Malaysia-Airlines-Flug 17

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Malaysia-Airlines-Flug 17 (MH17)
Malaysia Airlines Boeing 777-200ER PER Koch-2.jpg

9M-MRD, die später abgestürzte Maschine, im August 2010 auf dem Flughafen Perth

Unfall-Zusammenfassung
Unfallart Abschuss durch Luftabwehrrakete
Ort 48° 8′ 18,3″ N, 38° 38′ 20″ OKoordinaten: 48° 8′ 18,3″ N, 38° 38′ 20″ O, nahe Tores, Oblast Donezk, UkraineUkraine Ukraine
Datum 17. Juli 2014
Todesopfer 298
Überlebende 0
Luftfahrzeug
Luftfahrzeugtyp Boeing 777-200ER
Betreiber Malaysia Airlines
Kennzeichen 9M-MRD
Abflughafen Flughafen Amsterdam Schiphol NiederlandeNiederlande Niederlande
Zielflughafen Flughafen Kuala Lumpur MalaysiaMalaysia Malaysia
Passagiere 283
Besatzung 15
Listen von Flugunfällen

Der Malaysia-Airlines-Flug 17 (Flugnummer MH17 sowie Codesharing mit KLM Flug KL4103) war ein internationaler Linienflug der Malaysia Airlines von Amsterdam nach Kuala Lumpur. Am 17. Juli 2014 stürzte ein Flugzeug vom Typ Boeing 777-200ER mit dem Kennzeichen 9M-MRD gegen 16:20–16:25 Uhr ukrainische Ortszeit auf dieser Route ab.[1][2] Alle 298 Insassen, darunter 80 Kinder[3] und 15 Besatzungsmitglieder, kamen ums Leben. Die Trümmer gingen nahe der Stadt Tores in der Ostukraine nieder, verstreut über eine Fläche von 35 Quadratkilometern.[4][5]

Gemäß technischem Untersuchungsbericht handelte es sich um einen Abschuss durch eine Flugabwehrrakete im Zusammenhang mit dem Konflikt in der Ostukraine. Die bereits am Tag des Abschusses veröffentlichten Vermutungen über die Beteiligung einer Lenkwaffe des Systems „Buk“ hatten sich schon verdichtet, als am 2. Juni 2015 der Hersteller der Lenkwaffe das Vorhandensein von Buk-Fragmenten in den Trümmern bestätigte.[6][7][8]

Das Absturzgebiet war im Sommer 2014 umkämpft, wodurch auch Bergungsarbeiten und Ermittlungen vor Ort erschwert waren.

Der Vorfall gehört nach Anzahl der Opfer zu den zehn schwersten Katastrophen der Luftfahrt. Für Malaysia Airlines war es – nach dem Verschwinden von Malaysia-Airlines-Flug 370 im März 2014 – der zweite Totalverlust innerhalb weniger Monate.

Die Länder des Gemeinsamen Ermittlungsteams (engl.: Joint Investigation Team JIT) verständigten sich darauf, ein UNO-Tribunal anzustreben und der leitende Ermittler Fred Westerbeke war im Juli 2015 zuversichtlich, dass es eine Strafverfolgung gegen verantwortliche Personen geben werde.[9] Elf Länder im UNO Sicherheitsrat stimmten am 29. Juli 2015 für ein UNO-Tribunal, Russland legte dagegen sein Veto ein.

Flugzeug[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Flugzeug vom Typ Boeing 777-200ER mit dem Luftfahrzeugkennzeichen 9M-MRD und der Seriennummer 28411 war die 84. produzierte Boeing 777. Nach seinem Jungfernflug am 17. Juli 1997 wurde das Flugzeug am 29. Juli 1997 an Malaysia Airlines geliefert. Die Maschine war somit bis zu ihrem Absturz 17 Jahre im Dienst. Sie war mit zwei Triebwerken vom Typ Rolls-Royce Trent 892[10] und 282 Sitzplätzen für Passagiere ausgestattet.[11] Die letzte Generalüberholung (D-Check) fand 2013 statt; am 16. November ging das Flugzeug wieder in Betrieb. Die letzte Inspektion erfolgte laut Malaysia Airlines am 11. Juli 2014 auf dem Flughafen Kuala Lumpur, während die niederländische Flugunfalluntersuchungsbehörde OVV den 16. April als Zeitpunkt der letzten kleinen Inspektion (A-Check) nannte. Die nächste Wartung war für den 27. August 2014 geplant. Nach Angaben des Betreibers war das Flugzeug in einwandfreiem Zustand; der Hinflug nach Amsterdam verlief ohne technische Probleme. Insgesamt hatte die Maschine 75.322 Flugstunden bei 11.434 Flügen absolviert.[11]

Passagiere und Besatzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Staatsangehörigkeit Anzahl
NiederlandeNiederlande Niederlande 192
MalaysiaMalaysia Malaysia 43[A 1]
AustralienAustralien Australien 27
IndonesienIndonesien Indonesien 12
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Vereinigtes Königreich 9
BelgienBelgien Belgien 4
DeutschlandDeutschland Deutschland 4
PhilippinenPhilippinen Philippinen 3
KanadaKanada Kanada 1
NeuseelandNeuseeland Neuseeland 1
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Vereinigtes Königreich +
SudafrikaSüdafrika Südafrika
1
NiederlandeNiederlande Niederlande +
Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Vereinigte Staaten
1

An Bord waren 298 Menschen: 283 Passagiere und 15 Besatzungsmitglieder. Alle Besatzungsmitglieder kamen aus Malaysia.[12] Die vier Piloten der Langstreckenbesatzung waren der 50-jährige Wan Amran Bin Wan Hussin und der 45-jährige Eugene Choo Jin Leong (Kapitäne) sowie der 29-jährige Ahmad Hakimi Bin Hanapi und der 27-jährige Muhamad Firdaus Bin Abdul Rahim (Copiloten).[13]

Sechs der Passagiere, darunter der AIDS-Forscher Joep Lange und seine Partnerin und Mitarbeiterin Jacqueline van Tongeren, waren auf dem Weg zur 20. Welt-AIDS-Konferenz in Melbourne.[14] In dem Flugzeug befanden sich auch der sozialdemokratische niederländische Abgeordnete Willem Witteveen, seine Ehefrau und seine Tochter.[15] Zudem befanden sich unter den Opfern der australische Schriftsteller Liam Davison[16] sowie die malaysische Theater- und Filmschauspielerin Shuba Jaya, die zusammen mit ihrem Ehemann Paul Goes und Kind starb.[17]

Flugverlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verlauf des Malaysia-Airlines-Fluges 17
Flugverlauf von MH17 und SQ351 um 12:55–13:27 UTC mit Luftraum-Sperrzonen

Das Flugzeug war um 10:31 Uhr UTC (12:31 Uhr Ortszeit) auf der Bahn 36C des Flughafen Schiphol in Amsterdam gestartet und überquerte Deutschland und Polen, bis es den ukrainischen Luftraum erreichte.[18] Die Flugroute war durch Eurocontrol und die Internationale Organisation für Zivilluftfahrt (ICAO) freigegeben worden.[19] Die westliche Ukraine überflog MH17 in einer Höhe von 33.000 Fuß (ca. 10 km).[20] Um 12:53 Uhr UTC fragten die Fluglotsen an, ob MH17 auf die im Flugplan vorgesehene Höhe von 35.000 Fuß steigen könne, auch um Platz für eine von Nordwesten auf 33.000 Fuß herannahende Maschine – Singapore-Airlines-Flug SQ351 – zu machen. Die Piloten lehnten dies jedoch ab, woraufhin SQ351 auf 35.000 Fuß stieg.[21]

In der Umgebung der MH17-Flugroute gab es mehrere Gewitter. Gegen 13:00 Uhr genehmigte die Flugverkehrskontrolle eine wetterbedingte Abweichung von der vorgesehenen Route in nördliche Richtung, während sie einen angefragten Anstieg auf 34.000 Fuß ablehnte. Das Flugzeug drehte etwas nach links und erreichte den Luftraum um Donezk, der bis zu einer Höhe von 32.000 Fuß (ca. 9,75 km) gesperrt war. Um 13:20 Uhr befand es sich etwa 7 km nördlich der geplanten Route und nahe der Ortschaft Rossypne, als der Funkkontakt mit den Fluglotsen abbrach. Die Aufzeichnungen des Cockpit-Stimmenrekorders und des Flugdatenschreibers stoppten um 13:20:03 Uhr UTC bei einer Flughöhe von 33.000 Fuß und normaler Reisegeschwindigkeit. Die Maschine setzte keinen Notruf ab, und die Daten- und Tonaufzeichnungen bis zum Ausfall der Systeme zeigten keine Unregelmäßigkeiten. Vom russischen Militär veröffentlichte Radar-Aufzeichnungen zeigen einen plötzlichen Geschwindigkeitsverlust der Maschine kurz nach 13:20 Uhr UTC; sie bewegte sich nun in einer Drehung in nordöstliche Richtung und verschwand 90 Sekunden später mit einer Geschwindigkeit über Grund von 200 km/h vom Radarschirm. Das Radargerät erfasste Objekte oberhalb von 5 km Flughöhe.[2]

