Mandschurei

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Grenzen der Mandschurei; dunkelrot heutige Mandschurei (China), rechts oben rosa Äußere Mandschurei (heute Russland)

Die Mandschurei (chinesisch 滿洲 / 满洲, Pinyin Mǎnzhōu ‚Land des Überflusses‘), auch Manjurei, ist eine historische Landschaft, die heute große Teile der Volksrepublik China, der Mongolei und Russlands umfasst. Zu ihr gehören die Provinzen Heilongjiang, Jilin und Liaoning, historisch auch Hulun Buir, Hinggan, Tongliao und Chifeng in der Inneren Mongolei. Die Region wird auch Nordostchina (chinesisch 東北/ 東北三省/ 東三省 / 东北/ 东北三省/ 东三省, Pinyin Dōngběi/ Dōngběisānshěng/ Dōngsānshěng) genannt.

Das Gebiet der heutigen Mandschurei in der Volksrepublik China begrenzt im Nordosten der Heilong Jiang (Amur) und Ussuri, im Norden der Heilong Jiang und das Große Hinggan-Gebirge, im Südwesten die Chinesische Mauer und im Südosten der Yalu Jiang. Im Norden und Osten grenzt Russland (Sibirien), im Westen die Mongolei und im Süden Nordkorea an die Mandschurei an.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grenzziehungen von 1689, 1858 und 1860 der Äußeren Mandschurei
Grenzen des Mandschurischen Kaiserreichs (Mandschukuo; 1932 bis 1945)

Zu den Ureinwohnern der Mandschurei zählten überwiegend Jurchen, die Vorfahren der Mandschu. Von letzteren leitet sich der Name der Region ab, der sich im 19. Jahrhundert eingebürgert hat. Die alte chinesische Bezeichnung ist 關外, Guānwài (wörtlich übersetzt: „außerhalb des Passes/der Grenze“). Vermutlich ab dem 12. Jahrhundert, spätestens ab der Yuan-Dynastie gehörte die Provinz als fester Bestandteil zum Kaiserreich China. 1616 vereinigte Nurhaci die Mandschu-Stämme und begründete die Mandschu-Dynastie. Nach seinem Tod änderte sein Sohn Huang Taiji den Namen 1636 in Qing (wörtlich übersetzt: „rein“), welcher von 1644 bis 1912 zur Bezeichnung der von den Mandschu geführten chinesischen Kaiserdynastie wurde. In der gesamten Mandschurei galt bis 1859 für Han und andere chinesische Volksstämme eine Zuzugsperre.[1]

Anschließend erfolgte bis 1930 eine starke Lockerung, um insbesondere russischen Expansionsbestrebungen in der dünnbesiedelten Region entgegenzuwirken. Diese Bewegung wurde in China „chuang guandong“ genannt (wörtlich übersetzt: „drängen/stürmen über den östlichen Pass“). Der Zustrom hatte zur Folge, dass die Mandschu heute nur noch eine Minderheit in der Region darstellen. Die Mandschurische Sprache ist zwischenzeitlich weitgehend ausgestorben.[2]

Mit der Expansion Russlands nach Sibirien und der Japans nach Korea geriet die Mandschurei in die Interessenssphäre beider Großmächte. 1858 wurde China mit dem Vertrag von Aigun gezwungen, über eine halbe Million Quadratkilometer seines mandschurischen Territoriums an Russland abzutreten.[3] Keine zwei Jahre später brach Russland den Vertrag und erhielt 1860 auf Grundlage der Pekinger Konvention die gesamte Äußere Mandschurei zugesprochen. Danach beschränkte sich die Bezeichnung Mandschurei auf den bei China verbliebenen Teil, die Innere Mandschurei. Den Westen der Mandschurei gliederte später die Volksrepublik China der autonomen Inneren Mongolei an.[4]

Ab 1900 versuchte das Russische Kaiserreich die ganze Mandschurei zu besetzen. Diese Okkupation führte zu Spannungen zwischen Russland und Japan und endete 1904 im russisch-japanischen Krieg. Das Japanische Kaiserreich konnte die Auseinandersetzung für sich entscheiden. Russland musste die Innere Mandschurei räumen und an China zurückgeben. Dessen ungeachtet hielten beide Mächte verschiedene Territorialrechte in der Mandschurei aufrecht. Japan übernahm von Russland die Südmandschurische Eisenbahn, die von der Kwantung-Armee geschützt wurde, und Russland behielt die Chinesische Osteisenbahn, die russische Truppen überwachten.

