Lwiw-Sandomierz-Operation

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Die Lwiw-Sandomierz-Operation (Lemberg-Sandomir-Operation; russisch Львовско-Сандомирская операция) war eine Offensive der 1. Ukrainischen Front der Roten Armee, die zugleich mit der Operation Bagration stattfand. Im Laufe dieser Operation führte die Rote Armee drei Unteroperationen durch: Die Lwiwer, die Stanislawower und die Sandomierzer Operation.[1] Ziel war es, die deutsche Heeresgruppe Nordukraine im Raum Lemberg (Lwiw) – Sandomierz zu zerschlagen. Die Operation begann am 13. Juli 1944 und endete am 29. August desselben Jahres mit der Befreiung der westlichen Ukraine und der südöstlichen Gebiete Polens.

Vorbereitungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ostfront von Juni bis August 1944

Auf einer Konferenz sowjetischer Kommandeure, die der deutschen Heeresgruppe Mitte gegenüberstehenden sowjetischen Verbände, in Moskau am 22./23. Mai 1944 wurde das Konzept des Generalstabes der Roten Armee zur Zerschlagung der deutschen Heeresgruppe östlich Minsk vorgestellt und die grundlegende Planung der Operation Bagration ausgearbeitet. Da der Großteil der mobilen Truppen der Roten Armee im Süden konzentriert war, wurde Anfang Juni Marschall I.S. Konew, der Kommandeur der 1. Ukrainischen Front von Stalin in die Planungen einbezogen. Konew schlug ein komplexes Manöver vor, bei dem der nördliche Flügel der 1. Ukrainischen Front mit 14 Schützendivisionen, der 1. Gardepanzerarmee und einer mobilen Gruppe westlich Luzk konzentriert werden und von Norden her Richtung Lwiw vorstoßen sollte, um die deutschen Truppen dort einzukesseln. Im Zentrum der 1. Ukrainischen Front war ein gleichzeitiger Angriff von 15 Schützendivisionen, einem Kavalleriekorps und der 3. und 4. Garde-Panzerarmee vorgesehen. Konews Plan war es, die deutschen Truppen östlich Lemberg einzukesseln und dann mit der 3. und 4. Garde-Panzerarmee weiter in Richtung Nordwesten vorzustoßen und bei Sandomierz die Weichsel zu erreichen. Um die für dieses Vorhaben notwendige Überraschung zu gewährleisten, sollte eine Konzentration im Raum Stanislaw, nördlich der Ausläufer der Karpaten, vorgetäuscht werden. Stalin stand dem Plan Konews zunächst skeptisch gegenüber, willigte dann aber trotzdem ein, nicht ohne Konew zu verstehen zu geben, dass sein Schicksal vom Erfolg der Operation abhing.[2]

Ende April 1944 gab es im Hinterland der deutschen Front elf Partisanenverbände und 40 Gruppen (insgesamt 12.600 Menschen). Vor der Offensive gelang es ihnen, die Eisenbahnlinien Lemberg-Warschau und Rawa-Ruska-Jarosław für fast einen Monat lahmzulegen und 13 große deutsche Garnisonen auszuschalten.

Truppenstärke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stärke der 1. Ukrainischen Front unter Marschall der Sowjetunion Iwan Konew betrug 1.002.200 Soldaten[3] und 1.614 Panzer, 14.000 Geschütze und Mörser, sowie 2.806 Flugzeuge.[4] Diese Streitmacht gliederte sich in sieben Panzerkorps, drei mechanisierte Korps, sechs Kavallerie- und 72 Schützendivisionen und war die bis dato stärkste Front der Roten Armee.[4] Ihr stand die deutsche Heeresgruppe Nordukraine unter Generaloberst Josef Harpe mit 900.000 Soldaten, 6.300 Geschützen, 900 Panzern und 700 Flugzeugen gegenüber.[4] Diese Heeresgruppe bestand aus drei Armeen: der 1. Panzerarmee unter Generaloberst Erhard Raus, der 4. Panzerarmee unter General der Panzertruppe Walther Nehring und aus der ungarischen 1. Armee (Generaloberst Beregfy).[5]

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schützenpanzer vor einer brennenden Ortschaft
Generalgouvernement mit Galizien

