M110 (Haubitze)

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M110
Panzerhaubitze M110 A1

203-mm-Feldhaubitze M110 (US) mit Wetterschutz

Allgemeine Eigenschaften
Besatzung 5 (an Bord) + 8 (auf Unterstützungsfahrzeug)
Länge 6,46 m (ohne Geschützrohr)
Breite 3,1 m
Höhe 3,1 m
Masse 28,4 t
Panzerung und Bewaffnung
Panzerung 13 mm (nur Wanne)
Hauptbewaffnung 1 × M201A1-Haubitze 203,2 mm (8 inch)
Sekundärbewaffnung keine
Beweglichkeit
Antrieb Detroit Diesel 8V71T, 8 Zylinder, Dieselkompressor
405 PS
Federung Torsionsstab mit Federsperrzylindern
Höchstgeschwindigkeit 55 km/h
Leistung/Gewicht 14,3 PS/t
Reichweite ca. 523 km

Die M110 ist ein Artilleriegeschütz mit dem Rohr der Haubitze M115 auf Selbstfahrlafette. Sie wurde von den USA in den 1950er Jahren entworfen und wurde entwickelt um 8 Zoll (203,2 mm) Granaten zu verschießen. Da es für die Waffe auch zwei taktische Nukleargeschosse gab, nahm sie im Rahmen der NATO-Strategie eine Sonderstellung ein.

Entwicklung[Bearbeiten]

US-amerikanische M110A1 mit Transportfahrzeug M548 im Hintergrund, 1978

Die M110 wurde in den 1960er-Jahren von der US Army als Nachfolger für die gezogene 203-mm-Haubitze M115 und die M55-Panzerhaubitze entwickelt.[1] Das 203-mm-Geschütz mit seiner schweren Granate galt als besonders zielgenau, eignete sich zur Bekämpfung von Bunkern und befestigten Stellungen und wurde nun durch Montage auf einer leichten Selbstfahrlafette im Gelände beweglicher und lufttransportfähig.[2]

Die Firma Pacific Car and Foundry produzierte die M110, deren Zulauf bei der US Army 1962 begann.

Aufbau[Bearbeiten]

Wanne, Laufwerk und Motor[Bearbeiten]

Die Wanne, die auch für die M107 und den Bergepanzer M 578 verwendet wurde, bestand aus verschweißten Stahlplatten mit bis zu 1,3 cm Dicke. Bis auf den vorne links in der Wanne sitzenden Fahrer war kein Besatzungsmitglied auf der offenen Plattform der Haubitze gegen Beschuss geschützt. Bedingt durch die offene Bauweise gab es auch keinen ABC-Schutz, der die Mannschaft durch einen künstlich erzeugten Überdruck vor einströmenden Kampfstoffen hätte schützen können.

Das Fahrzeug wurde von einem 302 kW (405 PS) leistenden 8-Zylinder-Dieselmotor Detroit Diesel 8V71T angetrieben, der vorne rechts in der Wanne eingelassen war. Das Kettenlaufwerk mit 46 cm breiten Gleisketten war drehstabgefedert. Das Laufwerk besaß einen Federsperrzylinder, mit dem die Federung der Wanne blockiert wurde, um die Haubitze beim Schießen zu stabilisieren. Ein Einfedern und Springen des Geschützes bei der Schussabgabe wurde so verhindert.

Besatzung[Bearbeiten]

Von den 13 Soldaten der Geschützbedienung hatten nur Geschützführer, Fahrer und drei Kanoniere auf der Lafette Platz. Daher wurden bei mobilen US-Operationen die M110 von einem M548-Schlepper begleitet, der acht weitere Munitionskanoniere sowie Geschosse, Treibladungen, Zünder, Tarnnetze und sonstige Ausrüstung aufnahm.[3] Andere Armeen verwendeten eigene Fahrzeuge als Transporter, so wurde in der Bundeswehr dazu der Mannschaftstransportwagen Lkw 7t gl bzw. Lkw 7t mil gl verwendet.

Waffe[Bearbeiten]

M110 bei der Bundeswehrparade zum NATO-Jubiläum auf dem Nürburgring mit Gerätekisten auf den Erdspornen
Ladetätigkeit: Im Feuerkampf wird eine Übungsgranate mit dem Ladearm zum Verschluss einer M110-Haubitze (4./FArtBtl 11) gehoben

Die zunächst verwendete 203-mm-M2A2-Haubitze wurde auf einer M158-Lafette montiert und auf eine drehbare Plattform im hinteren Teil der Wanne gesetzt. Der Schwenkbereich der Waffe lag – bedingt durch die Plattform – bei 30° zu jeder Seite, der Höhenrichtbereich – bedingt durch die Lafette – reichte von −2° bis +60°.

