Manifest des evolutionären Humanismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Das Manifest des evolutionären Humanismus wurde 2005 von Michael Schmidt-Salomon im Auftrag der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) verfasst und über 50.000 Mal verkauft. Weitere Ausgaben erschienen auf englisch und polnisch.

Entstehung und Weiterentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Gründung der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) wurde 2004 auf dem ersten Stiftungstreffen der Entschluss gefasst, eine Grundlagenschrift zum evolutionären Humanismus zu erstellen. Vom gbs-Mitgründer Michael Schmidt-Salomon war die Schrift zunächst als internes Stiftungspapier begonnen und dann dem Alibri Verlag zur Veröffentlichung vorgeschlagen worden. Die erste Auflage erschien 2005.[1]

2009 machte Schmidt-Salomon das dreizehnte Kapitel des Manifests zur naturalistischen Ethik zum Hauptthema des Buches Jenseits von Gut und Böse. Das siebzehnte und letzte Kapitel vertiefte er 2014 im Buch Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich. Eine Weiterentwicklung verschiedener Ideen des Manifests erfolgte laut Deutschlandfunk Kultur im Werk Entspannt euch! Eine Philosophie der Gelassenheit aus dem Jahr 2019.[2]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schmidt-Salomon plädiert im Manifest des evolutionären Humanismus für eine naturalistische Philosophie. Diese Ideen haben philosophische Vorläufer in der Antike. Der Ausdruck des evolutionären Humanismus wird auf das gleichnamige Werk von Julian Huxley aus den 1960er Jahren zurückgeführt.[3] Das Manifest basiert auf einem Bild des Kosmos, in dem alles "mit rechten Dingen zugeht", in dem es keine metaphysischen Fabelwesen (Götter, Dämonen, Hexen oder Kobolde) gibt, die auf supranaturalistische (übernatürliche) Weise durch Wunder in das Weltgeschehen eingreifen. In der Einleitung heißt es, die Menschheit würde in einem „Zeitalter der Ungleichzeitigkeit“ leben:

"Während wir technologisch im 21. Jahrhundert stehen, sind unsere Weltbilder noch von Jahrtausende alten Legenden geprägt. Diese Kombination von höchstem technischen Know-how und naivstem Kinderglauben könnte auf Dauer fatale Konsequenzen haben. Wir verhalten uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung über einen Jumbojet übertragen wurde."[4]

In siebzehn Kapiteln führt Schmidt-Salomon aus, dass ein logisch konsistentes, mit empirischen Erkenntnissen übereinstimmendes und auch ethisch tragfähiges Menschen- und Weltbild auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung zurückgreifen müsse. Die traditionellen Religionen wie auch manche traditionellen Formen des Humanismus könnten diese Aufgabe nicht mehr erfüllen. So behandelt er Themen wie die Entwicklung vom traditionellen zum evolutionären Humanismus und dessen Verständnis als „offenes System“, die anthropologischen Fundamente einer evolutionär-humanistischen Ethik, die Durchsetzung der Menschenrechte "gegen den erbitterten Widerstand der Religionen" und die "Spielregeln" für ein menschliches Miteinander. Wissenschaft, Philosophie und Kunst werden als die kulturellen Stützpfeiler des evolutionären Humanismus bezeichnet. Im Kapitel "Glaubst du noch oder denkst du schon?" wird ausgeführt, dass der rationale Glaube an die Wissenschaft nicht mit Wissenschaftsgläubigkeit verwechselt werden dürfe. Jenseits von Fundamentalismus und Beliebigkeit müsse eine "Leitkultur Humanismus und Aufklärung" entwickelt werden.

