Maßnahmen gegen das Rauchen im NS-Staat

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Rauchende deutsche Fallschirmjäger (1943)

Nachdem deutsche Ärzte als erste den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs erkannt hatten,[1] wurde im Deutschen Reich die weltweit erste öffentliche Anti-Tabak-Kampagne initiiert.[2]

Anti-Tabak-Bewegungen entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts in vielen Ländern,[3][4] hatten aber mit Ausnahme Deutschlands, wo die Kampagne von der Regierung unterstützt wurde, wenig Erfolg.[3] Die Bewegung gegen das Rauchen in Deutschland war in den 1930ern und 1940ern die stärkste der Welt.[5] Die nationalsozialistische Führung missbilligte den Tabakkonsum[6] und mehrere Mitglieder kritisierten öffentlich den Konsum von Tabak.[5] Untersuchungen der Wirkung des Rauchens auf die Gesundheit wurden zur Zeit des Nationalsozialismus gefördert[7] und waren zu der Zeit die bedeutendsten ihrer Art.[8] Adolf Hitlers persönliche Ablehnung des Rauchens[9] und die nationalsozialistische Rassenhygiene gehörten zu den Gründen der Kampagne gegen das Rauchen. Die Kampagne stand in Verbindung mit Antisemitismus und Rassismus.[10]

Sie schloss Rauchverbote in Straßenbahnen, Bussen und S-Bahnen ein.[5] Des Weiteren wurden die Gesundheitserziehung gefördert,[11] Zigarettenrationen in der Wehrmacht beschränkt, Vorträge zur Gesundheit für Soldaten eingeführt und die Tabaksteuer erhöht.[5] Die Nationalsozialisten verhängten zudem Beschränkungen bei der Tabakwerbung und beim Rauchen im öffentlichen Raum und in Restaurants und Cafés.[5]

Zigarettenverbrauch pro Kopf
und Jahr in Deutschland und den USA[9]
Jahr
1930 1935 1940 1944
Deutschland 490 510 1022 743
USA 1485 1564 1976 3039

Die Kampagne war in den ersten Jahren des Regimes nicht erfolgreich. So stieg der Tabakkonsum in den Jahren von 1933 bis 1939,[9] jedoch verringerte sich der Tabakkonsum im Militär in den Jahren von 1939 bis 1945.[8] Selbst zum Ende des 20. Jahrhunderts erreichte die Anti-Tabak-Bewegung im Nachkriegsdeutschland nicht den Einfluss, den sie zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland hatte.[9]

Forschungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Untersuchungen und Studien des Einflusses von Tabak auf die Volksgesundheit waren zur Zeit der Machtergreifung Adolf Hitlers in Deutschland fortgeschrittener als in anderen Ländern.[5] Der Zusammenhang zwischen Lungenkrebs und dem Rauchen von Tabak wurde zuerst in Deutschland nachgewiesen.[9][12] Der Begriff des Passivrauchens wurde in Deutschland geprägt.[13] Die durch die Nationalsozialisten finanzierten Forschungsprojekte offenbarten viele schädliche Auswirkungen des Rauchens.[14]

Dabei unterstützten die Nationalsozialisten epidemiologische Forschungen zur Untersuchung der Wirkungen des Tabaks auf die Gesundheit.[2] Hitler persönlich unterstützte das Wissenschaftliche Institut zur Erforschung der Tabakgefahren der Friedrich-Schiller-Universität Jena unter der Leitung des Rasseforschers Karl Astel.[8][9] 1941 gegründet, war es das bedeutendste Institut Deutschlands bei der Erforschung der Gefahren des Rauchens.[9]

Franz Hermann Müller und Dietrich Eberhard Schairer[15] benutzten 1943 als erste epidemiologische Fall-Kontroll-Studien, um Lungenkrebs bei Rauchern zu untersuchen.[8] 1939 veröffentlichte Müller in der Zeitschrift für Krebsforschung einen Bericht über die Studie, dass Lungenkrebs unter Rauchern verbreiteter ist.[16] Müllers Studie von 1939, seine Dissertation, gilt als die weltweit erste epidemiologische Kontroll-Studie zur Beziehung zwischen Tabakkonsum und Lungenkrebs. Müller betonte, neben Lungenkrebsursachen wie Staub, Autoabgasen, Tuberkulose, Röntgenstrahlen und Fabrikabgasen sei „die Bedeutung des Tabakrauchens immer mehr in den Vordergrund gerückt“.[16]

