Zum Inhalt springen

Mṛcchakatika

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Raja Ravi Varma, Vasanthasena

Mṛcchakatika (Sanskrit मृच्छकटिकम् Mṛcchakaṭikam, auch: Mṛcchakaṭikā, Mrchchhakatika, Mricchakatika, Mrichchhakatika; dt.: Der kleine Lehmwagen) ist ein Sanskrit-Drama (संस्कृत नाटक) in zehn Akten. Es wird Śūdraka oder Simuka zugeschrieben, einem antiken Dramatiker des 5. Jahrhunderts. Im Prolog wird dieser als Kshatriya-König sowie als Anhänger Shivas identifiziert wird, der über 110 Jahre lebte.[1] Das Stück spielt in der antiken Stadt Ujjayini während der Herrschaft von König Pālaka gegen Ende der Pradyota-Dynastie, die das erste Viertel des 5. Jahrhunderts v.C. umfasste.[2] Im Mittelpunkt steht die Geschichte eines adligen, aber verarmten jungen Brahmanen (Sanskrit: Cārudatta), der sich in eine reiche Kurtisane (Sanskrit: Vasantasenā) verliebt. Trotz ihrer gegenseitigen Zuneigung werden das Leben und die Liebe des Paares bedroht, als ein vulgärer Höfling namens Samsthānaka, auch bekannt als Shakara, beginnt, Vasantasenā aggressiv zu umwerben.[3]

Das Stück, das Romantik, Komik, Intrigen und eine politische Nebenhandlung um den Sturz des despotischen Herrschers der Stadt durch einen Hirten schildert, zeichnet sich unter den erhaltenen Sanskrit-Dramen dadurch aus, dass es sich auf ein fiktives Szenario und nicht auf eine klassische Erzählung oder Legende konzentriert. Mṛcchakaṭika weicht zudem von den im Natya Shastra aufgeführten Traditionen ab, die vorschreiben, dass sich Dramen auf das Leben des Adels konzentrieren sollen, und integriert stattdessen zahlreiche Bauernfiguren, die eine Vielzahl von Prakrit-Dialekten sprechen. Die Geschichte soll auf einem früheren Werk namens Cārudatta in Armut des Dramatikers Bhāsa basieren, welches jedoch nur fragmentarisch erhalten ist.[1]

Von allen Sanskrit-Dramen zählt die Mṛcchakaṭika im Westen zu den bekanntesten und meistgespielten. Das Werk trug maßgeblich dazu bei, das Interesse am indischen Theater beim europäischen Publikum zu wecken, nachdem es im 19. Jahrhundert mehrere erfolgreiche Übersetzungen und Bühneninszenierungen gegeben hatte. Zu den bekanntesten zählen Gérard de Nervals und Joseph Mérys stark romantisierte französische Bearbeitung „Le Chariot d’enfant“, die 1850 in Paris uraufgeführt wurde, sowie Victor Barrucands gefeierte „anarchistische“ Interpretation „Le Chariot de terre cuite“, die 1895 vom Théâtre de l’Œuvre produziert wurde.[2]

Anders als andere klassische Sanskrit-Dramen entlehnt dieses Stück keine Themen aus Epen oder der Mythologie. Die Figuren von Śūdraka (Simuka) stammen aus der profanen Welt. Sie sind bevölkert von Spielern, Kurtisanen, Dieben und so weiter. Der Protagonist des Stücks, Cārudatta, gehört weder dem Adel noch dem Königshaus an. Obwohl Vasantasenā eine Kurtisane ist, beeindrucken ihre vorbildliche Haltung und ihr würdevolles Verhalten das Publikum. Die Würde der Figuren entspringt nicht ihrer sozialen Prägung, sondern ihren Tugenden und ihrem Verhalten.

Cārudatta ist ein großzügiger junger Brahmane, der sich und seine Familie durch seine Wohltätigkeit gegenüber notleidenden Freunden und dem Gemeinwohl stark verarmt hat. Obwohl er von den meisten seiner Freunde verlassen wurde und sich für seine sich verschlechternden Lebensumstände schämt, hat er sich in Ujjayini seinen Ruf als ehrlicher und aufrechter Mann mit einer seltenen Gabe der Weisheit bewahrt, und viele einflussreiche Persönlichkeiten suchen weiterhin seinen Rat.

Obwohl Cārudatta glücklich verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes namens Rohasena ist, liebt er Vasantasenā, eine Kurtisane von großem Reichtum und hohem Ansehen. Bei einer zufälligen Begegnung im Tempel von Kāma erwidert sie seine Zuneigung. Die Angelegenheit verkompliziert sich jedoch, als Vasantasenā von Samsthānaka, dem halbwahnsinnigen Schwager von König Pālaka, und seinem Gefolge verfolgt wird. Als die Männer mit Gewalt drohen, flieht Vasantasenā und sucht Zuflucht bei Cārudatta. Nach dem heimlichen Treffen erblüht ihre Liebe, und die Kurtisane vertraut ihrem neuen Geliebten eine Schmuckschatulle an, um ein weiteres Treffen zu sichern.

