Kontinentalsperre

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Europa 1811. Mittelblau = Rheinbund, Tochterrepubliken und andere Satellitenstaaten; hellblau = Unterstützer der Kontinentalsperre

Die Kontinentalsperre (französisch blocus continental, englisch continental system) war eine von Napoleon am 21. November 1806 in Berlin verfügte Wirtschaftsblockade über das Vereinigte Königreich und dessen Kolonien. Das „Kontinentalsystem“ sollte Großbritannien mit den Mitteln des Wirtschaftskrieges in die Knie zwingen und die französische Wirtschaft gegen europäische und transatlantische Konkurrenz schützen. Die Kontinentalsperre hatte bis 1813 Bestand.

Einordnung in das wirtschaftspolitische Konzept Napoleons[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Napoleons politisches Handeln war die Vorstellung grundlegend, der Wirtschaft des Französischen Kaiserreiches einen Vorrang vor allen anderen Staaten Europas einzuräumen. Um eine französische Vorherrschaft Europas auch in wirtschaftlicher Hinsicht zu etablieren, griff Napoleon auf zwei Konzepte der Französischen Revolution zurück; die Vorstellung eines Kontinentalsystems und einer Kontinentalsperre. Das Kontinentalsystem sah eine neue Wirtschaftsordnung vor: Die Bodenschätze und Lebensmittelreserven Kontinentaleuropas hatten die Versorgung Frankreichs sicherzustellen. Der Kontinent sollte als bloßer Absatzmarkt für französische Produkte fungieren. An die Stelle englischer Produkte, die den kontinentaleuropäischen Handel dominierten, sollten französische Waren treten. Die Kontinentalsperre ergänzte das Kontinentalsystem, da es Napoleon nicht gelang, England militärisch zu besiegen. Die kontinentaleuropäischen Staaten sollten sich daher dem französischen Importverbot für englische Waren anschließen. Napoleon hoffte damit, den englischen Handel und die englische Industrie so weit beschädigen zu können, dass die englische Regierung Verhandlungen mit Frankreich aufnehmen müsste.[1]

Die Grundlage für Napoleons Wirtschaftspolitik gegenüber England hatte bereits das Direktorium gelegt: Ein Gesetz vom 31. Oktober 1796 erklärte „aus dem Ausland importierte Ware, woher sie auch stamme“ gelte automatisch als englisch und dürfe nicht nach Frankreich eingeführt werden. Das Direktorium legte das Gesetz jedoch nicht so streng aus wie Napoleon, der überhaupt keinen Import nach Frankreichs mehr zulassen wollte. Wegen seiner militärischen Eroberungen konnte Napoleon das Importverbot und die Beschlagnahmung von englischen Gütern auch in besetzten Gebieten und mit Frankreich verbündeten Staaten durchsetzen. 1803 ließ er ein entsprechendes Embargo in der Italienischen Republik in Kraft treten. Zwischen April 1803 und Juni 1806 folgten Verträge mit Portugal, Holland, Spanien, Neapel und Preußen. Da die Staaten seine Handelsblockade allerdings nicht freiwillig unterstützten, setzte Napoleon zur Kontrolle Truppen ein. Mehrfach kam es dabei sogar zu gewaltsamen Konfrontationen zwischen französischen Truppen und der einheimischen Bevölkerung.[2]

Anlass und Beschlüsse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anlass[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Großbritannien hatte bereits im Jahr 1793 eine Seeblockade über französische Hafenstädte verhängt. Auf diese Weise sollte Frankreich von seinem Überseehandel abgeschnitten werden.[3] Im Berliner und Mailänder Dekret rechtfertigte Napoleon seine Kontinentalsperre damit, dass Großbritannien gegen das Völkerrecht verstoßend, die internationale Handelsschifffahrt gefährde und Privateigentum beschlagnahmt habe.[4] Zum konkreten Anlass für die Kontinentalsperre wurde jedoch die Seeschlacht von Trafalgar am 21. Oktober 1805, in deren Folge Napoleon seine Invasionspläne in Großbritannien fallen ließ. Dem französischen Kaiser blieb nur noch die Option, Großbritannien auf wirtschaftlichem Wege zu bezwingen.[5] Immerhin wurde fast ein Drittel des britischen Exports und 15 % der britischen Industrieherstellung nach Kontinentaleuropa gehandelt. Die britischen Inseln waren auch von Getreideimporten aus dem Baltikum abhängig.[6]