Ärzten des Dritten Reichs war es bewusst, dass Kardiomyopathie die schwerwiegendste durch Rauchen verursachte Krankheit ist. Tabakgenuss wurde manchmal zudem für die zunehmenden Myokardinfarkte in Deutschland verantwortlich gemacht. In späteren Kriegsjahren sahen die Forscher Nikotin als eine Ursache hinter dem Herzversagen, unter dem eine nicht unbedeutende Anzahl an Soldaten der Ostfront litt. Ein Pathologe des Heeres erkannte bei 32 jungen Soldaten Myokardinfarkte als Todesursache und dokumentierte in einem Bericht von 1944, dass alle von ihnen enthusiastische Raucher waren. Er verwies dabei auf die Meinung des Pathologen Franz Büchner, Zigaretten seien ein „Koronargift ersten Ranges“.[9][17]

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zigarettenschwarzmarkt 1949 in Berlin

Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches am Ende des Zweiten Weltkriegs traten amerikanische Zigarettenmarken schnell auf dem deutschen Schwarzmarkt der Nachkriegszeit auf. Das Schmuggeln von Tabak war weit verbreitet.[9] 1949 gelangten illegal rund 400 Millionen Zigaretten monatlich aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland. 1954 wurden fast zwei Milliarden Schweizer Zigaretten nach Deutschland und Italien geschmuggelt.

Als Teil des Marshallplans sandte die USA kostenlosen Tabak nach Deutschland. Die Tabakmenge, die nach Deutschland geliefert wurde, betrug 1948 24.000 Tonnen und 1949 69.000 Tonnen. Dabei profitierten die amerikanischen Zigarettenhersteller auch durch die hierbei von der Bundesregierung der Vereinigten Staaten ausgegebenen 70 Millionen Dollar.[9]

