Marc Dutroux

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Marc Dutroux [dy'tʁu] (* 6. November 1956 in Ixelles/Elsene in der Region Brüssel) ist ein belgischer Mörder und Sexualstraftäter, der zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Er hat bis Mitte der 1990er-Jahre mehrere Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 19 Jahren entführt und sexuell missbraucht und seinen Komplizen sowie zwei von ihm entführte junge Frauen im Alter von 17 und 19 Jahren ermordet. Zwei entführte achtjährige Mädchen verhungerten eingesperrt, während er im Gefängnis war.

Dutrouxs Komplizin und damalige Frau Michelle Martin wurde zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt, und ist 2012 nach 16 Jahren verbüßter Strafe wieder freigekommen.

Herkunft und Vorleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Eltern von Marc Dutroux waren beide Lehrer. Dutroux hat drei jüngere Brüder und eine jüngere Schwester. Er wuchs im damaligen Belgisch-Kongo auf, bis die Familie nach der Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonie 1960 nach Belgien zog. Dutrouxs Vater Victor schlug seine Frau und seine Kinder oft wegen Kleinigkeiten. Marc Dutroux fiel als Neunjähriger in der Schule als Schläger auf, in späteren Schuljahren verkaufte er gestohlene Mofas und pornographische Bilder.

1971 verbrachte Dutrouxs Vater wegen Depressionen mehrere Monate unfreiwillig in einer Klinik, woraufhin er sich im selben Jahr von seiner Frau scheiden ließ, der er die Schuld für seinen Klinikaufenthalt zuschob. Mit dem Auszug des Vaters übernahm Marc Dutroux immer mehr die Rolle eines herrschsüchtigen, gefühlskalten Familientyrannen und schlug auch seine Mutter und seine Geschwister, bis er einige Monate nach der Scheidung seiner Eltern im Alter von 16 Jahren sein Zuhause verließ, um sich zunächst als Stricher durchzuschlagen.

Im Alter von 20 Jahren heiratete er 1976 seine erste Frau, die ein Kind aus einer vorigen Ehe mitbrachte; die beiden bekamen ein weiteres Kind, gaben jedoch nach einiger Zeit beide ins Heim. Nachdem Dutroux wiederholt gewalttätig gegen seine Frau geworden war, kam es 1983 zur Scheidung. Zu dieser Zeit hatte Dutroux bereits eine Affäre mit Michelle Martin, mit der er drei eigene Kinder hat; alle fünf Kinder haben inzwischen ihren Nachnamen geändert.

Straftaten bis 1995[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Polizeilich war Dutroux für Autodiebstähle, Überfälle und Drogendelikte bekannt; als Schrotthändler stahl er über Jahre hinweg wahllos alle möglichen Dinge, die er zu Geld zu machen versuchte. Er wohnte während der 1980er Jahre häufig in seinem Lieferwagen, mit dem er quer durch Belgien fuhr.

1984 fand man nahe Brüssel die Leiche einer jungen Frau, mit der Dutroux später in Verbindung gebracht wurde, da Zeugen von einem „Marc aus Charleroi“ berichteten, mit dem das Opfer bekannt gewesen sei, jedoch blieb der Fall ungeklärt.

1986 wurde Dutroux mit seiner Lebensgefährtin Michelle Martin wegen Entführung und Missbrauchs von fünf jungen Frauen[1] im Alter zwischen 12 und 19 Jahren[2] verhaftet; Dutroux hatte pornographische Aufnahmen von seinen Taten gemacht, um diese zu verkaufen. Dies war offenbar eines seiner Motive. 1989 wurde Dutroux daraufhin zu 13 Jahren und sechs Monaten Freiheitsentzug verurteilt, Michelle Martin zu fünf Jahren. Im gleichen Jahr heirateten die beiden im Gefängnis. 1992 wurde Dutroux begnadigt, nachdem er drei Jahre im Gefängnis verbracht hatte. Seine Mutter sprach sich in einem Brief an den Gefängnisdirektor dagegen aus.

