Margaretha Reichardt

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Margaretha „Grete“ Reichardt, verheiratete Wagner-Reichardt (* 6. März 1907 in Erfurt; † 25. Mai 1984 ebenda) war eine deutsche Textildesignerin und Grafikerin. Sie war neben Gunta Stölzl eine der erfolgreichen Gestalterinnen aus der Textilwerkstatt des Bauhauses.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reichardt (oben links) mit der Webereiklasse (1927/28) auf der Bauhaustreppe
Faltsessel D4 von Marcel Breuer mit den von Grete Reichardt entwickelten Eisengarn-Gurten; hier als Reedition der Firma Tecta

Nach Abschluss ihrer Schulausbildung in Erfurt begann Margaretha Reichardt 1921 eine vierjährige Ausbildung an der Kunstgewerbeschule Erfurt. Im April 1926 begann sie ihr fünfeinhalbjähriges Studium am Bauhaus in Dessau mit einem Vorkurs bei Josef Albers und László Moholy-Nagy. Nach bestandenem Vorkurs wurde sie vom Meisterrat, wie die meisten Frauen,[1] in die Werkstatt für Weberei unter Georg Muche, ab 1927 von Gunta Stölzl geschickt.

Im Bauhaus nahm sie am Unterricht bei Paul Klee, Joost Schmidt und Wassily Kandinsky teil. Seit 1927 experimentierte sie mit verschiedenen Garnen und Stoffen. Sie verbesserte die Eigenschaften von Eisengarn und webte strapazierfähige und formstabile Gurte, die Marcel Breuer später als Bespannung für die von ihm entwickelten Stahlrohrmöbel, wie dem Clubsessel B 3 – später bekannt als Wassily-Chair – oder dem Faltsessel D4 verwendete. Die von ihr entwickelten Stoffe wurden in den 1930er Jahren als Bespannung für Flugzeugsitze eingesetzt.[2] Darüber hinaus entwickelte sie am Bauhaus Stoffe mit schalldämpfenden und lichtreflektierenden Eigenschaften.[3] Während der Arbeit am Bauhaus entwarf sie zahlreiche bildhafte gewebte und gewirkte Teppiche und beteiligte sich an verschiedenen Großprojekten des Bauhauses, wie der Ausgestaltung der Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau bei Berlin oder dem Operncafé in Dessau.

Nach dem Ablegen der Gesellenprüfung am Bauhaus im Jahr 1929 war sie ab 1930 freie Mitarbeiterin in der Weberei.[4] Im Juli 1931 schloss sie ihre Ausbildung am Bauhaus als Textilgestalterin mit dem Bauhausdiplom Nr. 54 ab.[5] Nach einem kurzen Studienaufenthalt in den Niederlanden bei dem Grafiker Piet Zwart, kehrte sie 1933 in ihre Heimatstadt Erfurt zurück und baute hier ab 1934 die Handweberei Grete Reichardt auf. Sie entwarf zahlreiche Stoffe für Wand- und Bodenteppiche, Deko-, Möbel- und Kleiderstoffe, die jedoch nur selten industriell gefertigt wurden. Während der Zeit des Nationalsozialismus war sie Mitglied der Reichskulturkammer. Sie stellte ab 1936 ihre handgewebten Textilien in verschiedenen Museen und auf Kunsthandwerksausstellungen, unter anderem 1936 im Leipziger Grassimuseum aus. Auf der Weltfachausstellung in Paris 1937 wurden ihre Entwürfe ausgezeichnet; auf der Mailänder Triennale erhielt sie 1939 für Entwürfe von Industrietextilien eine Goldmedaille. Im Jahr 1942 legte Grete Reichardt ihre Meisterprüfung ab.[6]

Nach dem Zweiten Weltkrieg fertigte sie textile Entwürfe für Museen, Theater und öffentliche Einrichtungen an. Bereits kurz nach dem Krieg nahm sie wieder an internationalen Ausstellungen mit ihren Entwürfen teil. Auf der Triennale in Mailand im Jahr 1951 wurde sie mit einem Goldenen Ehrendiplom für ihre handgewebten Gobelins ausgezeichnet. Die freischaffende Designerin bekam 1953 ein Angebot für eine Dozentur an der Hamburger Landeskunstschule. In der Folgezeit wurde Margaretha Reichardt mit zahlreichen Designpreisen ausgezeichnet: Im Jahr 1964 erhielten ihre Entwürfe auf der Leipziger Messe die Auszeichnung „Gute Form“, fünf Jahre später erhielt sie die Ehrenurkunde des Ministeriums für Kultur, der Handwerkskammer und des Verbandes Bildender Künstler der DDR. In ihrer Werkstatt in Erfurt-Bischleben bildete sie bis 1984 über 50 Schüler aus. Seit den 1970er Jahren engagierte sich die Künstlerin für den Erhalt des Bauhaus-Erbes in Weimar und Dessau.[7]

In einem Neubaugebiet auf dem Ringelberg in der Erfurter Krämpfervorstadt, in dem die Straßen Namen bekannter Bauhauskünstlern tragen, wurde auch eine Straße nach Grete Reichardt benannt.[8]

