Maikäfer flieg

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Dieser Artikel behandelt ein deutsches Volkslied. Zu dem Roman von Christine Nöstlinger siehe Maikäfer flieg!
„Maikäfer, flieg!“ Zeichnung von Emil Schmidt, Gartenlaube 1879
Illustration durch Paul Thumann, 1881

Maikäfer flieg ist ein bekanntes deutschsprachiges Volks- und Kinderlied.

Geschichte[Bearbeiten]

Oft wird der Entstehungsprozess des heute bekannten Liedtextes auf die Zeit des Dreißigjährigen Krieges datiert, was laut dem Historiker Hans Medick jedoch nicht als erwiesen und sogar als recht unwahrscheinlich gelten kann, da das darin entworfene Bild des ausziehenden Vaters als Soldaten und der im Heimatort verbleibenden Familie zu dieser Zeit keinesfalls der gängigen Tradition entsprach; vielmehr zogen Angehörige mit ihren gesamten Hausständen in Trossen hinter den Armeen her und bildeten vagabundierende, „mobile“ Lebensgemeinschaften.[1] Somit ist eine Datierung des Textes auf diese Zeit als nachträglich vorgenommenes Konstrukt späterer Jahrhunderte einzuschätzen. Auch war es üblich, Volkslieder als so genannte Liedflugschriften in größerer Stückzahl zu drucken und unter der Bevölkerung zu verteilen. Mögliche Drucke des Liedtextes aus dieser Zeit waren also entweder nie existent oder haben sich nicht erhalten.

Die heute bekannte Textversion lässt sich seit etwa 1800 in zahlreichen Variationen in gedruckter Form nachweisen. Sie wird im ersten Band der Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn, die 1806/08 von Achim von Arnim und Clemens Brentano erstellt wurde, als Maykäfer-Lied aufgeführt.[2] Die heute bekannte Melodie des Liedes wurde von Johann Friedrich Reichardt 1781 nach einer Volksweise komponiert und entspricht der des Wiegenliedes Schlaf, Kindlein, schlaf.[3]

Textversionen[Bearbeiten]

Im damaligen Niedersachsen lautete der Text laut der Volks-Sagen von Otmar (1800):[4]

Maykäfer, flieg!
Der Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Pommerland.
Und Pommerland ist abgebrandt.

Im damaligen Hessen lautete der Text laut Des Knaben Wunderhorn (1806):[2]

Maykäfer flieg,
Der Vater ist im Krieg,
Die Mutter ist im Pulverland,
Und Pulverland ist abgebrannt.

In Thüringen existierte eine Variante, die allerdings eine andere Melodie hatte:[5]

Marienkäfer fliege
dein Vater ist im Kriege
deine Mutter ist in Engelland
Engelland ist abgebrannt

Aus der Zeit nach der Revolution von 1848/49 sind mehrere Varianten des Liedes überliefert, die eine Verbindung mit dem Revolutionsführer Friedrich Hecker herstellen.[6]

Der Maiakäfer fliegt,
Der Häcker ist em Kriag,
Der Häcker ist em Oberland,
Der Häcker ist em Unterland.
     Warmbronn, OA Leonberg, Württemberg[6]

Kåəferlə, Kåəferlə fliag!
Dər Heckər išt im Kriag,
Dər Struve išt im Obərland.
Und macht d’Republik bəkannt.
     Ulm[6]

Maikäfer flieg!
Der Hecker ist im Krieg,
Der Struve ist im Oberland,
Macht die Republik bekannt.
     Forst, Bayr. Pfalz[6]

Kiéwerlénk fléi,
Deng Mamm déi ass am Klé,
Déi Papp as an der Frûcht,
Kiéwerlénk fléi an d'Lûcht.
(18. Jahrhundert aus Luxemburger Volksliedsammlung)

Inhalt und Deutung[Bearbeiten]

Der Inhalt des Liedes beschreibt vordergründig den damals unter Kindern weit verbreiteten Brauch, Maikäfer einzufangen und wieder fliegen zu lassen. So beschreibt es auch Wilhelm Grimm, der 1808 eine Variante des Liedes, in der allerdings von Marien- statt von Maikäfern die Rede ist, als Beitrag für Des Knaben Wunderhorn aufzeichnete:

„Das schöne, bunt punktierte Marienwürmchen setzen sie [die Kinder] auf die Fingerspitzen und lassen es auf- und abkriechen, bis es fortfliegt. Dabei singen sie:

Marienwürmchen, fliege weg, fliege weg!
dein Häuschen brennt! die Kinder schrein!“[7]

