Marforio

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Marforio

Der Marforio ist eine der sechs sogenannten „sprechenden“ Statuen Roms. Wie auch bei den anderen wurden an ihm im 15. und 16. Jahrhundert Pasquinaden, Schmäh- oder Spottschriften, veröffentlicht. Meist richteten sich die spöttischen, in Dialogform verfassten Verse, gegen unakzeptable Verhaltensweisen der Herrschenden: Die Statuen kommunizierten also gewissermaßen untereinander.

Beim Marforio handelt es sich um die antike Marmor-Statue eines liegenden, bärtigen Flussgottes. Das Fehlen jeglicher Attribute ließ ihn in der Vergangenheit auch häufig als Darstellung Jupiters, Neptuns oder des Flusses Tiber. Bereits in den Antiquarie prospettiche romane (1496–1498) des „Prospettivo Milanesi“ (vermutlich der Mailänder Maler Bramantino) wird die Statue als Flussgott bezeichnet. Dies nahm der Humanist und Antiquar Andrea Fulvio im Jahr 1527 auf: In der Widmung seines Buches an Papst Leo X. beschreibt er das Bildwerk als einen Flussgott, der auf einem Felsen lagert.[1] Der Bildhauer Roger Bescapè ergänzte die Interpretationen der Statue im Jahr 1594 zu der Figur eines Oceanus.[2]

Der Ursprung seines Namens ist unsicher. Als er entdeckt wurde, besaß er noch ein Granitbassin mit der Inschrift mare in foro. Der Name könnte auch von der Gegend stammen, in der er gefunden wurde, dem Forum Martis. Auch eine Benennung nach der Familie Marioli (auch Marfuoli) ist möglich; die Familie besaß Eigentum am mamertinischen Kerker, vor dem der Marforio bis 1588 stand.[3] Außerdem finden wir bei Andrea Fulvio eine Erklärung für den Namen Marforio: Seiner Meinung nach handelt es sich um eine Verballhornung des Wortes „Nar Fluvius“. Als größter Zufluss des Tibers trug der heutige Fluss Nera damals diesen Namen (Antiquitates Urbis, Rom 1527).[4]

Der Marforio gehörte seit dem 12. Jahrhundert zu den Sehenswürdigkeiten Roms. Poggio Bracciolini beschrieb ihn als eine überlebende Statue der Antike. Im frühen 16. Jahrhundert stand er auf dem Forum in der Nähe des Septimius-Severus-Bogens, wo ihn auch die genannten Autoren noch erlebten. An diesem Standort wurde das Bildwerk von Marten van Heemskerck studiert und gezeichnet (Berliner Skizzenbuch II, Tafel 125, Berlin, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Kupferstichkabinett – Sammlung der Zeichnungen und Druckgraphik, Inventar-Nr. 79 D 2).[5] Papst Sixtus V. ließ die Statue 1588 auf die Piazza di San Marco und 1594 auf die Piazza del Campidoglio versetzen. Dort schmückte sie einen von Giacomo della Porta ausgeführten und von Michelangelo entworfenen Brunnen [6] an der Wand der Kirche Santa Maria in Aracoeli mit Blick auf den Palazzo dei Conservatori.[7] Letztmals wurde der Marforio 1644 auf Anweisung von Papst Innozenz X. wiederum als Brunnenfigur in den Innenhof des Palazzo Nuovo auf dem Kapitol (zu den Kapitolinischen Museen gehörend) versetzt, wo er sich auch heute noch befindet.[7]

In seiner „Funktion“ als „sprechende Statue“ zeigt ihn ein Kupferstich von Antonio Lafrery von 1550 (in der Stichsammlung Speculum Romanae Magnificentiae): Hier ist der lagernden Statue ein Gedicht hinzugefügt, das Auskunft über die Legende des „Marforius“ gibt.[8]

Kupferstich aus dem zweiten Band der Teutschen Academie, Nürnberg 1679

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Pasquino, eine weitere sprechende Statue Roms

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rendina, C: Pasquino statua parlante. In: ROMA ieri, oggi, domani, Nr. 20 – Februar 1990.
  • Phyllis Pray Bober / Ruth Rubinstein, Renaissance Artists and Antique Sculpture. A Handbook of Sources, 2. überarbeitete Ausgabe, London /Turnhout 2010.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bober/Rubinstein, Nr. 64, S. 110.
  2. Vgl. Bober/Rubinstein, Nr. 64. River God Marforio
  3. Rendina, C: Pasquino statua parlante. In: ROMA ieri, oggi, domani, Nr. 20 – Februar 1990.
  4. Vgl. Bober/Rubinstein, Nr. 64. River God Marforio
  5. Bober/Rubinstein, Nr. 64, S. 111, Abb. 64b)
  6. Laut Giovanni Baglione, 1642, S. 61
  7. a b Bober/Rubinstein, Nr. 64, S. 111
  8. (in deutscher Übersetzung des 17. Jahrhunderts in der Teutschen Academie von Joachim von Sandrart: "Dis ist vom alten Rom ein edler Mann/der in Gestalt/ wie man ihn schauet an/geboren ward/ mit einem solchen Bart/und auch zugleich in solcher Kleider-Art.Er ware auch von Jugend auf so groß/ging auch allzeit so nackend und so bloß/er aß und tranck zwar nichts/ doch ward¶ er alt/sein Alter ist ja dreyzehnhundert bald.Er hat/ das Glück und Unglück dieser¶ Erd/geachtet nie nur eines Hellers wehrt.In Wasser/ Lufft/ im Wind und auf dem¶ Feld/verblieb’ er stets/ gantz ohne Dach und¶ Zelt.An Zähnen er/ wie ich von ihm versteh/litt keinen Schmertz/ auch sonsten gar kein¶ Weh/still/ ernsthafft/ frisch/ war immer sein¶ Natur/auch ohne falsch von wenig Worten nur/auch sonst bequem zu vielem andern thun.Doch hat man ihn nicht können lassen¶ ruh’n:Weil einige der bösen Schelmen-Rottihn so zerstückt/ gemacht zu Schand und¶ Spott.In Rom ist er und bleibet wol bekandt:Marforius wird er daselbst genannt.", vgl. http://ta.sandrart.net/-text-887)

Koordinaten: 41° 53′ 37″ N, 12° 29′ 0″ O