Maria Lassnig

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Maria Lassnig im Museum Ludwig, 2009

Maria Lassnig (* 8. September 1919 in Kappel am Krappfeld, Kärnten; † 6. Mai 2014 in Wien[1]) war eine österreichische Malerin und Medienkünstlerin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1919 wurde Maria Lassnig in einem Bauernhaus in der Gemeinde Kappel am Krappfeld geboren. Sie wuchs bis zu ihrem sechsten Lebensjahr bei ihrer Großmutter auf. Nach der Heirat der Mutter mit ihrem Stiefvater, dem Bäcker Jakob Lassnig, übersiedelte sie 1925 nach Klagenfurt. Dort besuchte sie die Ursulinen-Klosterschule, die sie mit der Matura abschloss. Danach durchlief sie eine Ausbildung zur Volksschullehrerin. Zeichenunterricht erhielt sie bereits zwischen dem 6. und dem 10. Lebensjahr. Sie galt als ein besonderes Talent und wurde von ihrer Mutter gefördert. Zeichnungen aus dieser Zeit, die erhalten sind, belegen das. In den Jahren 1940 bis 1941 war sie als Volksschullehrerin in einer einklassigen Volksschule im Metnitztal tätig. Mit den Kindern zeichnet sie vor allem. An diesen Ort sollte sie später immer wieder zurückkommen, nachdem sie 1985 ein Schulgebäude in der Gegend als Sommeratelier adaptiert hatte.

1941 fuhr sie mit dem Fahrrad und einer Zeichenmappe nach Wien um sich an der Akademie der bildenden Künste zu bewerben, an der sie auch aufgenommen wurde und ab 1941 zuerst an der Meisterklasse von Wilhelm Dachauer studierte. Mit diesem schien es künstlerische Differenzen gegeben zu haben, da Dachauer ihre Werke angeblich als „entartet“ einstufte. [2] Diese bewegten sie 1943 zu einem Wechsel in die Klasse von Ferdinand Andri. [3]

Einige wenige Nachrufe [4] stellten 2014 verkürzt dar, dass Lassnig von der Akademie verwiesen worden sei, was nicht zutreffend ist und von Lassnig auch nicht behauptet worden war [5]. Forschungen von Verena Pawlowsky von 2015 belegen, dass Lassnig noch im Februar 1945 von der Akademie ein Staatsstipendium zur künstlerischen Weiterbildung zugesprochen wurde [6] . Zuvor hatte sie 1943 und 1944 von Kärnten Gaustipendien erhalten [7].

Sie führte ihr Studium bei Ferdinand Andri und dem NSDAP-Mitglied Herbert Boeckl fort. Nach ihrem Diplom im gleichen Jahr kehrte sie 1945 nach Klagenfurt zurück. 1948 war dies auch der Ort ihrer ersten Einzelausstellung, auf der sie „Körperbewusstseinszeichnungen“ und kleine surreale Figurenkompositionen zeigte.

1951 zog sie wieder nach Wien. Ein Paris-Stipendium im gleichen Jahr sowie ein weiterer Aufenthalt 1952 brachte sie in Kontakt mit André Breton, Benjamin Péret, Gisèle und Paul Celan. Erst 1954 kehrte sie an die Akademie der bildenden Künste zurück und schloss in der Klasse Albert Paris Gütersloh ihre akademische Ausbildung ab. Gemeinsam mit Wolfgang Hollegha, Josef Mikl, Markus Prachensky und Arnulf Rainer gehörte sie zum Kreis um Monsignore Otto Mauer, den kunstinteressierten Wiener Domprediger, Förderer und Gründer der „Galerie nächst St. Stephan“. Ein weiterer wichtiger Kontakt waren die Literaten der „Wiener GruppeFriedrich Achleitner, H.C. Artmann, Gerhard Rühm und Oswald Wiener. Gemeinsam mit Arnulf Rainer galt sie als Begründerin der informellen Malerei in Österreich.

Zwischen 1961 und 1968 lebte sie vorwiegend in Paris und malte erste Körperbewusstseinsaquarelle sowie zwei Meter hohe Körpergefühls-Figurationen, die aber nie ausgestellt wurden.[8] 1964 starb ihre Mutter, der Tod erscheint immer wieder in ihren Bildern. Depressionen und ein Leberleiden belasteten sie. Lassnig beschloss auszuwandern.