Berliner Dekret vom 21. November 1806[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wortlaut des Berliner Dekrets, mit dem Napoleon 1806 die Kontinentalsperre verhängte

Die militärischen Erfolge Frankreichs im Jahr 1806 begünstigten die Errichtung einer Kontinentalsperre: Mit der Besetzung von neutralen Hansestädten brachte Napoleon die norddeutsche Küste unter seine Kontrolle – jene Region, über die Großbritannien den Großteil seines Europahandels abwickelte. Auch Preußen hatte Napoleon durch die Schlacht bei Jena und Auerstedt in die Knie gezwungen. In der von französischen Truppen besetzten preußischen Hauptstadt Berlin verordnete Napoleon seine Kontinentalsperre. Das sogenannte Berliner Dekret vom 21. November 1806 sollte sofort in Spanien, dem Königreich Italien, Holland und den Hansestädten umgesetzt werden.[7] Es umfasste 11 Artikel, von denen Diedrich Saalfeld Folgende für besonders aussagekräftig hält:

„1. Über die britischen Inseln wird der Sperrzustand verhängt.

2. Aller Handel und alle Correspondenz nach den Britischen Inseln ist verboten.

3. Für das zukünftige Fernbleiben englischer Kaufleute vom Kontinent ist noch hervorzuheben, daß britische Staatsangehörige von den Militärbehörden festzunehmen und als Kriegsgefangene zu behandeln seien.

4. Alle Vorräte, Magazine und Waren, die aus England, aus seinen Fabriken und Kolonien kamen, sowie jedes Eigentum, das englischen Untertanen gehörte, werden für „gute Prise“ erklärt.

5. Jeglicher Handel mit „englischen“ Gütern ist untersagt.

6. Die Einnahmen, die sich aus der Konfiszierung der Güter ergeben, werden zur Hälfte den Kaufleuten erstattet.

7. Kein Schiff aus England oder seinen Kolonien darf in irgendeinem Hafen anlegen.“[8]

Mailänder Dekrete von 1807[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Berliner Dekret wurde durch die Mailänder Dekrete vom 11. November und 17. Dezember 1807[9] erweitert. Diese verfügten, dass alle Schiffe, unbeachtlich der geführten Flagge, die in Großbritannien angelegt hatten oder sich britischen Kontrollen unterworfen hatten, sofort inklusive der Fracht zu beschlagnahmen wären.[10] Das Berliner Dekret hatte sich hingegen nur auf Schiffe bezogen, die unmittelbar zuvor aus Großbritannien abgelegt hatten. Dies ermöglichte bis zu den Mailänder Dekreten den legalen Handel britischer Waren über skandinavische oder US-amerikanische Schiffe.[11] Die Mailänder Dekrete reagierten außerdem auf ein britisches Dekret vom 11. November 1807, das als Gegenmaßnahme zu dem Berliner Dekret den Seehandel mit Frankreich beeinträchtigen sollte: Neutrale Handelsschiffe mussten zuerst in England anlegen und eine Abgabe zahlen, bevor sie nach Frankreich fahren durften. Vor und nach dem Aufenthalt in Frankreich mussten entsprechende Zölle entrichtet werden- jeweils 25 % auf den Wert der Fracht. Das britische Dekret weitete darüber hinaus die Seeblockade auf Staaten aus, die in Kriegszeiten mit Frankreich verbündet waren.[12]