Museum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Erfurter Ortsteil Bischleben wurde das Wohnhaus von Margaretha Reichardt zu einem Museum umgestaltet. In dem 1939 von dem Bauhäusler Konrad Püschel entworfenem Haus werden in der Werkstatt der Künstlerin originale Webstühle gezeigt.[9] Das Gebäude, das seit 1987 als technisches Denkmal klassifiziert wurde, wird heute vom Angermuseum in Erfurt betreut.[10]

Ausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1950 Grete Reichardt-Wagner, Staatliches Schlossmuseum Rudolstadt
  • 1967 / 1968 Grete Reichardt, Weberin – Walter Gebauer, Keramiker – Prof. Günther Laufer, Kunstschmied, Thüringer Museum Eisenach, Schloss am Markt; Schlossmuseum Gotha; Schloss Friedenstein.
  • 1968 Grete Reichardt, Weberin – Walter Gebauer, Keramiker – Prof. Günther Laufer, Kunstschmied, Kunstgewerbemuseum Berlin (Schloss Köpenick)
  • 1977 Grete Reichardt: Textilgestaltung, Kunstsammlungen Weimar.
  • 1994 Margaretha Reichardt, Textilkunst: 1907–1984, Angermuseum Erfurt.
  • 1995 Margaretha Reichardt, Textilkunst: 1907–1984 Kunstsammlungen der Universität Leipzig.
  • 2009 Margaretha Reichardt – von der Bauhausschülerin zur Meisterin der Textilkunst, Apolda
  • 2009 Margaretha Reichardts Schüler, Apolda.
  • 2009 Margaretha Reichardt, Erfurt.

Arbeiten / Museumsexponate (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bauhaus-Archiv Berlin (Hrsg.): Die Sammlung Bauhaus. Berlin 2014, ISBN 978-3-922613-53-4, S. 86.
  2. Jeannine Fiedler, Peter Feierabend: Bauhaus, Könemann, Köln 1999, ISBN 3-89508-600-2, S. 476.
  3. Jeannine Fiedler, Peter Feierabend: Bauhaus, Könemann, Köln 1999, ISBN 3-89508-600-2, S. 619.
  4. formost.de: Margarethe Reichardt, abgerufen am 28. Oktober 2015.
  5. bauhaus-online.de: Margaretha Reichardt (Memento des Originals vom 19. September 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/bauhaus-online.de, abgerufen am 24. Oktober 2015.
  6. formguide.de: Grete Reichardt (Memento des Originals vom 23. Juli 2010 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.formguide.de, abgerufen am 24. Oktober 2015.
  7. zeit.de: Feier ohne Fest, 10. Dezember 1976, abgerufen am 14. Oktober 2015.
  8. thueringer-allgemeine.de: Der Ringelberg ist gut angebunden@1@2Vorlage:Toter Link/www.thueringer-allgemeine.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., abgerufen am 28. Oktober 2015.
  9. erfurt.de: Margarethe-Reichardt-Haus, abgerufen am 28. Oktober 2015.
  10. erfurt-web.de: Margarethe Reichardt, abgerufen am 21. Oktober 2015.
  11. Jeannine Fiedler, Peter Feierabend: Bauhaus, Könemann, Köln 1999, ISBN 3-89508-600-2, S. 171.
  12. cooperhewitt.org: B5-Chair, abgerufen am 24. Oktober 2015.

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hanna Stirnemann, Grete Wagner-Reichardt: Kunstausstellung Juni bis Juli 1950, Rudolstadt, Staatliches Schlossmuseum.
  • Grete Reichardt: Handweberei Grete Reichardt, Erfurt-Bischleben am Kirchberg Stedten, Somann 1962.
  • Anneliese Hanisch: Grete Reichardt, O. Schöpfel 1967.
  • Barbara Rausch: Grete Reichardt: Textilgestaltung ; Ausstellung der Kunstsammlungen zu Weimar in der Kunsthalle am Theaterplatz, Ausstellungskatalog 1977, Weimar.
  • Marlis und Bernd Grönwald: Margaretha Reichardt (1907-1984). Bauhaustradition und schöpferisches Wirken in der Gegenwart. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der HAB Weimar A-31, 1985, S. 91–94.
  • Angermuseum Erfurt, Arbeitsgruppe M. Reichardt und Kustodie Universität Leipzig (Hrsg.): Margaretha Reichardt 1907–1984. Textilkunst, Erfurt 1995, ISBN 978-3-930013-00-5.
  • Herbert Eichhorn (Hrsg.): KinderBlicke: Kindheit und Moderne von Klee bis Boltanski, Ostfildern-Ruit 2001
  • Bernd Polster, Volker Fischer, Katja Simon: Bauhaus Design. Die Produkte der neuen Sachlichkeit, Dumont, Köln 2009, ISBN 978-3-8321-9167-2.
  • Kai Uwe Schierz, Patrick Rössler, Miriam Krautwurst, Elizabeth Otto (Hrsg.): 4 "Bauhaus-Mädels" : Arndt, Brandt, Heymann, Reichardt, Dresden, Sandstein 2019, ISBN 978-3-95498-459-6.