Magdalenenhochwasser

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Dieser Artikel beschreibt das Julihochwasser in Mitteleuropa im Jahr 1342. Für das gleichnamige Julihochwasser im Jahr 1480 an Rhein und Aare siehe Magdalenenhochwasser 1480.

Das Magdalenenhochwasser war eine verheerende Überschwemmungskatastrophe, die im Juli 1342 das Umland zahlreicher Flüsse Mitteleuropas heimsuchte. Die Bezeichnung geht auf die damals übliche Benennung der Tage nach dem Heiligenkalender zurück, hier auf den St.-Magdalenentag am 22. Juli. Bei diesem Ereignis wurden an vielen Flüssen die höchsten jemals registrierten Wasserstände erreicht. Möglicherweise handelt es sich um das schlimmste Hochwasser des gesamten 2. Jahrtausends im mitteleuropäischen Binnenland.[1][2]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hochwassermarke am Packhof in Hann. Münden, am Zusammenfluss von Werra und Fulda zur Weser. Die höchste Markierung zum 24. Juli 1342 ist der Pegelstand des Magdalenenhochwassers.

Wie bei anderen extremen Hochwasserereignissen, beispielsweise dem Oderhochwasser 1997, dem Elbehochwasser 2002 oder dem Hochwasser in Mitteleuropa 2013, wurde die Flut wahrscheinlich durch eine Vb-Wetterlage ausgelöst.[3] Nach einem kalten, schneereichen Winter hatte die Schneeschmelze im Februar bereits ein erstes Hochwasser bewirkt, das in Prag unter anderem die Judithbrücke, die Vorläuferin der Karlsbrücke, zerstört hatte. Nach einem feuchten Frühsommer, der für konstant hohe Pegelstände der Flüsse sorgte, ließ dann eine Hitzewelle im Juli die Böden austrocknen, so dass sie kaum Wasser aufnehmen konnten. Dann zog etwa vom 19. bis zum 22. Juli ein Regengebiet vom Südosten kommend in nordwestlicher Richtung über Deutschland hinweg, das weiten Gebieten große Niederschlagsmengen brachte. Im Einzugsgebiet des Mains traten hierbei Niederschlagsmengen von durchschnittlich mindestens 175 mm, verteilt über vier Tage, auf.

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für das Rhein-Main-Gebiet ist der Verlauf des Hochwassers aus zeitgenössischen Quellen sowie aus heutigen Modellrechnungen erschließbar. Aus dem für Frankfurt überlieferten Pegelstand von 7,85 Meter[4] lässt sich beispielsweise für den Main ein Höchstabfluss von 3700 m³/s bis 4000 m³/s errechnen. Das ist fast doppelt so viel wie beim Hochwasser vom Januar 1995. Der Hochwasserscheitel dauerte in Frankfurt etwa drei bis vier Tage. Modellrechnungen zufolge erreichte der Abfluss erst nach etwa vier Wochen wieder normale Werte.

Für Würzburg wurde ein Abfluss von 3000 bis 3600 m³/s errechnet, wobei die Einflüsse durch den Einstau der eingestürzten Brücke schwer abzuschätzen sind.[5][6] Die Höhe der Flut wurde mangels Hochwassermarken durch historische Beschreibungen („In der Stadt Würzburg trat der Strom bis an die erste steinerne Säule an den Domgreden“) ermittelt.

Fast alle großen Hochwasser an den Flüssen Rhein, Main und Donau treten im Winterhalbjahr zwischen 1. November und 30. April auf, wenn durch Schneeschmelze und Bodenversiegelung durch Frost die zu bewältigenden Abflussmengen noch verschärft werden. Das Magdalenenhochwasser ist auch in dieser Hinsicht eine Ausnahme, die man mit statistischen Methoden nicht mehr erfassen kann. Die Abflussmaxima entsprechen etwa einem statistischen Wiederkehrwert von 10.000 Jahren (HQ10 000).

Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Betroffen waren unter anderem Rhein, Main, Donau, Mosel, Moldau, Elbe, Weser, Werra und Unstrut. Alleine in der Donauregion starben über 6000 Menschen.[7] Das Hochwasser wird in den Chroniken zahlreicher Städte erwähnt, so in Würzburg, Frankfurt am Main, Mainz, Köln, Regensburg, Passau und Wien. Fast alle Brücken wurden damals zerstört, Flussläufe änderten sich. In Bamberg riss die Regnitz eine „Brücke mit Turm“ ein. Im Solling wurde das Dorf Winnefeld zerstört. Die Stadt Duisburg entwickelte sich aufgrund der durch das Hochwasser hervorgerufenen Verlandung des Altrheinarms von einer blühenden Handelsstadt zu einer unscheinbaren Ackerbürgerstadt. Die topographischen Konsequenzen des Hochwassers können heute noch nachgewiesen werden. Die Masse des erodierten Bodenmaterials betrug ca. 13 Milliarden Tonnen.[3] Das entspricht etwa der Menge, die bei normalen Wetterbedingungen in 2000 Jahren verloren geht.[7]

In den Jahren nach dem Magdalenenhochwasser folgten kalte und nasse Sommer, die in Verbindung mit dem wegerodierten Boden zu Ernteeinbußen führten. In deren Folge kam es zu massiven Hungersnöten, welche die Auswirkungen der in den Jahren 1347 bis 1353 grassierenden großen europäischen Pestepidemie zusätzlich verschlimmerten.[8] Auch außerhalb der Regionen, in denen Hochwasser nachweisbar ist, ergeben sich Hinweise auf Starkregen und Bodenerosion, so am Mittleren Neckar.[9]

Aus den Chroniken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Am dritten Tag vor Maria Magdalena biß auf ihren tag ist der Meyn so groß gewesen, daß das waßer ganz und gar umb Sachsenhausen ist gangen und zu Frankfurt in alle kirchen und gaßen“

Frankfurt am Main

„[wo im Dom] das Wasser einem Mann bis zum Gürtel stand“

Mainz

„In diesem Sommer war eine so große Überschwemmung der Gewässer durch den ganzen Erdkreis unserer Zone, die nicht durch Regengüsse entstand, sondern es schien, als ob das Wasser von überall her hervorsprudelte, sogar aus den Gipfeln der Berge […], und über die Mauern der Stadt Köln fuhr man mit Kähnen […], Donau, Rhein und Main trugen Türme, sehr feste Stadtmauern, Brücken, Häuser und die Bollwerke der Städte davon, und die Schleusen des Himmels waren offen, und es fiel Regen auf die Erde wie im 600. Jahre von Noahs Leben […], ereignete es sich in Würzburg, daß dort der Main mit Gewalt die Brücke zertrümmerte und viele Menschen zwang, ihre Behausungen zu verlassen.“

Curt Weikinn

„Am Maria Magdalenatag und am folgenden Tag fiel ein außerordentlicher Wolkenbruch, welcher den Mainstrom so sehr anschwellte, daß der selbe allenthalben weit aus seinem Bette trat, Äcker und Weingärten zerstörte und viele Häuser samt Bewohner fortriß. Auch die Brücke in Würzburg sowie die Brücken anderer Mainstädte wurden durch die Wuth des Gewässers zertrümmert. In der Stadt Würzburg trat der Strom bis an die erste steinerne Säule an den Domgreden.“