1915 richtete Japan einundzwanzig Forderungen an China, die unter anderem einen Anspruch auf größeren Einfluss in der Mandschurei enthielten. Diese Forderungen, und die Annahme durch Yuan Shikai, führten zu heftigen Protesten in China und unterstützten die Bewegung des vierten Mai. Ab 1917 war die Mandschurei eine autonome Provinz und vereinigte sich erst 1928 unter dem chinesischen Warlord Zhang Xueliang mit der Republik China. 1927 entfesselte die Sowjetunion den Chinesischen Bürgerkrieg. Im sowjetisch-chinesischen Grenzkrieg versuchte die Republik China 1929 die sowjetische Machtausbreitung in der Mandschurei zurückzudrängen.[5] Dieser Konflikt endete mit einer chinesischen Niederlage und hinterließ in der Mandschurei ein Machtvakuum.[6]

Im Zuge der Mandschurei-Krise besetzte die Kwantung-Armee 1931 ohne Rücksprache mit der japanischen Regierung die Mandschurei und errichtete als Marionettenstaat das Mandschurische Kaiserreich (Mandschukuo). Staatsoberhaupt wurde Puyi, der letzte Kaiser von China. Gegen diesen Vorgang protestierte erfolglos der Völkerbund.[7] 1935 schloss die Sowjetunion mit dem Mandschurischen Kaiserreich ein Abkommen über den Verkauf der Ostchinesischen Eisenbahn nebst weiterer Handelsverträge, worin zumindest eine De-facto-Anerkennung Mandschukuos zu sehen war.[8]

Zum Entsetzen der Nationalchinesen sowie der chinesischen Kommunisten gipfelten die japanisch-sowjetischen Beziehungen nach dem Nomonhan-Zwischenfall in einem Friedens- und Freundschaftsvertrag, indem die Sowjetunion 1941 unter anderem versprach, die territoriale Integrität und Unverletzlichkeit von Mandschukuo zu respektieren, während Japan das gleiche für die Mongolische Volksrepublik, den Marionettenstaat der Sowjetunion, tat.[9][10]

Mit ihrem Konzept der „Großostasiatischen Wohlstandssphäre“ lockte die japanische Regierung Millionen Chinesen und Zehntausende Mongolen nach Mandschukuo. Tatsächlich waren die ökonomischen Kennziffern atemberaubend. Beispielsweise baute Japan das mandschurische Eisenbahnnetz innerhalb kürzester Zeit auf 12.000 Kilometer aus, was mehr als der Hälfte des chinesischen Eisenbahnnetzes entsprach. Damit entwickelte sich die Mandschurei zur industriell modernsten Region mit dem höchsten Lebensstandard in China.[11][12] In dieser Folge stieg die Einwohnerzahl in der Mandschurei von etwa 17 Millionen (1917) bis Ende der 1930er Jahre auf rund 40 Millionen. 1939 waren bereits neun von zehn Bewohnern Han (35,7 Millionen), gefolgt von Koreanern (drei Prozent) und Mongolen (zweieinhalb Prozent).[13]

Am 8. August 1945, zwei Tage nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima, zu einem Zeitpunkt als die japanische Regierung bereits Waffenstillstandsgespräche führte, erklärte die Sowjetunion Japan den Krieg und besetzte die Mandschurei im Rahmen der heute sogenannten Operation Auguststurm.[14] In den folgenden Monaten bauten die sowjetischen Besatzer sämtliche Rüstungs- und Industrieanlagen ab, die Japan in der Mandschurei errichtet hatte. Tausende Züge mit Maschinen, Gerät und demontierten Werkshallen rollten in Richtung Sibirien. Vor ihrem Abzug schraubten die Sowjets auch noch sämtliche Schienen ab. Der Wert des mandschurischen Plünderguts überstieg zwei Milliarden Dollar - damals eine gewaltige Summe.[15] Die Rückgabe der Mandschurei an China erfolgte im Mai 1946.