Der jährliche Prokopfverbrauch in Deutschland stieg von 460 Zigaretten im Jahr 1950 auf 1532 im Jahr 1963.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • E. Bachinger, M. McKee: Tobacco policies in Austria during the Third Reich. In: The International Journal of Tuberculosis and Lung Disease. Band 11, Nr. 9, 2007, ISSN 1027-3719, S. 1033–1037, PMID 17705984 (ingentaconnect.com).
  • Alexander Brooks: Guest Column: Forward to the Past. In: The Daily Californian. Januar 1996.
  • Richard Doll: Commentary: Lung cancer and tobacco consumption. In: International Journal of Epidemiology. Band 30, Nr. 1, 2001, ISSN 1464-3685, S. 30–31, doi:10.1093/ije/30.1.30.
  • Knut-Olaf Haustein: Fritz Lickint (1898–1960) – Ein Leben als Aufklärer über die Gefahren des Tabaks, Suchtmedizin in Forschung und Praxis. In: Suchtmed. 6, Nr. 3, 2004, S. 249–255 (ecomed-medizin.de).
  • Robert N. Proctor: Why did the Nazis have the world’s most aggressive anti-cancer campaign? In: Endeavour. Band 23, Nr. 2, 1999, ISSN 0160-9327, S. 76–79, doi:10.1016/S0160-9327(99)01209-0, PMID 10451929.
  • Robert N. Proctor: Racial Hygiene. Medicine under the Nazis. Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts) / London 1988, ISBN 0-674-74578-7.
  • Robert N. Proctor: Blitzkrieg gegen den Krebs. Gesundheit und Propaganda im Dritten Reich. Klett-Cotta, Stuttgart 2002.
  • Francis R. Nicosia, Jonathan Huener: Medicine and Medical Ethics in Nazi Germany. Berghahn Books, 2002, ISBN 1-57181-386-1.
  • Wendao Liang: Die Anti-Raucher-Partei NSDAP (eine Übersetzung aus dem Chinesischen), In: Gesunder Menschenverstand. Guangxi Normal University Press, Guilin 2009, S. 210–211.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. A. H. Roffo: Krebserzeugende Tabakwirkung (PDF; 2,8 MB) J. F. Lehmanns Verlag, Berlin. 8. Januar 1940. Abgerufen am 13. September 2009.
  2. a b Young, T. Kue: Population Health: Concepts and Methods. Oxford University Press, 2005, S. 252.
  3. a b Richard Doll: Uncovering the effects of smoking: historical perspective. In: Statistical Methods in Medical Research. Band 7, Nr. 2, Juni 1998, ISSN 0962-2802, S. 87–117, doi:10.1177/096228029800700202, PMID 9654637 (englisch): “Societies were formed to discourage smoking at the beginning of the century in several countries, but they had little success except in Germany where they were officially supported by the government after the Nazis seized power. Efforts outside of Germany were hampered by the backlash against NAZI Germany who’s anti-Semitic ideology alienated other European countries as well as most of the rest of the world”
  4. Gene Borio (1993–2001): Tobacco Timeline: The Twentieth Century 1900–1950--The Rise of the Cigarette, abgerufen am 15. November 2008.
  5. a b c d e f Robert N. Proctor: The anti-tobacco campaign of the Nazis: a little known aspect of public health in Germany, 1933–45. In: British Medical Journal. Band 313, Nr. 7070, Dezember 1996, ISSN 0959-8138, S. 1450–1453, PMID 8973234, PMC 2352989 (freier Volltext).
  6. William F. Bynum, Anne Hardy, Stephen Jacyna, Christopher Lawrence, E. M. Tansey: The Western Medical Tradition 1800–2000. Cambridge University Press, New York, NY 2006, ISBN 0-521-47524-4.
  7. Robert N. Proctor: Nazi Medicine and Public Health Policy. Dimensions, Anti-Defamation League, 1996 adl.org, abgerufen am 1. Juni 2008.
  8. a b c d George Norman Clark, A. M. Cooke, Asa Briggs: A History of the Royal College of Physicians of London. Clarendon Press for the Royal College of Physicians, Oxford 1964, ISBN 0-19-920031-9.
  9. a b c d e f g h i j Robert Proctor: The Nazi war on cancer. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 2000, ISBN 0-691-07051-2.
  10. George Davey Smith: Lifestyle, health, and health promotion in Nazi Germany. In: BMJ : British Medical Journal. Band 329, Nr. 7480, Dezember 2004, ISSN 0959-8138, S. 1424–1425, doi:10.1136/bmj.329.7480.1424, PMID 15604167, PMC 535959 (freier Volltext).
  11. Sander L. Gilman, Xun Zhou: Smoke: A Global History of Smoking. Reaktion Books, London 2004, ISBN 1-86189-200-4.
  12. Johan P. Mackenbach: Odol, Autobahne and a non-smoking Führer: reflections on the innocence of public health. In: International Journal of Epidemiology. Band 34, Nr. 3, Juni 2005, ISSN 0300-5771, S. 537–539, doi:10.1093/ije/dyi039, PMID 15746205.
  13. Margit Szöllösi-Janze: Science in the Third Reich. Berg Publishers, Oxford 2001, ISBN 0-585-43546-4.
  14. W. Timothy Coombs, Sherry J. Holladay: It’s not just PR. Public relations in society. Blackwell Publishing, Malden, MA 2006, ISBN 1-4051-4405-X.
  15. Hans Ulrich Schairer: Commentary: In memoriam of my father, Prof. Dr. med. Dietrich Eberhard Schairer. In: International Journal of Epidemiology. Band 30, Nr. 1, 28. Januar 2001, ISSN 1464-3685, S. 28–29, doi:10.1093/ije/30.1.28 (Nachruf).
  16. a b Franz Hermann Müller: Tabakmißbrauch und Lungencarcinom. In: Zeitschrift für Krebsforschung. Band 49, Nr. 1, 1940, S. 57–85, Hier S. 57, doi:10.1007/BF01633114.
  17. Waldemar Hort (Hrsg.): Pathologie des Endokard, der Kranzarterien und des Myokard. Springer 2000, S. 327 (books.google.de).