Nach Dutrouxs Entlassung bescheinigte ihm der Psychiater Emile Dumont eine seelische Schädigung aufgrund der Haft mit resultierender Erwerbsunfähigkeit auf Lebenszeit, deretwegen er eine staatliche Rente bekam, und verschrieb ihm Schlafmittel und Sedativa, die er später zur Betäubung und Ermordung seiner Opfer einsetzte.

Erneute Entführungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Haus von Marc Dutroux in Charleroi-Marcinelle[3]

Dutroux baute den Keller eines seiner Häuser im Stadtteil Marcinelle von Charleroi aus, zunächst als Versteck für seine Beute aus Diebstählen, die er weiterhin unternahm, später als Verlies. Hinter einer massiven Tür, die als Regal getarnt war, befand sich ein 2,15 Meter langer, weniger als 1 Meter breiter und 1,64 Meter hoher Raum.

Am 24. Juni 1995 wurden Melissa Russo (8) und Julie Lejeune (8) entführt, in Dutrouxs Zelle gefangen gehalten und mehrfach sexuell missbraucht, wieder zu dem Zweck des Handels mit der so erstellten Pornographie. Am 22. August 1995 wurden Eefje Lambrecks (19) und An Marchal (17) entführt und ebenfalls zum Zweck der Pornographieherstellung vergewaltigt. Da sich im Kellerverlies bereits die beiden achtjährigen Mädchen befanden, sperrte Dutroux Eefje und An im ersten Stock des Hauses ein.

Vorübergehende Verhaftung, Mord an den Frauen und an Weinstein, Verhungern der Kinder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da Dutroux wieder in Autodiebstähle verwickelt war, wurde er am 6. Dezember 1995 verhaftet. Bei der Untersuchung der Diebstähle durchsuchte die Polizei auch Dutrouxs Haus, in dem die beiden achtjährigen Mädchen gefangen gehalten wurden. Eefje und An waren zu diesem Zeitpunkt bei einem Komplizen untergebracht oder bereits vergiftet. Der leitende Beamte gab später an, im Keller Kinderstimmen gehört zu haben, nahm jedoch an, sie kämen von der Straße, daher wurden die Mädchen nicht gefunden.

Nach Dutrouxs späteren Aussagen sollte sich seine Frau um die Pflege der Kinder kümmern, während er selbst im Gefängnis war. Michelle Martin ließ die Kinder allerdings verhungern. Eines war bei Dutrouxs Freilassung am 20. März 1996 bereits tot, das andere verstarb nach Dutrouxs Aussage in seinen Armen.[4]

Vermutlich fällt in diese Zeit auch die Ermordung seines Komplizen Weinstein, der ihn um Geld betrogen hatte.

Ermittlungspannen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei den Ermittlungen gab es immer wieder Pannen. So lag den Ermittlern schon im August 1995, einen Monat nach der Entführung von Mélissa und Julie, ein Bericht vor, in dem Dutrouxs vormaliger Komplize Claude Thirault, der der Polizei bereits als Handlanger bei Dutrouxs Raubüberfällen bekannt war, behauptete, Marc Dutroux hätte ihm Geld geboten, damit er auf einem Dorffest junge Mädchen entführe. Dafür wurden ihm 150.000 Franc (etwa 3.700 Euro) in Aussicht gestellt. Ferner baue Dutroux im Keller eines seiner drei Häuser Zellen.

Die Mutter von Dutroux schrieb nach dem Verschwinden von An Marchal und Eefje Lambrecks einen Brief an den zuständigen Ermittlungsrichter, in dem sie auf Beobachtungen von Hausnachbarn hinwies, dass zwei unbekannte Mädchen in das Haus ihres Sohnes gebracht worden seien. Ausdrücklich wies sie in dem Brief darauf hin, dass es einen Zusammenhang mit den verschwundenen Kindern geben könne und forderte die Behörden zur Hausdurchsuchung auf, was jedoch nicht geschah.