Rätsel gibt insbesondere die Deutung der in den verschiedenen Fassungen wechselnden Ortsbezeichnung auf. Ob mit „Pommerland“, wie es in der heute wohl meistverbreiteten Fassung lautet, tatsächlich die Landschaft Pommern gemeint ist, ist unklar. Zwar wird in der Literatur gelegentlich ein Zusammenhang mit den Verwüstungen Pommerns im Dreißigjährigen Krieg hergestellt.[8] Da Textfassungen mit dem Wortlaut „Pommerland“ aber erst rund 150 Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges nachgewiesen sind, bleibt diese Zuschreibung unsicher. Die Variante „Pulverland“ deutet Heinz Rölleke als scherzhafte Umdeutung: „Land, in dem Krieg herrscht“.[9] Die Variante „Engelland“ bezieht sich nicht auf England, sondern vielmehr auf das Land der Engel.[10]

Wilhelm Mannhardt sammelte in seiner Habilitationsschrift Germanische Mythen: Forschungen (1858) 26 verschiedene Fassungen des Liedes, davon drei in englischer Sprache, aus denen er die These ableitet, dass das im Text erwähnte brennende Häuschen den Weltenbrand der nordisch-germanischen Mythologie bedeutet.[10] Dieser Deutung schlossen sich andere Volkskundler wie Franz Magnus Böhme an.[11][12]

Zechlin führt in seinem Beitrag „Der Neustettiner Kreis“ in Baltische Studien von 1886[13] den Ursprung des Liedes „Maikäfer fliege, …“ auf die über Jahrhunderte andauernde Furcht der pommerschen Bevölkerung vor den Einfällen der Polen in ihr Land zurück.

Nachwirkungen[Bearbeiten]

1973 erschien ein autobiographischer Roman von Christine Nöstlinger mit dem Titel Maikäfer flieg! (Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich), dessen Titel auf das Lied zurückgeht.

Der Liedtext wurde auch von der Schweizer NDW-Gruppe Grauzone in ihrem Stück mit gleichnamigem Titel Maikäfer flieg verwendet. Erschienen ist dieses Stück auf der 1981 erschienenen Langspielplatte Grauzone.

Des Weiteren hat die deutsche Thrash-Metal-Band Macbeth das Lied auf ihrem Album Gotteskrieger verarbeitet.

Im Musical Ludwig² findet sich eine abgewandelte Version des Lieds, die eine Kindheitserinnerung des Monarchen Ludwig II. von Bayern darstellt.[14]

Theater zum Fürchten brachte 2010 unter diesem Titel ein Stück von Bruno Max im Mödlinger Luftschutzbunker heraus, das sich auf das Lied bezieht und „Zwanzig Märchen aus einer Bombennacht“ erzählt.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lotta Y. Wieden: Maikäfer flieg – das deutsche Lied vom Krieg. Deutschlandradio Kultur, 17. Mai 2014, abgerufen am 19. Mai 2014.
  2. a b Achim von Arnim, Clemens Brentano (Hrsg.): Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder. Band 1. Mohr und Zimmer, Heidelberg 1806, S. 235 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  3. Schlaf, Kindlein, schlaf im Liederprojekt von Carus-Verlag und SWR2
  4. Otmar (= Johann Karl Christoph Nachtigal): Volcks-Sagen. Wilmans, Bremen 1800, S. 46 (online bei Wikisource).
  5. Josef Götz: Kindervolkslieder - eine Sammlung echter Volkslieder, Österreichischer Schulbuchverlag, Wien 1920, S. 23 (Digitalisat).
  6. a b c d John Meier: Volksliedstudien. Straßburg 1917, S. 244. Zitiert nach: Wolfgang Steinitz: Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten. Band 2. Akademie-Verlag, Berlin 1962, S. 189.
  7. Zitiert nach:  Heinz Rölleke (Hrsg.): Das Volksliederbuch. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1993, ISBN 3-462-02294-6, S. 256.
  8. Lothar Bollwig: Pommernland. BGD – Unsere Deutsche Heimat Nr. 75 (4. Quartal 2005)
  9. Heinz Rölleke (Hrsg.) Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder. Band 1. Reclam, Stuttgart 2006, ISBN 3-15-030034-7, S. 488.
  10. a b Wilhelm Mannhardt: Germanische Mythen: Forschungen. Schneider, Berlin 1858, S. 346-356 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  11. Ludwig Erk, Franz Magnus Böhme: Deutscher Liederhort. Band 3. Leipzig 1894, S. 594.
  12. Franz Magnus Böhme: Deutsches Kinderlied und Kinderspiel. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1897, S. 175 f. (Digitalisat).
  13. Zechlin, „Der Neustettiner Kreis“ in Baltische Studien, 36. Jahrgang, Gesellschaft für Pommersche Geschichte, Stettin, 1886, Seite 45 (PDF; 45,9 MB).
  14. Christoph Specht: Das neue deutsche Musical. Musikalische Einflüsse der Rockmusik auf das neue deutsche Musical. Frank & Timme, 2008, ISBN 3-86596-210-6, S. 119 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Maikäfer flieg – Quellen und Volltexte