Die Haupt-Überreste, das waren der hintere und mittlere Flugzeugteil, wurden beim Dorf Hrabowe aufgefunden, der „Hauptabsturzstelle“ etwa 12 km nördlich von Tores (Oblast Donezk) und 8,5 km ostnordöstlich der letzten bekannten Flugposition.[4] Die übrigen Trümmer verteilten sich über ein langgestrecktes Gebiet, von Hrabowe bis zum 6 Kilometer westlich gelegenen Rossypne – dort lag der Cockpitbereich – und weiter nach Nordwesten, über Petropawliwka und entlang von Orlowo-Iwaniwka (Орлово-Іванівка) bis in die Nähe des 3000-Einwohner-Ortes Olchowatka.[4]

Risiken der Flugroute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die Wahl der Flugroute ist die jeweilige Fluggesellschaft verantwortlich. Fluggesellschaften führen eigene Sicherheitsanalysen der von ihnen genutzten Lufträume durch und stützen sich dabei auf international verfügbare Informationen,[22] insbesondere die Mitteilungen der internationalen Luftfahrtorganisationen ICAO, IATA und Eurocontrol, welche sich wiederum auf die Gefahreneinschätzungen der lokalen Mitgliedstaaten verlassen.[23][24][25]

Die MH17-Route verlief über Krisengebiet; im Südosten des Landes herrscht ein bewaffneter Konflikt. Manche Fluglinien entschieden sich daher bereits Monate vor dem Unglück, diese Region zu umfliegen. Ausweichrouten sind für die Fluggesellschaften immer mit zusätzlichen Kosten verbunden[25], während der Ukraine dadurch Überfluggebühren entgingen.[26]

Am 1. Juli sperrte die Ukraine den unteren Luftraum im Osten des Landes: Zivilflugzeuge durften ohne Sondergenehmigung der ukrainischen Armeeleitung nur noch oberhalb von 26.000 Fuß (ca. 7,9 km) verkehren.[27]

Eurocontrol forderte mehrere Tage vor dem MH17-Absturz die ukrainische Regierung inoffiziell („spoken privately“) zur Sperrung des Luftraums über dem Donbass für Zivilflüge auf. Die Eurocontrol-Vertreter begründeten dies damit, dass die Frequenzen, auf denen die Kommunikation zwischen Flugzeugen und der Leitstelle am Boden stattfindet, mehrfach gestört wurden. Außerdem seien bei den Kämpfen bereits etwa 20 Militärmaschinen abgeschossen worden.[28] Eurocontrol betonte, ohne Mandat nicht befugt zu sein, den Landesbehörden offizielle Empfehlungen zu erteilen.[29]

Als drei Tage vor dem Unglück, am 14. Juli, abermals eine Militärmaschine, eine Antonow An-26, abgeschossen worden war, wurde eine Teilsperrung des Luftraums in einem kleineren Gebiet verfügt – bis zu einer Höhe von 9.750 Metern (ca. 32.000 Fuß).[30] Da der Transit internationaler Zivilflüge in aller Regel in Höhen über 10.000 Metern erfolgt – MH 17 flog auf 10.050 Metern und damit knapp über der Grenze –, hatte die Teilsperrung keine Auswirkungen auf den Interkontinentalverkehr. Es gab keine darüber hinausgehenden offiziellen Warnungen vor einem Überfliegen des betroffenen Gebiets.[25][22]

Laut dem ukrainischen Verteidigungsminister Waleri Geletej war die Antonow in 6.500 Metern Höhe (ca. 21.300 Fuß) abgeschossen worden.[31][32][33] Etwa 75 Prozent der normalerweise über die Ostukraine führenden Flüge fanden auch nach Einrichtung der Luftraumteilsperren weiterhin statt.[34] In den sieben Tagen bis zum Unglück führten rund 900 Linienflüge über die Region Donezk; am häufigsten vertreten waren Aeroflot, Singapore Airlines, Ukraine International Airlines, Lufthansa und Malaysia Airlines.[35]

Zum Zeitpunkt des MH17-Kontaktverlusts befanden sich in der Nähe zwei weitere Verkehrsflugzeuge, die Singapore-Airlines-Maschine etwa 30 km nordwestlich und Air-India-Flug AI113 rund 60 km östlich.[36] Eineinhalb Stunden nach dem Absturz der MH 17 fand eine offizielle Vollsperrung des Luftraums über dem Donbass durch die ukrainische Regierung statt.[30]

Die Wahl der MH17-Flugroute wird von der niederländischen Verkehrssicherheitsbehörde untersucht,[37] während die ICAO den Umgang mit Krisenregionen in der zivilen Luftfahrt überprüft.[38]

Erste politische Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sprach noch am selben Abend von einem „terroristischen Akt“ prorussischer Freischärler.[39] Einen Abschuss des Flugs MH17 durch die Streitkräfte der Ukraine schloss er aus.[40] Anton Geraschtschenko, Berater des ukrainischen Innenministers Arsen Awakow, beschuldigte die Milizen, das Flugzeug mit einem von Russland bereitgestellten Buk-Flugzeugabwehrsystem abgeschossen zu haben.[41][42][43] Auch der australische Premierminister Tony Abbott sprach von einem Abschuss durch „von Russland unterstützte Rebellen“.[44]

Alexander Borodai, damaliger Ministerpräsident der proklamierten Volksrepublik Donezk, warf der ukrainischen Luftwaffe vor, die Maschine als „Provokation“ abgeschossen zu haben. Die Aufständischen besäßen keine Abwehrwaffen, die Flugzeuge in einer Höhe von 10.000 Metern erreichen können.[45] Der russische Präsident Wladimir Putin machte in einer Stellungnahme am 18. Juli die ukrainische Regierung für das Ereignis verantwortlich, da diese sich nicht ausreichend um den inneren Frieden im eigenen Land bemüht habe, ohne ihr allerdings die Beteiligung an einem Abschuss zu unterstellen.[46] US-Präsident Barack Obama hielt sich mit Schuldzuweisungen zurück, wies jedoch auf Indizien für einen Raketenabschuss aus von pro-russischen Milizen kontrolliertem Gebiet hin. Die Gewalt in diesem Gebiet beruhe zu einem großen Teil auf russischer Unterstützung.[47][48] Mark Rutte, Ministerpräsident der Niederlande, forderte Putin in einem Telefongespräch zum Eingreifen auf. Er vermied eine Schuldzuweisung.[49]

In einer von Großbritannien beantragten Sondersitzung am 18. Juli forderte der Weltsicherheitsrat – wie von Großbritannien vorgeschlagen – eine gründliche, unabhängige und internationale Untersuchung des Vorfalls.[50][51] In einer weiteren Sitzung am 21. Juli verurteilte er mit der Resolution 2166 den mutmaßlichen Abschuss des Flugzeugs und wiederholte die Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung, bei der die ICAO – eine UN-Behörde – eine zentrale Rolle spielen solle.[52][53]

Am 20. Juli beschuldigte US-Außenminister John Kerry die Aufständischen in der Ostukraine, für den Abschuss verantwortlich zu sein. Die USA seien im Besitz von Bildmaterial, das zum Moment des Abschusses einen Raketenstart in der Gegend belege. Die Route der Rakete zeige, dass diese das Flugzeug getroffen habe.[54] Der ehemalige CIA-Analyst Ray McGovern warf der US-Regierung vor, die Beweise für diese Aussagen nicht zu veröffentlichen.[55]

Bergungsarbeiten und Inspektion der Absturzstelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfängliche Unregelmäßigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gebiet nördlich von Tores ist Teil der im April 2014 ausgerufenen Volksrepublik Donezk und wurde zum Absturzzeitpunkt von Freischärler-Milizen kontrolliert.[56] In der Anfangszeit kam es zu Plünderungen, an denen Rebellenkämpfer beteiligt waren.[57][58][59]

Während der damalige politische Anführer Alexander Borodai bekanntgab, man lasse den Absturzort unberührt, bargen Rebellen eilig die Opfer des vorderen Rumpfabschnittes und brachten sie in ein Leichenhaus in Donezk. Die restlichen Leichen wurden erst nach drei Tagen in Säcke verpackt, am Straßenrand gesammelt und nach Tores transportiert. Ukrainische Regierungsvertreter behaupteten, dass auch Beweismaterial fortgeschafft worden sei.

Auch die rasche Bergung der Opfer des Cockpit-Bereichs erschien in diesem Zusammenhang verdächtig, da diese erwartungsgemäß die meisten Spuren aufweisen würden.[60][57][58][61] Der Untersuchungsbericht bestätigte den Verdacht und führte aus, dass Versuche unternommen worden waren, den Absturzgrund zu verschleiern.[62]

Internationaler Einsatz unter OSZE-Vermittlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ersten internationalen Kräfte vor Ort waren Mitglieder der seit April 2014 in der Ukraine anwesenden OSZE-Beobachtermission. Nach Verhandlungen mit den Milizen erhielt das OSZE-Team ab dem 18. Juli Zutritt zu dem Gelände, am ersten Tag jedoch – anders als vereinbart – nur für 75 Minuten und bloß für ein winziges Stück von 200 Quadratmetern, am zweiten Tag nur wenig mehr.[56][63][64] Einheiten des ukrainischen Katastrophenschutzes unterstützten die weiteren Arbeiten, wurden allerdings von den Rebellen daran gehindert, Beweismaterial einzusammeln und mitzunehmen.[57][65] Nach ukrainischen Regierungsangaben wurden die Einsatzkräfte von „bis zu 900“ Kämpfern der Milizen überwacht.[66]

Niederländische und australische Einsatzkräfte untersuchen ein Wrackteil.