Trotz der Hinweise und der Vorstrafe des Beschuldigten wurde das Anwesen Dutrouxs erst im Dezember 1995, Monate später, durchsucht, als die vorübergehende Inhaftierung Dutrouxs aufgrund von Autodiebstählen erfolgte. Die neu eingezogene, frisch verputzte Wand fiel den Ermittlern bei der darauffolgenden Durchsuchung trotz der Kinderstimmen nicht auf. Die vielen im Haus gefundenen Videoaufnahmen, auf denen Dutroux zum Teil den Ausbau der Zellen in seinem Haus dokumentiert hatte, wurden nicht durch die Polizei gesichtet oder pauschal als „unauffällig“ klassifiziert.

Entdeckung und Prozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitere Entführungen und Verhaftung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 28. Mai 1996 entführte Dutroux die zwölfjährige Sabine Dardenne, indem er sie in seinen Transporter zerrte. Am 9. August widerfuhr dies auch der 14-jährigen Laetitia Delhez. Bei der polizeilichen Ermittlung wurde ein Augenzeuge gefunden, der sich einen Teil von Dutrouxs Autokennzeichen gemerkt hatte. Darauf wurden am 13. August Marc Dutroux, Michelle Martin und der Komplize Michel Lelièvre verhaftet, am darauf folgenden Tag auch der vermutete Komplize Michel Nihoul.

Eine Durchsuchung von Dutrouxs Häusern blieb wieder ergebnislos, worauf Dutroux die Beamten auf das versteckte Kellerverlies hinwies, aus dem die Polizei am 15. August 1996 Sabine und Laetitia befreien konnte. Dutroux führte die Fahnder am 17. August zu den Leichen der verhungerten achtjährigen Mädchen sowie dem ermordeten Komplizen Bernard Weinstein, den Dutroux zusammen mit den Mädchen im Garten eines seiner Häuser vergraben hatte. Am 3. September erklärte Dutroux der Polizei, wo die Leichen von An und Eefje zu finden waren.

Gedenktafel „Im Gedenken an alle Opfer der Pädophilie“ in Charleroi

Dutroux behauptete, er selbst sei nur eine Art Handlanger gewesen. Die Mädchen seien nicht nur für ihn allein bestimmt gewesen, sondern auch für andere Personen, die teilweise „höchste Protektion von ganz oben“ genießen würden. Als Anstifter und Kopf einer Bande von Männern, die Sexualstraftaten an Kindern verübten, für den Dutroux gearbeitet habe, beschuldigte er nach der Verhaftung und während des Prozesses wiederholt Nihoul.[5]

Im März 1997 wurde auf der Straßenseite gegenüber von Dutrouxs Haus in der Route de Philippeville 128 in Charleroi-Marcinelle eine Tafel befestigt mit der Inschrift: En memoire de tous les enfants victimes de pédophilie („Im Gedenken an alle Opfer der Pädophilie“).[6]

Flucht und erneute Festnahme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im April 1998 kam die nächste schwerwiegende Panne: In einem Gerichtsgebäude entriss Dutroux einem seiner Bewacher die Dienstwaffe und floh. Nachdem tausende Beamte fast vier Stunden im Großeinsatz waren, fanden ihn Spürhunde in einem Waldstück. Als Reaktion auf diesen Vorfall traten Innenminister Johan Vande Lanotte, Justizminister Stefaan De Clerck sowie Polizeichef Willy Deridder von ihren Ämtern zurück. Einem Beamten sagte Dutroux kurz nach der Festnahme: „Ich bin glücklich, wenn ich das Chaos sehe, in das ich Belgien gestürzt habe.“[7]

Todesfälle vor dem Prozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut der ZDF-Reportage Die Spur der Kinderschänder – Dutroux und die toten Zeugen[8] von 2001 verstarben während der Ermittlungszeit nach Dutrouxs Verhaftung 27 Zeugen, die im Prozess aussagen wollten. Der Staatsanwalt Hubert Massa beging im Juli 1999 Suizid. Doch konnte kein eindeutiges Motiv geklärt werden. Es ist nicht auszuschließen, dass die Zeugen umgebracht wurden, um sie zum Schweigen zu bringen.[9]

