Mahmud Darwisch

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Mahmud Darwisch (arabisch محمود درويش, DMG Maḥmūd Darwīš; * 13. März 1941 in al-Birwa, Palästina bei Akko; † 9. August 2008 in Houston, Texas) war ein palästinensischer Dichter, der als die poetische Stimme seines Volkes bezeichnet wurde.[1]

Mahmud Darwisch (2006)

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mahmud Darwisch stammte aus einer landbesitzenden Familie, seine Mutter hieß Hurriya und war die Tochter des ehemaligen Bürgermeisters des Nachbarortes. Er war der Zweitälteste und hatte drei Brüder und drei Schwestern. Darwisch flüchtete 1948 mit seiner Familie in den Libanon, wo die Familie zuerst in Jezzine, nach einigen Monaten jedoch in Damur lebte. Bald kehrte Mahmud Darwisch mit seiner Familie heimlich nach Palästina/Israel zurück. Da das Heimatdorf der Familie zerstört worden war und zwei Kibbuzim hatte weichen müssen, siedelte sich seine Familie im Dorf Dair al-Asad an. Ihr Leben als „illegale Eindringlinge“ war von Entwürdigungen geprägt.

Nach einer Protestaktion wurde er als 14-Jähriger in ein israelisches Gefängnis gebracht. Er lernte in der Schule Hebräisch und las daraufhin Klassiker der Weltliteratur und die Bibel auf Hebräisch. Nach dem Besuch der arabischen Oberschule in Kufr Yasif ging er nach Haifa. In den 1960er Jahren arbeitete er dort als Kulturredakteur der kommunistischen Zeitung "Al-Ittihad" (Die Vereinigung) sowie deren Kulturblatt "Al-Gadid" (Das Neue) und verfasste Gedichte wie "Identitätskarte" (1964) und "Ein Liebender aus Palästina" (1966), die ihn durch Ghassan Kanafanis Anthologie "Die Widerstandsdichtung in besetzten Palästina" (1966) auch in der gesamten arabischen Welt berühmt machten. Nach mehrfacher Inhaftierung und Repressionen unter dem diskriminierenden israelischen Militärgesetz verließ Darwisch 1970 Israel, um in Moskau zu studieren. Danach lebte er im Exil in Kairo, ab 1972 in Beirut, das er wegen des Einmarschs der Israelis 1982 verließ, danach auf Zypern, in Tunis und Paris. Seit 1996 lebte er in Amman und Ramallah. Im Juli 2007 trat Darwisch zum ersten Mal wieder in Haifa auf. Insbesondere die historische Zäsur des Beiruter Sommers 1982, die wochenlangen Bombardierungen und der Zusammenbruch der zuvor gehegten Hoffnungen, führten zu einer radikal neuen Schreibweise und (kultur)politischen Position, die er in Prosatexten wie "Ein Gedächtnis für das Vergessen" (1987), einigen in "Zur Beschreibung unserer Lage" (1987) veröffentlichten Essays und Gedichtbänden wie "Belagerung der Hymnen auf das Meer" (1984), "Es ist ein Lied, ein Lied" (1986) und schließlich dem orchestralen "Lob des hohen Schattens" in einer eindrucksvollen Mehrstimmigkeit zum Ausdruck brachte.

In Beirut wurde er Direktor des Palestine Research Center der PLO und Herausgeber der Zeitschrift Palästinensische Angelegenheiten sowie der Literaturzeitschrift Al-Karmal (Der Karmel). Von 1987 bis 1993 war er Mitglied des Palästinensischen Nationalrats und am 14. November 1988 Mitverfasser der Proklamation des Palästinensischen Staates.

Bekannte Gedichte, die vom libanesischen Musiker Marcel Khalifé vertont wurden, sind Rita und das Gewehr sowie An meine Mutter. Das Motiv der Liebe zu einer (jüdisch-israelischen) Fremden, das in den "Rita-Gedichten" der sechziger Jahre Furore in der arabischen Welt machte, zieht sich bis ins Spätwerk, um die Möglichkeiten eines lebensphilosophischen Zwiegesprächs und eines utopischen Neubeginns poetisch immer wieder neu auszuschöpfen.

Mahmud Darwisch starb am 9. August 2008 nach einer Herzoperation in einem Krankenhaus in Houston.[1] Sein Leichnam wurde nach Ramallah überführt, wo er am 12. August 2008 ein „Staatsbegräbnis“ auf einem Hügel nicht weit vom Kulturpalast erhielt, der in „Darwisch-Kulturpalast“ umbenannt wurde.[2]

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mahmud Darwisch wurde als einer der herausragenden zeitgenössischen Dichter in der arabischen Welt sowie als die poetische Stimme des palästinensischen Volkes bezeichnet; seine Gedichtbände wurden in 30 Sprachen übersetzt.[1][3] In seinen Werken setzte er sich gleichermaßen gegen Unrecht und Unterdrückung wie für eine friedliche und gerechte Koexistenz palästinensischer Araber und israelischer Juden ein. Auch thematisierte er immer wieder das Exil-Schicksal vieler Palästinenser. Sein Lebenswerk war lange Zeit vom politischen Engagement für einen unabhängigen palästinensischen Staat geprägt. Als ehemaliges Mitglied des Exekutivkomitees der PLO schrieb er 1988 die palästinensische Unabhängigkeitserklärung.[4] Darwisch galt als scharfer Kritiker sowohl der israelischen Politik als auch der palästinensischen Führung.[5]

In Deutschland ist Darwisch, anders als in Frankreich, eher ein Geheimtipp geblieben.[6]