Um eine geordnetere Bergung und Untersuchung zu ermöglichen, vereinbarten die Zentralregierung, die Milizen, Russland und die OSZE am 19. Juli eine etwa 20 km² große Sicherheitszone rund um die Absturzstelle.[67] Dies verschaffte dem OSZE-Team mehr Bewegungsfreiheit.[63] Auch ukrainische Flugunfallermittler erhielten Zutritt.[68] Kurz darauf stellten die OSZE-Beobachter fest, dass von Cockpit und Flugzeugrumpf große Teile entfernt worden waren.[69][70] Sie beobachteten auch, wie uniformierte Männer das Cockpit zersägten.[71] Reporter entdeckten später Flugzeugteile, die zum Bau einer Straßensperre verwendet worden waren.[72]

Im weiteren Verlauf trafen niederländische, australische, malaysische und britische Bergungskräfte, Forensiker und Techniker ein,[73] die unter der Leitung des niederländischen Verteidigungsministeriums operierten;[74] dabei übernahm die OSZE die Vermittlerrolle zwischen ukrainischer Regierung, Milizen und Einsatzkräften und verschaffte den anderen Einheiten Zugang zum Unglücksort.[75] Die Niederlande,[74] Australien[76] und Malaysia[77] entsandten zudem Militärpolizisten und reguläre Polizeieinheiten, zum Schutz ihrer Teams und als Helfer bei den Bergungsarbeiten.[78][77] Sie durften seit Anfang August – nach einer von den Separatisten heftig kritisierten Genehmigung durch Parlament und Präsident der Ukraine – Waffen tragen, versuchten dies jedoch zu vermeiden.[76][64] Ein darüber hinausgehender Militäreinsatz zur Absicherung der Absturzstelle wurde von allen drei Ländern erwogen und wäre durch den ukrainischen Parlamentsbeschluss gedeckt, wurde jedoch wegen der angespannten Lage vor Ort verworfen.[79]

Bergungsarbeiten Juli bis September 2014: Kriegshandlungen erzwingen Abbruch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Sarg wird am Flughafen Eindhoven zum Leichenwagen getragen.

Die in Tores gesammelten Leichen wurden in einem Kühlzug gelagert, dessen Kühlung zeitweise ausfiel;[80] auch die zunächst in Donezk aufbewahrten kamen hinzu. Nach Freigabe durch die Milizen[81] fuhr der erste Transport mit etwa 200 Leichen am 21. Juli weiter nach Charkiw.[82][83] Danach fanden australische Ermittler und OSZE-Beobachter weitere Opfer in einem Teil des Flugzeugrumpfes in einem Waldstück.[84] Während sich die internationalen Kräfte um den östlichen Teil des Geländes kümmerten, durchsuchten die Separatistenmilizen mit etwa 800 örtlichen Helfern den westlichen Bereich.[85][86]

Bis zum 26. Juli wurden alle bislang geborgenen Leichen und Leichenteile für forensische Untersuchungen nach Hilversum in den Niederlanden geflogen,[87] in insgesamt 227 Särgen.[88] Ein vorerst letzter, 228. Sarg wurde am 4. August ausgeflogen.[85][89]

Die Arbeiten vor Ort mussten mehrfach wegen aufflammender Kämpfe unterbrochen werden. Am 7. August stellten die Einsatzkräfte ihre Arbeiten ganz ein;[90][91] die Front verlief zu diesem Zeitpunkt nach Geländegewinnen der ukrainischen Armee direkt über die Absturzstelle.[75] Im September sollte der Einsatz nach einer Waffenstillstands-Vereinbarung zwischen den Konfliktparteien fortgesetzt werden, aber man gab den Versuch auf, nachdem Unbekannte mehrmals Warnschüsse abgegeben hatten.[92][93]

Wiederaufnahme der Bergungsarbeiten Oktober bis November 2014[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mitte Oktober, kurz vor dem drohenden Wintereinbruch, setzten auf Druck Malaysias und der Niederlande ukrainische Katastrophenschutz-Einheiten die Bergungsarbeiten fort. Sie wurden von niederländischen Experten angeleitet und wieder von OSZE-Beobachtern begleitet und von bewaffneten Milizen bewacht. Im unmittelbaren Umfeld fanden Kämpfe statt.[94][95] Es wurden persönliche Gegenstände der Opfer geborgen,[96] und Ende Oktober erstmals seit Unterbrechung der Arbeiten weitere menschliche Überreste.[97]

In der zweiten Novemberwoche entdeckten die Einsatzkräfte weitere Leichen. Minen und Granaten-Blindgänger im Absturzgebiet behindern die Arbeiten.[98][99] Fünf Särge mit menschlichen Überresten wurden am 8. November in die Niederlande ausgeflogen.[100] Eine Woche später begann die Bergung des Flugzeugwracks, das zur Untersuchung in die Niederlande transportiert werden soll. Ein Teilbereich des Wracks soll rekonstruiert werden.[101]

Die absichtlich zurückgelassenen Wrackteile sollen die Rebellen gemäß Vereinbarung mit den Niederlanden entsorgen. Diese Vorgehensweise ergab sich aus der Indizienlage, wonach besonders der Vorderrumpf und der linke Flügel ermittlungstechnisch von Bedeutung seien.[102]

Weitere Funde ab Februar 2015[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang Februar 2015 bargen niederländische Soldaten Leichenteile, persönliche Gegenstände und Wrackteile, die Bewohner der Absturzregion gefunden hatten. Experten hoffen, unter den menschlichen Überresten Teile der drei letzten, nicht gefundenen Todesopfer identifizieren zu können. Die unbewaffneten Soldaten verzichteten angesichts von Winter und Kampfhandlungen in der nahe gelegenen Kleinstadt Debalzewe auf eine eigene Suche.[103] Anfang Mai trafen die letzten sieben Särge in den Niederlanden ein.[104]

Am 11. August 2015 gab die Untersuchungskommission bekannt, dass an der Absturzstelle Fragmente einer Buk-Rakete identifiziert worden seien. Weitere Teile der Rakete waren ins Innere des Flugzeuges katapultiert worden und wurden zusammen mit dem Flugzeugwrack aufgefunden.[105][106]

Anfang Juni 2016 wurde die Antriebsdüse einer Buk-Rakete gefunden.[107]

Untersuchungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Organisation der Untersuchungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Flugunfalluntersuchung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemäß internationaler Vereinbarungen zur zivilen Luftfahrt liegt die Verantwortung für die Untersuchung des Flugzeugabsturzes bei der Ukraine. Zuständige Stellen sind das Nationale Büro für Flugunfalluntersuchung der Ukraine (NBAAI) und eine am 17. Juli 2014 eingerichtete Untersuchungskommission der ukrainischen Regierung unter Leitung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Wolodymyr Hrojsman.[108][109] Das NBAAI begann am 18. Juli zusammen mit internationalen Experten die Unfalluntersuchung.[68] Nachdem der Weltsicherheitsrat sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin eine unabhängige, internationale Untersuchung unter Federführung der ICAO gefordert hatten,[51][52][110] übertrug die Ukraine die Leitung der offiziellen Untersuchungen am 24. Juli an die Niederlande[74] – laut Frans Timmermans, dem Außenminister der Niederlande, ein noch nie dagewesener Vorgang.[22]

Für die Flugunfalluntersuchung ist seitdem die niederländische Behörde Onderzoeksraad voor Veiligheid (OVV, dt. „Untersuchungsrat für Sicherheit“, engl. Dutch Safety Board, DSB) zuständig.[37] Sie koordiniert ein 25-köpfiges Team, dem neben Experten von ICAO und Eurocontrol auch Ermittler aus der Ukraine, Malaysia, Australien, Frankreich, Deutschland, den USA, Großbritannien und Russland angehören. Russland hatte eine Teilnahme zunächst abgelehnt und schloss sich erst später an.[85] Auch die Europäische Agentur für Flugsicherheit[111] und die Flugsicherheitsbehörden Indonesiens und Italiens sind beteiligt, ebenso wie das Zwischenstaatliche Luftfahrtkomitee der GUS und der Flugzeughersteller Boeing.[112] Mit forensischen Untersuchungen – insbesondere zur Identifizierung der Opfer – wurde das niederländische Nationale Team forensischer Ermittlungen der Polizei (LFTO) beauftragt. Es wird unterstützt durch das Niederländische forensische Institut (NFI, zuständig für DNA-Analysen) und weitere Einrichtungen wie das deutsche Bundeskriminalamt und Scotland Yard.[113][114][115]

Die Arbeiten für den Abschlussbericht umfassen mindestens die Untersuchung der Flugdaten- und Stimmenrekorder- sowie Radar-Aufzeichnungen sowie die Datenaufzeichnungen weiterer Fluginstrumente und des Funkverkehrs der Flugverkehrskontrolle (Fluglotsengespräche). Ferner werden Wetterbedingungen, Wrackteile (soweit sie geborgen werden können), und eventuelle Fremdobjekte untersucht. Dazu kommen die Ergebnisse der pathologischen Untersuchungen sowie der Nachvollzug des Ablaufs des Flugzeug-Auseinanderbrechens, schließlich wird noch der Umgang der Fluglinie mit Sicherheitsrisiken beim Überfliegen einer Konfliktregion betrachtet.