Der Prozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Prozess gegen Marc Dutroux vor dem Gericht von Arlon begann am 1. März 2004 mit der Auswahl der Geschworenen. Es sammelten sich knapp 400.000 Seiten in den Akten des Falles an. Neben Dutroux selbst waren auch seine Frau Michelle Martin sowie seine Komplizen Michel Lelièvre und Michel Nihoul angeklagt. Besonders Martin verwickelte sich während des Prozesses wiederholt in Widersprüche.[10] Dutroux war außer für die oben genannten Taten auch dafür angeklagt, 1995 die Polizeiinformanten Philippe Divers, Pierre Rochow und Bénédicte Jadot entführt und gefoltert zu haben, zudem 1996 drei slowakische Frauen vergewaltigt zu haben, und außerdem für den wiederholten ausgedehnten Drogenhandel, vor allem mit Haschisch und Heroin.[11]

Der erste Untersuchungsrichter war Jean-Marc Connerotte, der kurz nach der Festnahme von Dutroux alle Belgier aufforderte, alles, was sie über einschlägige Verbrechen an Kindern wüssten, mitzuteilen. Als er die beiden befreiten Mädchen Laetitia und Sabine zum Essen einlud, wurde er wegen Befangenheit abgesetzt (was in der Folge als „Spaghetti-Arrest“ bezeichnet wurde). Die Aufforderung hatte eine hereinbrechende Lawine von Informationen für die Ermittler erbracht. Im Volk brach Empörung über die Demontage Connerottes aus. Über 300.000 Menschen zogen daraufhin beim Weißen Marsch durch Brüssel. Neuer Untersuchungsrichter wurde Jacques Langlois.[12]

Während seiner Haftzeit und während des Prozesses beschmierte Dutroux seine Zelle wiederholt mit Fäkalien,[13] schlug sich den Kopf absichtlich gegen die Zellenwand,[14] reagierte während der Verhandlungen nicht auf Anreden[15] und beschuldigte weiterhin Nihoul, sein Auftraggeber gewesen zu sein.[5] Nervös und widersprüchlich äußerte er sich allerdings, wenn er auf seine Frau angesprochen wurde.[16]

Psychiatrische Bewertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein abschließendes psychiatrisches Gutachten wurde von drei Psychiatern und einem Psychologen erstellt, die am 5. Mai 2004 als Zeugen vor dem Schwurgericht erschienen.[17] Sie kamen zu dem Schluss, dass Dutroux nicht als pädophil veranlagt einzustufen sei, vielmehr sei er ein gegenüber Gewalt empfindungsloser Psychopath, der aus Machtstreben und Geldgier gehandelt habe, allerdings voll schuldfähig sei.[18][19][20]

Das Machtstreben des Angeklagten äußerte sich auch in einem geltungssüchtigen Auftreten, das er seit seiner Verhaftung an den Tag legte. So erzählte er Geschichten von kleineren oder größeren „Netzwerken“. Cheffahnder Michel hatte vor dem Schwurgericht ausgesagt: „Er freute sich über die gesellschaftliche Aufregung, die seine Affäre verursachte.“[16] Auch hatte Dutroux sich vor seinen Gutachtern wiederholt mit seinen in den 1990er Jahren begangenen Entführungs- und Vergewaltigungstaten gebrüstet.[21] Bei seinem dreistündigen Schlusswort trat Dutroux „hart und anklagend, beleidigt und höhnisch und selbstgerecht“ auf, wobei er ein konfuses „Gespinst aus Lügen, Halbwahrheiten und Manipulationen“ präsentierte.[22]

