MEZIS

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MEZIS e.V. „Mein Essen zahl ich selbst“ – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte
(MEZIS)
Mezis e.V. Logo.jpg
Zweck gemeinnützig
Vorsitz: geschäftsführender Vorstand (Eckhard Schreiber-Weber, Manja Dannenberg, Jan Salzmann, Niklas Schurig), ärztliche Geschäftsführerin Christiane Fischer
Gründungsdatum: 2007
Mitgliederzahl: 1013 (Stand April 2019)
Sitz: Bad Salzuflen
Website: www.mezis.de

Die gemeinnützige Organisation MEZIS „Mein Essen zahl’ ich selbst – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte“ hat sich mit ihren deutschlandweit über 1000 meist ärztlichen Mitgliedern unter anderem zum Ziel gesetzt, den Einfluss der pharmazeutischen Industrie auf Ärzte transparenter zu machen und zu reduzieren.

Hintergründe und Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Idee zur Gründung entstand 2006 auf dem Symposium der BUKO-Pharma-Kampagne in Bielefeld. Daraufhin wurde die Initiative für unbestechliche Ärzte mit dem Namen MEZIS e.V. „Mein Essen zahl ich selbst“ im Jahr 2007 in Frankfurt am Main von acht Mitgliedern gegründet. Der Vereinssitz befindet sich im nordrhein-westfälischen Bad Salzuflen. Vorbild war die US-amerikanische Organisation No Free Lunch. Zweck des Vereins ist laut Satzung:[1] „[...] die wissenschaftliche und unabhängige Fort- und Weiterbildung von Ärzten und Ärztinnen und anderer Heilberufe auf dem Gebiet der rationalen Arzneimitteltherapie und evidenzbasierten Medizin zu verbessern und Schaden für Patientinnen und Patienten durch unzweckmäßige Arzneiverordnungen abzuwenden und die derzeit vorhandene intransparente und irreführende Beeinflussung des Verordnungsverhaltens offen zu legen und zurückzudrängen. Dieser Zweck soll erreicht werden durch eigene industrie-unabhängige Publikationen (Druckerzeugnisse und elektronisch), beratende Tätigkeiten (für Fachjournalist/innen und Veranstalter/innen und Verantwortliche von Fortbildungsaktivitäten für die Heilberufe) sowie Öffentlichkeitsarbeit.“

Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verein finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden.[2][3] Im Einzelfall wird die Herkunft der Spende kritisch hinterfragt und geprüft. Abgelehnt werden Spenden oder Sponsoring von Pharmaunternehmen und ähnlichen Organisationen. Der Verein arbeitet nach den Richtlinien von Transparency International.[3]

Ziele und Arbeitsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verein hat sich mehrere Ziele[4] gesetzt, zuletzt aktualisiert und präzisiert in der Augsburger Erklärung[5] anlässlich der MEZIS-Mitgliederversammlung 2014 in Augsburg:

  • Berufsrecht ohne doppelten Boden. Die Berufsordnungen müssen so eindeutig formuliert werden, dass Zuwendungen der Pharma- und Medizinprodukteindustrie in jedweder Form als nicht zulässig gelten.
  • Transparenz von Einflüssen. MEZIS fordert die generelle Offenlegung und einen verantwortungsvollen Umgang mit Interessenkonflikten.
  • Leitlinien-Erstellung ohne Einfluss der Pharmaindustrie. Autoren mit relevanten Interessenkonflikten sollen bei der Entwicklung von Leitlinien ausgeschlossen werden.
  • Keine CME-Zertifizierung von industriefinanzierten Fortbildungen. MEZIS fordert die Fachgesellschaften, Berufsverbände und Standesvertretungen dazu auf, herstellerunabhängige Fortbildungen anzubieten.
  • Offenlegung aller Studiendaten. Die Verpflichtung zur Offenlegung aller Daten klinischer Studien muss gesetzlich verankert werden.
  • Pflichtinhalt im Medizinstudium. Unabhängige Fortbildungsstrategien und der Umgang mit der Pharma- und Medizinprodukteindustrie sollen als Pflichtinhalt ins Medizinstudium integriert werden.
  • Patienteninformation ohne Einfluss der Pharmaindustrie. Patienteninformation in den Medien darf nicht als Einfallstor für versteckte Laienwerbung (Direct-to-consumer-Advertising) dienen.

Arbeitsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben jährlichen Mitgliederversammlungen und Regionalkonferenzen arbeitet der Verein auf Bundesebene mit anderen NGOs, wie dem Verein demokratischer Ärzte und Ärztinnen, dem IPPNW, NeurologyFirst oder Transparency International zusammen. Der Verein sieht sich als Teil des weltweiten im Nofreelunch-Netzwerks, mit Partnerorganisationen in Italien oder auch Healthy Skepticism. Außerdem leistet er Aufklärungsarbeit mit Hilfe von Anhörungen im Bundestag[6] und mit wissenschaftlichen Diskursen in Fachzeitschriften[7][8]. In den Medien wird das Thema des Pharmamarketing durch Öffentlichkeitsarbeit von MEZIS verstärkt wahrgenommen.[9] Vor Ort vernetzen Regionalgruppen die Ärzte. Eine Mailingliste steht den Mitgliedern zur Verfügung. Zudem erhalten MEZIS- Mitglieder seit 2008 dreimal im Jahr die MEZIS-Nachrichten.[10]

Erfolge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang 2014 wurden die Standpunkte des Vereins zur Gesetzeslücke im Korruptionsstrafrecht bei Ärzten mehrfach in der Presse aufgenommen.[11][12][13][14][15][16][17] Auch beim Thema Interessenkonflikte in der Medizin[18][19], extrem überteuerten Preisen bei neuen patentgeschützten Hepatitis-Medikamenten[20][21] oder auch bei Fragen zum Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient im Spannungsfeld der Pharmaindustrie nahm die Presse Äußerungen des Vereins auf.

Gemeinsame Initiative Leitlinienwatch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zusammen mit Transparency Deutschland und NeurologyFirst[22] hat MEZIS das Transparenzportal leitlinienwatch.de Ende 2015 gegründet[23][24]. Zielsetzung dieser Initiative: "Das Projekt leitlinienwatch.de bewertet Leitlinien nach 5 Kriterien, um die Erwartungen der Ärzteschaft und der Gesellschaft an die unabhängige Erstellung von Leitlinien auszudrücken. Leitlinienwatch.de will gute und verbesserungswürdige Beispiele aufzeigen"[25]. Bis Juli 2016 wurden von dem Bewerter-Team bereits mehr als 100 deutsche und auch einige internationale Leitlinien bewertet, dabei wurde bei der Mehrzahl der Leitlinien Reformbedarf dokumentiert.[25] Im August 2018 wurden die Ergebnisse der bisher analysierten 67 deutschen S3-Leitlinien unter der Mitarbeit von MEZIS in BMC Medical Ethics veröffentlicht: Zwar wurden finanzielle Interessenkonflikte von deutschen Leitlinienautoren meist offengelegt, dies blieb aber in aller Regel ohne Konsequenzen. So wurden Leitlinienautoren mit Interessenkonflikten bislang kaum zur Enthaltungen bei Abstimmungen veranlasst. Eine Autorenmehrheit mit Interessenkonflikten fand sich bei 55 % der bewerteten Leitlinien. Nur bei 9 % der Leitlinien waren die Koordinatoren frei von Interessenkonflikten[26]. Auch bei den Recherchen zum Medizinprodukte-Skandal "Implant Files" flossen die Bewertungsergebnisse von Leitlinienwatch zum Beispiel bei der interessenkonfliktträchtigen Leitlinie zu Herzklappen mit ein.[27]

Schwerpunkt 2018: Interessenkonflikte bei Continuing Medical Education (CME)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Rahmen des MEZIS-Schwerpunktes konnte die CME-Arbeitsgruppe mit der "Omniawatch"-Analyse belegen, dass die ärztlichen Fortbildungsveranstaltungen eines der damals führenden CME-Anbieter Omniamed massive, nicht deklarierte Interessenkonflikte aufwiesen. Die Mehrzahl der Referenten der analysierten Omniamed-Veranstaltungen hatte Gelder von den Pharmafirmen bekommen, die diese Veranstaltungen mit im Schnitt insgesamt 100.000 – 200.000 Euro[28] sponserten. Des Weiteren passten die referierten Themen zu den Produkten der Sponsoren. Durch das Medienecho[29][30][31] verweigerte[32] die Landesärztekammer Baden-Württemberg Omniamed erstmalig die CME-Zertifizierung einer ihrer Veranstaltungen in Baden-Württemberg. Auch die Landesärztekammer Münster verwehrte daraufhin drei Omniamed-Veranstaltungen die Zertifizierung wegen »mangelnder Produktneutralität«[33]. Omniamed legte dagegen noch Widerspruch ein, zog diesen aber Ende 2018 zurück und beendete überraschend ihre Geschäftstätigkeit in Deutschland[34][33].