Der Rückstoß wurde durch eine hydraulische Rohrbremse gedämpft und begrenzt, die übrige Rückstoßenergie wurde durch einen hydraulisch absenkbaren Schild – einem Erdsporn in Fahrzeugbreite – in den Boden abgeleitet. Nach dem Ende des Rücklaufs wurde das Rohr durch den Rohrvorholer in die Ausgangsposition vorgebracht.

Die Kopflastigkeit des Rohres wurde durch ein Paar Ausgleicher rechts und links des Rohres egalisiert, so dass Heben und Senken des Rohres mit je gleichem Kraftaufwand erfolgen konnte.

Das Laden des Geschützes erfolgte mit der Ladeeinrichtung, die einen hydraulischen Ansetzer sowie Kranfunktion besaß. Damit konnten die bis zu 110 kg schweren Granaten aus Bodenhöhe von den Munitionskanonieren übernommen, angehoben und in den Übergangskegel des Rohres gepresst werden (siehe Foto Ladetätigkeit). Der Verschluss der Waffe war ein dreh- und schwenkbarer Schraubverschluss mit Bajonettgewinde.[4]

Auf der M110-Selbstfahrlafette konnten zwei Schuss mitgeführt werden, weitere 30 Schuss auf dem MTW (s.o.).[5] Nicht an der Wanne verzurrtes Gerät wurde in Gerätekisten am Erdsporn hängend mitgeführt

Die verschiedenen Munitionstypen für die M110 waren:

Bezeichnung Typ Ladung Gewicht Funktion
M14 Übungsgeschoss keine 94,5 kg Kopie der M106 ohne Sprengstoff, aber sonst mit identischen Eigenschaften[6]
M106 Sprenggranate TNT oder Composit B 94,5 kg Verschiedene Zündertypen, darunter Zeitzünder, um als Luftkrepierer Infanterieansammlungen zu bekämpfen.[7][8]
M650 Sprenggranate (RAP) TNT 91 kg Raketentreibsatz zur Reichweitensteigerung.[9][10]
M404 Submunitionsträger 104 × M43A1-Bomblets 91 kg Bomblets werden bei Aufschlag der M404 etwa 1,8 Meter in die Luft geschleudert, wo sie explodieren.[11]
M509A1 Submunitionsträger 180 × M42-Bomblets ubk. Bomblets werden im Flug freigesetzt und explodieren beim Aufschlag.[12]
M426 Gasgranate VX- oder GB-(Sarin)-Gas 90 kg [13][14]
M422A1 taktische Kernwaffe 1 bis 2 Kilotonnen 110 kg Ab 1955 – Voraussetzung für den Verschuss war ein Einschießen mit M424.[15]
M424 Zielmarkierung für M422 ubk. ubk. 1955 [15]
M753 taktische Kernwaffe 2 Kilotonnen 97 kg Ab 1981 – Sprengkraft und Präzision gesteigert, ab 1985 neuer Zündertyp W-79-1 politisch auf 2 km Wirkradius beschränkt.[15]

M110-Varianten und Unterschiede[Bearbeiten]

US-amerikanische M110A2 während des Manövers REFORGER '85 nahe Weitershain
  • M107-Variante mit 175-mm-Haubitze und 32.700 Metern Reichweite. Zulauf ab 1962 bei der US Army.[16]
  • M110: Wie M-107, aber mit kurzer 203-mm-Haubitze M2A2 (8 inch) und Reichweite von 17.300 Metern. Zulauf bei der US Army etwa zeitgleich mit M107.[17] Diese erste Version der M110 benötigte rund zwei Minuten, um in Feuerstellung zu gehen, die abgefeuerten Granaten erreichten eine Mündungsgeschwindigkeit von 594 Metern pro Sekunde (m/s).[18] Dabei wurde eine Feuergeschwindigkeit von höchstens 1,5 Schuss pro Minute erreicht.[19][A 1]
  • M110A1: zunächst als M110E2 bezeichnet, hatte mit dem längeren 203-mm-Haubitzrohr M201 eine Reichweite von 21.000 Metern; Zulauf ab 1977 bei der US Army.[20]
  • M110A2: eine M110A1 mit nachgerüsteter Mündungsbremse und verstärktem Rohr, um stärkere Treibladungen und den Verschuss von RAP-Munition (Rocket-assisted projectile) zu ermöglichen.[20][21] Das Rohr hatte eine Kaliberlänge von 40,5. Mit diesem Rohr konnte auch mit 9. Ladung (statt der sonst maximalen 8. Ladung geschossen werden.[18] Die Mündungsgeschwindigkeit betrug mit der M106-Sprenggranate bei 9. Ladung 778 m/s; die maximale Reichweite betrug 22.900 Metern. Die maximale Reichweite mit einem raketengetriebenen M650-Geschoss betrug 30.000 Meter. Die Schussgeschwindigkeit lag unverändert bei rund 1,5 Schuss pro Minute für die ersten drei Minuten des Einsatzes, fiel dann aber auf einen Schuss alle zwei Minuten. Die Lebensdauer des Geschützrohrs lag unter optimalen Bedingungen bei etwa 10.000 Schuss.[22]