Ihr Plan wird jedoch vereitelt, als der Dieb Sarvilaka in Cārudattas Haus eindringt und die Juwelen stiehlt. Er will damit die Freiheit seiner Geliebten Madanikā erkaufen, die Vasantasenās Sklavin und Vertraute ist. Die Kurtisane erkennt den Schmuck, nimmt aber die Bezahlung an und lässt Madanikā frei, damit sie heiraten kann. Anschließend versucht sie, Cārudatta zu kontaktieren und ihn über die Situation zu informieren. Bevor sie ihn jedoch erreichen kann, gerät er in Panik und schickt Vasantasenā eine seltene Perlenkette, die einst seiner Frau gehörte – ein Geschenk, das den Wert des gestohlenen Schmucks bei Weitem übersteigt. Cārudattas Freund Maitreya warnt den Brahmanen daraufhin vor weiterem Umgang mit ihr. Er befürchtet, dass Vasantasenā im schlimmsten Fall plant, Cārudatta auch noch die wenigen Besitztümer zu rauben, die ihm geblieben sind, und im besten Fall eine gut gemeinte Verkörperung von Unglück und Unglück darstellt.

Cārudatta weigert sich, diesen Rat anzunehmen, und macht Vasantasenā zu seiner Geliebten. Diese begegnet schließlich seinem kleinen Sohn. Bei dieser Begegnung ist der Junge betrübt, da er erst kürzlich mit dem goldenen Spielzeugwagen eines Freundes gespielt hat und nun seinen eigenen, von seiner Amme gefertigten Tonwagen nicht mehr will. Von Mitleid mit ihm erfüllt, füllt Vasantasenā seinen kleinen Tonwagen mit ihrem eigenen Schmuck und bedeckt sein bescheidenes Spielzeug mit einem Berg Gold, bevor sie sich aufmacht, Cārudatta in einem Park außerhalb der Stadt zu einem Tagesausflug zu treffen. Dort steigt sie in eine prächtige Kutsche, muss aber bald feststellen, dass sie sich in einer Gharry von Samsthānaka befindet, der noch immer wütend über ihre vorherige Beleidigung ist und rasend eifersüchtig auf die Liebe und Gunst ist, die sie Cārudatta entgegenbringt. Da es Samsthānaka nicht gelingt, seine Handlanger zum Mord an ihr zu bewegen, schickt er sein Gefolge fort, erwürgt Vasantasenā und versteckt ihren Leichnam unter einem Laubhaufen. Immer noch auf Rache sinnend, beschuldigt er umgehend Cārudatta des Verbrechens.

Obwohl Cārudatta seine Unschuld beteuert, belasten ihn seine Anwesenheit im Park und der Besitz von Vasantasenās Juwelen durch seinen Sohn. König Pālaka befindet ihn für schuldig und verurteilt ihn zum Tode. Doch niemand ahnt, dass die Leiche, die als die von Vasantasenā identifiziert wurde, in Wirklichkeit die einer anderen Frau war. Vasantasenā war von einem buddhistischen Mönch wiederbelebt und in einem nahegelegenen Dorf gesund gepflegt worden.

Gerade als Cārudatta hingerichtet werden soll, erscheint Vasantasenā und greift angesichts der aufgeregten Menge rechtzeitig ein, um ihn vor der Hinrichtung und seine Frau davor zu bewahren, sich auf den Scheiterhaufen zu stürzen. Gemeinsam erklären die drei sich zu einer Familie. Vor Gericht angekommen, erzählt Vasantasenā von ihrem Beinahetod. Nach ihrer Aussage wird Samsthānaka verhaftet und der gütige Prinz Āryaka setzt den bösen König Pālaka ab. Als erste Amtshandlung nach seiner Krönung stellt er Cārudattas Vermögen wieder her und macht ihn zum König von Kusavati. Dank dieses guten Willens beweist Cārudatta in seiner letzten Tat seine anhaltende Tugend und Nächstenliebe, indem er den König um Vergebung für Samsthānaka bittet, der daraufhin freigesprochen wird. Der buddhistische Mönch, der Vasantasenā das Leben rettete, wird zum Oberhaupt aller Vihars ernannt. Vasantasena wird zur Ehefrau ernannt. Alle sind glücklich, niemand hat etwas zu beklagen.[4]