Ein faszinierender Aspekt von Darwīš' lyrischem Werk liegt in der kontinuierlichen Suche nach neuen poetischen Formen, Rhythmen und Bildern, die trotz fortgesetztem Verlust, Enteignung, Verzweiflung und Resignation ihre Lebensbejahung und ihre Musikalität bewahren. Seine Gedichte versuchen die Stimmen der Anderen, auch des "Feindes", einzufangen, fremde Anteile im Selbst als Bereicherung wahrzunehmen und nationalistisch-koloniale Identitätskonstruktionen zu hinterfragen, um mögliche Wege zu einer humaneren Welt und Gesellschaft aufzuzeigen. Damit einhergehend wandelt sich auch das Verständnis von Exil, das zunehmend als elementarer Bestandteil der eigenen Identität – ähnlich zu Edwards Saids Perspektiven auf Exil und Identität – gewertet wird.[7]

Am 5. Oktober 2008 hielt das internationale Literaturfestival Berlin eine weltweite Lesung im Gedenken an Mahmud Darwisch.[8]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Asafir bila Ajniha (Vögel ohne Flügel), 1960
  • Ölbaumblätter (أوراق الزيتون aurâq az-zaytûn), 1964
  • Ein Liebender aus Palästina (عاشق من فلسطين 'âshiq min filastîn), 1966
  • Akhir al-layl (Das Ende der Nacht), 1967
  • Yawmiyyat jurh filastini (Tagebuch einer Palästinensischen Wunde), 1969
  • Habibati tanhad min nawmiha (Meine Geliebte erwacht), 1969
  • al-Kitabah 'ala dhaw'e al-bonduqiyah (Schreiben im Lichte des Gewehrs), 1970
  • al-'Asafir tamut fi al-jalil (Vögel im Galiläa sterben), 1970
  • Werke des Mahmoud Darwish, 1971. Zwei Bände.
  • Mattar na'em fi kharif ba'eed (Leichter Regen im weiten Herbst) 1971
  • Uhibbuki aw la uhibbuki (Ich Lieb' Dich, ich lieb' Dich nicht), 1972
  • Jondiyyun yahlum bi-al-zanabiq al-baidaa (Ein Soldat träumt von weißen Lilien), 1973
  • Muhawalah raqm 7 (Versuch Nummer 7), 1974
  • Tilka suratuha wa-hadha intihar al-ashiq (Dies ist ihr Bild und das ist der Selbstmord des Liebhabers), 1975
  • Ahmad al-za'tar, 1976.
  • A'ras (Hochzeiten), 1977
  • al-Nasheed al-jasadi (Die körperliche Hymne), 1980
  • Die Musik des menschlichen Fleisches. Gedichte des palästinensischen Kampfes. Übers. Denys Johnson-Davies. Heinemann 1980
  • Qasidat Bayrut (Beiruts Gedicht), 1982
  • Palästina als Metapher: Gespräche über Literatur und Politik. Palmyra, Heidelberg 1998 ISBN 3-930378-16-7
  • Ein Gedächtnis für das Vergessen. Beirut, August 1982 (ذاكرة للنسيان dhâkira lin-nisyân, 1987) Prosa. Lenos, Basel 2001 ISBN 3-85787-316-7
  • Weniger Rosen. Gedichte. Hans Schiler, Berlin 2002 ISBN 3-89930-101-3
  • "Wir haben ein Land aus Worten". Ausgewählte Gedichte 1986–2002. Ammann, Zürich 2002 ISBN 3-250-30013-6
  • Wo du warst und wo du bist. Gedichte. A1 Verlag, München 2004 ISBN 3-927743-71-2
  • Warum hast du das Pferd allein gelassen? Gedichte. Hans Schiler, Berlin 2004 ISBN 3-89930-244-3
  • Belagerungszustand. Gedichte. Hans Schiler, Berlin 2006 ISBN 3-89930-106-4
  • Der Würfelspieler. Gedicht. Arabisch-Deutsch. Übers., Vorw. Adel Karasholi. A1 Verlag, München 2009 ISBN 978-3-940666-08-6

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stephan Milich: "Fremd meinem Namen und fremd meiner Zeit." Identität und Exil in der Dichtung von Mahmud Darwisch. Hans Schiler, Berlin 2005

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Mahmoud Darwish – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Palästinensischer Dichter Darwisch gestorben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 9. August 2008.
  2. Darwish laid to rest in Ramallah. In: Al Jazeera English.
  3. Suleman Taufiq: Neue arabische Lyrik. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2004, ISBN 3-423-13262-0, S. 217.
  4. Mahmoud Darwish. Kurzbiographie auf der Internetsite der Lannan Foundation
  5. Palästinensische Dichterlegende. Mahmud Darwisch gestorben. In: Der Spiegel. 10. August 2008.
  6. Metapher Palästina. Der einflussreiche palästinensische Lyriker Mahmud Darwisch revolutionierte die arabische Dichtung. In: die tageszeitung. 11. August 2008.
  7. Stephan Milich: „Fremd meinem Namen und fremd meiner Zeit: Identität und Exil in der Dichtung von Mahmud Darwisch“. Berlin: Hans Schiler Verlag, 2005
  8. 05.10.2008 - Weltweite Lesung im Gedenken an Mahmud Darwisch — Worldwide Reading. In: www.worldwide-reading.com. Abgerufen am 5. April 2016.
  9. Lannan Foundation: 2001 Lannan Cultural Freedom Prize awarded to Mahmoud Darwish
  10. Nachdem das israelische Armeeradio dieses Gedicht gesendet hatte und darüber diskutieren ließ, erhielt der Senderverantwortliche eine Abmahnung und der israelische Kriegsminister Avigdor Lieberman verglich Mahmoud Darwish mit Hitler und seine Gedichte mit Mein Kampf.