Dekrete von Saint-Cloud und Trianon[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Zeit trug die Kontinentalsperre sowohl zu Spannungen gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika als auch innerhalb der französischen Bevölkerung bei. Napoleon reagierte darauf im Jahr 1810 mit den Dekreten von Saint-Cloud und Trianon. Unter bestimmten Voraussetzungen ließ er die Einfuhr von britischen Kolonialwaren wie Kaffee, Baumwolle und Zucker nach Frankreich wieder zu. Allerdings wurden die nicht-französische Kolonialwaren in ganz Kontinentaleuropa mit einem Zoll von 40–50 % des Warenwerts belegt, auch die US-amerikanischen Produkte wurden davon nicht ausgenommen.[13] Dies diente auch dem Preisausgleich zwischen Frankreich und anderen europäischen Staaten, denn außerhalb Frankreichs wurden Kolonialwaren meist zu niedrigeren Preisen verkauft. Das Dekret von Trianon schuf damit auf dem Kontinent eine einheitliche Zollbestimmung für Kolonialwaren und Baumwolle.[14] Ein Vorteil der Sonderbestimmungen von Saint-Cloud und Trianon aus Sicht der europäischen Staaten waren zusätzliche Einnahmen durch die Zölle, die sonst in den Schmuggel geflossen wären. Die ebenfalls in den Dekreten festgelegte Erlaubnis von französischen Getreideausfuhren nach Großbritannien unterwanderte jedoch die eigentliche Funktion der Kontinentalsperre. Hinzu kam, dass die Preise für Kolonialwaren durch die verhängten Zölle zu hoch blieben, was die französische Wirtschaft nach wie vor schädigte.[15]

Umsetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Kontrolle der Kontinentalsperre schickte Napoleon französische Zollbeamte in besetzte oder neutrale Staaten. Im Jahre 1806 entstand so eine Zollinie vom Rhein im Königreich Holland bis an die norddeutsche Küste nach Travemünde.[16] Im Juli 1809 wurde zusätzlich eine Zollinie von Cuxhaven entlang der Unterweser bis nach Rees am Rhein errichtet. Auf dieser Strecke wurden zwischen Bremen und der Wesermündung 40 französische Zollbeamte eingesetzt. Ein Zollbeamter war für etwa 2 km Strecke verantwortlich.[17]

Zur zusätzlichen Absicherung marschierten französische Truppen ein; zuerst im Herzogtum Mecklenburg im November 1806 und dann in Schwedisch-Pommern im Juli 1807. 1808 wurde die Küstenregion nahe Rom dem französischen Staat einverleibt. Zum Teil kam es sogar zu öffentlichen Verbrennungen von britischen Waren. Der nach Roger Dufraisse eindrucksvollste Vorfall ereignete sich in Frankfurt am Main im Jahre 1810.[18]

Frankfurt kontrollierte den Schmuggelhandel mit britischen Waren nach Südwesteuropa, was Napoleon nicht verborgen blieb. Am 8. November 1810 ordnete er dort zur Abschreckung die Verbrennung sämtlicher britischen Manufakturwaren an. Diese Waren im Wert von 800.000 Gulden endeten jedoch nur zu etwa 10 % in den Flammen, da die französischen Beauftragten sich als bestechlich erwiesen. Insgesamt fanden zwischen dem 17. und 27. November 1810 vier große Verbrennungen auf dem Frankfurter Fischerfeld statt.[19]

Übersicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der napoleonische Protektionismus (Schutz des eigenen Wirtschaftsraums) fügte dem britischen Handel letztlich keinen entscheidenden Schaden zu. Großbritannien erschloss sich neue Absatzmärkte, insbesondere in Nordamerika. Schaden erlitt dagegen die kontinentale Wirtschaft, vor allem in Frankreich und seinen Vasallenstaaten. Nur Teile der einheimischen Wirtschaft erlebten den erwünschten Aufschwung wie die Textilindustrie und das Seidengewerbe. Infolge des abrupten Wegfalls des Protektionismus nach 1813 waren diese Gewerbebereiche allerdings fortan einem starken ökonomischen Anpassungsdruck ausgesetzt, zumal sie in technischer Hinsicht gegenüber dem sich bereits industrialisierenden Großbritannien im Rückstand waren.