Das Urteil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 22. Juni 2004 gab das Gericht das Strafmaß bekannt: Dutroux muss für drei Giftmorde – an seinem Komplizen Weinstein sowie an den zwei von ihm entführten jungen Frauen Eefje Lambrecks und An Marchal – lebenslänglich ins Gefängnis. Bereits in der Woche zuvor hatten die Geschworenen geurteilt, dass Dutroux die zwei Jugendlichen entführt und getötet habe. Trotz mehrfacher Appelle seines Verteidigers hüllte sich Dutroux, dessen Sexualstraftaten gegenüber den drei Morden in den Verhandlungen nur untergeordnete Bedeutung hatten, über die angeblichen Hintermänner seiner Taten aus Kreisen der Politik weiterhin in Schweigen, obwohl er in den acht Jahren von seinem Geständnis bis zu seiner letzten vor Gericht verlesenen, 21-seitigen Erklärung ständig davon redete,[22] Teil eines größeren Netzwerks gewesen zu sein.

Dutrouxs Ex-Gattin Michelle Martin erhielt 30 Jahre Gefängnis für die fahrlässige Tötung der Mädchen Russo und Lejeune durch Verhungernlassen.

Michel Lelièvre bekam wegen seiner Beteiligung an den Verbrechen eine Haftstrafe von 25 Jahren. Michel Nihoul erhielt eine Gefängnisstrafe von fünf Jahren, weil er Anführer eines Drogen- und Menschenhändlerringes gewesen sei. Vom Vorwurf der Beteiligung an den Frauen- und Kindesentführungen wurde er freigesprochen.

Rezeption und Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Darstellung in den Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Medien im In- und Ausland stellten Dutroux vorwiegend als Pädophilen dar,[23] obwohl bereits das Alter seiner weiblichen Opfer ein pädophiles Motiv infrage stellt (vgl. sexualmedizinische Definition): Melissa und Julie waren 8 Jahre alt, An 17 Jahre, Eefje 19 Jahre; die zuletzt entführten und befreiten Mädchen waren 12 und 14 Jahre alt.

Innerhalb und außerhalb des Landes wurde Belgien in den Medien aufgrund des Falles Dutroux schnell zum „Land der Kinderschänder“ erklärt. So sagte etwa der belgische Polizist Patrick Debaets über seine Ermittlungen in dem Fall: „Sobald man gegen Pädophilie vorgehen will, stößt man auf ein System von Protektionen und bekommt sofort Probleme. In Belgien hat der größte Teil der Presse die Opfer und die Ermittler lächerlich und unglaubwürdig gemacht, um selbst eben keine Probleme zu bekommen.“[2]

Reaktion der Bürger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Bürger wurden mit der Zeit dem Staat gegenüber misstrauisch. Sie glaubten, dass die Reichen und Mächtigen des Landes gedeckt werden, während der Staat, Justiz und Polizei die Normalbürger nicht zu schützen wissen. Als der Fall Dutroux im Sommer 1996 an die Öffentlichkeit kam, gab es 62 Personen mit diesem Familiennamen in Belgien. Davon stellten bis Anfang 1998 22 bei den Behörden einen Antrag auf Änderung ihres Familiennamens.[24]

Ereignisse seit 2009[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekanntwerden der pädophilen Neigungen eines Anwalts der Opferfamilien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verurteilung wegen Kinderpornographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Oktober 2010 wurde Victor Hissel, der Anwalt der Opferfamilien von Melissa Russo und Julie Lejeune, von einem Gericht in Lüttich wegen Kinderpornographie zu zehn Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Der Anwalt hatte sich zwischen 2005 und 2008 mehr als 7.500 kinderpornografische Bilder angesehen. Dass der prominente Jurist, der für die Verurteilung von Dutroux gekämpft hatte und zu einer Symbolfigur für den Kampf gegen die Unfähigkeit von Polizei und Justizbehörden geworden war, selbst pädophile Neigungen hatte, wirkte auf viele Belgier schockierend.[25] Hissel legte gegen das Urteil Berufung ein.[26][27] Im Berufungsverfahren im Mai 2011 bestätigte das Gericht das Strafmaß, jedoch wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt.[28]