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. MEZIS Satzung. MEZIS e.V., abgerufen am 19. April 2017.
  2. Finanzbericht MEZIS, 2017
  3. a b Häufig gestellte Fragen: Wie finanziert sich MEZIS? MEZIS e.V., abgerufen am 19. April 2017.
  4. MEZIS für PatientInnen
  5. Warum MEZIS, Download der Augsburger Erklärung ganz unten. MEZIS e.V., abgerufen am 19. April 2017.
  6. Experten sehen Regelungslücken bei der Korruption
  7. „Ärzteblatt.de“ 14/2014, „Interessengeleitete Berichterstattung.“
  8. „Ärzteblatt.de“, 3/2015, „Regulierung von Interessenkonflikten: Die Fachgesellschaften sind am Zug.“
  9. Vgl. Pressespiegel (Memento vom 29. Januar 2014 im Internet Archive)
  10. MEZIS-Nachrichten
  11. „Westfälisches Ärzteblatt“, 03. 2014, S. 27, „Ein Gewissen für eine ganze Berufsgruppe schaffen.“ Podiumsdiskussion zu Korruption im Gesundheitswesen. (pdf)
  12. „Der Tagesspiegel,“ 25. September 2014, „So korrupt ist das Gesundheitswesen“
  13. „Stuttgarter Zeitung“, 18. März 2013, „Die Moralisten und der große Rest.“
  14. „Der Tagesspiegel“, 15. Januar 2013, „Das beste Rezept.“
  15. „taz“, 17. Dezember 2013, „80 Prozent Pseudoinnovationen.“
  16. „Westdeutsche Zeitung“, 4. Januar 2013, „Korruption bei Ärzten: „Patienten sollen kritischer sein.“ Auch unter Ärzten gibt es den Ruf, bestechliche Kollegen strafrechtlich zu verfolgen.“
  17. „MOZ.de“, 02-01.2013, „Strengere Regeln gegen korrupte Ärzte gefordert.“
  18. „SWR2“, 2. Februar 2015, 8.30 Uhr, „Über Interessenkonflikte in der Medizin“.
  19. „NDR.de“, 29. September 2014, 21.00 Uhr, „Lockt Pharmaindustrie Ärzte mit Honorar?“
  20. „Deutsche Apothekerzeitung DAZ.online“, 22. Januar 2015, 12.24 Uhr, „Sovaldi verliert Patent in Indien.“
  21. „WirtschaftsWoche“, 27. August 2014, „Die teuerste Pille der Welt. Der US-Konzern Gilead verlangt für eine einzige Tablette seines Hepatitis-C-Mittels Sovaldi 700 Euro. Die Drei-Monats-Ration kostet 60.000 Euro. Während der Hersteller profitiert, leiden die Patienten.“
  22. NeurologyFirst
  23. (Memento des Originals vom 1. Dezember 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.daserste.de
  24. Wieviel Evidenz steckt in Leitlinien? DAZ.online, 10. Mai 2016, abgerufen am 19. April 2017.
  25. a b Leitlinienwatch.de
  26. Hendrik Napierala, Luise Schäfer, Gisela Schott, Niklas Schurig, Thomas Lempert: Management of financial conflicts of interests in clinical practice guidelines in Germany: results from the public database GuidelineWatch. In: BMC Medical Ethics. Band 19, Nr. 1. Springer Nature, 28. Juni 2018, ISSN 1472-6939, S. 65, doi:10.1186/s12910-018-0309-y, PMID 29954379, PMC 6022410 (freier Volltext).
  27. Markus Grill und Elena Kuch: Operation am offenen Geldbeutel. In: www.ndr.de. NDR, 27. November 2018, abgerufen am 10. Februar 2019.
  28. MEZIS, CME-Arbeitsgruppe: Omniawatch-Analyse. (Nicht mehr online verfügbar.) MEZIS e.V., 2018, ehemals im Original; abgerufen am 10. Februar 2019.@1@2Vorlage:Toter Link/www.mezis.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  29. Medizin: Das umstrittene Geschäft mit Ärztefortbildungen. Abgerufen am 10. Februar 2019.
  30. Deutscher Ärzteverlag GmbH, Redaktion Deutsches Ärzteblatt: Interessenkonflikte: Ärger um CME-Zertifizierung. 8. August 2018, abgerufen am 10. Februar 2019.
  31. Sebastian Carlens: Punkten für Bayer. 10. August 2018, abgerufen am 10. Februar 2019.
  32. Hanno Charisius: Behörde verweigert Zertifikat für umstrittene Ärztefortbildung. In: sueddeutsche.de. 13. August 2018, ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 10. Februar 2019]).
  33. a b Sebastian Carlens: Deckmantel für Pharmalobby. 9. Februar 2019, abgerufen am 10. Februar 2019.
  34. ende Geschäftsstätigkeit Deutschland. In: OmniaMed. Abgerufen am 27. Juli 2019.