Politische Karte 1812: Kaiserreich Frankreich an Nord- und Ostsee

Eine weitere Kehrseite der Blockadepolitik war das Aufblühen des Schmuggels. Napoleon versuchte daher, möglichst alle Küstengebiete Westeuropas unter seine mittelbare oder unmittelbare Herrschaft zu bekommen. Im Vertrag zwischen dem Königreich Holland und Frankreich vom 16. März 1810 musste ersteres ganz Zeeland mit der Insel Schouwen, Brabant und Geldern auf dem linken Ufer der Waal abtreten. Am 1. Juli 1810 wurde der König Hollands, Napoleons Bruder Ludwig Bonaparte, zur Niederlegung seiner Krone gedrängt, was anschließend durch das Dekret vom 9. Juli 1810 die Vereinigung des Königreiches Holland mit Frankreich nach sich zog. Da britische Importe weiterhin den Kontinent erreichten, vor allem über die Kronkolonie Helgoland, erklärte der französische Kaiser, dass er die ganze Küste der Nordsee unter seine Aufsicht nehmen müsse. Am 13. Dezember 1810 wurden Gebiete an den Mündungen der Ems, Weser und Elbe nebst den Hansestädten Bremen, Hamburg und Lübeck von Frankreich annektiert (Hanseatische Departements).[20] Napoleon missachtete mit der Annexion des Herzogtums Oldenburg, des Herzogtums Arenberg-Meppen und des Fürstentums Salm die bestehende Rheinbundakte, deren völkerrechtliche Bestimmungen eine Zustimmung der betroffenen Souveräne voraussetzten.[21]

Russland ließ sich 1807 durch Druck Napoleons zur Befolgung der Kontinentalsperre bewegen; das (mit Großbritannien verbündete) Königreich Portugal folgte jedoch nicht. Napoleon unternahm seit 1808 mehrere (letztlich gescheiterte) Versuche, Portugal zu erobern.

Hinzu kam, dass die Kontinentalsperre die Unzufriedenheit in den besetzten Gebieten vor allem dort anheizte, wo man auf den Bezug britischer Waren oder Kolonialwaren und/oder auf den Export nach Großbritannien angewiesen war: Letzteres war etwa in der Metallindustrie und der Textilproduktion des ab 1810 unmittelbar an der deutsch-französischen Zollgrenze gelegenen Großherzogtums Berg der Fall. Die norddeutschen Hafenstädte sahen sich aufgrund des Rückgangs der Schifffahrt und des Kapitalabflusses nach Großbritannien von der Sperre stark betroffen. Beispielsweise brach der Handel von Massengütern wie Holz und Getreide zwischen Großbritannien und Deutschland völlig zusammen. Vielerorts waren soziale Unruhen die Folge. Das napoleonische Herrschaftssystem wurde dadurch zwar nicht unmittelbar gefährdet, seine Akzeptanz wurde infolge der Kontinentalsperre allerdings in einem ideellen Sinne stark beschädigt.

Forschungsgegenstand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Forschung werden in der Regel zwei Fragestellungen an die Kontinentalsperre gerichtet: 1. Welche Folgen hatte die Kontinentalsperre regional für den Handel? 2. Welche Bedeutung nimmt die Kontinentalsperre für die sogenannte Industrielle Revolution in Europa ein? Die Debatte um eine mangelnde Durchsetzbarkeit der Kontinentalsperre aufgrund von Schmuggel und Autarkie der betroffenen Staaten wird heute hingegen in Zweifel gezogen.[22]

Folgen für den Handel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Michael North betont, dass nicht alle Bereiche der Wirtschaft gleichermaßen durch die Kontinentalsperre entweder beeinträchtigt wurden oder profitierten. In Großbritannien sei die Einfuhr von Gütern aus den Kolonien unberührt geblieben, während es in der Textil- und Holzversorgung Engpässe gegeben habe. Frankreich verlor den wirtschaftlichen Zugriff auf seine Kolonien. In der Folge gingen beispielsweise die Zuckerraffinerien in Frankreich ein. Andererseits führte der Wegfall der englischen Konkurrenz in der französischen Baumwollindustrie zu einem Aufschwung.[23] Winfried Reiß glaubt, dass Frankreich kurzfristig von der Kontinentalsperre profitierte. Der Wegfall der englischen Konkurrenz habe die im französischen Einflussgebiet liegenden Staaten zunächst tatsächlich dazu gezwungen, französische Waren zu erwerben. Die napoleonischen Kriege bewirkten jedoch gleichzeitig eine Verschuldung der potenziellen Käuferschaft und damit einen Rückgang des französischen Absatzes. Zudem brach der französische Kolonialhandel durch die britische Seeblockade zusammen. 1810/1811 kam es schließlich zu einer Wirtschaftskrise, die mit zum Niedergang des Französischen Kaiserreiches beitragen sollte. Großbritannien konnte hingegen sein Kolonialreich ausbauen. Es gewann die Kapverdische Inseln, einige Inseln im Pazifik und ganz Indien hinzu. Besonders problematisch war jedoch die Abhängigkeit der britischen Inseln von Getreide aus Kontinentaleuropa. Der Transport aus Osteuropa ließ die Weizenpreise um das Dreifache ansteigen.[24]