  • Cārudatta, ein verarmter junger Brahmane
  • Vasantasenā, eine Kurtesane, die in Cārudatta verliebt ist
  • Maitreya, ein armer Brahmane, Cārudattas Freund
  • Vardhamānaka, ein Diener in Cārudattas Haus
  • Radanikā, eine Magd in Cārudattas Haus
  • Dhuta, Frau von Cārudatta
  • Rohasena, Cārudattas Sohn
  • Viṭa, ein Höfling im Dienst von Vasantasenā
  • Madanikā, Vasantasenās Zofe und Vertraute
  • Mutter von Vasantasenā
  • Karnapūraka und Kumbhīlaka, Vasantasenās Diener
  • Bastarde, Pagen in Vasantasenās Haus
  • König Pālaka
  • Samsthānaka (Sakaara), Bruder einer der königlichen Konkubine
  • Vita, ein Höfling im Dienst von Samsthānaka
  • Sthāvaraka, Samsthānakas Diener
  • Āryaka, ein Hirte und Prinz im Exil, der König wird
  • Sarvilaka, ein Brahmane, der zum Dieb wird um seine Liebe Madanikā zu befreien
  • Māthura, ein Meister-Spieler
  • Darduraka, Spieler, Freund von Sarvilaka
  • Vīraka und Chandanaka, Anführer der Garde, Freunde von Sarvilaka
  • Gōha und Ahīnta, Henker
  • früherer Masseur von Cārudatta, der ein buddhistischer Mönch wird
  • Richter
  • Schreiber
  • Büger, Sklaven und Zuschauer

Das Stück wurde ins Englische übersetzt, insbesondere 1905 von Arthur W. Ryder unter dem Titel „The Little Clay Cart“, nach der Übersezung von Horace Hayman Wilson unter dem Titel „The Toy Cart“, 1826. Ryders Fassung wurde 1907 im Hearst Greek Theatre in Berkeley aufgeführt.[5] und in New York City 1924 im Neighborhood Playhouse,[6] einem damaligen Off-Broadway-Theater, aufgeführt. Weitere Aufführungen folgten 1953 im Theater de Lys 1953,[7] und 1926 im Potboiler Art Theater in Los Angeles, wo unter anderem James A. Marcus, Symona Boniface und Gale Gordon mitwirkten.[8] Das Stück wurde in mehrere indische Sprachen adaptiert und von verschiedenen Theatergruppen und Regisseuren, wie beispielsweise Habib Tanvir, aufgeführt.

Filmadaptationen:[9][10]

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. a b Farley P. Richmond: Characteristics of Sanskrit Theatre and Drama. In: Farley P. Richmond, Darius L. Swann, Phillip B. Zarrilli: Indian Theatre: Traditions of Performance. University of Hawaii Press, Honolulu 1990: S. 55–62. ISBN 0824811909 google books
  2. a b Revilo Pendelton Oliver: Introduction to ‘The Little Clay Cart’. In: Rozelle Parker Johnson, Ernst Krenn: Illinois Studies in Language and Literature 23. University of Illinois Press, Urbana 1938: S. 9–44.
  3. A. L. Basham: The Little Clay Cart: An English Translation of the Mṛcchakaṭika of Śūdraka, As Adapted for the Stage. (Arvind Sharma hg.) State University of New York Press, Albany 1994. ISBN 0791417255
  4. Śūdraka: Mṛcchakaṭikā, The Little Clay Cart: A Drama in Ten Acts Attributed to King Sūdraka. In: Revilo Pendelton Oliver, Rozelle Parker Johnson, Ernst Krenn: Illinois Studies in Language and Literature. 23. University of Illinois Press, Urbana 1938: S. 45–210.
  5. Marcus Wohlsen: The Greatest Show on Earth: The First Indian Play Performed at UC Berkeley - And Anywhere in the United States - Took the Stage of the Greek Theater in 1907, Along with Elephants, Zebras, and a Cast of Hundreds. In: Illuminations. University of California Berkeley, 2005, archiviert vom Original am 16. Februar 2012; abgerufen am 17. Juli 2012 (englisch).
  6. Prof. A. W. Ryder, of Sanskrit Fame; Head of That Department at University of California Dies in Classroom. In: New York Times. 22. März 1938; (englisch).
  7. Milton Bracker: Story of a Determined Lady: Terese Hayden, Sponsor of New Play Series at Theatre de Lys, Is Undaunted Despite Disappointments in the Past. In: New York Times. 7. Juni 1953, S. X3; (englisch).
  8. Edwin Schallert: 'Clay-Cart' Hero Wins: 'Twas Ever Thus—Even in the Sanskrit. In: Los Angeles Times. 9. Dezember 1926, S. A9, archiviert vom Original am 30. Mai 2009; (englisch).
  9. Ashish Rajadhyaksha, Paul Willemen: Encyclopedia of Indian Cinema. Taylor & Francis 10. Juli 2014: S. 24. (google books) ISBN 978-1-135-94325-7
  10. Heidi R.M. Pauwels: Indian Literature and Popular Cinema: Recasting Classics. Routledge 17. Dezember 2007: S. 80. (google books) ISBN 978-1-134-06255-3
  11. tweet: User National Film Archive of India (NFAIOfficial) 1192764152235708418. A lobby card for Girish Karnad’s #Utsav (1984), featuring #FaceOfTheWeek #ShankarNag. The film was based on popular #Sanskrit play #Mrichakatika, written by Sudraka.
Commons: Mṛcchakatika – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Mṛcchakaṭikā – Quellen und Volltexte (englisch)