Strafuntersuchung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unabhängig von diesen Unfalluntersuchungen wurden bereits kurz nach dem Absturz nationale Strafverfolgungsbehörden mit dem Ziel aktiv, die Verantwortlichen für die Katastrophe zu ermitteln und zur Rechenschaft zu ziehen. Mit Unterstützung der EU-Justizbehörde Eurojust entstand ein internationales Team für die Kriminalermittlungen (Joint Investigation Team, JIT), an dem die Niederlande, Australien, Belgien und die Ukraine beteiligt sind.[22][85][116] Die gemeinsamen Ermittlungen sollen bis August 2015 andauern.[117] Die Strafverfolger haben keinen Zutritt zum Absturzort.[85] Für die Niederlande ist es der größte Kriminalfall in der Geschichte des Landes.[118]

Die Untersuchungen finden unter größten Sicherheitsvorkehrungen statt; so wurden die von den Ermittlern in der Ostukraine verwendeten Geräte, welche Kontakt zu lokalen Telefonnetzen hatten, zerstört. Damit sollte vermieden werden, dass der russische Geheimdienst in die Computersysteme eindringt.[119]

Technische Flugunfalluntersuchung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sicherung von Beweismaterial[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Letzte Aufzeichnungen des Flugdatenschreibers

Der Flugdatenschreiber war noch am Absturztag von den Separatisten geborgen worden.[120] Die malaysische Regierung nahm direkte Verhandlungen mit der politischen Vertretung der Separatisten auf und kam vier Tage später zu einer Vereinbarung in drei Punkten: erstens Abtransport und Übergabe der Leichen, zweitens Übergabe der Flugschreiber, drittens sicherer Zugang zur Absturzstelle für unabhängige Untersucher.

Am Tag des Abschlusses dieser Vereinbarung übergaben die Rebellen den Flugdatenschreiber zusammen mit dem Cockpit-Stimmenrekorder an Vertreter Malaysias.[121] Die Geräte waren leicht beschädigt, wiesen aber keine Zeichen von Manipulation auf.[122] Die Daten wurden anschließend im Auftrag des OVV und unter Anwesenheit internationaler Ermittler vom Air Accidents Investigation Branch (AAIB), der britischen Behörde für Flugunfalluntersuchung, ausgelesen.[123] Der AAIB ist neben dem französischen Bureau d’Enquêtes et d’Analyses pour la sécurité de l’aviation civile (BEA) eine von zwei Einrichtungen in Europa, die über die nötige Technik zur Wiedergabe der Stimmenrekorder-Aufzeichnungen verfügen.[124]

Ermittler des NBAAI untersuchten in den ersten Tagen nach dem Absturz die Unfallstelle, machten Fotos und sicherten Borddokumente der Boeing; diese Daten wurden dem OVV-Untersuchungsteam zur Verfügung gestellt.[68] Die Mitschnitte des Funkverkehrs zwischen den MH17-Piloten und den ukrainischen Fluglotsen wurden laut Presseberichten vom ukrainischen Geheimdienst beschlagnahmt.[125] Der Botschafter der Ukraine in Malaysia dementierte dies.[126]

Die verschiedenen vom OVV gesammelten Materialien wurden zur Erstellung von Untersuchungsberichten verwendet und dort auszugsweise wiedergegeben, werden jedoch nicht im Original veröffentlicht werden.[111]

Ende Juni 2015 berichteten die niederländischen Ermittler, dass Vertreter der Volksrepublik Lugansk die Nachforschungen in der Ostukraine so erheblich behindert hätten, dass sie abgebrochen werden mussten, ohne dass man die Mobilfunksendeanlagen und Mobilfunknetze in der Region hätte untersuchen können.[127]

Vorläufiger Untersuchungsbericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 9. September 2014 veröffentlichte der OVV einen 34-seitigen vorläufigen Untersuchungsbericht. Das vom OVV geleitete Untersuchungsteam hatte die Absturzstelle bis dahin nicht besichtigt. Als Grund wurde die Befürchtung von Terrorismus-Experten genannt, dass die Anwesenheit von Flugunfall-Ermittlern die Opfer-Bergungsarbeiten gefährden könnte;[118][128] zudem sah man besondere Sicherheitsrisiken für die Ermittler.[111] Als Daten standen Stimmenrekorder- und Flugdatenschreiber-Aufzeichnungen sowie Wartungsprotokolle von Malaysia Airlines zur Verfügung. Neben den verfügbaren Daten wurden Fotos ausgewertet, sowohl öffentlich verfügbare als auch die von ukrainischen und malaysischen Ermittlern und von australischen Polizisten aufgenommenen Bilder. Im Weiteren wurden Informationen zum Flugbetrieb wie NOTAMs, die Flugpläne sowie Wetterdaten und Crewstatus überprüft. Dazu kamen in den Tagen nach dem Absturz aufgenommene Satellitenbilder, die ukrainischen und russischen Radarüberwachungsdaten sowie Aufzeichnungen der Fluglotsengespräche mit dem Flug MH17.

Der Bericht kam zu dem Ergebnis, dass es keine Hinweise auf technisches Versagen oder Pilotenfehler gebe. Die auf den Fotos von Cockpit- und vorderen Rumpfteilen zu sehenden Schäden entsprächen dem, was nach dem Einschlag zahlreicher „Objekte mit hoher Geschwindigkeit“ von außen und aufgrund der Geometrie von leicht oberhalb zu beobachten sei. Wahrscheinlich führten diese Beschädigungen zu einem Strukturversagen und zum Auseinanderbrechen des Flugzeuges. Zudem weise die Endlage der abgestürzten Teile darauf hin, dass das Cockpit zuerst abgebrochen sei. Der Bericht machte keine Aussagen zu Art oder Ursprung der „Objekte mit hoher Geschwindigkeit“.[129] Nach Recherchen des WDR, des NDR, der Süddeutschen Zeitung und des niederländischen Investigativteams ARGOS wurde der vorläufige Untersuchungsbericht um einen Satz zur nicht kompletten Sperrung des Luftraums, aus welchem eine Mitschuld der Ukraine an dem Unglück hätte gelesen werden können, bereinigt.[130]

Untersuchungen der Wrackteile in den Niederlanden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Mitte Februar 2015 arbeiteten die internationalen Ermittler auf einer niederländischen Luftwaffenbasis, um Brüche und Einschläge in den Wrackteilen zu inspizieren und das Flugzeug dreidimensional zu rekonstruieren. Ein Sprecher betonte, dass das niederländische Team unter keinen Umständen den Bericht abändern werde, auch wenn andere Länder den Schlussfolgerungen des DSB radikal widersprechen würden.[131]

Abschlussbericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Video der Rekonstruktion des Raketeneinschlags des niederländischen Untersuchungsrates für Sicherheit (Onderzoeksraad voor Veiligheid)

Der Bericht erschien am 13. Oktober 2015.[132] Er hatte zuvor entsprechend den ICAO-Vorschriften allen beteiligten Seiten für 60 Tage zur Kommentierung vorgelegen, bevor er – nach Einarbeitung der Kommentare – der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.[111]

Laut dem Ergebnis des Abschlussberichts explodierte unmittelbar links über dem Cockpit eine Buk-M1-Flugabwehrrakete; drei Personen im Cockpit starben dabei unmittelbar und der Frontteil des Flugzeugs riss ab. Alle anderen Insassen des Flugzeugs verloren innerhalb weniger Momente das Bewusstsein. Der Bericht trifft keine Aussagen über die Verantwortlichen des Raketenabschusses. Er bezeichnet ein ca. 320 km² großes Gebiet als wahrscheinlichen Ort des Raketenabschusses.[133] Dieses Gebiet umfasst gleichzeitig alle jene Standorte, von welchen sowohl russische als auch westliche Quellen ausgingen.