Verwendung[Bearbeiten]

In der US Army wurden M110-Haubitzen im Allgemeinen der Divisionsartillerie zugeteilt oder bildeten eigenständige Bataillone der Korpsartillerie.[23] Erstmals wurde die Waffe in dieser Rolle in der Endphase des Vietnamkriegs im Gefecht eingesetzt.[24]

Die Divisionsartillerie von mechanisierten- und die von Panzerdivisionen der US Army bildete eine Kombination aus 54 M109-Haubitzen im 155-mm-Kaliber und zwölf M110-Haubitzen.[25] Die letzte, im Dienst befindliche Variante der Waffe – die M110A2 – wurde 1994 ausgemustert.

Die britische Armee verwendete die M110 ebenfalls als Divisions- und Korpsartillerie, kombinierte sie dort aber neben der M109- und Raketenartillerie auch mit der 105-mm-Selbstfahrlafette Abbot. So verfügte etwa eine der Divisionen der Britischen Rheinarmee (BAOR) auf deutschem Boden im Kalten Krieg in den 1970er-Jahren über zwei Artillerieregimenter: Eines mit 24 Abbots und ein weiteres mit zwölf M109- und vier M110-Haubitzen.[26] Im Golfkrieg 1990 stellte die britische Armee ihrer Division eine Artillerieeinheit mit 16 M109-, 12 M110-Haubitzen und 12 MLRS-Mehrfachraketenwerfern zur Unterstützung ihrer Panzerbrigaden zur Verfügung.[27]

1964 beschaffte die Bundeswehr 80 Haubitzen des Typs M110 für die 4. Batterie der Feldartilleriebataillone der Heeresdivisionen, unter anderem als Element für die Nukleare Teilhabe. 150 Fahrzeuge des Modells M107 wurden für die 2. und 3. Batterie dieser Bataillone beschafft. 1985 wurden beide Modelle zum Typ SF M110 A2 G mit langem Rohr und Zweikammermündungsbremse kampfwertgesteigert. Sie erhielten dabei auch eine Mannschaftskabine aus Zeltstoff als Wetterschutz. Diese war auf einer Plattform mit dem Rohr schwenkbar. 1993 wurden diese Geschütze ausgemustert.

Nutzerstaaten[Bearbeiten]

ehemalige und aktuelle Nutzer:[28]

  • Flag of Bahrain.svg Bahrain
  • Flag of Belgium.svg Belgien
  • Flag of Germany.svg Bundesrepublik Deutschland , insgesamt 230 Stück[29], bis 1993 ausgemustert.[30]
  • Flag of Greece.svg Griechenland
  • Flag of Iran.svg Iran
  • Flag of Israel.svg Israel
  • Flag of Italy.svg Italien
  • Flag of Japan.svg Japan (Lizenzproduktion)
  • Flag of Jordan.svg Jordanien
  • Flag of the Netherlands.svg Niederlande
  • Flag of Pakistan.svg Pakistan
  • Flag of South Korea.svg Südkorea
  • Flag of Spain.svg Spanien
  • Flag of the Republic of China.svg Taiwan
  • Flag of Turkey.svg Türkei
  • Flag of the United States.svg Vereinigte Staaten von Amerika, US Army und USMC. 1994 ausgemustert. Ersetzt durch MLRS.
  • Flag of the United Kingdom.svg Vereinigtes Königreich, ersetzt durch MLRS

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. 4,5 Schuss pro Minute werden in Spencer Tucker: The Encyclopedia of the Vietnam War. A Political, Social, and Military History. ABC-CLIO, 2011, ISBN 978-1851099603 auf S. 71 erwähnt.