Die Folgen der Kontinentalsperre unterschieden sich nicht nur zwischen Staaten, sondern auch zwischen einzelnen Wirtschaftsbereichen und Regionen. Während die auf einen überseeischen Handel ausgerichteten Betriebe litten, profitierte der Binnenmarkt. Von bedeutenden Hafenstädten wie Hamburg verlagerte sich der Export in kleinere Häfen, in denen weniger Kontrollen betrieben wurden und damit bessere Bedingungen für den Schmuggel herrschten. Auch die großen Handelsmessen in Leipzig und Frankfurt am Main mussten starke Einbußen hinnehmen. Da die von den französischen Besatzern erhobenen Kontributionen die Kaufkraft der Bevölkerung schmälerten, ging die Nachfrage an Luxusgütern zurück, die den Hauptreiz der Handelsmessen darstellten.[25]

Bedeutung für die Industrialisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Historiker Reinhard Stauber sieht in der Kontinentalsperre eine wichtige Voraussetzung für die frühe Industrialisierung in den deutschen Staaten. Vor allem die mechanisierte Baumwollindustrie in Sachsen und im Rheinland habe vom Wegfall der britischen Konkurrenz profitiert. Zwischen 1806 und 1813 stieg die Anzahl der baumwollverarbeitenden Betriebe in Sachsen um das Zwanzigfache.[26] Auch die Tuchindustrie um Lüttich, Aachen und Leiden erlebte neue Impulse. Der Bedarf der zuvor hauptsächlich aus Großbritannien importierten Wolle konnte durch die Zucht von Merinoschafen in Sachsen und Schlesien gedeckt werden. Zusätzlich mussten die zahlreich einberufenen Soldaten mit Bekleidung versorgt werden. Neben der Textilbranche profitierten auch die Rüstungs- und Eisenindustrie.[27]

Das Zurückgehen der britischen Industriegüter auf dem Kontinent begünstigte außerdem Innovationen im Maschinenbau. Vor allem die neu entstandenen mechanisierten Webereien benötigten Spindeln und Maschinen zum Antrieb. Dies führte zur Gründung mehrerer Fabriken, u. a. durch Johann Georg Bodmer im ehemaligen Kloster St. Blasien. Außerhalb des Textilsektors kam es durch Georg Christian Carl Henschel in Kassel und Friedrich Krupp in Essen zu Fabrikgründungen während der Kontinentalsperre.[28] Obwohl die Nachfrage an Gussstahl zu diesem Zeitpunkt noch gering war, bot der Wegfall der britischen Konkurrenz für Friedrich Krupp genügend Anreize diese experimentell nachzuahmen. Am 20. November 1811 gründete er eine Gussstahlfabrik.[29]

Um den Rückgang und die hohen Preise von britischen Kolonialwaren und Rohstoffen zu kompensieren, arbeiteten Chemiker, Techniker und Pharmazeuten auf dem Kontinent an pflanzlichen Ersatzstoffen. Bohnenkaffee sollte durch Zichorienpulver, Rohrzucker durch Zuckerrüben und der blaue Farbstoff Indigo durch Färberwaid ersetzt werden. Besonders in Frankreich und Deutschland schuf dies Grundlagen für eine spätere Chemieindustrie.[30] Obwohl schon Mitte des 18. Jahrhunderts bekannt war, dass aus Runkelrüben Zucker gewonnen werden konnte, bestand vor der Kontinentalsperre kein nennenswerter Bedarf zum Anbau des einheimischen Gewächses. Insbesondere die französische Kolonie Saint-Domingue versorgte den Kontinent mit Rohrzucker. Während eines Sklavenaufstandes gelang es der Kolonie jedoch, die französische Herrschaft abzuschütteln und sich für unabhängig zu erklären. Daraufhin brach der Zuckerhandel auf dem Kontinent zusammen. Eine Reihe von Naturwissenschaftlern bemühte sich nun auf die Verknappung des Zuckers zu reagieren. Dazu gehörte auch Franz Carl Achard, der durch Züchtung den Zuckergehalt der Runkelrübe erheblich steigern konnte.[31] Von solchen Erfolgen erfuhr auch Napoleon. In einem Dekret vom 25. März 1811 befahl er in Frankreich den Anbau von Zuckerrüben auf einer Fläche von insgesamt 32000 Hektar. Sechs Experimentierschulen sollten die Bearbeitung beaufsichtigen und verbessern.[32] So existierten bereits im Jahre 1812 150 Zuckerrübenfabriken in Frankreich. Während in den deutschen Staaten die Zuckerrübenfabrikation nach dem Ende der Kontinentalsperre unrentabel wurden, konnten sie sich in Frankreich dank eines neuen Schutzzolls behaupten.[33]