Russland äußerte zum Bericht insgesamt 74 Änderungswünsche, die sich im Ausmaß deutlich von denjenigen der anderen Beteiligten unterschieden. Bei den Plenarsitzungen vom 25. Februar 2015 und 6./7. Mai 2015 hatte Russland mit unterschrieben, dass "das Flugzeug am wahrscheinlichsten von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde". Im Mai war darüber hinaus nur über die Flugbahn der Buk diskutiert worden, nicht mehr aber über die Art der Waffe.[134][135] Bei den Änderungswünschen zum Abschlussbericht fand sich dann trotzdem der Wunsch, „andere Szenarios“, also zum Beispiel einen Abschuss mit einer Luft-Luft-Lenkwaffe, nicht auszuschließen. Dieser Änderungsvorschlag wurde nicht berücksichtigt, der Bericht betonte, dass alle anderen Erklärungen ausgeschlossen werden konnten. ("Other possible scenarios that could have led to the disintegration and crash of the [airplane] were considered, analyzed, and excluded").[136][137]

Gegenüber dem Volkskrant erklärte der Leiter der Untersuchung Tjibbe Joustra, er habe den Eindruck, Russland versuche den Bericht womit auch immer zu unterminieren, darüber hinaus änderten die Russen andauernd ihre Meinung. Der niederländische Außenminister sprach davon, dass Russland am Schlussbericht nicht interessiert sei, sondern nur daran, "Verwirrung zu säen".[138][139]

Der Bericht ist im Weiteren klar der Meinung, dass die Risikoabschätzung für den zivilen Flugverkehr über Konfliktgebieten gemäß Chicagoer Abkommen verbessert werden muss, da das bestehende System keine ausreichenden Mittel bereit stelle. ("The current system of responsibilities for safeguarding civil aviation does not provide sufficient means to adequately assess the risks associated with flying over conflict areas"). [140] Nach Ansicht der Untersuchungskommission hätte es genügend Gründe für eine Sperrung als Vorsichtsmaßnahme gegeben, der Bericht äußert darum Kritik an den ukrainischen Behörden, welche nur eine Teilsperrung vornahmen.[137]

Identifizierung und Heimführung der Opfer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alle Identifizierungsarbeiten finden in den Niederlanden statt;[141] auch persönliche Gegenstände der Passagiere werden dort den Besitzern zugeordnet. Bis Anfang August kamen 176 Leichen und 527 Leichenteile in der Korporaal Van Oudheusdenkazerne in Hilversum an.[142] 289 Personen konnten dort bis Ende Oktober identifiziert werden.[143] Ende Juni 2015 waren 296 von 298 Opfern identifiziert; die letzten beiden Fälle (Niederländer) bleiben vermutlich ungeklärt.[144]

Kriminal- und Privatermittlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen September 2014 und Ende Mai 2015 suchte eine deutsche Wirtschaftsdetektei für einen anonymen Auftraggeber Informanten zu den Verantwortlichen des Abschusses. Insgesamt waren 47 Mio. US-Dollar für entsprechende Hinweise ausgelobt und in der Schweiz hinterlegt. Der für den Flugzeugabsturz zuständige Chefermittler der niederländischen Staatsanwaltschaft warnte davor, sich auf dieses Angebot einzulassen, niemand wisse, wer die Leute seien und welche Absichten sie verfolgten. Nach Angaben der Detektei wurde ein mutmaßlicher Informant vermittelt und der Auftrag somit abgeschlossen, Genaueres ist nicht bekannt.[145][146]

Kritik von Hinterbliebenen an den niederländischen Ermittlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwanzig Opferangehörige aus Belgien, Deutschland, den Niederlanden und den USA forderten vom niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte, ein spezieller UN-Beauftragter solle internationale Ermittlungen zu dem Abschuss aufnehmen, da die niederländischen Behörden Sachaufklärung und juristische Aufgaben „völlig verpfuscht“ hätten.[147] Die Regierung lehnte den Vorschlag ab, da bereits elf verschiedene Länder an den Ermittlungen beteiligt seien.[148]

Kriegsverbrechen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die deutsche Bundesanwaltschaft leitete im Oktober 2014 Ermittlungen gegen unbekannt wegen eines möglichen Kriegsverbrechens ein.[149]

Mitte Juli 2015 gab die niederländische Staatsanwaltschaft bekannt, dass eine Anklage wegen Mordes und möglicherweise Kriegsverbrechen möglich sei. Am 29. Juli 2015 blockierte Russland mit seinem Veto im UN-Sicherheitsrat eine Resolution zur Einsetzung eines unabhängigen internationalen Tribunals. Elf Ja-Stimmen standen gegen das russische Veto, während sich China, Angola und Venezuela der Stimme enthielten.[150][151] Die Regierungschefs der am meisten betroffenen Länder waren empört, die Niederlande seien entschlossen, die Verantwortlichen vor ein Gericht zu bringen. Da sich die russische Begründung auf den noch fehlenden Abschlussbericht der Flugunfalluntersuchung berief, wollen fünf Staaten die Resolution nach dessen Vorliegen wieder einbringen.[152][153]

Die Theorien zu den Urhebern des Abschusses[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der öffentlichen Debatte um den MH17-Absturz spielten neben den offiziellen Untersuchungsergebnissen während über eines Jahres auch Indizien und Aussagen eine Rolle, die von Dritten veröffentlicht worden waren. Diese Quellen wurden auch von den Ermittlern ausgewertet, welche die Strafuntersuchung führen. Der niederländische Ermittlungsleiter sprach von insgesamt rund 750 zu sichtenden Videos, 20.000 Fotos und 350 Millionen Internetseiten.[154]

In den Medien veröffentlichte Varianten eines Abschusses [Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lenkwaffensystem Buk M1 (Beispielfoto)

Verschiedene Informationen wurden als Hinweis darauf gewertet, dass separatistische Einheiten die Boeing 777 für eine ukrainische Militärmaschine gehalten und daher abgeschossen haben könnten. So meldeten russische Medien am selben Nachmittag den Abschuss einer AN-26 zur fraglichen Zeit im fraglichen Gebiet.[155][120][156]

Zuvor erschienen Meldungen in sozialen Netzwerken, insbesondere eines dem Separatistenführer Igor Girkin (alias Strelkow) zugeschriebenen vk.com-Nutzerkontos. Für das Gebiet bei Tores wurde dort mit der Zeitangabe 17:37 Moskauer Zeit (13:37 Uhr UTC, etwa 15 Minuten nach dem Absturz) der Abschuss einer An-26-Militärtransportmaschine bekanntgegeben. Eine zweite Meldung des gleichen Benutzerkontos zeigte kurz darauf Videoaufnahmen einer aufsteigenden Rauchfahne, mit dem Kommentar: „Wir haben euch doch gewarnt, nicht durch ‚unseren Himmel‘ zu fliegen“ (Предупреждали же - не летать в ‚нашем небе‘).[157][158] Die Meldungen wurden kurz darauf wieder gelöscht;[159][160] Kopien davon blieben jedoch in der Wayback Machine erhalten.[157] Strelkow bestritt, dass der Eintrag von ihm stamme.[155] Auch der russische Fernsehsender LifeNews, der als regierungsnah gilt,[161] meldete auf seiner Website um 18:34 Uhr Moskauer Zeit (14:34 Uhr UTC) unter Berufung auf „einen der Milizionäre“ (по словам одного из ополченцев), gegen „17:30 Uhr Ortszeit“ sei bei Tores eine An-26 von einer Rakete abgeschossen worden (17:30 Uhr ukrainischer Ortszeit entsprechen 14:30 Uhr UTC; möglicherweise war 16:30 Uhr Ortszeit gemeint).[162][120] Wenige Stunden nach dem Absturz meldete auch der Radiosender „Stimme Russlands“, Augenzeugen in Tores hätten kurz nach 16 Uhr Ortszeit den Abschuss einer Antonov An-26 mittels Rakete durch die „Volksmilizen“ beobachtet.[163]

Noch am selben Tag veröffentlichte der ukrainische Geheimdienst SBU Mitschnitte von drei Telefongesprächen, die einen Abschuss durch Separatisten nachweisen könnten.[164] In einem davon berichtet der Rebellenführer Igor Besler einem Oberst der russischen Nachrichtendienstleitung GRU: „Wir haben ein Flugzeug abgeschossen. … Es fiel nicht weit von Jenakijewo.“[165] Besler bestätigte, dass dieses Gespräch tatsächlich stattfand, bestritt aber einen Zusammenhang mit Flug MH17. Jenakijewo sei 100 km von der Absturzstelle entfernt; so weit würden seine Waffen nicht reichen (die tatsächliche Entfernung beträgt etwa 30 km; um 13:18 Uhr UTC überflog MH17 Jenakijewo).[166] Аlexandr Kofman, ein Sprecher der Separatisten, bezweifelte die Echtheit der Aufnahmen und sprach von einer „plumpen Collage“.[167] Der Corriere della Sera und die Frankfurter Allgemeine Zeitung zitierten am 22. Juli 2014 Aussagen, die von Mitgliedern einer Rebelleneinheit stammen sollen. Sie hätten kurz nach dem Absturz den Befehl erhalten, die Piloten eines abgeschossenen ukrainischen Militärflugzeugs festzunehmen, von denen man wohl annahm, sie hätten sich durch Fallschirme noch retten können. Laut FAZ zeigten diese Aussagen Übereinstimmungen mit den Tonaufnahmen, denen zufolge man von Separatistenseite aus von einem abgeschossenen ukrainischen Militärflugzeug ausging.[156][168] Einen Tag später zitierte Reuters den Separatistenkommandeur Alexandr Chodakowski mit einer Äußerung, die Rebellen hätten über eine Buk-Einheit verfügt.[169] Chodakowski dementierte diese Darstellung umgehend; er habe „keine Kenntnis davon, dass die Aufständischen eine solche Waffe besitzen“.[170] Im November bestätigte er, dass er im Reuters-Interview den Besitz eines Buk-Systems durch Rebellen der sogenannten Volksrepublik Lugansk eingeräumt hatte. Es sei zur fraglichen Zeit unterwegs in Richtung des MH17-Absturzgebiets gewesen, und man habe es nach Bekanntwerden des Absturzes schnell wieder zurückgezogen, um nicht fälschlich beschuldigt zu werden.[171][172]