Belege und Verweise[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. U.S Army Field Artillery, Weapons and Equipment. Fort Still, Oklahoma 1972, S. 9.
  2. Jerold E. Brown: Historical Dictionary of the U.S. Army. Greenwood Pub Group Inc., 2000, ISBN 0313293228, S. 236.
  3. John Jordan, Tim Ripley: Modern U.S. Army. Smithmark Publications, 1992, ISBN 0831750510, S. 55.
  4. Rheinmetall Waffentechnisches Taschenbuch. 5. Auflage 1980, S. 29, 306.
  5. Gesellschaft für Artilleriekunde e.V. Artillerie der Bundeswehr 1956 – 2009 Gr0ßgerät und Ausrüstung. 2013, S. 24.
  6. TM 43-0001-28, S. 3–173.
  7. TM 43-0001-28, S. 3–173.
  8. Warmachine. Vol 2, Issue 15 „A fully illustrated guide to Modern Self-Propelled Guns and Howitzers“, S. 288.
  9. Geschoss auf armymunitions.tpub.com, gesichtet am 2. Februar 2014
  10. TM 43-0001-28, S. 3–183.
  11. TM 43-0001-28, S. 3–177-
  12. TM 43-0001-28, S. 3–181.
  13. Geschoss auf landscaper.net, gesichtet am 2. Februar 2014
  14. TM 43-0001-28, S. 3–179.
  15. a b c James N. Gibson: Nuclear Weapons of the United States. Schiffer Publishing, 1996, ISBN 978-0764300639, S. 230.
  16. David Doyle: Standard Catalog of U.S. Military Vehicles – 2nd Edition. Krause Publications, 2010, S. 379, 380.
  17. Jeff Kinard: Artillery. An Illustrated History of Its Impact. ABC-Clio INC, 2007, ISBN 978-1851095568, S. 315.
  18. a b US Army Engineer Center and School of Fort Belvoir: Fire support handbook. 1985, S. 5.
  19. M110 auf army-guide.com, gesichtet am 2. Februar 2014
  20. a b Jane's Weapon Systems 1979–1980. Jane's Information Group, 1979, S. 399.
  21. Annual Historical Review. Historical Office, U.S. Army Armament Materiel Readiness Command, 1984, S. 9.
  22. US Army Field Artillery School: Field Artillery Cannon Weapons Systems and Ammunition Handbook. Fort Stills – Oklahoma, Dezember 1981, S. 8–20.
  23. Committee on Armed Services: Hearings, Reports and Prints of the House Committee on Armed Services. Ausgabe 33, Teile 2–3, United States Government Printing Office, 1976, S. 443.
  24. Shelby L. Stanton: Vietnam Order of Battle. Stackpole 2003, ISBN 978-0811700719, S. 104, 107.
  25. David Miller: The Cold War. A Military History. Kapitel 27 „Artillery“, Vintage Digital, 2012.
  26. Graham Watson, Richard A. Rinaldi: The British Army in Germany. An Organizational History 1947–2004. Tiger Lily Publications Llc., 2005, ISBN 978-0972029698, S. 75.
  27. David Miller: Desert victory. The war for Kuwait. Naval Institute Press, 1991, ISBN 1557502544, S. 282.
  28. Christopher F. Foss: Jane´s Tanks and Combat Vehicles Recognition Guide. Harper Collins Publishers, 2002, ISBN 0007127596, S. 485.
  29. Karl Anweiler, Rainer Blank: Die Rad- und Kettenfahrzeuge der Bundeswehr 1956 bis heute. Bechtermünz-Verlag, 1999, ISBN 3-8289-5369-7 S.313
  30. Arnd Baumgardt, Thomas Lendorf, R. Haag, Rolf Gronen, Werner Schröder und Wolfgang Igert: Schwere Feldkanone 175mm M107 (Bw)/Schwere Haubitze 203mm M110A1/A2 (Bw). auf panzerbaer.de, gesichtet am 1. Februar 2014

Literatur[Bearbeiten]

  • Jeff Kinard: Artillery. An Illustrated History Of Its Impact. 2007, ABC-Clio, ISBN 978-1851095568 (englisch).
  • A fully illustrated guide to Modern Self-Propelled Guns and Howitzers. In: Warmachine. Vol 2, Issue 15, Aerospace Publishing Ltd., London 1983 (englisch).
  • TM 43-0001-28 HEADQUARTERS, DEPARTMENT OF THE ARMY: TECHNICAL MANUAL – ARMY AMMUNITION DATA SHEETS, April 1994 (englisch).

Weblinks[Bearbeiten]