Zu den negativen Auswirkungen der Kontinentalsperre zählt jedoch der Umstand, dass die deutschen Staaten den Kontakt zum industriell fortgeschrittensten Staat Europas verloren. Hinsichtlich des technischen Entwicklungsniveaus vergrößerte Großbritannien seinen Vorsprung.[34]

Die Kontinentalsperre war nicht die einzige Voraussetzung, die eine Industrialisierung Deutschlands begünstigten. Vor allem die territoriale Neuordnung Deutschlands und staatliche Reformen spielten hier eine Rolle. So entfielen im napoleonischen Zeitalter zahlreiche innerstaatliche Zollgrenzen und es entstanden größere Wirtschaftseinheiten. Die Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten sowie die Einführung der Gewerbefreiheit sind ebenfalls zu nennen.[35]

Ursache für den Russlandfeldzug Napoleons[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kontinentalsperre war eine der Ursachen, die zum Russlandfeldzug von 1812 führten. Das Zarenreich war wirtschaftlich nicht nur auf den Export von Holz, Getreide und Hanf angewiesen, sondern auch von dem Import britischer Kolonial- und Industriegüter abhängig. Die russische Währung büßte in Folge der Kontinentalsperre um 25 % an Wert ein. Vor allem die russische Aristokratie, die sich Luxusprodukte wie Kaffee kaum noch leisten und nur wenig Ware von ihren Landgütern exportieren konnte, setzte den Zaren unter Druck, seine Außenhandelspolitik gegenüber Frankreich zu ändern.[36]

Den Vorwand für einen solchen Kurswechsel gab schließlich das 1810 verordnete Dekret von Fontainebleau, in dem Napoleon die Zerstörungspraxis von illegaler Ware aus Großbritannien vorschrieb. Nur wenige Wochen später reagierte der Zar darauf mit einem Erlass. Dies war ihm möglich, da sich Russland, im Unterschied zu allen anderen Staaten Kontinentaleuropas erst während der Verhandlungen an die Kontinentalsperre angeschlossen hatte, woran es sich nun jedoch nicht mehr gebunden fühlte.[37] In dem Erlass vom 31. Dezember 1810 legalisierte der Zar den Schiffshandel unter neutraler Flagge mit britischen Waren in Russland. Zugleich wurden französische Luxuswaren mit hohen Zöllen belegt. Von Russland aus gelangte die britische Fracht in die deutschen Staaten, wodurch die Kontinentalsperre endgültig ad absurdum geführt wurde. Napoleon gliederte daraufhin Hansestädte und das Großherzogtum Oldenburg in den französischen Staat ein, um mit der unmittelbaren Verfügungsgewalt über die norddeutsche Küste die Kontinentalsperre aufrechtzuerhalten. Da der dabei entthronte Großherzog von Oldenburg ein Verwandter des Zaren war, verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Paris und Sankt Petersburg weiter.[38]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Robert Hoeniger: Die Kontinentalsperre und ihre Einwirkungen auf Deutschland. L. Simion, Berlin 1905.
  • Roger Dufraisse: Die hegemoniale Integration Europas unter Napoleon I. In: Helmut Berding (Hg.): Wirtschaftliche und politische Integration in Europa im 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen 1984, S. 35–44.
  • Elisabeth Vaupel: Napoleons Kontinentalsperre und ihre Folgen. Hochkonjunktur der Ersatzstoffe. In: Chemie in unserer Zeit 40, Weinheim an der Bergstraße 2006. S. 306–315
  • Diedrich Saalfeld: Die Kontinentalsperre. In: Hans Pohl (Hrsg.): Die Auswirkungen von Zöllen und anderen Handelshemmnissen auf Wirtschaft und Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Stuttgart 1987, S. 121–139

