Magnus Brechtken

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Magnus Brechtken (* 21. März 1964 in Olsberg) ist ein deutscher Historiker. Er ist stellvertretender Direktor beim Institut für Zeitgeschichte in München und lehrt als außerplanmäßiger Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2017 legt er eine umfassende biografische Studie zu Albert Speer und der Rezeption seiner Lebenslegenden in der Nachkriegsepoche vor.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Brechtken studierte Geschichte, Politische Wissenschaften und Philosophie. Auf Anregung von Klaus Hildebrand wählte er den Madagaskarplan als Thema seiner Doktorarbeit. 1994 wurde er von der Universität Bonn promoviert. Brechtken habilitierte sich 2002 an der Universität München mit einer durch Horst Möller und Hans Günter Hockerts begleiteten Arbeit und wurde Privatdozent für Neuere und Neueste Geschichte. 2002 wurde er DAAD-Langzeitdozent für Deutsche Geschichte und Politik im Europäischen Kontext (19. und 20. Jahrhundert) an der Universität Nottingham. Von 2007 bis 2012 lehrte er als Associate Professor und Reader in Nottingham.

Seit 2012 ist Brechtken stellvertretender Direktor beim Institut für Zeitgeschichte in München und lehrt als außerplanmäßiger Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität.[1] Seine Hauptarbeitsgebiete und Forschungsschwerpunkte umfassen die Themengebiete Vorgeschichte und Geschichte des Nationalsozialismus, die Geschichte des Antisemitismus, die deutsch-britisch-amerikanische Beziehungen seit dem 19. Jahrhundert, die Bedeutung politische Memoiren für die Geschichtsschreibung sowie den internationalen Diskurs zur Verarbeitung der nationalsozialistischen Herrschaft seit 1945.

Speer-Biografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Brechtkens 2017 erschienene biografische Studie zu Albert Speer erfuhr eine breite, überwiegend positive Rezeption und erreichte im Juni 2017 Platz 8 der Spiegel-Bestsellerliste.[2] Sven Felix Kellerhoffs Rezension in der Welt zufolge ist es Brechtken in vorbildlicher Weise gelungen, den bis heute verbreiteten Lügen um Speers angebliche Rolle als von Verbrechen nichts wissender „guter Nazi“ seine Verbrechen, so als tatsächlich direkt Verantwortlicher für das Elend von Millionen Zwangsarbeitern, von denen Hunderttausende zu Tode kamen, gegenüberzustellen und Speers manipulative Nachkriegsdarstellungen zu erhellen.[3] Robert Probst vermisst in der Süddeutschen Zeitung zwar eine umfassendere Darstellung der Privatperson Speer, lobt aber die quellengesättigte Darstellung der Rolle Speers als überzeugter Nationalsozialist und Rüstungsminister, der gezielt und auf seinen eigenen Vorteil bedacht die Nähe Hitlers, aber auch Himmlers und Goebbels‘ gesucht habe.[4]

Rolf-Dieter Müller weist in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung darauf hin, dass Brechtken wenig über seine methodische Vorgehensweise mitteile und seine Biografie eventuell als „die späte Hinrichtung des Albert Speer in die historische Literatur eingehen“ wird. Er lässt aber keinen Zweifel daran, dass der Apparat von 300 Seiten Anmerkungen und Literatur der Studie der Qualität der Studie zu gute gekommen sei. Speers Selbstdarstellung nach 1945, er sei letztlich ein unpolitischer, an den Verbrechen des NS-Regimes nicht konkret mitwirkender Architekt und Technokrat gewesen, können als Nachkriegslegenden gezeigt werden, die im Widerspruch zu den Tatsachen stehen. Wie Probst in der SZ hebt auch Müller hervor, dass Brechtken mit viel Sachkenntnis die Vorgehensweisen der Speers Legendenbildungen befördernden Speer-Biografen Joachim C. Fest und Gitta Sereny vor Augen führe. Sie hätten für ihre Speer-Biografien Archive nicht konsultiert und so unkritisch dazu beigetragen, Speers „Fabeln“ zu kolportieren und ihnen literarische Qualität und Popularität zu verschaffen.[5]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

als Autor
  • „Madagaskar für die Juden.“ Antisemitische Idee und politische Praxis 1885–1945 . (= Studien zur Zeitgeschichte Bd. 53.) Oldenbourg, 2. Auflage München 1998, ISBN 3-486-56384-X (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Die nationalsozialistische Herrschaft 1933–1939. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004, ISBN 3-534-15157-7. (2. durchgesehene, bibliogr. aktualisierte Auflage 2012, ISBN 978-3-534-24892-6)
  • Scharnierzeit 1895–1907. Persönlichkeitsnetze und internationale Politik in den deutsch-britisch-amerikanischen Beziehungen vor dem Ersten Weltkrieg. Von Zabern, Mainz 2006, ISBN 978-3-8053-3397-9.
  • Albert Speer. Eine deutsche Karriere. Siedler, Berlin 2017, ISBN 978-3-8275-0040-3.[6]
als Herausgeber
  • mit Adolf M. Birke: Politikverdrossenheit. Der Parteienstaat in der historischen und gegenwärtigen Diskussion. Prinz-Albert-Studien; 12. München, Saur, 1995, ISBN 3-598-21412-X.
  • mit Adolf M. Birke: Kommunale Selbstverwaltung / Local Self-Government: Geschichte und Gegenwart im deutsch-britischen Vergleich. Prinz-Albert-Studien; 13. München, Saur, 1996. ISBN 978-3-598-21413-4.
  • mit Franz Bosbach: Politische Memoiren in deutscher und britischer Perspektive. München, Saur, 2005. ISBN 3-598-21423-5.
  • Life Writing and Political Memoir – Lebenszeugnisse und politische Memoiren. Verlag V&R unipress, Göttingen 2012, ISBN 978-3-89971-978-9.

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. LMU: Prof. Dr. Magnus Brechtken
  2. Spiegelbestseller. In: Der Spiegel Nr. 25 v. 17. Juni 2017, S. 122.
  3. Sven Felix Kellerhoff: Albert Speer. Der erfolgreichste Manipulator des Dritten Reiches. In: Die Welt, 31. Mai 2017.
  4. Robert Probst: Das Ende der Mythen um Albert Speer. In: Süddeutsche Zeitung, 1. Juni 2017.
  5. Rolf-Dieter Müller / FAZ.net 12. Juni 2017: Spätere Hinrichtung nicht ausgeschlossen ...
  6. Magnus Brechtken im Interview mit Stefan Reinecke zu seiner Speerbiografie: In TAZ am Wochenende, 17./18. Juni 2017. Historiker über Albert Speer. „Er tat alles für den Endsieg.“ Albert Speer stilisierte sich jahrzehntelang zum guten Nazi. TAZ-online-Ausgabe des Interviews am 22. Juni 2017.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]