1968 bezog sie ein Atelier in East Village in New York, wo ihre Arbeiten als „strange“ und „morbide“ abgelehnt wurden. Sie besuchte eine Siebdruckklasse in Brooklyn, es entstanden in Folge großformatige Seidensiebdrucke, 1970 belegte sie einen Zeichentrick-Kurs an der School of Visual Arts. Sie kaufte eine 16-mm-Filmkamera und erstellte erste eigene Filme. Ihr zeichnerisches und filmisches Werk wurde in einer großen Retrospektive in der graphischen Sammlung Albertina in Wien gezeigt. Ein DAAD-Stipendium brachte sie 1978 nach Berlin.[9]

Erst 1980 kehrte sie auf Betreiben der Bundesministerin Hertha Firnberg aus den USA nach Wien zurück und übernahm an der Hochschule für angewandte Kunst eine Professur für Malerei.[8] Eine Bedingung, die sie an die Annahme dieser Professur knüpfte, war die Mitarbeit des Kunsttheoretikers Heimo Kuchling. Dort zählte zu ihren Schülern auch der spätere Grafiker Guido Hoffmann. Gemeinsam mit Valie Export vertrat sie Österreich auf der Biennale in Venedig. 1982 gründete sie in ihrer Meisterklasse Österreichs einziges Lehrstudio für Trickfilm.

Werke von Lassnig wurden 1982 auf der documenta 7 und 1997 auf der documenta X in Kassel ausgestellt. Während dieses Zeitraums fanden auch zahlreiche Einzelausstellungen statt, so im Museum des 20. Jahrhunderts in Wien, im Kunstmuseum Düsseldorf und der Kunsthalle Nürnberg, in der Kärntner Landesgalerie, der Galerie Hundertmark in Köln, der Galerie Onnasch in Berlin, im Kunstmuseum Luzern, ab den 1990er Jahren dann auch in Paris, New York, Den Haag, Frankfurt am Main, Zürich, München und Rom.

Am 18. Februar 2004 erhielt sie für ihren „außergewöhnlichen Beitrag zur zeitgenössischen Malerei“ den mit 50.000 Euro dotierten Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt. Mit der alle drei Jahre vergebenen Auszeichnung werden hervorragende Leistungen in Malerei, Grafik, Bildhauerei und Architektur gewürdigt.

Anlässlich ihres 90. Geburtstages war 2010 in München eine umfangreiche Einzelausstellung der österreichischen Künstlerin zu sehen, mit dem Schwerpunkt auf den Werken der letzten Jahre.[10]

Stiftung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die im Jahr 2015 gegründete Maria Lassnig Stiftung widmet sich dem umfassenden Œuvre und Nachlass der Künstlerin.[11] Die Stiftung hat die Vergabe eines Maria Lassnig Preises angekündigt.[12] Der mit 50.000 Euro dotierte, biennal vergebene, Preis fokussiert auf die Schaffensperiode von Künstler/innen in der Mitte ihrer Karriere und kombiniert das Preisgeld mit einer Ausstellung in einer kooperierenden Institution.[13]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemeinsam gestaltete Wandmalerei mit Switbert Lobisser aus dem Jahr 1943 in der Klagenfurter Kohldorferstraße 37[14]

Malerei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach surrealistischen Anfängen ist Lassnig in den 1950er Jahren prägend für das neu aufkommende Informel in Österreich.[8] Kennzeichnend für ihr umfangreiches Werk sind jedoch die Körpergefühlsbilder, mit denen sie sich im Laufe der Jahre vollkommen von stilistischen Zwängen und Vorbildern löst. Das Thema Körper – Körperlichkeit – Körperempfinden wird heute von vielen Künstlerinnen bearbeitet; Lassnig war eine der ersten, die sehr früh mit ihrer Malerei die weibliche Position in der Kunstwelt und in der Gesellschaft reflektiert und gerade auch den Einfluss des weiblichen Körpers auf Lebensentwurf und Biographie einer Künstlerin drastisch und offen darstellt.

Ihr Mittel sind die klassische Malerei, eine Figuration ohne einfache realistische Abbildung – Lassnig malt das Subjekt, nicht das Objekt. So sind es immer wieder Selbstporträts, angereichert mit surrealen Elementen, die eine eigenartige und ganz spezifische Schwebe zwischen Nähe und Fremdheit erzeugen.