Am 13. Juli, am gleichen Tag, als die verbliebenen deutschen Verbände bei Minsk kapitulierten und die Stadt Wilna eingenommen wurde, begann der sowjetische Hauptangriff im Raum beiderseits von Brody mit dem Vorstoß der 3. Gardearmee (Generalleutnant Gordow) am rechten und der 13. Armee (Generalleutnant Puchow) am linken Flügel des nördlichen Abschnittes der 1. Ukrainischen Front. General Harpe nutzte seine mobile Reserve, das III. Panzerkorps (General Breith) mit der 1. und 8. Panzer-Division dazu, die sowjetische Offensive aufzuhalten. Marschall Konew setzte am 15. Juli die 1. Gardepanzerarmee unter Generaloberst Michail Katukow und die mobile Gruppe unter Generalleutnant Baranow (1. Garde-Kavalleriekorps und 25. Panzerkorps unter General F. G. Anikuschkin) zum Durchbruch an. General Baranow griff aus dem Styr-Abschnitt im Raum Luzk in Richtung Südwesten an und konnte die deutsche Front bei Gorochow durchbrechen. Am 16. Juli ließ Konew die 3. Gardepanzerarmee (Generaloberst Rybalko) und die 4. Panzerarmee (Generaloberst Leljuschenko) sowie das 6. Garde-Kavalleriekorps (Generalleutnant Sokolow) im Raum Zalosce antreten und durch eine Lücke in der deutschen Verteidigungslinie, den sogenannten Koltow-Korridor, direkt in Richtung Lemberg vorstoßen.

Kessel von Brody[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die am 18. Juli erreichte Vereinigung sowjetischer Panzerspitzen im Raum Busk führte zur Einkreisung des deutschen XIII. Armeekorps (General der Infanterie Hauffe) im Kessel von Brody führte. Etwa sechs deutsche Divisionen wurden eingekesselt, darunter die (340., 361., 349., 454., die 14. SS Waffen-Grenadier-Division sowie die Korpsabteilung C (Kampfgruppen 183., 217. und 339. Infanterie-Division). Im Morgengrauen des 20. Juli bildete die Korpsabteilung C und die Sturmgeschütz-Abteilung 249 beiderseits Bialy Kamien den Stoßkeil für den Ausbruch nach Süden. Sie versuchten über den Bug vorzustoßen und nach Überschreiten des südlich verlaufenden Zloczowka die Gegend zwischen Skwarzwa und Chilczyce zu erreichen. Die 14. SS-Division und die 361. Infanterie-Division hatten dabei den Rücken zu decken. Gleichzeitige Entsatzangriffe durch die deutsche 8. Panzerdivision aus dem Raum südlich von Zloczow waren erfolglos, bis zum Abend des 22. Juli waren die eingeschlossenen Truppen fast vollständig aufgerieben. Nur wenigen deutschen Verbänden gelang der Ausbruch aus dem Kessel nach Süden in Richtung auf Gologory zur Zlota Lipa, wo sich auch das XXXXXVIII. Panzerkorps nach Westen auf Lemberg zurückziehen musste. Nach sowjetischen Angaben fielen im Kessel von Brody 30.000 deutsche Soldaten, 17.000 wurden gefangen genommen und 5.000 gelang die Flucht. Große Mengen an Kriegsgerät wurden erbeutet, darunter 719 Geschütze, 1.100 Mörser und 3.900 Autos.

Am 18. Juli wurde der sowjetische Durchbruch auf 200 km Breite und einer Tiefe von 50 bis 80 Kilometer erweitert. Der südliche Abschnitt der 1. Ukrainischen Front eröffnete ebenfalls den Vormarsch: Die 5. Gardearmee (General Schadow) und die 38. Armee (General Moskalenko) folgte aus dem Raum Tarnopol zur Zlota Lipa und die 1. Gardearmee (Gretschko) ging gegen Buczacz vor. Am südlichen Dnjestr-Ufer eröffnete ein selbständiges Panzerkorps im Rahmen der 18. Armee (General Tschurawlew) den Angriff aus dem Raum Kolomea nach Stanislau.

