Lynchjustiz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Zeitgenössische Darstellung von Lynchjustiz im Le Petit Journal (1906)

Mit Lynchjustiz (auch Mobjustiz) wird die eigenmächtige, illegale Exekution tatsächlicher oder vermeintlicher Verbrecher oder unliebsamer Personen ohne anerkanntes richterliches Verfahren bezeichnet.

Begriffsherkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Herkunft des Begriffs Lynchen ist nicht eindeutig geklärt. Je nach Quelle werden unterschiedliche Personen als Namensgeber genannt. Darunter:

  • James Lynch, Bürgermeister der irischen Stadt Galway, der 1493 in einem Mordprozess gegen seinen Sohn als Ankläger und Richter und nach dessen Verurteilung auch als Henker auftrat.[1]
  • John Lynch, der Ende des 17. Jahrhunderts von den Bewohnern North Carolinas mit unumschränkter richterlicher und exekutiver Gewalt ausgestattet wurde.
  • Charles Lynch (1736–1796), bekannt als ein willkürlich rechtsprechender Oberst und Richter, der im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg sowohl englandtreue Loyalisten als auch vermeintlich Kriminelle ohne ordentliches Gerichtsverfahren bestrafen ließ (meist durch Auspeitschen).
  • William Lynch (1742–1820) aus Virginia. Er organisierte eine Bürgerwehr in Pittsylvania County, um eine berüchtigte Räuberbande zu fangen und zu bestrafen.

Lynchen in den Vereinigten Staaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Postkarte mit Foto des verkohlten Leichnams von Jesse Washington (1916). Text: This is the barbecue we had last night. […] Your son, Joe. („Das war gestern abend unser Barbecue. […] Dein Sohn Joe.“)

Nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg wurde „Lynching“ zu einem Instrument der Einschüchterung gegen Afroamerikaner, oft praktiziert von Mitgliedern des Ku-Klux-Klans, aber auch von anderen zumeist weißen Teilen der Bevölkerung der Südstaaten. Nach älteren Schätzungen, die auf Listen des Tuskegee Institute aus den Jahren 1912 und 1919 beruhen und 1995 überprüft und überarbeitet wurden, wurden in den Jahren von 1889 bis 1940 insgesamt 3833 Menschen gelyncht; 90 Prozent dieser Morde fanden in den Südstaaten statt, vier Fünftel der Opfer waren Afroamerikaner. Nach 2015 vorgelegten Zählungen der Equal Justice Initiative (EJI), die ein Mahnmal in Alabama errichten will, starben in der Zeit zwischen 1877 und 1950 allein in zwölf Südstaaten 3959 Menschen bei rassistisch motivierten Lynchaktionen.[2] Manchmal wurden von Fotos der Lynchopfer Postkarten angefertigt. Diese dienten sowohl der Belustigung der Täter und ihrer Sympathisanten als auch zur Abschreckung und Einschüchterung der afroamerikanischen Bevölkerung.

Als Lynchen bezeichnet man seither auch in anderen Teilen der Welt die vollendete oder versuchte außergesetzliche Tötung von tatsächlichen oder vermeintlichen Straftätern, Beschuldigten, Verdächtigen oder Opfern einer Falschbeschuldigung ohne richterliches Urteil, insbesondere durch eine (unter Umständen von einem Agitator aufgestachelte) Volksmenge (Mob).

In Montgomery (Alabama) ist auf Initiative der Bürgerrechtsgruppe EJI in Kooperation mit dem Architekten Michael Murphy ein Mahnmal für die Opfer der Lynchjustiz unter der Bezeichnung The National Memorial for Peace and Justice geplant. Die Initiatoren möchten erreichen, dass Amerika sich mit seiner Geschichte versöhnt.[3][4] Die Eröffnung ist für 2018 vorgesehen.[5]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • James Allen (Hrsg.): Without Sanctuary. Lynching Photography in America. Twin Palms Publications, 2000, ISBN 0-944092-69-1. (mit Online-Begleitmaterial)
  • Philip Dray: At the Hands of Persons Unknown. The Lynching of Black America. Random House, New York 2002, ISBN 0-375-50324-2 oder ISBN 0-375-75445-8.
  • Jacqueline Goldsby: A Spectacular Secret: Lynching in American Life and Literature. Chicago 2006, ISBN 978-0-226-30137-2.
  • Judith Ketelsen: Das unaussprechliche Verbrechen. Die Kriminalisierung der Opfer im Diskurs um Lynching und Vergewaltigung in den Südstaaten der USA nach dem Bürgerkrieg. Lit, Münster 2000, ISBN 3-8258-4498-6.
  • Sascha W. Krause: The anatomy of resistance. The rhetoric of anti-lynching in American literature and culture, 1892–1936. Dissertation, Universität Regensburg 2006 (Volltext)
  • Ida B. Wells-Barnett: Mob Rule in New Orleans. Robert Charles and His Fight to Death, the Story of His Life, Burning Human Beings Alive, Other Lynching Statistics. 1900. (E-Text)
  • Ida B. Wells-Barnett: The Red Record. Tabulated Statistics and Alleged Causes of Lynching in the United States. 1895. (E-Text)
  • Ida B. Wells-Barnett: Southern Horrors. Lynch Law in All Its Phases. (E-Text)
  • Manfred Berg: Lynchjustiz in den USA. Hamburger Edition, Hamburg 2014, ISBN 978-3-86854-273-8.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Patrick Bauser:@1@2Vorlage:Toter Link/www.fh-kehl.de Seite nicht mehr abrufbar; Suche in Webarchiven: Der Westen Irlands. In: FH-Zeitung, 2005.
  2. Campbell Robertson: History of Lynchings in the South Documents Nearly 4,000 Names. In: New York Times, 10. Februar 2015, abgerufen am 20. November 2017 (englisch).
  3. Hannes Stein: Lynchen, ein Volksfest. In: Die Welt, 20. November 2017, abgerufen am gleichen Tag.
  4. Lynching Memorial's Designer Seeks Healing Through Architecture. In: WBUR, 23. September 2016, abgerufen am 20. November 2017 (englisch).
  5. Webseite der Initiatoren, abgerufen am 20. November 2017 (englisch).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Lynchjustiz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Lynchjustiz – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen