Magellan. Der Mann und seine Tat

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Fiktives Porträt Magellans. Kupferstich von Crispijn de Passe dem Älteren (1558), das in der Erstausgabe von Stefan Zweigs Magellan. Der Mann und seine Tat abgedruckt war. Umschrift: „Ferdinand Magellan, Entdecker der peruanischen Meerenge und des südlichen Landes.“ Unten: „Ich war Anführer einer Flotte im Namen des Lusitanischen Königs, durch das weite Meer zu den südlichen Landen geschickt: Und als es uns am meisten eine Insel schien, gelangten wir dennoch zu den nach unserem Namen benannten Meerengen. Auch das südliche Land selbst bewahrt nun Magellans Namen; aber es gingen Tausend darin zugrunde.“

Magellan. Der Mann und seine Tat ist ein biografischer Roman des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig. Der Roman erzählt das Leben des portugiesischen Ritters und Seefahrers Ferdinand Magellan, der 1519 bis 1521 eine spanische Expedition zu den Molukken befehligte. Ein Schiff dieser Expedition, die Victoria, vollbrachte 1522 die erste historisch belegte Umrundung der Erde. Zweig schrieb Magellan. Der Mann und seine Tat zwischen 1936 und 1937 im britischen Exil. Das Buch erschien 1938 im Verlag von Herbert Reichner in Wien. Es wurde mehrfach neu aufgelegt und in mehr als 30 Sprachen übersetzt.[1]

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Leben Ferdinand Magellans wird in diesem Buch nach dem archetypischen Schema einer Heldenfahrt erzählt.

Nach einer Einführung in die Geschichte des Gewürzhandels zwischen Europa und Asien und der Fahrten portugiesischer Schiffe nach Afrika und Indien betritt der Held die Bühne: Magellan ist einer von mehr als tausend „unbekannten Soldaten“, die 1505 unter Francisco de Almeida nach Indien in See stechen. Als er nach acht Jahren Militärdienst nach Portugal zurückkehrt, ist er „alles zugleich, Kriegsmann, Seemann, Kaufmann, Kenner der Menschen, der Länder, des Meeres und der Gestirne“. Heimgekehrt erhält Magellan Briefe von einem Freund, Francisco Serrão, der sich auf den Molukken niedergelassen hat. Serrão weiht Magellan in ein großes Geheimnis ein: Er enthüllt ihm den Reichtum und die genaue Lage der „märchenhaften Gewürzinseln“, die am östlichsten Rand der Welt liegen, so weit im Osten, dass man sie von Europa aus womöglich leichter erreicht, indem man nach Westen segelt. So vernimmt der Held den Ruf zu seiner persönlichen Mission. Das Märchenland des Orients auf westlicher statt östlicher Route zu erreichen, wird nun Magellans „Lebensidee“ und sein „Schicksal“. Dafür muss er aber erst den vielgesuchten „paso“ finden, „die mythische Meeresstraße“, die geheimen Karten zufolge vom Atlantischen in den Pazifischen Ozean führen soll. Hat Magellan diese Durchfahrt gefunden, dann steht ihm nicht nur der Weg zu den Molukken offen, sondern „die letzte, die schönste, die schwerste“ aller Aufgaben bevor: „auf ein und demselben Schiff den ganzen Erdball zu umrunden und damit gegen alle Kosmologen und Theologen der Vergangenheit die Rundform unserer Erde zu messen und zu erweisen“.

Magellan trägt seine Idee dem portugiesischen König Manuel I. vor, wird von ihm aber abgewiesen. Daraufhin kehrt er seinem Vaterland den Rücken und überschreitet im Oktober 1517 „den Rubikon seines Lebens“: die Grenze zu Spanien. Dort gewinnt er König Karl I. für seine Idee und erschafft sich gegen „tausend Widerstände“ eine Flotte. Das kommt einer „herkulischen Aufgabe“ gleich und dauert anderthalb Jahre.

Am 20. September 1519 stoßen Magellans fünf Schiffe vom Festland ab. Nach einem Zwischenstopp auf den Kanarischen Inseln überqueren sie den Atlantik und erreichen die Bucht von Guanabara, wo Magellan der Mannschaft nicht mehr als zwei Wochen Rast gönnt: „Eine geheime, brennende Ungeduld treibt den äußerlich so Unerschütterbaren ungestüm jenem 'paso' entgegen“. Doch die wochenlange Erkundung des Río de la Plata und weiter nach Süden entlang der Küste bleibt ergebnislos. Magellans „heiliger Glaube“ an die Existenz einer Durchfahrt nach Westen ist erschüttert, aber für ihn „gibt es kein Zurück mehr“.

Der Held führt die Flotte in einen natürlichen Hafen bei 49° 20' südlicher Breite und befiehlt der Mannschaft „Winterquartier zu halten“. Hier meutern einige Kapitäne, doch Magellan kann die Meuterei niederschlagen. Im Oktober 1520 lässt er die Suche fortsetzen, die ihn bis in die „Hadeswelt“ der amerikanischen Subantarktis führt. In „stygischen Gewässern“ findet er die Durchfahrt in den Pazifik, die „die Nachwelt … dankbar die Magellanstraße nennen“ wird. Doch erst nachdem der Held „einen neuen gewaltigen Ozean … als erster Mensch aller Zeiten glücklich durchfahren“ hat, „entdeckt sich“ Magellan „sein Königreich“: zwar nicht die Gewürzinseln, aber andere, nicht minder märchenhafte Eilande: „Herrlich ist die Landschaft, paradiesisch das Klima, freundlich die Eingeborenen, die noch im goldenen Zeitalter leben, friedliebend, unbekümmert und faul.“ Hier, in der künftigen spanischen Kolonie der Philippinen, erkennt Magellan, dass er „das Eigentliche seiner Tat“ vollendet hat: „Was die Weisesten vermuteten seit tausenden Jahren, was die Gelehrten träumten, nun ist es durch den Mut eines einzelnen Gewissheit geworden: rund ist die Erde.“

Nachdem Magellan „prometheisch der Erde das letzte Geheimnis“ entrissen hat, muss er wie Prometheus für seine Heldentat büßen. Der „größte Seefahrer der Geschichte“ – er „wird gefällt durch ein lächerliches Menscheninsekt Silapulapu“, „durch einen … braunen Lümmel, der keine ungeflickte Matte in seiner dreckigen Hütte hat“: den „Häuptling“ einer „nackten Insulanerhorde“. Magellans Leichnam bleibt in der Gewalt der „jämmerlichen Wilden“, „verschollen ist sein Grab und geheimnisvoll im Unbekannten die Spur des Mannes verloren, der dem unendlichen Ozean … sein letztes Geheimnis abgerungen.“ Der Held hat sein Königreich verloren, keine Nachkommen werden ihn beerben. Ein anderer wird die Erdumrundung auf dem letzten von Magellans Schiffen vollenden, andere „raffen den Gewinn, … feiern die Feste.“ Doch dem Helden winkt die Apotheose: Mit seiner „unsterblichen Tat“ hat Magellan sich „ewigen Ruhm“ erworben. Die „ganze Menschheit“ hat „ihm ein Erbe zu danken.“

Historischer Gehalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Einleitung zu Magellan. Der Mann und seine Tat erklärt der Autor, Magellans Heldenfahrt „nach allen erreichbaren Dokumenten möglichst der Wirklichkeit getreu“ dargestellt zu haben.[2] Das Buchmanuskript hatte Zweig vor der Veröffentlichung eigens durch den Wiener Geographie-Professor Eugen Oberhummer prüfen lassen.[3][4] Tatsächlich entspricht die äußere Handlung seines Magellan-Romans im Wesentlichen den historischen Fakten, soweit sie zur Zeit der Abfassung wissenschaftlich etabliert waren. Das gilt allerdings nicht für die Aussagen über die Psyche und das innere Drama des Helden, die im Roman breiten Raum einnehmen und als sein Leitmotiv gelten dürfen. Zweigs Magellan wird von der „Lebensidee“ getrieben, per Schiff die Erde zu umrunden. Doch in den erhaltenen Dokumenten aus der Planungsphase von Magellans Molukken-Expedition findet sich kein einziger Beleg dafür, dass Magellan jemals eine Weltumrundung im Sinn gehabt hätte.[5][6] Den historischen Quellen lässt sich auch nicht entnehmen, dass er die Kugelgestalt der Erde beweisen wollte, zumal diese seit der Antike – mit Ausnahme nur weniger spätantiker Autoren von geringem Einfluss – längst anerkannt war. Auch die altruistischen und humanistischen Motive, die Zweig seinem Helden mehrfach zuschreibt, lassen sich historisch nicht belegen.[6]

Ebenso könnte der Rassismus, der in Magellan. Der Mann und seine Tat an vielen Stellen durchscheint, als eigene Zutat des Autors angesehen werden.[7] Die Angehörigen außereuropäischer Kulturen, mit denen Magellan auf seiner Fahrt zusammentraf, stellt Zweig durchweg so dar, als stünden sie auf einer niedrigeren kulturellen und geistigen Entwicklungsstufe („die Feuerländer als kulturell völlig niedere Rasse“).[8] Indem er den Entwicklungsstufen Hautfarben zuweist („die braunen Naturkinder“ vs. „die weißen Götter“), verwendet Zweig einen rassistischen Code, der sich in den historischen Dokumenten und Augenzeugenberichten zu Magellans Expedition (noch) nicht findet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat. Wien: Reichner 1938. 370 S.; Ill., Kt.; 21 cm