Exemplarisch ist das frühe Stillleben mit rotem Selbstportrait 1969. Das Selbstporträt ist auf einen großen roten Mund reduziert und kann sowohl für Nahrungsaufnahme als auch für Erotik stehen – vielleicht eine kritische Antwort auf die damals aktuelle Pop Art.

Im Laufe der Jahre werden ihre Selbstbildnisse immer drastischer, sie malt sich als Knödel oder als Rechenmaschine, so das Sciencefiction-Selbstporträt, 1980, Öl auf Leinwand 76 × 64 cm.

Ab den späten 1990ern kommen vermehrt Selbstporträts mit einem Tier hinzu. Froschkönigin, 2000, Öl auf Leinwand, 125 × 100 cm.

Für die Saison 2005/2006 in der Wiener Staatsoper gestaltete sie im Rahmen der von museum in progress konzipierten Ausstellungsreihe „Eiserner Vorhang“ das riesige Großbild (176 m²) Frühstück mit Ohr.

Körpergefühlsfarben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1949 malte Lassnig Selbstporträts, die ihr Körpergefühl, ihr physisches Empfinden widerspiegeln sollten.[15] Dabei sind die Körpergefühlsfarben das Mittel. Intuitiv setzte die Künstlerin Farben ein, um physische Gefühle wie Schmerz oder auch abstrakte Empfindungen auszudrücken.[16] Die Idee lag darin, nicht das zu malen, was sie sah, sondern das zu verbildlichen, was ihr Körper fühlte.[17]

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Chairs (1971), 16 mm, Farbe, Ton, 4 Minuten; zu Musik bewegen sich Stühle wie Menschen
  • Selfportrait (1971), 16 mm, Farbe, Ton, 5 Minuten; Lebensrückblick im Zeichentrick, erhielt 1972 den New York State Council – Preis
  • Couples (1972), 16 mm Farbe, Ton, 10 Minuten; am Telefon und im Bett sprechen ein Verführer und ein Opfer miteinander: „Du halfst mir, du machtest mich stark – aber du kannst mir nichts vorwerfen; wer so blind liebt, bezahlt mit dem Tod.“
  • Shapes (1972), 16 mm, Farbe, Ton, 10 Minuten; menschliche Silhouetten bewegen sich nach Musik von Bach
  • Palmistry (1973), 16 mm, Farbe, Ton, 10 Minuten; A. ein dickes Mädchen weigert sich, dünn zu werden, um Männern zu gefallen; B. das erste Mal, C. beim Handleser: eine Gegenüberstellung von schrecklichem Aberglauben und schrecklicher Wissenschaft
  • Art Education (1976), 16 mm, Farbe, Ton, 16 Minuten; feministische Auslegung berühmter Gemälde von u. a. Michelangelo, Vermeer
  • Maria Lassnig Kantate (1992), 35 mm, Farbe, Ton, 8 Minuten; Idee, Text, Gesang, Zeichnung, Animation Maria Lassnig, Produktion Hubert Sielecki: „Es ist die Kunst jaja, die macht mich immer jünger, sie macht den Geist erst hungrig und dann satt!“

Eigene Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Keine Verteidigung, Manifest zur Ausstellung „Unfigurative Malerei“. Klagenfurt, 1951
  • Malrezepte. Katalog Galerie St. Stephan, Wien, 1960
  • Chancen für Kreative, Protokolle 68. Wien, 1968
  • Über die Kopfheiten, Zu den Strichbildern, Neuere Bilder, Biographie, mit Einführung von Wolfgang Drechsler und Texten von Peter Gorsen. Monographie zur Ausstellung im Museum Moderner Kunst Wien. Ritter, Klagenfurt 1985.
  • Mit dem Kopf durch die Wand: neue Bilder. Mit Texten von Hildegund Amanshauser (Kunstmuseum Luzern, Redaktion und Herausgeber: Martin Kunz). Ritter, Klagenfurt 1989, ISBN 3-267-00080-7.
  • Die Feder ist die Schwester des Pinsels: Tagebücher 1943 bis 1997. Hrsg. von Ulrich Obrist. DuMont, Köln 2000, ISBN 3-7701-5295-6
  • Landleute. Ritter, Klagenfurt 2004, ISBN 3-85415-355-4

