstenstuhl mit dem ostfriesischen Wappen erhielt 1732 seine heutige Gestalt; der untere Teil stammt aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert.[4] Der „Meese´sche Stuhl“ datiert von 1740.[3]

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innenraum mit Altar und Ostempore
Spieltisch der Ahrend-Orgel

Die erste Orgel wurde 1714 von Arp Schnitger gebaut. Sie verfügte über 18 Register auf zwei Manualen und angehängtem Pedal.[6] 1795 erfolgte ein völliger Neubau durch Hinrich Just Müller, von dem noch der Rokoko-Prospekt erhalten ist. Im Zuge der Kirchenrenovierung erfolgte 1911 der dritte Orgelneubau durch P. Furtwängler & Hammer und 1964–1966 der vierte durch Alfred Führer, die von Orgelbauer Anton Škrabl mit neuem Gehäuse in die Evangelische Kirche von Saarlouis überführt wurde. Im Jahr 2002 wurde die fünfte Orgel durch Jürgen Ahrend hinter dem historischen Müller-Prospekt gebaut. Sie verfügt über 39 Register auf drei Manualen und selbstständigem Pedal und weist folgende Disposition auf:[7]

I Hinterwerk C–f3
Gemshorn 16′
Praestant 8′
Salicional 8′
Hohlflöte 8′
Schwebung 8′
Octav 4′
Spitzflöte 4′
Nasat 223
Gemshorn 2′
Terz 135
Mixtur IV
Fagott 16′
Basson 8′
II Hauptwerk C–f3
Bordun 16′
Principal 8′
Viola di Gamba 8′
Rohrflöte 8′
Octave 4′
Octave 2′
Sesquialtera II
Mixtur IV
Trompete 8′
Vox humana 8′
III Brustwerk C–f3
Traversflöte 8′
Holzgedackt 8′
Quintadena 8′
Douceflöte 4′
Waldflöte 2′
Quinte 113
Sifflöte 1′
Terz 45
Dulzian 8′
Pedal C–f1
Subbaß 16′
Principalbaß 8′
Octavbaß 4′
Mixtur IV
Posaune 16′
Trompete 8′
Trompete 4′

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Festschrift der Lutherkirchengemeinde Leer zur 300-Jahr-Feier am 24. September 1975. Rautenberg, Leer 1975.
  • Hans-Bernd Rödiger, Menno Smid: Friesische Kirchen in Emden, Leer, Borkum, Mormerland, Uplengen, Overledingen und Reiderland, Band 3. Verlag C. L. Mettcker & Söhne, Jever 1980, S. 68 f.
  • Robert Noah: Gottes Häuser in Ostfriesland. Soltau-Kurier, Norden 1989, ISBN 3-922365-80-9.
  • Gottfried Kiesow: Architekturführer Ostfriesland. Verlag Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn 2010, ISBN 978-3-86795-021-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Lutherkirche (Leer) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Gottfried Kiesow: Architekturführer Ostfriesland. Verlag Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn 2010, ISBN 978-3-86795-021-3, S. 135.
  2. a b c Homepage der Kirchengemeinde: Kirche, gesehen 24. Juni 2011.
  3. a b Nordwestreisemagazin: Lutherkirche Leer, gesehen 24. Juni 2011.
  4. a b Gottfried Kiesow: Architekturführer Ostfriesland. Verlag Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn 2010, ISBN 978-3-86795-021-3, S. 136.
  5. Heinrich Reimers: Eine 350jährige Kanzel in Leer. In: Upstalsboom, Heimatbeilage der Auricher Zeitung. Nr. 44 vom 21. Februar 1931, S. 1–2.
  6. Kirchenmusik an der Lutherkirche Leer, gesehen 24. Juni 2011.
  7. Orgel auf NOMINE e.V., gesehen 24. Juni 2011.

Koordinaten: 53° 13′ 38,2″ N, 7° 26′ 50,6″ O