Ma Anand Sheela

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Sheela (Mitte) am Cabaret Voltaire 2008

Ma Anand Sheela (* 28. Dezember 1949[1] in Baroda, Indien) war von 1981 bis 1985 die Sekretärin, Sprecherin und „rechte Hand“ des Gurus Bhagwan Shree Rajneesh. Heute lebt sie als Sheela Birnstiel in der Schweiz.

Jugend – bis 1980[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sheela wurde 1949 als Ambalala Patel Sheela in der indischen Stadt Baroda geboren und wuchs dort auf. Kurz vor ihrem Uni-Studium in den USA lernte sie Bhagwan Shree Rajneesh kennen, und nach ihrer Rückkehr nach Indien im Jahr 1972 begann ihre Karriere an der Seite von Bhagwan. Etwas später kehrte sie in die USA zurück, heiratete einen Amerikaner und hieß danach Sheela Silverman.

Rajneeshpuram – 1981 bis 1985[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 10. Juli 1981 kaufte Sheela als Präsidentin der Rajneesh Foundation International die 25.600 ha große Big Muddy Ranch in Zentral-Oregon nahe dem Dorf Antelope und diese wurde in Rancho Rajneesh umbenannt. Antelope hatte zu diesem Zeitpunkt 47 Einwohner. Bhagwan zog im August in die Kommune (Ashram) und Sheela wurde deren Leiterin.

Innerhalb kurzer Zeit wuchs die Siedlung Rajneeshpuram, wie sie offiziell genannt wurde, an (1983: 1.500 Einwohner, 1985: 3.000 Einwohner). Die rot gekleideten Bhagwananhänger, Sannyasins genannt, verwandelten das karge Wüstenland in fruchtbares Ackerland. Die Stadt bekam eine eigene Post, Schule, Feuer- und Polizeiabteilung, Einkaufszentren, Restaurants und ein öffentliches Transportsystem mit 85 Bussen. Ihr Wasserspeicher mit einem Fassungsvermögen von 1,323 Milliarden Liter gewann einen Preis wegen seiner innovativen, umweltschonenden Konstruktion, und ein eigenes Kraftwerk versorgte die Stadt mit dem benötigten Strom.

Sheela, jetzt als Ma Anand Sheela bekannt, führte zusammen mit ihrem weiblichen Zirkel die Kommune autoritär. Sie führte die Religion Rajneeshismus ein und begann sich als Hohepriesterin zu kleiden. Da sich Bhagwan seit seiner Einreise in die USA in einer Stillen Zeit befand und nicht sprach, wurde dies als sein Einverständnis zum Wandel der Bewegung empfunden. Ab 1984 trug Sheela papstähnliche Roben.

Der Erfolg und die Expansion der Stadt rief Kritiker auf den Plan, und lokaler Widerstand entstand. Im Jahre 1982 gelang es Sheela, die Gemeinderatswahlen in Antelope zu beeinflussen. Mit der entstandenen Stimmenmehrheit wurde Antelope 1984 in Rajneesh umbenannt.

Im selben Jahr gab es erneut Wahlbeeinflussungen, als Sheela Obdachlose in Wasco County ansiedelte. Mit diesen Stimmen errangen die Sannyasins bei den Wahlen in die Wasco County Commission zwei Sitze.

Im September 1984 stiftete Ma Anand Sheela eine ihrer Gruppen zu einem Anschlag an, bei dem in verschiedenen Restaurants des Städtchens The Dalles die Salatbars mit Salmonellen verseucht wurden und 751 Einwohner erkrankten. Es gab keine Todesopfer, aber 47 Personen mussten stationär behandelt werden. Der Anschlag gilt als erster Bioterror-Anschlag des 20. Jahrhunderts.[2] Er diente als Test für die Novemberwahlen 1984, bei denen die Landräte in Wasco County neu bestimmt werden sollten.

Im Mai 1985 berief Sheela ein Treffen des Führungskreises ein, um die Ermordung von Charles Turner, dem U.S. Justizminister für Oregon, der Ermittlungen gegen die Gruppe leitete, zu planen. Der Plan wurde aber nie ausgeführt.[3]

Trennung von Bhagwan und Haft – 1985 bis 1988[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 12. September 1985 trennte sich Sheela von ihrem spirituellen Meister und reiste einen Tag später aus den USA nach Europa; daraufhin folgten ihr auch weitere Mitglieder des harten Kerns. Am 15. September beschuldigte Bhagwan sie der Brandstiftung, des Abhörens, des versuchten Mordes und der Massenvergiftung. Die Untersuchungsbehörden fanden darauf in Sheelas Wohnung Abhöranlagen und Bioterror-Versuchseinrichtungen.

Am 28. Oktober 1985 wurde Sheela in der Bundesrepublik Deutschland verhaftet und nach Oregon überführt. Anfang 1986 wurde sie zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Am 13. Dezember 1988, nach 29 Monaten Gefängnis in Pleasanton (Kalifornien), wurde sie wegen guter Führung entlassen und reiste unverzüglich in die Schweiz.