Kämpfe im Raum Lemberg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sowjetische Soldaten beim Vormarsch im westukrainischen Lemberg

Am 22. Juli erreichte die sowjetische 4. Panzerarmee mit dem 31. Panzerkorps (General Grigorjew) den südlichen Stadtrand von Lemberg und es begannen heftige Straßenkämpfe mit dem deutschen III. Panzerkorps. Aus dem Osten näherte sich die 60. Armee (General Kurotschkin) der Stadt, am 24. Juli hatte die 3. Garde-Panzerarmee den Bezirk Jaworow erreicht. am 27. Juli konnte sowjetische Armeen aus verschiedenen Richtungen in Lemberg eindringen. Am gleichen Tag entriss die 5. Gardearmee dem deutschen LIX. Armeekorps Halitsch und die 1. Gardearmee besetzte im Kampf mit der 7. Panzerdivision des XXXXVI. Armeekorps Stanislau. Durch den sowjetischen Durchbruch zu den Karpaten, wurde die deutsche Heeresgruppe in zwei Teile gespalten, die 1. Panzerarmee musste sich durch den Korridor von Stryi über Drohobycz nach Westen zurückziehen, die ungarische 1. Armee gab das Vorfeld der Karpaten auf, ging auf die südlichen Höhenstellungen zurück und hielt die Verbindung zur deutschen 8. Armee aufrecht.

Verfolgung zum San, Vorstoß zur Weichsel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 27. Juli erreichte die sowjetische 4. Panzerarmee den San-Abschnitt und besetzte Przemyśl. Vom 29. Juli bis zum 1. August überquerte die 1. Gardepanzerarmee die Weichsel und bildete bei Sandomierz einen westlichen Brückenkopf. Am 29. Juli hatte auch die Vorhut der 3. Gardearmee und die 13. Armee die Weichsel erreicht. Die 350. Schützendivision unter Generalmajor Gennadi Wekhin überquerte den Fluss gewaltsam und errichte im Raum nördlich von Baranow einen Brückenkopf auf dem Westufer. Alle Versuche der Wehrmacht, den Brückenkopf zu erobern, schlugen fehl. Am 23. August wurde die Stadt Dębica von der 60. Armee eingenommen.

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Offensive stieß die Rote Armee auf einer 440 km breiten Front bis 350 km nach Westen vor. Acht deutsche Divisionen gingen im Kessel von Brody vollständig verloren,[6] 32 deutsche Divisionen verloren 50 bis 70 Prozent ihrer Soldaten.

Die Verluste der Achsenmächte werden auf etwa 136.860 Mann veranschlagt, davon rund 55.000 Gefallene, Vermisste und Kriegsgefangene.[7] Die sowjetischen Verluste betrugen 289.296 Soldaten (davon 65.001 Tote), 1.832 Geschütze, 1.269 Panzer und 289 Flugzeuge.[3] Nach dem Ende der Operation wurden 123.000 sowjetische Soldaten ausgezeichnet, davon 160 mit dem Titel Held der Sowjetunion. Am 29. Juli 1944 wurde Marschall Iwan S. Konew zum ersten Mal zum Helden der Sowjetunion ernannt. Die Rote Armee eroberte bei Sandomierz einen großen Brückenkopf an der Weichsel. An diesem Brückenkopf blieben die sowjetischen Truppen für mehr als vier Monate lang stehen, weil das Hauptquartier des Kommandos des Obersten Befehlshabers den Schwerpunkt der sowjetischen Angriffe nach Süden verlagerte (Operation Jassy-Kischinew, Belgrader Operation, Schlacht um Budapest, Ostkarpatische Operation usw.). Erst am 12. Januar 1945 begann die erfolgreiche Weichsel-Oder-Operation, die die Rote Armee nach Deutschland brachte.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. ЛЬВОВСКО-САНДОМИРСКАЯ СТРАТЕГИЧЕСКАЯ НАСТУПАТЕЛЬНАЯ ОПЕРАЦИЯ (Memento vom 30. März 2010 im Internet Archive)
  2. David M. Glantz: When Titans Clashed. University of Kansas Press, Lawrence 1995, S. 199–201.
  3. a b David M. Glantz: When Titans Clashed. University of Kansas Press, Lawrence 1995, S. 299.
  4. a b c Steven J. Zaloga: Bagration 1944. Osprey, Oxford 1996, S. 73f.
  5. Steven J. Zaloga: Bagration 1944: The Destruction of Army Group Centre. Bücher 33 von Osprey's battles of World War II. In: Campaign Series Classic battles. Band 42. Osprey Publishing, 1996, ISBN 978-1-85532-478-7 (Google Books).
  6. Steven J. Zaloga: Bagration 1944: The Destruction of Army Group Centre. Bücher 33 von Osprey's battles of World War II. In: Campaign Series Classic battles. Band 42. Osprey Publishing, 1996, ISBN 978-1-85532-478-7 (Google Books).
  7. Karl-Heinz Frieser u. a. (Hg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 8, München 2007, S. 711 und S. 718.