zitiert für Würzburg[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Maike Gauger: Hochwasser und ihre Folgen am Beispiel der Magdalenenflut 1342 in Hann. Münden. In: Bernd Herrmann, Ulrike Kruse (Hrsg.): Schauplätze und Themen der Umweltgeschichte: Umwelthistorische Miszellen aus dem Graduiertenkolleg Werkstattbericht. Universitätsverlag, Göttingen 2010, ISBN 978-3-941875-63-0, S. 95–106 (PDF, 7,9 MB [abgerufen am 15. Februar 2011]).
  • Hans-Rudolf Bork, u. a.: Spuren des tausendjährigen Niederschlags von 1342. In: Landschaften der Erde unter dem Einfluss des Menschen. Primus, Darmstadt 2006, ISBN 978-3-89678-584-8, S. 115–120 (Archäologische Nachweise zu den Auswirkungen des Magdalenenhochwassers).
  • Curt Weikinn: Quellentexte zur Witterungsgeschichte Europas von der Zeitwende bis zum Jahr 1850. Hydrographie Teil 1 (Zeitwende-1500). Akademie Verlag, Berlin 1958.
  • Rüdiger Glaser: Klimageschichte Mitteleuropas: 1000 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen. Primus, 2001, ISBN 3-89678-405-6.
  • Gerd Tetzlaff, Michael Börngen, Manfred Mudelsee, Armin Raabe: Das Jahrtausendhochwasser von 1342 am Main aus meteorologisch-hydrologischer Sicht. In: Wasser&Boden. Band 54, Oktober 2002, S. 41–49.
  • Hans-Rudolf Bork, Hans-Peter Piorr: Integrierte Konzepte zum Schutz und zur dauerhaft-naturverträglichen Entwicklung mitteleuropäischer Landschaften – Chancen und Risiken, dargestellt am Beispiel des Boden- und Gewässerschutzes. In: Karl-Heinz Erdmann, Thomas J. Mager (Hrsg.): Innovative Ansätze zum Schutz der Natur: Visionen für die Zukunft. Springer, 2000, ISBN 978-3-540-66667-7, S. 69–74 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche [abgerufen am 15. Februar 2011]).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Daniel Lingenhöhl: Deutschlands Jahrtausendflut. ZEIT, 17. Juni 2013, abgerufen am 21. Februar 2015.
  2. Hans-Rudolf Bork et al: Spuren des tausendjährigen Niederschlags von 1342 - Landschaften der Erde unter dem Einfluss des Menschen. Hrsg.: Hans-Rudolf Bork. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 978-3-534-17514-7, S. 115–120.
  3. a b Hans-Rudolf Bork, Hans-Peter Piorr: Integrierte Konzepte zum Schutz und zur dauerhaft-naturverträglichen Entwicklung mitteleuropäischer Landschaften – Chancen und Risiken, dargestellt am Beispiel des Boden- und Gewässerschutzes. In: Karl-Heinz Erdmann, Thomas J. Mager (Hrsg.): Innovative Ansätze zum Schutz der Natur: Visionen für die Zukunft. Springer, 2000, ISBN 978-3-540-66667-7, S. 69–74, hier 71+72 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche [abgerufen am 15. Februar 2011]).
  4. Laut der Markierung am alten Fahrtor betrug der Wasserstand 25 Fuß rheinisch. Eine entsprechende Hochwassermarke ist heute am Eisernen Steg zu sehen. Nach einer lateinischen Inschrift in der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Weißfrauenkirche stand das Wasser dort sieben Schuh hoch, das entspricht etwa zwei Metern.
  5. Das Hochwasser von 1342 (Memento vom 12. März 2012 im Internet Archive) (PDF 164 KB)
  6. Wilhelm Handke, Johann Kendziora, Jürgen Beckmann: 175 Jahre Pegel Würzburg. Wasser und Schifffahrtsdirektion Süd, Würzburg 1999 (Nachweis http://stabikat.staatsbibliothek-berlin.de:8080/DB=1/LNG=DU/CLK?IKT=12&TRM=320350622).
  7. a b Das verflixte «Genua-Tief», Neue Zürcher Zeitung, 25. August 2005
  8. Jürg Luterbacher: Flutkatastrophen in Zentraleuropa - erlebte Geschichte und Szenarien für die Zukunft. In: Armine Wehdorn (Hrsg.): Bedrohte Museen: Naturkatastrophen - Diebstahl - Terror: Bodenseesymposium in Bregenz, 19. - 21.5.2003, internationales Symposium der ICOM-Nationalkomitees von Österreich, Deutschland, Schweiz. ICOM-Österreich, Wien 2004, ISBN 978-3-9501882-0-2, S. 10–15, insbesondere 13–14 (PDF, 425 KB (Memento vom 14. Dezember 2012 im Internet Archive) [abgerufen am 15. Februar 2011]).
  9. R. Schreg, Bodenerosion 1342 - ein Rechtsstreit in Esslingen. Archaeologik (19. Januar 2013)
  10. nach Umweltamt Würzburg