Im Oktober 1985 brach die Kommune Rajneeshpuram zusammen; Bhagwan wurde verhaftet, wegen falscher Aussagen gegenüber den Einwanderungsbehörden[4] verurteilt und aus den USA ausgewiesen. Die meisten Anhänger verließen fluchtartig die Siedlung. Seit November 1985 heißt das Dorf Rajneesh wieder Antelope und zählt 60 Einwohner.

Rajneeshpuram wurde eine moderne Geisterstadt. Am 2. Dezember 1988 wurde die Ranch zwangsversteigert, und eine Versicherung bezahlte für sie 4,5 Millionen Dollar. Ein Farmer kaufte darauf die ehemalige Big Muddy Ranch und vermachte sie später einem christlichen Jugendcamp, das sie in Young Life’s Washington Family Ranch umbenannte und seither als Sommercamp nutzt.

Schweiz – 1988 bis heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Schweiz heiratete Sheela einen Schweizer Sannyasin, bekam den Schweizer Pass und heisst nun Sheela Birnstiel. Sheela durfte aber die Schweiz nicht verlassen, da im Zusammenhang mit der Verschwörung zum Mord an Charles Turner ein Haftbefehl von Interpol gegen sie bestand. Im Jahr 1994 wurden die beiden britischen Frauen Sally-Anne Croft und Susan Hagen in die USA deportiert und dort für ihre Beteiligung an der Verschwörung verurteilt. Sheela konnte nicht ausgeliefert werden, da sie Schweizer Staatsbürgerin ist, aber die Schweizer Behörden übernahmen den Fall. Ein Schweizer Gericht verurteilte sie darauf im Februar 1999 ebenfalls wegen Verschwörung zum Mord, sie musste aber keine Strafe antreten, da das Gericht diese als bereits abgesessen betrachtete. Im Januar 2000 wurde Sheela aufgrund des Haftbefehls von Interpol nach einer Fernsehshow in Frankfurt am Main verhaftet, aber nach drei Stunden wieder freigelassen. Die US-Behörden hatten versäumt, nach ihrer Verurteilung in der Schweiz den Haftbefehl aufzuheben.[5]

Heute führt Sheela in Maisprach und Waldenburg zwei Wohnheime für Betagte und Behinderte.[6] Anfängliche Befürchtungen, sie könnte die Lehren Bhagwans in die Wohnheime bringen, haben sich nicht bestätigt.

1996 veröffentlichte sie ein Buch mit dem Titel Tötet ihn nicht! (Walter Schinagl, München; ISBN 3-9805246-0-4). Darin schildert sie, wie sie Bhagwan kennen und lieben lernte und wie die Ereignisse in den USA aus ihrer Sicht abliefen. Sie bezeichnet sich darin als treue Schülerin Bhagwans.[7] Als Interviewpartnerin sowie Zeitzeugin nimmt sie darüber hinaus in der Dokumentarserie Wild Wild Country aus dem Jahr 2018 eine zentrale Rolle ein. Im Mittelpunkt der sechsteiligen Netflix-Serie stehen das Kommuneprojekt Rajneeshpuram in Oregon, welches Sheela von 1981 bis 1985 leitete.[8]

Im Jahre 2008 arbeitete Sheela gemeinsam mit David Woodard und Christian Kracht an einer Kunstausstellung am Zürcher Cabaret Voltaire.[9][10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Max Brecher: A Passage to America. A radically new look at Bhagwan Shree Rajneesh and a controversial American commune. Book Quest Publishers, Bombay 1993.
  • Lewis F. Carter: Charisma and Control in Rajneeshpuram. Cambridge University Press, 1990 ISBN 0-521-38554-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sheela uses words as weapons in bid to serve Rajneesh (part 8 of 20). In: The Oregonian, Oregon Live, 7. Juli 1985. 
  2. Some Medical Puzzles Lead to Dark, and Criminal, Minds, New York Times, August 12, 1997
  3. Lewis F. Carter, Charisma and Control in Rajneeshpuram, 1990, S. 222
  4. Lewis F. Carter, Charisma and Control in Rajneeshpuram, 1990, S. 237
  5. Indian guru follower Anand Sheela arrested after German TV show (Memento des Originals vom 24. Dezember 2005 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.rickross.com, The Oregonian, 22. Januar 2000
  6. [1]
  7. Sheela, Tötet ihn nicht!, 1996, S. 240
  8. Dokuserie „Wild Wild Country“: Eine Geschichte, die in den Schulbüchern stehen sollte. Kolja Haaf, Süddeutsche Zeitung, 13. April 2018
  9. Cabaret Voltaire, Dreamachine: David Woodard, Sheela Birnstiel, Christian Kracht (Memento des Originals vom 12. August 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.cabaretvoltaire.ch, 2. Mai - 24. August, 2008.
  10. Obleser, J., „Spiralen einer Erinnerung: Ankündigung David Woodard, Christian Kracht, Ma Anand Sheela“, Wall of Time, 25. April 2008.