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Roger Dufraisse: Die hegemoniale Integration Europas unter Napoleon I. In: Helmut Berding (Hg.): Wirtschaftliche und politische Integration in Europa im 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen 1984, S. 35–44, hier S. 35–36.
  2. Roger Dufraisse: Die hegemoniale Integration Europas unter Napoleon I. In: Helmut Berding (Hg.): Wirtschaftliche und politische Integration in Europa im 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen 1984, S. 35–44, hier S. S. 36–38.
  3. Brandt, Die Befreiungskriege von 1813 bis 1815 in der deutschen Geschichte, in: An der Schwelle zur Moderne. Deutschland um 1800, Hg. Ders., 1999, 83-115, hier; S. 87.
  4. Diedrich Saalfeld: Die Kontinentalsperre. In: Hans Pohl (Hg.): Die Auswirkungen von Zöllen und anderen Handelshemmnissen auf Wirtschaft und Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Stuttgart 1987, S. 121–139, S. 121.
  5. Brandt, Die Befreiungskriege von 1813 bis 1815 in der deutschen Geschichte, in: An der Schwelle zur Moderne. Deutschland um 1800, Hg. Ders., 1999, 83-115, hier; S. 117.
  6. Roger Dufraisse: Napoleon. Revolutionär und Monarch. Eine Biographie, München 1994, S. 107.
  7. Roger Dufraisse: Napoleon. Revolutionär und Monarch. Eine Biographie, München 1994, S. 107.
  8. Diedrich Saalfeld: Die Kontinentalsperre. In: Hans Pohl (Hg.): Die Auswirkungen von Zöllen und anderen Handelshemmnissen auf Wirtschaft und Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Stuttgart 1987, S. 121–139, S. 122.
  9. Rejoinder to His Britannic Majesty's order in council of the 11th November, 1807.
  10. Diedrich Saalfeld: Die Kontinentalsperre. In: Hans Pohl (Hg.): Die Auswirkungen von Zöllen und anderen Handelshemmnissen auf Wirtschaft und Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Stuttgart 1987, S. 121–139, S. 123.
  11. Reinhard Stauber: Das Jahr 1809 und seine Vorgeschichte im napoleonischen Europa, in: Brigitte Mazohl, Bernhard Mertelseder Abschied vom Freiheitskampf? Tirol und ‚1809' zwischen politischer Realität und Verklärung, Innsbruck 2009, S. 13-26, hier; S. 24.
  12. Helmut Stubbe-da Luz: Franzosenzeit in Norddeutschland (1803-1814): Napoleons Hanseatische Departements, Bremen 2003, S. 108.
  13. Elisabeth Fehrenbach: Vom Ancien Régime zum Wiener Kongress, München 2001, S. 95.
  14. Roger Dufraisse: Die hegemoniale Integration Europas unter Napoleon I. In: Helmut Berding (Hg.): Wirtschaftliche und politische Integration in Europa im 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen 1984, S. 35–44, hier S. S. 39.
  15. Elisabeth Fehrenbach: Vom Ancien Régime zum Wiener Kongress, München 2001, S. 95.
  16. Roger Dufraisse: Die hegemoniale Integration Europas unter Napoleon I. In: Helmut Berding (Hg.): Wirtschaftliche und politische Integration in Europa im 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen 1984, S. 35–44, hier S. S. 40.
  17. Helmut Stubbe da Luz: Okkupanten und Okkupierte. Napoleons Statthalterregimes in den Hansestädten. Band 2: Kontinentalsperre - Occupatio pacifica - Assimilationspolitik. München 2005. S. 118
  18. Roger Dufraisse: Die hegemoniale Integration Europas unter Napoleon I. In: Helmut Berding (Hg.): Wirtschaftliche und politische Integration in Europa im 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen 1984, S. 35–44, hier S. S. 40.