Die Tatsache, dass die Trümmer der nun aufgefundenen Zivilmaschine über ein großes Gebiet verstreut wurden, sprach dafür, dass das Flugzeug bereits in großer Höhe auseinandergebrochen war.[160] Die durchsiebten Teile von Cockpit und vorderem Rumpf werteten Experten als Hinweise auf Schrapnelleinschläge durch einen Raketen-Sprengkopf, der vermutlich vorne links neben dem Flugzeug detonierte.[173][174] Auch Tragflächenteile zeigten Löcher und Streifspuren. Das Auseinanderbrechen in der Luft sprach gegen eine Luft-Luft-Lenkwaffe, da eine solche gemäß Expertenmeinung eine Boeing 777 vorerst nur hätte beschädigen können.[175]

Im Gespräch waren seit dem Absturztag vor allem Lenkflugkörper des Typs Buk M1 (NATO-Code SA-11 Gadfly), wie sie sowohl das ukrainische als auch das russische Militär besitzt.[155] US-Geheimdienstbeamte hatten am Absturztag zusätzlich die S-300PMU-1 (NATO-Code SA-20 Gargoyle) erwähnt.[176] Bald wurde nur noch von der Lenkwaffe Buk berichtet, deren Reichweite je nach Modell 24 oder 50 km beträgt. Sie verfügt über einen Aufschlagzünder und einen Annäherungszünder, letzterer ist so konstruiert, dass der Gefechtskopf bei Annäherung an ein Ziel detoniert, was ein Flugzeug durch die Schrapnellwirkung schwer beschädigt.[177] Satellitenaufnahmen hätten Hinweise auf den Raketenstart geliefert.[178] Russland forderte von den USA eine Herausgabe der Daten, auf welche sich die Aussagen stützten.[179] Auch der bekannte militärwissenschaftliche Informationsdienst IHS Jane's vermutete, dass es sich um einen Abschuss durch eine Buk M1 handelte.[180]

In Medien und sozialen Netzwerken kursierten Fotos und Videos, welche den Transport von Teilen eines Buk-Systems entlang der N 21 in westlicher Richtung durch das von Rebellen kontrollierte Territorium zeigen sollten. Weitere Bilder entstanden in der Nähe des Absturzgebiets bei Snischne und Tores sowie beim Abtransport des Systems nach Osten am selben Tag.[181][182][183] Augenzeugen wollen einen Konvoi der Separatisten mit einer Buk in Tores gesehen haben.[184] Einige Stunden vor dem Absturz beobachteten Reporter der Associated Press (AP) ein Buk-System in Snischne.[185] Schon am 18. Juli veröffentlichte das ukrainische Innenministerium ein Video, das am Abend des Vortags in Luhansk gefilmt worden sein soll und ein Buk-System mit einem unvollständigen Raketensatz zeigt.[186] Das russische Verteidigungsministerium bezeichnete es am 21. Juli 2014 als Fälschung, die im von der ukrainischen Armee kontrollierten Krasnoarmijsk aufgenommen worden sei.[187] Blogger im Internet sowie später auch das Investigativ-Blog Bellingcat kam hingegen zu dem Schluss, dass sich das Video in Luhansk lokalisieren lasse und die bei der russischen Präsentation hervor gehobene Adresse in Krasnoarmijsk auf einem Plakat ihrerseits eine Fälschung des russischen Verteidigungsministeriums sei.[188][189] Zudem konstatierte Bellingcat Übereinstimmungen dieser und anderer Aufnahmen mit Fotos, die einen Ende Juni in Russland aufgenommenen, aus Beständen der russischen Armee stammenden Buk-Starter zeigen.[190][189][191] Am 19. März 2015 veröffentlichte die BBC Videoaufnahmen und Fotos eines Raketenwerfers, die anhand von Landmarken in der Umgebung dem Ort Suhres östlich von Donezk zugeordnet werden konnten. Die Fotos wurden der BBC durch die ukrainische Regierung zur Verfügung gestellt. Auf allen diesen Aufnahmen war die besondere Nummer des Raketenträgers zu sehen. Ob auch die Separatisten über eine (funktionsfähige) Buk-Einheit verfügten, ist umstritten. Am 29. Juni 2014 hatten russische Staatsmedien gemeldet, einen ukrainischen Luftverteidigungs-Stützpunkt mit Buk-Systemen übernommen zu haben;[192][193] keine der Meldungen verfügte über ein aktuelles Bild und die ukrainische Behörden dementierten den Sachverhalt.[155] Später sagte der ukrainische Geheimdienstchef Witalij Najda, man sei nicht beunruhigt gewesen wegen dieser Berichte, weil die ukrainische Armee bereits im März die Buk-Systeme in der Region unbrauchbar gemacht habe; die Gefechtsköpfe seien entfernt worden.[194] Je ein Experte der NATO und des International Institute for Strategic Studies stellten in Frage, ob die Rebellen solche komplexen Boden-Luft-Abwehrraketensysteme schon nach kurzer Zeit bzw. ohne Unterstützung Dritter bedienen könnten.[195][196] Der Bundesnachrichtendienst kam hingegen zu dem Schluss, Flug MH17 sei von Separatisten mit einem aus ukrainischen Beständen erbeuteten Buk-System abgeschossen worden.[149][197]

Spätere Recherchen

Investigativreporter von CORRECT!V in Zusammenarbeit mit dem „Spiegel“ und dem Algemeen Dagblad waren im Januar 2015 aufgrund von Indizien und Zeugenhinweisen der Ansicht, dass der Abschuss durch eine durch das russische Militär aus dem Raum nördlich von Snischne abgefeuerte Rakete stattgefunden habe. Fotos und Videos, vornehmlich von Bellingcat, sollen den Weg des Raketenwerfers 3x2 einer Flugabwehrbrigade aus der in der Nähe liegenden Stadt Kursk in Russland, hin zum Abschussort mit Rakete und zurück nach Russland ohne die abgeschossene Rakete, schlüssig dokumentieren.[198][199] Jedoch trug das Rechercheteam Correctiv auf seiner Landkarte zwischen Luhansk und Russland „Teilweg unklar“ ein.[200] Daniel Romein von Bellingcat kritisierte, dass die Investigativreporter von Correctiv die Fotos von Tores falsch verortet hätten, und ermittelte mit Hilfe anderer Quellen, aber derselben Fotos von Tores, einen mutmaßlichen Startort der Rakete nicht nördlich, sondern südlich von Snischne. Zur These von Correctiv, der Raketenabschuss sei durch das russische Militär erfolgt, äußerte er sich nicht.[201] Der Correctiv-Bericht wurde von Spiegel.Online aus Anlass des Jahrestages des Abschusses am 17. Juli 2015 erneut in vollem Umfang ins Netz gestellt.

Der investigative niederländische Journalist Jeroen Akkermans, der die Absturzstelle mehrfach absuchte, präsentierte mehrere Metallfragmente, die durch Experten einem Gefechtssprengkopf einer Buk-Rakete zugeordnet wurden.[202] Almas-Antei als Hersteller der Lenkwaffe spezifizierte den Typ aufgrund der Splitterfragmente im Juni 2015 als BUK-M1.[203][204] Schon am 5. Mai 2015 hatte die Nowaja Gaseta einen russischen Untersuchungsbericht veröffentlicht, laut dem das Flugzeug von einer Buk-Rakete russischer Bauart abgeschossen wurde, der Startplatz der Rakete jedoch etwa 30 Kilometer weiter westlich vermutet wurde als es die Beobachtung des verdächtigten Raketen-Werfers zuvor vermuten ließen.[6][7] Verschiedentlich wurde darauf hingewiesen, dass auch dieser Startsektor wohl im von den Separatisten kontrollierten Gebiet lag[205] und im Weiteren, dass die nun neu im Bericht verwendeten Satellitenbilder wieder nicht mit den öffentlich zugänglichen übereinstimmten.[206][207] Ein weiterer russischer Raketenexperte sprach kurz darauf wiederum von einem Kollisionskurs der Rakete, nicht von dem auch später von Russland behaupteten seitlichen Anflug.[208]

Ein Team von RTL News hatte bei Recherchen Zugang zu Fotos und Satellitenbildern erhalten, die Stellungen, Rauchwolken, und Brandflecken auf Feldern zeigen. Diese sollten den Abschussort durch Boden-Luft-Raketen belegen. Das betreffende Gebiet soll zum Abschusszeitpunkt von pro-russischen Rebellen kontrolliert worden sein.[209]

Die Novaya Gazeta veröffentlichte im Oktober 2015 die Kampfnamen derjenigen Rebellen, welche den Buk-Werfer in Empfang genommen hatten.[210] Laut Correctiv-Bericht[198] könnte zuvor auch das Personal des Werfers, einschließlich des Befehlshabers der Einheit, aus dem russischen Militärdienst entlassen und offiziell in den Dienst der Separatisten übergetreten sein.