Zehn Angebote des evolutionären Humanismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Anhang B enthält in Gegenüberstellung zu den im Anhang A abgedruckten Zehn Geboten der Bibel (Exodus 20, 1-21) Zehn Angebote des evolutionären Humanismus. In der Vorbemerkung heißt es:[5]

„Die zehn ‚Angebote‘ wurden von keinem Gott erlassen und auch nicht in Stein gemeißelt. Keine ‚dunkle Wolke‘ soll uns auf der Suche nach angemessenen Leitlinien für unser Leben erschrecken, denn Furcht ist selten ein guter Ratgeber. Jedem Einzelnen ist es überlassen, diese Angebote angstfrei und rational zu überprüfen, sie anzunehmen, zu modifizieren oder gänzlich zu verwerfen.“

Die Kurzfassung der Angebote lautet:

  1. Diene weder fremden noch heimischen „Göttern“, sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern!
  2. Verhalte dich fair gegenüber deinem Nächsten und deinem Fernsten!
  3. Habe keine Angst vor Autoritäten, sondern den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
  4. Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen!
  5. Befreie dich von der Unart des Moralisierens!
  6. Immunisiere dich nicht gegen Kritik! Ehrliche Kritik ist ein Geschenk, das du nicht abweisen solltest.
  7. Sei dir deiner Sache nicht allzu sicher! Was uns heute als richtig erscheint, kann morgen überholt sein! Zweifle aber auch am Zweifel!
  8. Überwinde die Neigung zur Traditionsblindheit, indem du dich gründlich nach allen Seiten hin informierst, bevor du eine Entscheidung triffst!
  9. Genieße dein Leben, denn dir ist höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben!
  10. Stelle dein Leben in den Dienst einer „größeren Sache“, werde Teil der Tradition derer, die die Welt zu einem besseren, lebenswerteren Ort machen woll(t)en!

Auflagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2005 veröffentlichte der Alibri Verlag die erste Auflage im Umfang von 181 Seiten und 2006 eine zweite, verbesserte Auflage im Umfang von 196 Seiten.

2012 erschien eine polnische Übersetzung bei Dobra Literatura.[6]

2014 erschien eine englische Übersetzung als E-Book.[7]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Spiegel schrieb Karen Duve 2009, bei dem Manifest handele es sich um eine "scharfsinnige und brennend aktuelle" Analyse.[8]

Der Anhang mit den Zehn Angeboten wurde von der gbs als Broschüre für den Einsatz im Ethik- und Religionsunterricht veröffentlicht.[9]

Heute ist das Manifest des evolutionären Humanismus mit einer verkauften Auflage von 50.000 Exemplaren die am meisten verbreitete Darstellung dieser Weltanschauung im deutschsprachigen Raum.[10]

Primärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Maik Söhler: Ja zur Leitkultur … … aber zur richtigen: der von Humanität, Aufklärung und Menschenrechten. Telepolis, 27. November 2005, abgerufen am 27. Juli 2014.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. bruno. Das Jahresmagazin der Giordano-Bruno-Stiftung 2019 (PDF; 7,8 MB), S. 15–16.
  2. Joachim Scholl: Philosoph Schmidt-Salomon - Mit Humanismus gegen moralischen Starrsinn. Deutschlandfunk Kultur, 10. März 2019, abgerufen am 17. Mai 2020 (deutsch).
  3. Julian Huxley: Die Grundgedanken des evolutionären Humanismus. In: Julian Huxley: Der evolutionäre Humanismus. Zehn Essays über die Leitgedanken und Probleme. München 1964.
  4. Michael Schmidt-Salomon: Manifest des evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur. Alibri Verlag, Aschaffenburg 2005, S. 7.
  5. Michael Schmidt-Salomon: Manifest des evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur. 2., korrigierte und erweiterte Auflage. Alibri, Aschaffenburg 2006, ISBN 3-86569-011-4, S. 156.
  6. Humanizm ewolucyjny. Dlaczego możliwe jest dobre życie w złym świecie. Goethe-Institut, abgerufen am 21. Januar 2015.
  7. Michael Schmidt-Salomon: Manifesto (E-Book), englisch - Alibri Verlag Forum für Utopie und Skepsis. Abgerufen am 17. Mai 2020.
  8. Karen Duve: ESSAY : WELT OHNE GOTT - DER SPIEGEL 14/2009. Abgerufen am 17. Mai 2020.
  9. Zehn (An-)Gebote. Abgerufen am 17. Mai 2020.
  10. Manifest des evolutionären Humanismus. gbs, abgerufen am 17. Mai 2020.