Weitere Ausgaben auf Deutsch (Auswahl)[1][Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Magellan. Der Mann und seine Tat. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1953. 334 S.; Ill.
  • Magellan. Der Mann und seine Tat. Lizenzausgabe. Berlin/Darmstadt/Wien: Deutsche Buch-Gemeinschaft 1962. 260 S; Ill.
  • Magellan. Der Mann und seine Tat. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Hrsg. von Knut Beck. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1983. 315 S.; Ill., ISBN 3-10-097040-3
  • Magellan. Der Mann und seine Tat. Hrsg. von Knut Beck. Frankfurt am Main: FISCHER Taschenbuch 1983. 315 S. Ill., ISBN 978-3-596-25356-2
  • Magellan. Der Mann und seine Tat. Berlin: Suhrkamp-Insel Verlag 2013. 297 S., ISBN 978-3-458-79060-0
  • Magellan. Der Mann und seine Tat. Köln: Anaconda Verlag 2015. 382 S., ISBN 978-3-7306-0235-5

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Maria de Fátima Gil: Uma biografia «moderna» dos anos 30. Magellan. Der Mann und seine Tat de Stefan Zweig. Coimbra: MinervaCoimbra 2008. 425 S.; Ill.; 23 cm (port.)
  • Maria de Fátima Gil: Magellan im Kreis des Dämonischen. In: Stefan Zweig und das Dämonische. Hrsg. von Matjaž Birk u. Thomas Eicher. Würzburg: Königshausen und Neumann 2008, S. 115–121, ISBN 978-3-8260-3622-4
  • Helmut Koopmann: Geschichte, Mythos, Gleichnis: Die Antwort des Exils. In: Ästhetik der Geschichte. Hrsg. von Johann Holzner u. Wolfgang Wiesmüller. Innsbruck: Inst. für Germanistik an d. Univ. Innsbruck 1995, S. 77–98, ISBN 3-901064-16-8
  • Rüdiger Siebert: Magellan – Entdecker im Zwielicht. Spurensuche in Südostasien. Würzburg: Arena 1987, ISBN 3-401-01557-5
  • Hans-Christian Riechers: Gerechte Annexion? Kolumbus und Magellan im literarischen Urteil der Zwischenkriegszeit. In: Michaela Holdenried/Anna-Maria Post (Hrsg.): „Land in Sicht!“ Literarische Inszenierungen von Landnahmen und ihren Folgen. Berlin 2021. ISBN 978-3-503-19918-1

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Digitale Ausgabe von Magellan. Der Mann und seine Tat im Projekt Gutenberg-DE (abgerufen am 6. November 2020)
  • Magellan. Der Mann und seine Tat als PDF und EPUB auf literaturdownload.at (aufgerufen am 16. November 2020)
  • Digitalisat eines Notizbuchs von Stefan Zweig mit Vorarbeiten zu Magellan. Geisteswissenschaftliches Asset Management System (GAMS) der Karl-Franzens-Universität Graz. Original im Besitz des Literaturarchivs Salzburg (abgerufen am 6. November 2020)
  • Robert Wallisch: Magellans Reise zu den Molukken. Teacher's File. Edition Woldan Edu. Arbeiten zur mittel- und neulateinischen Philologie. Österreichische Akademie der Wissenschaften 2017 (abgerufen am 10. November 2020)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Stefan Zweig Bibliography. Abgerufen am 6. November 2020 (englisch).
  2. Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat. Hrsg.: Knut Beck. S. Fischer, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-596-25356-X, S. 10 f.
  3. Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat. Hrsg.: Knut Beck. S. Fischer, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-596-25356-X, Nachbemerkung des Herausgebers, S. 313.
  4. Stefan Zweig – Joseph Gregor: Correspondence 1921-1938. Hrsg.: Kenneth Birkin. Oniv. of Otago, Dunedin 1991, S. 286.
  5. Compañía General de Tabacos de Filipinas (Hrsg.): Colección general de documentos relativos a las Islas Filipinas existentes en el Archivo General de las Indias de Sevilla. 5 Bde. Barcelona 1918 (bne.es).
  6. a b Christian Jostmann: Magellan oder Die erste Umsegelung der Erde. 3. Auflage. C.H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-73443-4, S. 322.
  7. Bastian Spangenberg: ,Weltbürger‛ als Flüchtling. Stefan Zweig und der Verlust der „geistigen Heimat“. Masterarbeit. Wien 2016, S. 53 (univie.ac.at [PDF]).
  8. Maria de Fátima Gil: Uma biografia „moderna“ dos anos 30. Magellan. Der Mann und seine Tat de Stefan Zweig. CoimbraMinerva, Coimbra 2008, S. 284.