Am 24. Februar 2016 veröffentlichte das Recherchenkollektiv Bellingcat einen neuen Bericht, wonach russische Soldaten des 2. Bataillons der 53. Luftabwehrbrigade Raketen vom Typ Buk-M1 und mobile Abschussrampen zwischen dem 23. und 25. Juni 2014 aus Kursk in das ukrainisch-russische Grenzgebiet verlegten. Eine dieser Buk-Raketen wurde laut dem Bericht später im Donezker Separatistengebiet, bei Snischne, abgefeuert. Darauf aufbauend ermittelte Stratfor den Standort einer für den Abschuss in Frage kommenden Bukeinheit fünf Stunden vor dem Abschuss.[211] Bellingcat legt sich nicht fest, ob russische Soldaten oder prorussische Separatisten das Buk-System bedienten, allerdings sei das Waffensystem teuer und sehr komplex und es brauche mindestens ein halbes Jahr Schulung, um damit umgehen zu können. Der Bericht grenzt erstmals den Personenkreis möglicher Täter ein. Die Entscheidung, ein Buk-M1-System in das Kriegsgebiet zu verlegen, sei auf der obersten Ebene der russischen Luftabwehr getroffen worden. Die Entscheidung, überhaupt militärisches Gerät in die Ukraine zu schicken, sei vom Verteidigungsminister oder vom Oberkommandierenden Wladimir Putin getroffen worden.[212]

Russische Sichtweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 21. Juli 2014 hielt das russische Verteidigungsministerium im Moskau eine umfassende Medienkonferenz ab. Bei diesem Anlass wurden ausschließlich zwei Varianten präsentiert, welche die Ukrainischen Streitkräfte mit dem Abschuss in Verbindung brachten.

Bewegungen von Buk-Raketen des ukrainischen Militärs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vom russischen Militär veröffentlichte Satellitenbilder, die ukrainische Buk-Einheiten in der Nähe der Absturzstelle zeigen sollen, wies der ukrainische Geheimdienst als Fälschung zurück.[213]

Am 1. Juni 2015 veröffentlichte die investigative Journalistengruppe Bellingcat ihre Analyse der von russischer Seite veröffentlichten Satellitenfotos vom 21. Juli 2014. Nach Bellingcat zeigten inhaltliche Details auf diesen Fotos deutliche Diskrepanzen zu den Behauptungen von offizieller russischer Seite. Das angebliche Datum der Aufnahmen, der 14. Juli 2014 könne nicht korrekt sein, wie an der Vegetation zu erkennen sei. Die Fotos müssten bereits Wochen zuvor aufgenommen worden sein. Die veröffentlichten Fotos seien zudem digital mit Adobe Photoshop CS5 nachbearbeitet worden und damit in dieser Form als objektives Beweismaterial untauglich.[214][215][216] Betreffend der Bildbearbeitung wurde Bellingcat u. a. von Bildforensiker Jens Kriese in Bezug auf die angewendete „Error Level Analyse“-Methode kritisiert.[217] Später benannte Bellingcat zusätzlich die Unterschiede im direkten Vergleich der russischen, angeblich am 17. Juli erstellten Bilder, mit kommerziellen Bildern von DigitalGlobe vom 17. Juli.[218]

Mutmaßliche Anwesenheit eines ukrainischen Kampfflugzeuges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Su-25 (Beispielfoto)

Das russische Militär behauptete am 21. Juli 2014 erstmals, dass während des Malaysia-Airlines-Absturzes ein ukrainisches Kampfflugzeug des Typs Su-25 anwesend gewesen sei.[219] Als Beleg dafür wurde eine Radaraufnahme gezeigt, auf der um 13:21:35 UTC ein weiteres, unbewegtes und nicht gekennzeichnetes Radarecho nahe dem von MH17 auftauchte.[2] Die Ukraine dementierte, dass zu diesem Zeitpunkt eigene Kampfflugzeuge in der Luft gewesen seien.[219][220] Der ehemalige Kommandant der russischen Luftwaffe Peter Deinekin erklärte später, auf Radaraufnahmen seien vielmehr mehrere Teile der auseinandergebrochenen Boeing zu sehen gewesen.[221]

Spekulationen über einen Abschuss durch ein anderes Flugzeug[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das russische Verteidigungsministerium hatte nicht von einem Abschuss geredet; die Spekulationen wurden vielmehr von "alternativen Informationsplattformen" betrieben und gelangten so zum Teil in die Medien. Die malaysische Tageszeitung New Straits Times (NST) griff Theorien auf, welche auf ein missverständliches Zitat von Michael Bociurkiw, Sprecher der OSZE-Beobachtermission, zurück gingen.[220] Bociurkiw – nach eigener Aussage „kein Experte für so etwas“[222] – hatte gesagt, zwei oder drei Flugzeugteile hätten „pockennarbig, also fast wie von (sehr starkem) Maschinengewehr-Feuer“ durchlöchert ausgesehen,[223], was von Robert Parry als Einschüsse durch Kampfflugzeuge – in mehreren Anflügen – interpretiert worden war. Derselbe Robert Parry hatte auch schon einen Raketenabschuss durch die Ukraine postuliert.[220] Zwei Malayische Minister warnten daraufhin vor Spekulationen und Gerüchten im Netz.[224][225] Die Theorie fand Verbreitung auf verschiedenen Internetseiten abseits der Massenmedien. Die Süddeutsche Zeitung sprach von „wilden Verschwörungstheorien“ im Internet.[128]

Der russische Chefentwickler der Su-25, Wladimir Babak, schloss in einem Interview mit verschiedenen deutschen Medien (NDR, WDR, SZ) am 10. März 2015 einen Abschuss durch eine Su-25 aus. Dies sei technisch nicht denkbar und die Wrackteile am Boden würden belegen, dass MH-17 noch in der Luft auseinandergebrochen und daher von einer Buk-Rakete abgeschossen worden sei.[175]

Nachdem Russland in der Pressekonferenz vom 21. Juli 2014 die Herausgabe aller Daten der USA gefordert hatten wurde das Narrativ gepflegt, Russland hätte alle Daten geliefert. Mit dem Erscheinen des Zwischenberichts wurde klar, dass dem nicht so war: Die primären Roh-Daten des russischen Radars waren der Untersuchungskommission nicht zur Verfügung gestellt worden. Im Mai 2015 wurde erklärt, die Daten seien nicht mehr vorhanden und Russland sagte dazu, dass „diese Informationen nicht gespeichert worden seien, da sie (Russland) dazu nicht verpflichtet waren, weil der Absturz nicht auf russischem Territorium stattfand.“ Der Untersuchungsbericht nennt dies ein Nichterfüllen der ICAO Standards. Ohne das Vorliegen der Rohdaten war es Russland weiterhin möglich zu behaupten, es wäre möglicherweise ein ukrainisches Flugzeug ohne eingeschalteten Transponder in der Nähe gewesen.[134]

Berichterstattung russlandnaher Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Medienbeobachter bezeichnen die Berichterstattung der russischen Medien als „propagandistisch“ und „unwahr“. Die Aufgabe der russischen „Propaganda“ wurde häufig so beschrieben, dass ihr Hauptziel sei, „Verwirrung zu stiften mit multiplen Erklärungs-Petarden“, sodass die Leute aufgäben, nach der Wahrheit zu suchen.[226][227][228]

Laut einer Studie des Lewada-Zentrums, eines unabhängigen russischen Meinungsforschungsinstituts, glaubten in der Woche nach dem Absturz 46 Prozent der russischen Bevölkerung an einen Raketenabschuss durch die ukrainischen Streitkräfte und weitere 36 Prozent an einen Abschuss durch ein ukrainisches Kampfflugzeug; nur 4 Prozent hielten die Separatisten für verantwortlich. Die öffentliche Meinung in Russland sei stark durch das staatlich kontrollierte Fernsehen beeinflusst, das eine „andere Realität“ erzeugt habe.[229] Die letzte als regierungsunabhängig und -kritisch geltende Fernsehsendung in Russland lief bei dem Privatsender REN und wurde zwei Wochen nach dem MH17-Absturz eingestellt.[230][231]

Russische Staatsmedien hatten den US-Journalisten Robert Parry mit der Aussage zitiert, eine in der Vergangenheit zuverlässige Geheimdienstquelle hätte gesagt, es gäbe Informationen, welche auf einen Abschuss durch eine ukrainische Buk-Stellung hindeuteten.[232]

Später, am 25. Juli 2014, wurde in den russischen Medien die Information lanciert, es könne sich um eine fehlgegangene Buk-M1-Rakete während einer ukrainischen Flugabwehrübung gehandelt haben, ähnlich dem versehentlichen Abschuss von Sibir-Flug 1812 im Jahr 2001.[233]

Im September 2014 hatte der Verband der Ingenieure Russlands eine Studie verbreitet, die – ausgehend von dem im Juli veröffentlichten Material des russischen Militärs – einen Abschuss durch ukrainische Kampfflugzeuge des Typs Su-25 oder MiG-29 nachzuweisen versuchte.[234][145] Dieser Theorie eines Mehrfach-Beschusses steht die Auswertung der Flugschreiber gegenüber, welche einen gleichzeitigen Ausfall aller Aufzeichnungen feststellte.