Mordversuch durch den Sohn des Anwalts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem die pädophilen Neigungen des Anwalts Victor Hissel bekannt geworden waren,[25] versuchte dessen Sohn Romain im April 2009, seinen Vater zu töten; er stach mehrmals mit einem Messer auf ihn ein und verletzte ihn schwer.[29] Vor Gericht erklärte er, er habe seinen Vater umbringen wollen, damit dieser den Kindern seiner neuen Partnerin nicht antue, was er erlitten habe: verbale und körperliche Gewalt und die Entdeckung der pädophilen Neigungen des Vaters.[30] Romain Hissel wurde vom Vorwurf des Mordversuchs im Mai 2011 freigesprochen. Das Gericht befand, dass er zum Zeitpunkt der Tat unzurechnungsfähig war.[31] Ein Jahr später, im Mai 2012, wurde er unter Auflagen zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt wegen mehrerer versuchter Carjackings und Androhung von Gewalt.[32]

Vorzeitige Haftentlassung von Michelle Martin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende Juli 2012 entschied die belgische Justiz, Michelle Martin wegen guter Führung auf Bewährung und unter Auflagen vorzeitig freizulassen. Die belgische Justiz genehmigte einen Resozialisierungsplan, der Michelle Martins Aufnahme in einem Kloster in Belgien vorsieht. Martin darf sich zudem den Familien der Opfer nicht nähern.[33] Die Staatsanwaltschaft und einige Angehörige von Dutroux-Opfern legten vor dem Kassationshof in Brüssel Einspruch gegen die Entscheidung ein. Dieser wies die Einsprüche am 28. August 2012 als unbegründet zurück, es sei zu keinen Verfahrensfehlern seitens des Strafvollstreckungsgerichts gekommen.[34] Michelle Martin kam gleichentags frei und fand sich im Klarissenkloster in Malonne bei Namur ein.[35] Ende 2014 durfte sie das Kloster verlassen.[36]

Antrag auf vorzeitige Haftentlassung von Marc Dutroux[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Antrag von Dutroux auf vorzeitige Haftentlassung und Verbüßung der Strafe mit einer elektronischen Fußfessel wurde am 18. Februar 2013 von einem Brüsseler Gericht abgewiesen. Begründet wurde dies mit der Gefahr, dass der mittlerweile 56-Jährige wieder rückfällig werden könne. Auch Dutrouxs Mutter hatte öffentlich vor der Freilassung ihres Sohnes gewarnt.[37]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Douglas Coninck: Marc Dutroux. Het stilste jongetje van de klas. Houtekiet, Antwerpen 2004, ISBN 90-5240-747-9.
  • Sabine Dardenne, Marie-Thérèse Cuny: Ihm in die Augen sehen. 80 Tage in der Gewalt von Marc Dutroux. Knaur, München 2006, ISBN 3-426-77847-5.
  • Michel Dutroux: Mijn zoon Marc Dutroux. De speurtocht van een vader naar de wortels van het kwaad. Standaard, Antwerpen 2003, ISBN 90-02-21405-7.
  • Hans Knoop: De zaak Marc Dutroux. BZZT, ’s-Gravenhage 1998, ISBN 90-5501-585-7.
  • Xavier Magnée: Marc Dutroux, un pervers isolé? Calman-Levy, Paris 2005, ISBN 2-7021-3563-3.
  • Dirk Schümer: Die Kinderfänger. Berlin: Siedler, 1997. ISBN 3-88680-623-5.

Dokumentationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Marc Dutroux – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Profile: Marc Dutroux BBC News, 17. Juni 2004 (englisch)
  2. a b Der Fall Dutroux – Eine Chronik der Geschehnisse von 1995 bis 2004
  3. Marc Dutroux: Belgischer Kindermörder besucht sein altes Haus
  4. Jörg Stolzenberger: Der Fall Marc Dutroux: Der Prozessverlauf im Monat März, S. 5 (PDF; 282 kB)
  5. a b Dutroux wollte Mitangeklagtem Nihoul „eine Freude bereiten“, FAZ, 21. April 2004
  6. Der Fall Dutroux, stern.de, 25. Februar 2004
  7. Schwerverbrecher haben es in Belgien leicht welt.de, 6. August 2009
  8. Dutroux und die toten Zeugen, ZDF-Reportage von Piet Eekman, Ausstrahlung am 30. Januar 2001
  9. Staatsanwalt erschießt sich, Spiegel Online, 15. Juli 1999
  10. Plädoyers im Dutroux-Prozeß – Die Demontage eines Monsters, FAZ, 9. Juni 2004
  11. Anklageschrift im Arlon-Prozess
  12. Der Fall Dutroux. WDR (YouTube-Video), 2004, abgerufen am 13. August 2016.
  13. Ein besonders aufsässiger Häftling, FAZ, 19. Mai 2004
  14. Auf das blaue Auge folgt die Halskrause, FAZ, 7. April 2004
  15. Nebenfiguren im Zentrum der Aufmerksamkeit, FAZ, 26. Mai 2004
  16. a b „Schuld hat die Gesellschaft“, FAZ, 22. März 2004
  17. Gericht befasst sich mit Gutachten über Persönlichkeit des Angeklagten: Dutroux als Psychopath beschrieben nzz.ch, 5. Mai 2004
  18. Dutroux schuldfähig, Berliner Kurier, 21. März 1998
  19. Evil star of script written in blood, The Age, 19. Juni 2004
  20. Jörg Stolzenberger: Marc Dutroux: Die psychologische Situation in Kürze. 1. Juni 2004, abgerufen am 31. Januar 2017.
  21. Themenabend ARTE: Dutroux und die Pädophilie vor Gericht
  22. a b Die Gespinste des Marc Dutroux – Der mutmaßliche Kinderschänder flüchtet während seiner Schlussworte in die eigene Realität, Die Welt, 11. Juni 2004
  23. Beispiele: In diesem Bericht von BBC News, 22. Juni 2004, wird Dutroux als paedophile child killer („pädophiler Kindermörder“) bezeichnet. In diesem Bericht (Memento vom 19. Januar 2005 im Internet Archive) in The Scotsman, 18. Juni 2004, wird er schon in der Überschrift als „Pädophiler“ bezeichnet.
  24. Belgian paedophile's namesakes change surnames. BBC News, 10. Januar 1998, abgerufen am 13. August 2016 (englisch).
  25. a b Der tiefe Fall einer belgischen Symbolfigur aachener-zeitung.de, 26. Mai 2011
  26. Opfer-Anwalt schaute selbst Kinderpornos spiegel.de, 14. Oktober 2010
  27. Der Alptraum endet nie spiegel.de, 24. Dezember 2010
  28. Zehn Monate Haft auf Bewährung für Victor Hissel. In: Belgischer Rundfunk, 23. Mai 2011
  29. Romain Hissel könnte wegen Formfehler frei kommen in: Belgischer Rundfunk, 15. April 2010
  30. Romain Hissel: Fünf Jahre Haft auf Bewährung gefordert In: Belgischer Rundfunk, 31. März 2011
  31. Unzurechnungsfähig: Freispruch für Romain Hissel In: Belgischer Rundfunk, 4. Mai 2011
  32. Zwei Jahre auf Bewährung für Romain Hissel – Psychiatrische Behandlung In: Belgischer Rundfunk, 3. Mai 2012
  33. Dutroux-Komplizin kommt vorzeitig frei. In: Spiegel Online vom 31. Juli 2012
  34. Entschieden: Michelle Martin unter Auflagen frei. In: Belgischer Rundfunk vom 28. August 2012
  35. Fabienne Hurst: Dutroux-Komplizin kommt frei. In: Spiegel Online vom 28. August 2012
  36. Michelle Martin darf das Kloster verlassen rp-online.de, 14. August 2014
  37. Mädchenmörder Dutroux bleibt im Gefängnis welt.de, 18. Februar 2013