Maikäfer flieg

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„Maikäfer, flieg!“ Zeichnung von Emil Schmidt, Gartenlaube 1879
Illustration durch Paul Thumann, 1881

Maikäfer flieg ist ein bekanntes deutschsprachiges Volks- und Kinderlied.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oft wird der Entstehungsprozess des heute bekannten Liedtextes auf die Zeit des Dreißigjährigen Krieges datiert, so etwa durch den Lyrikforscher Heinz Schlaffer und den Kunsttheoretiker Bazon Brock.[1] Der Historiker Hans Medick wendet dagegen ein, das im Text entworfene Bild des ausziehenden Vaters als Soldaten und der im Heimatort verbleibenden Familie habe zu dieser Zeit keinesfalls der gängigen Tradition entsprochen; vielmehr seien Angehörige mit ihren gesamten Hausständen in Trossen hinter den Armeen hergezogen und hätten vagabundierende, mobile Lebensgemeinschaften gebildet.[2][1] Die größten Verwüstungen und Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges hätten auch eher in Mittel- und Süddeutschland stattgefunden als in Pommern. Ferner sei es üblich gewesen, Volkslieder als so genannte Liedflugschriften in größerer Stückzahl zu drucken und unter der Bevölkerung zu verteilen. Drucke des Liedtextes aus dieser Zeit gibt es jedoch nicht – oder sie haben sich nicht erhalten. Ein möglicher historischer Bezug ergibt sich nach Hans Medick mit dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763), der in der Region Pommern deutliche Spuren hinterließ.[2][1]

Die heute bekannte Textversion lässt sich seit etwa 1800 in zahlreichen Variationen in gedruckter Form nachweisen. Sie wird im ersten Band der Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn, die 1806/08 von Achim von Arnim und Clemens Brentano erstellt wurde, als Maykäfer-Lied aufgeführt.[3] Die heute bekannte Melodie des Liedes wurde von Johann Friedrich Reichardt 1781 nach einer Volksweise komponiert und entspricht der des Wiegenliedes Schlaf, Kindlein, schlaf, von dem ein Textfragment seit 1611 überliefert ist.[4]

Textversionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im heutigen Niedersachsen lautete der Text laut der Volks-Sagen von Otmar (1800):[5]

Maykäfer, flieg!
Der Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Pommerland.
Und Pommerland ist abgebrandt.

Im heutigen Hessen lautete der Text laut Des Knaben Wunderhorn (1806):[3]

Maykäfer flieg,
Der Vater ist im Krieg,
Die Mutter ist im Pulverland,
Und Pulverland ist abgebrannt.

In Thüringen existierte eine Variante, die allerdings eine andere Melodie hatte:[6]

Marienkäfer fliege
dein Vater ist im Kriege
deine Mutter ist in Engelland
Engelland ist abgebrannt

Aus der Zeit nach der Revolution von 1848/49 sind mehrere Varianten des Liedes überliefert, die eine Verbindung mit dem Revolutionsführer Friedrich Hecker herstellen.[7]

Der Maiakäfer fliegt,
Der Häcker ist em Kriag,
Der Häcker ist em Oberland,
Der Häcker ist em Unterland.
     Warmbronn, OA Leonberg, Württemberg[7]

Kåəferlə, Kåəferlə fliag!
Dər Heckər išt im Kriag,
Dər Struve išt im Obərland.
Und macht d’Republik bəkannt.
     Ulm[7]

Maikäfer flieg!
Der Hecker ist im Krieg,
Der Struve ist im Oberland,
Macht die Republik bekannt.
     Forst, Bayr. Pfalz[7]

Kiéwerlénk fléi,
Deng Mamm déi ass am Klé,
Déi Papp as an der Frûcht,
Kiéwerlénk fléi an d'Lûcht.
     (18. Jahrhundert aus Luxemburger Volksliedsammlung)

Inhalt und Deutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Inhalt des Liedes beschreibt vordergründig den damals unter Kindern weit verbreiteten Brauch, Maikäfer einzufangen und wieder fliegen zu lassen. So beschreibt es auch Wilhelm Grimm, der 1808 eine Variante des Liedes, in der allerdings von Marien- statt von Maikäfern die Rede ist, als Beitrag für Des Knaben Wunderhorn aufzeichnete:

„Das schöne, bunt punktierte Marienwürmchen setzen sie [die Kinder] auf die Fingerspitzen und lassen es auf- und abkriechen, bis es fortfliegt. Dabei singen sie:

Marienwürmchen, fliege weg, fliege weg!
dein Häuschen brennt! die Kinder schrein!“[8]