Im November 2014 veröffentlichte der staatliche russische Fernsehsender Perwy kanal ein Bild, bei dem es sich um eine Satellitenaufnahme der Malaysia-Airlines-Maschine handeln sollte, die von einem Kampfflugzeug angegriffen wird – nun des Typs Mig-29 oder Su-27. Quelle des Bildes war wiederum der Verband der Ingenieure Russlands, dem es zugespielt worden sei.[235][236] Blogger in Russland und anderen Ländern analysierten das Bild und wiesen innerhalb von Stunden auf zahlreiche Ungereimtheiten hin; es handelte sich um eine Fälschung.[237][238][239]

Auch noch im Sommer 2015, ein Jahr nach dem Abschuss, wurden in russischen Staatsmedien immer neue Theorien verbreitet, so die Variante, dass beim Abschuss eine Luft-Luft-Lenkwaffe israelischer Bauart verwendet worden sei. Der Bericht behauptete, ein wärmesuchender Infrarot-Suchkopf sei auf die Strahlung des Wetterradars der Malaysia-Airlines-Maschine zu geflogen und darum im Cockpit-Bereich explodiert. Zusätzlich wurde diese angeblich von Georgien beschaffte Lenkwaffe des israelischen Typs Python mit der sowjetischen Wympel R-60 verglichen.

Am gleichen Tage wurde von demselben russischen Medium eine andere Variante publiziert, wonach für einen ukrainischen BUK-Abschuss gar nicht die ukrainische Armee, sondern ein Freiwilligen-Bataillon verantwortlich gewesen sei, und auch eine Bombe an Bord des Flugzeuges als Ursache des Absturzes wurde genannt, inklusive eines Augenzeugen.[240]

Im Besonderen konzentrierte sich die Berichterstattung russischer Staatsmedien seit Frühjahr 2015 jedoch darauf, die niederländische Untersuchung grundsätzlich in Frage zu stellen und eine „unabhängige Untersuchung“ zu fordern.[241] Gleichzeitig machte sie bis zum russischen Veto am 29. Juli 2015 Stimmung gegen ein internationales Tribunal, mit der Begründung, der eben noch kritisierte Untersuchungsbericht sei ja noch nicht fertig.

Just am Tag der Präsentation des Abschlussberichtes der internationalen Untersuchungskommission wurde in Russland eine Pressekonferenz des Lenkwaffenherstellers Almas-Antay abgehalten. Die NZZ stellte fest, dass die Aussagen den Aussagen vom Juni 2015 widersprachen, und meinte, Russland selbst habe abermals „mehr zur Verwirrung als zur Klärung“ beigetragen. Die Frage der Novaya Gazeta, ob der neue Bericht den Strafermittlern zur Verfügung gestellt wurde, wurde damit beantwortet, dass man in Eile gewesen sei, die Daten der Experimente vor dem Erscheinen des Abschlussberichts der Flugunfalluntersuchung auszuwerten. Wenn aber das Untersuchungskomitee „danach fragen würde“, werde man diese sicher zur Verfügung stellen.[242]

Andere Mutmaßungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im August 2014 verbreitete der ukrainische SBU Geheimdienst die Theorie, die Rebellen hätten eigentlich eine Aeroflot-Maschine (Flug AFL-2074 bzw. SU2074 von Moskau nach Zypern) abschießen wollen, um eine Invasion Russlands in der Ukraine zu provozieren.[243][244][245]

Eine andere Verwechslungsgeschichte erschien schon am 18. Juli 2014 auf russischen Nachrichtenseiten: Die Ukraine habe eine Präsidentenmaschine von Wladimir Putin abschießen wollen, die sich ungefähr zur selben Zeit im ukrainischen Luftraum befand.[246]

Der Separatistenoffizier Igor Girkin war nur einen Tag nach seiner mutmaßlichen Triumphmeldung eines Abschusses einer der Verbreiter der Theorie, wonach „der amerikanische Geheimdienst“ ein Flugzeug voller Toter in die Ukraine geschickt habe.[247]

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da sie von einer Mitverantwortung Russlands für den Flugzeugabsturz ausgingen, verschärften die Europäische Union und die Vereinigten Staaten ihre während der Krimkrise und der Krise in der Ukraine 2014 verhängten Sanktionen gegen Russland und erließen am 22. Juli 2014 weitere Einreiseverbote und Kontensperrungen.[248]

Malaysia Airlines stellte nach dem Unglück die Flugnummer MH17 ein; die Route AmsterdamKuala Lumpur wird seitdem als MH19 fortgeführt.[249] Die bereits finanziell angeschlagene Fluglinie wurde durch die zwei Flugzeugverluste im Jahr 2014 zum Sanierungsfall. Das mehrheitlich im Staatsbesitz befindliche Unternehmen soll nun vollständig verstaatlicht, von der Börse genommen und „komplett umgebaut“ werden.[250]

Die Familien der Opfer erhielten von Malaysia Airlines neben persönlicher Unterstützung jeweils eine Zahlung von 5000 US-Dollar.[251] Darüber hinaus bot die Fluglinie eine Entschädigung von 50.000 US-Dollar an, die mit späteren, gerichtlich festgestellten Ansprüchen verrechnet werden soll. Das Montrealer Übereinkommen zu Haftungsfragen im zivilen Luftverkehr sieht eine Entschädigung von bis zu 183.000 Dollar pro Opfer vor; diesen Betrag zahlte Malaysia Airlines bei Flug 370.[252]

In der Luftfahrtbranche änderte sich der Umgang mit Krisenregionen. Viele Fluglinien entschieden sich, auch das vom Bürgerkrieg in Syrien betroffene Gebiet sowie den Irak zu umfliegen.[253] Die ICAO setzte im August 2014 eine Arbeitsgruppe ein, die die Rollen und Abläufe bei der Handhabung von Luftfahrtrisiken in Krisenregionen überprüft.[38] Eine erste Maßnahme war der Beschluss, eine Datenbank mit Informationen über aktuelle Konfliktregionen einzurichten, auf die alle Fluglinien Zugriff haben; zudem wird in NOTAMs ein spezieller Code für kriegerische Auseinandersetzungen eingeführt. Der Nutzen der neuen Datenbank ist in der Branche umstritten.[253]

Am 10. November 2014 fand im Amsterdamer Vorort Haarlemmermeer, unweit des Flughafens Schiphol, eine nationale Gedenkfeier für die Opfer statt.[254] Im Stadtviertel Kattenburg soll eine Gedächtnisstätte eingerichtet werden.[255]

Angehörige deutscher Opfer haben beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte über ihren Anwalt Elmar Giemulla Klage gegen den ukrainischen Staat eingereicht; sie sehen im Offenhalten des umkämpften Luftraums in erster Linie monetäre Motive der Ukraine und erheben den Vorwurf des Totschlags durch Unterlassung.[256][257]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Malaysia-Airlines-Flug 17 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Offizielle Verlautbarungen

Andere Quellen

Video-Dokumentationen in den Medien

Anmerkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. darunter sämtliche (15) Besatzungsmitglieder

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Malaysia Airlines Flight 17 (MAS17/MH17) crashes in Ukraine (Memento vom 25. Juli 2014 im Internet Archive) auf de.flightaware.com, 18. Juli 2014, abgerufen am 25. Juli 2014. Archiv vom 25. Juli 2014 (Memento vom 25. Juli 2014 im Internet Archive).
  2. a b c Брифинг Минобороны России по катастрофе Boeing 777 около Донецка (russisch/englisch): Vom russischen Militär am 21. Juli 2014 veröffentlichte Radaraufnahmen der südöstlichen Ukraine am 17. Juli 2014 um 13:19 bis 13:25 Uhr UTC; YouTube-Kanal des Außenministeriums der Russischen Föderation, 22. Juli 2014, abgerufen am 15. Mai 2015. Die Korrektheit mancher während dieser Pressekonferenz gemachten Aussagen ist umstritten.
  3. 80 Kinder unter den 298 Toten. In: n-tv. Abgerufen am 18. Juli 2014.
  4. a b c Map MH17 air desaster (PDF) Karte des Absturzgebiets auf www.government.nl, 10. August 2014, abgerufen am 14. Februar 2016.
    Map of a Tragedy: How MH17 Came Apart Over Ukraine auf graphics.wsj.com, Juli 2014, abgerufen am 31. Juli 2014.
  5. Sam Webb:First aerial images emerge showing the 8 square miles of devastation caused by shot down MH17 In: Daily Mail, 21. Juli 2014 (englisch).
  6. a b Russen bestätigen Raketenabschuss. In: Neue Zürcher Zeitung, 6. Mai 2015.
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