Auszeichnungen, Ehrungen, Preise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2009 – Die Gegenwart der Linie, Pinakothek der Moderne, München
  • 2009 – Im Möglichkeitsspiegel, Aquarelle und Zeichnungen von 1947 bis heute, Museum Ludwig, Köln
  • 2009 – Maria Lassnig. Das neunte Jahrzehnt, MUMOK, Wien
  • 2010 – Maria Lassnig. Die Kunst macht mich immer jünger, Kunstbau der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München; Katalog im Distanz Verlag
  • 2012/2013 – Maria Lassnig. Der Ort der Bilder, Neue Galerie Graz, Graz
  • 2013 – Maria Lassnig. Der Ort der Bilder, in der Halle für Aktuelle Kunst der Deichtorhallen, Hamburg
  • 2014 – Maria Lassnig. With a special focus on the artist’s self-portraits, MoMA PS1, New York City[22]
  • 2016 - Maria Lassnig (1919–2014). Die Schenkung an die Neue Galerie Graz, Neue Galerie Graz, Graz

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Maria Lassnig – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Maria Lassnig ist tot. ORF. 6. Mai 2014. Abgerufen am 6. Mai 2014.
  2. Interview . In: Profil, 2009. Artikel. In: Emma
  3. Fundació Antoni Tàpies: Maria Lassnig. Werke, Tagebücher & Schriften. Herausgegeben von Koenig Books London, ([1]).
  4. [2]In: Kronen Zeitung, 6. Mai 2014. [3]In:Die Zeit, 2014.
  5. [4] In: Kleine Zeitung, 18. Jänner 2006, zitiert in Kleine Zeitung, 18. Dezember 2015
  6. Verena Pawlowsky: Die Akademie der bildenden Künste Wien im Nationalsozialismus: Lehrende, Studierende und Verwaltungspersonal (Kontexte. Veröffentlichungen der Akademie der bildenden Künste Wien), Böhlau, Wien 2015
  7. Matthias Dusini: Fräulein Marias Gau-Stipendium, in: Wochenzeitung Falter, Nr. 50 / 2015, S. 35
  8. a b c Heidemarie Seblatnig: Einfach den Gefahren ins Auge sehen – Künstlerinnen im Gespräch. Wien 1988, S. 299
  9. Lassnig, Maria. Berliner Künstlerprogramm des DAAD. Katalog zu ihrer Ausstellung im Haus am Lützowplatz vom 20. Oktober bis 19. November 1978; DAAD, Berlin 1978.
  10. art-in.de, abgerufen am 6. März 2011
  11. marialassnig.org
  12. marialassnig.org: Preis
  13. Maria Lassnig Stiftung vergibt neuen Preis In: Salzburger Nachrichten, 22. April 2016
  14. (ohne Titel). Abgerufen am 27.2.10.
  15. Holger Liebs: Im Gespräch: Maria Lassnig – Der Druck, der sich im Körper fortpflanzt. In: Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010; abgerufen am 18. August 2014.
  16. Peter Gorsen: Die Kunst der guten und schlechten Gefühle. Ausflug in die Werkstatt einer Malerin. In: Wolfgang Drechsler (Hrsg.): Maria Lassnig. Klagenfurt/Wien 1985, Ausstellungskatalog, S. 138
  17. Peter Weibel: Die Malerin spricht als Körper – Zur Körpersprache von Maria Lassnig. In: Wolfgang Drechsler (Hrsg.): Maria Lassnig. Klagenfurt/Wien 1985, Ausstellungskatalog, S. 126/127
  18. orf.at: Lassnig und Mayröcker Akademie-Mitglieder (abgerufen am 19. September 2015)
  19. Maria Lassnig and Marisa Merz Golden Lions for Lifetime Achievement of the 55th International Art Exhibition (Memento vom 7. Januar 2014 im Internet Archive)
  20. Zuerkannt 1999, angenommen 2013: Maria Lassnig nimmt Ehrendoktorat an.
  21. Wien benennt Straße nach Maria Lassnig, orf.at, 8. April 2016, abgerufen 8. April 2016.
  22. Mitteilung zur Ausstellung, abgerufen am 5. August 2014