Die Auseinandersetzungen um die 1929 im sowjetisch-chinesischen Grenzkrieg von der Roten Armee annektierten Gebiete führten in den 1960er Jahren zu weiteren militärischen Konflikten, wie dem Zwischenfall am Ussuri. Der territoriale Streit wurde erst nach dem Zerfall der Sowjetunion beigelegt. Im „Ergänzungsabkommen über den östlichen Teil der chinesisch-russischen Grenze zwischen der Volksrepublik China und der Russischen Föderation“ vom 14. Oktober 2004 verpflichtete sich Russland dazu, einige der 1929 okkupierten Gebiete, beispielsweise Abagaitu Zhouzhu, Heixiazi Dao und Qagan Shuangwa, an China zurückzugeben. Ratifiziert wurde die Rückgabe und die Festschreibung der nunmehr 4300 Kilometer langen Grenze zwischen beiden Staaten am 23. Juli 2008.[16]

Schamanismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einigen Dörfern der nordostchinesischen Provinzen üben mandschurische Schamanen ihr Amt bis heute aus. Bereits die chinesischen Kaiser der Mandschu-Dynastie hatten mandschurische Schamanenrituale kodifiziert. Die Opferrituale zeigen Ähnlichkeiten mit denen der altaischen Turkvölker und der Tungusen. Mandschurische Schamanen befassen sich neben der Heilkunde vor allem mit der Bewahrung des Sippenkults.[17]

Bedeutende Städte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wichtige Flüsse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch die Mandschurei verläuft die Transmandschurische Eisenbahn, ein Abzweig der Transsibirischen Eisenbahn.

Auf dem Abschnitt DalianChangchun fuhr 1934–1945 (also während der japanischen Besatzung) der legendäre Expresszug Ajia (siehe Shinkansen).

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas R. Gottschang, Diana Lary: Swallows and Settlers. The Great Migration from North China to Manchuria. Center for Chinese Studies, University of Michigan, Ann Arbor 2000, ISBN 0-89264-134-7.
  • Gustav Fochler-Hauke: Die Mandschurei. Eine geographisch-geopolitische Landeskunde (= Schriften zur Wehrgeopolitik. Band 3). Vowinckel, Heidelberg 1941.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Manchuria – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfram Eberhard: Geschichte Chinas von den Anfängen bis zur Gegenwart. Alfred Kröner Verlag, 1971, S. 32 f.
  2. ebenda
  3. Hermann Beyer-Thoma: Münchener Forschungen zur Geschichte Ost- und Südosteuropas. Ars Una, 2002, S. 66.
  4. ebenda
  5. Gerald Mund: Ostasien im Spiegel der deutschen Diplomatie. Franz Steiner Verlag, 2006, S. 46 f.
  6. Felix Patrikeeff: Russian Politics in Exile. The Northeast Asian. Balance of Power 1924–1931. Palgrave Macmillan UK, 2002, S. 52 f.
  7. Patrick J. Buchanan: Churchill, Hitler und der unnötige Krieg. Verlag für Militärgeschichte Pour le Mérite, Selent 2009, S. 107.
  8. Stefan Talmon: Kollektive Nichtanerkennung illegaler Staaten. Grundlagen und Rechtsfolgen. Mohr Siebeck, 2006, S. 121.
  9. Stuart D. Goldman: Nomonhan, 1939. Naval Institute Press, 2012, 171.
  10. Declaration Regarding Mongolia April 13, 1941., Avalon Project at Yale University, abgerufen am 1. Juli 2017.
  11. Felix Patrikeeff: Russian Politics in Exile: The Northeast Asian Balance of Power, 1924–1931. in: Manchurian Railways and the Opening of China: An International History, Basingstoke 2002, S. 16.
  12. Ulrike Jureit: Umkämpfte Räume. Raumbilder, Ordnungswille und Gewaltmobilisierung. Wallstein, 2016, S. 217-238.
  13. Ulrike Jureit: Umkämpfte Räume. Raumbilder, Ordnungswille und Gewaltmobilisierung. Wallstein, 2016, S. 217-238.
  14. Gottfried Schramm: Handbuch der Geschichte Russlands. Von den autokratischen Reformen zum Sowjetstaat. Bände 1856-1945. Hiersemann-Verlag, 1992, S. 992.
  15. Die Barbaren - unbedeutend und widerwärtig. Der Spiegel vom 3. Juli 1989, abgerufen am 17. September 2017
  16. Lange Grenze zwischen Russland und China Die Welt vom 23. Juli 2008, abgerufen am 17. September 2017
  17. Mihály Hoppál: Das Buch der Schamanen. Europa und Asien. Econ Ullstein List, München 2002, ISBN 3-550-07557-X. S. 80 ff.