Nach Ansicht Heinz Schlaffers erzählt ein anonymes lyrisches Ich dem Käfer von der Abwesenheit beider Eltern, wobei nicht klar wird, was genau mit ihnen passiert ist. Ob sie zurückkehren, scheint mehr als fraglich. „Die Rolle der Sängerin oder des Sängers stellt man sich wohl am besten als die eines älteren Kindes vor, das ein jüngeres zu trösten sucht, nachdem beide Eltern verschollen sind. Beeindruckend die Trostlosigkeit im Trost - der hier völlig hoffnungslose Mai.“[1] Aleida Assmann weist auf die tiefe Paradoxie des Liedes hin – hier die liebliche Wiegenlied-Melodie, da das nüchtern erzählte Grauen; der Widerspruch zwischen dem bedrohlichen Text und der lieblichen Melodie verursache beim Hörer eine tiefe Unruhe. Diese Dissonanz von fast schizophrenem Ausmaß könnte ein Grund für die anhaltende Bekanntheit des Liedes sein, das laut Bazon Brock „allumfänglich die historische Erfahrung der Menschen in Deutschland in sich trägt“.[1]

Rätsel gibt insbesondere die Deutung der in den verschiedenen Fassungen wechselnden Ortsbezeichnung auf. Ob mit „Pommerland“, wie es in der heute wohl meistverbreiteten Fassung lautet, tatsächlich die Landschaft Pommern gemeint ist, ist unklar. Zwar wird in der Literatur gelegentlich ein Zusammenhang mit den Verwüstungen Pommerns im Dreißigjährigen Krieg hergestellt.[9] Da Textfassungen mit dem Wortlaut „Pommerland“ aber erst rund 150 Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges nachgewiesen sind, bleibt diese Zuschreibung unsicher. Die Variante „Pulverland“ deutet Heinz Rölleke als scherzhafte Umdeutung: „Land, in dem Krieg herrscht“.[3] Die Variante „Engelland“[10] bezieht sich nicht notwendig auf England, sondern möglicherweise auf das „Land der Engel[11] bzw. Elben.[10][12]

Wilhelm Mannhardt, ein Vertreter der mythologischen Schule der Volkskunde, sammelte in seiner Habilitationsschrift Germanische Mythen: Forschungen (1858) 26 verschiedene Fassungen des Liedes, davon drei in englischer Sprache, aus denen er die These ableitet, dass das im Text erwähnte brennende Häuschen den Weltenbrand der nordisch-germanischen Mythologie bedeutet.[10] Dieser Deutung schlossen sich andere Volkskundler wie Franz Magnus Böhme an.[13][14] Moderne Volkskundler wie Ingeborg Weber-Kellermann weisen allerdings darauf hin, dass mit derartigen Deutungsversuchen „vorsichtig umzugehen“ sei;[15] Emily Gerstner-Hirzel befindet, dass die mythologische Schule „durch ihr wenig behutsames Vorgehen den Glauben an heidnische Relikte im Kinderreim geradezu in Verruf gebracht“ habe.[16]

Der aus Schivelbein in Pommern stammende Landwirtschaftslehrer und Heimatgeschichtler Arthur Zechlin führte in seinem Beitrag „Der Neustettiner Kreis“ von 1886 den Ursprung des Liedes „Maikäfer fliege, …“ auf die über Jahrhunderte andauernde Furcht der pommerschen Bevölkerung vor den Einfällen der Polen in ihr Land zurück.[17]

Nachwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Schriftsteller Hermann Löns zitiert das Lied in der „Pommernland“-Variante seines Romans Der Wehrwolf (1910).[18]

1973 erschien ein autobiographischer Roman von Christine Nöstlinger mit dem Titel Maikäfer flieg! (Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich), dessen Titel auf das Lied zurückgeht.

Maikäfer flieg ist der Titel der deutschen Übersetzung des Buches Witnesses of war: children's lives under the Nazis von Nicholas Stargardt.[19]

Der Liedtext wurde auch von der Schweizer NDW-Gruppe Grauzone in ihrem Stück mit gleichnamigem Titel Maikäfer flieg verwendet. Erschienen ist dieses Stück auf der 1981 erschienenen Langspielplatte Grauzone.

Des Weiteren hat die deutsche Thrash-Metal-Band Macbeth das Lied auf ihrem Album Gotteskrieger verarbeitet.

Im Musical Ludwig² findet sich eine abgewandelte Version des Lieds, die eine Kindheitserinnerung des Monarchen Ludwig II. von Bayern darstellt.[20]

Theater zum Fürchten brachte 2010 unter diesem Titel ein Stück von Bruno Max im Mödlinger Luftschutzbunker heraus, das sich auf das Lied bezieht und „Zwanzig Märchen aus einer Bombennacht“ erzählt.