  19. Leoni Krämer: Kontinentalsperre In: Rainer Koch (Hg.), Brücke zwischen den Völkern – Zur Geschichte der Frankfurter Messe, Bd. III: Ausstellung zur Geschichte der Frankfurter Messe 1991, S. 343-346, hier; S. S. 344.
  20. Frankreich (Geschichte 1804–14) 8). In: Brockhaus Konversations-Lexikon 1894–1896, 7. Band, S. 97–98 (hier Seite 98).
  21. Rheinbund. In: Brockhaus Konversations-Lexikon 1894–1896, 13. Band, S. 820–821 (hier Seite 821).
  22. Michael North: Die Auswirkungen der Kontinentalsperre auf das nördliche Deutschland und den Ostseeraum. In: A. Klinger, H.-W. Hahn, G. Schmidt (Hg.): Das Jahr 1806 im europäischen Kontext. Balance, Hegemonie und politische Kulturen. Köln-Weimar-Wien 2008, S. 135–148, hier S. 135.
  23. Michael North: Die Auswirkungen der Kontinentalsperre auf das nördliche Deutschland und den Ostseeraum. In: A. Klinger, H.-W. Hahn, G. Schmidt (Hg.): Das Jahr 1806 im europäischen Kontext. Balance, Hegemonie und politische Kulturen. Köln-Weimar-Wien 2008, S. 135–148, hier S. 135.
  24. Winfried Reiß: Mikroökonomische Theorie. Historisch fundierte Einführung. München 1990. S. 55.
  25. Michael P. Zerres, Christopher Zerres: Entwicklung des Welthandels im 19. Jahrhundert Band 56, München u. Mering 2008, S. 21
  26. Reinhard Stauber: Das Jahr 1809 und seine Vorgeschichte im napoleonischen Europa, in: Brigitte Mazohl, Bernhard Mertelseder Abschied vom Freiheitskampf? Tirol und ‚1809' zwischen politischer Realität und Verklärung, Innsbruck 2009, S. 13-26, hier; S. 24.
  27. Michael P. Zerres, Christopher Zerres: Entwicklung des Welthandels im 19. Jahrhundert Band 56, München u. Mering 2008, S. 21–22
  28. Hubert Kiesewetter: Die Industrialisierung Sachsens. Ein regional-vergleichendes Erklärungsmodell, Stuttgart 2007, S. 391
  29. Lothar Gall: Krupp. Der Aufstieg eines Industrieimperiums, Berlin 2000, S. 19
  30. Elisabeth Vaupel: Napoleons Kontinentalsperre und ihre Folgen. Hochkonjunktur der Ersatzstoffe. In: Chemie in unserer Zeit 40, Weinheim an der Bergstraße 2006. S. 306–315
  31. Elisabeth Vaupel: Napoleons Kontinentalsperre und ihre Folgen. Hochkonjunktur der Ersatzstoffe. In: Chemie in unserer Zeit 40, Weinheim an der Bergstraße 2006. S. 306–315, hier: S. 312
  32. Uwe Wallbaum, Die Rübenzuckerindustrie in Hannover. Zur Entstehung und Entwicklung eines landwirtschaftlich gebundenen Industriezweigs von den Anfängen bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, Stuttgart 1998, S. 23.
  33. Elisabeth Vaupel: Napoleons Kontinentalsperre und ihre Folgen. Hochkonjunktur der Ersatzstoffe. In: Chemie in unserer Zeit 40, Weinheim an der Bergstraße 2006. S. 306–315, hier: S. 313
  34. Hans-Werner Hahn: Reformen, Restauration und Revolution, 1806–1848/9; in: Gebhardt`s Handbuch der deutschen Geschichte; Bd. 14, 10. Aufl., Stuttgart 2010. S. 188.
  35. Reinhard Stauber: Das Jahr 1809 und seine Vorgeschichte im napoleonischen Europa, in: Brigitte Mazohl, Bernhard Mertelseder Abschied vom Freiheitskampf? Tirol und ‚1809' zwischen politischer Realität und Verklärung, Innsbruck 2009, S. 13-26, hier; S. 24.
  36. Adam Zamoyski: 1812. Napoleons Feldzug in Russland, übers. von Ruth Keen und Erhard Stölting, München 2012. S. 87–88.
  37. Roger Dufraisse: Die hegemoniale Integration Europas unter Napoleon I. In: Helmut Berding (Hg.): Wirtschaftliche und politische Integration in Europa im 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen 1984, S. 35–44, hier S. 39.
  38. Adam Zamoyski: 1812. Napoleons Feldzug in Russland, übers. von Ruth Keen und Erhard Stölting, München 2012. S. 90.