Die Gruppe Die Grenzgänger hat das Stück auf ihrem mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichneten Konzeptalbum Maikäfer flieg! verwendet, das verschollene Volkslieder aus dem Ersten Weltkrieg enthält. Im 40-seitigen Booklet wird die Geschichte von der Maikäfer-Kaserne in Berlin erzählt und den Maikäferplagen, gegen die ganze Schulklassen „zu Felde“ zogen.[21]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Maikäfer flieg – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Lotta Wieden: Altes Kinderlied: Maikäfer, flieg! In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Nr. 14 vom 5. April 2015, S. 43–44 (online, aktualisiert 12. April 2015).
  2. a b Lotta Y. Wieden: Maikäfer flieg – das deutsche Lied vom Krieg. Deutschlandradio Kultur, 17. Mai 2014, abgerufen am 19. Mai 2014.
  3. a b c Achim von Arnim, Clemens Brentano (Hrsg.): Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder. Kritische Ausgabe. Herausgegeben und kommentiert von Heinz Rölleke. Band 1. Reclam, Stuttgart 1987, ISBN 3-15-001250-3, S. 208, Kommentar S. 488 (Text auch online. im Projekt Gutenberg-DE).
  4. Ludwig Erk, Franz Magnus Böhme: Deutscher Liederhort. Band 3. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1894, S. 579–581 (Digitalisat).
  5. Otmar (= Johann Karl Christoph Nachtigal): Volcks-Sagen. Wilmans, Bremen 1800, S. 46 (online bei Wikisource).
  6. Josef Götz: Kindervolkslieder - eine Sammlung echter Volkslieder, Österreichischer Schulbuchverlag, Wien 1920, S. 23 (Digitalisat).
  7. a b c d John Meier: Volksliedstudien. Straßburg 1917, S. 244. Zitiert nach: Wolfgang Steinitz: Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten. Band 2. Akademie-Verlag, Berlin 1962, S. 189.
  8. Zitiert nach: Heinz Rölleke (Hrsg.): Das Volksliederbuch. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1993, ISBN 3-462-02294-6, S. 256.
  9. Lothar Bollwig: Pommernland. BGD – Unsere Deutsche Heimat Nr. 75 (4. Quartal 2005)
  10. a b c Wilhelm Mannhardt: Germanische Mythen: Forschungen. Schneider, Berlin 1858, S. 346–356 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  11. Wilhelm Mannhardt: Germanische Mythen: Forschungen. Schneider, Berlin 1858, S. XVIII (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  12. Art. Maikäfer. In: Eduard Hoffmann-Krayer, Hanns Bächtold-Stäubli (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 5: Knoblauch – Matthias. de Gruyter, Berlin 1931/32. Reprint: 1974, ISBN 3-11-084009-X, Sp. 1529 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  13. Ludwig Erk, Franz Magnus Böhme: Deutscher Liederhort. Band 3. Leipzig 1894, S. 594 (Digitalisat).
  14. Franz Magnus Böhme: Deutsches Kinderlied und Kinderspiel. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1897, S. 175 f. (Textarchiv – Internet Archive).
  15. Ingeborg Weber-Kellermann: Das Buch der Kinderlieder. 235 alte und neue Lieder: Kulturgeschichte – Noten – Texte. Atlantis-Schott, Mainz 1997/2010, ISBN 978-3-254-08370-8, S. 273–275.
  16. Emily Gerstner-Hirzel: Das Kinderlied. In: Rolf Wilhelm Brednich, Lutz Röhrich, Wolfgang Suppan (Hrsg.): Handbuch des Volksliedes. Band 1. Wilhelm Fink, München 1973, S. 923–967, hier S. 930.
  17. Arthur Zechlin: Der Neustettiner Kreis. Historisch-topographisch dargestellt. In: Baltische Studien, Jg. 36 (1886), Gesellschaft für Pommersche Geschichte, Stettin 1886, S. 1–54, hier: Seite 49; bibliografischer Nachweis in den Regesta Imperii; Stammdaten des Verfassers im Genealogienetz.
  18. Hermann Löns: Der Wehrwolf. Eine Bauernchronik. Eduard Kaiser Verlag, 1983, Seite 169.
  19. Nicholas Stargardt: „Maikäfer flieg!“ Hitlers Krieg und die Kinder. Aus dem Engl. von Gennaro Ghirardelli. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006, ISBN 3-421-05905-5.
  20. Christoph Specht: Das neue deutsche Musical. Musikalische Einflüsse der Rockmusik auf das neue deutsche Musical. Frank & Timme, 2008, ISBN 3-86596-210-6, S. 119 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  21. Die Grenzgänger: Maikäfer Flieg – Verschollene Lieder aus dem Ersten Weltkrieg. [1] (CD, 2014)