Marie Simon (Philosophiehistorikerin)

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Marie Simon (* als Marie Jalowicz 4. April 1922 in Berlin; † 16. September 1998 ebenda) war eine deutsche Altphilologin und Philosophiehistorikerin, die nach ihrem Tod einer breiteren Öffentlichkeit durch ihr Zeugnis als Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung bekannt wurde.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marie Simons Eltern Betti und der Anwalt Hermann Jalowicz verstarben 1938 und 1941, eine Ausreise aus Deutschland mit dem Vater scheiterte, auch ihrer Wohnung gingen Vater und Tochter verlustig. Selbst wurde sie im Frühjahr 1940 als Zwangsarbeiterin zur Firma Siemens verpflichtet. In dieser Zeit begann sie auch Widerstand zu leisten, beging Sabotageakte, widersetzte sich dem System, indem sie etwa Vorladungen ignorierte. Als sie im Juni 1942 von der Gestapo abgeholt werden sollte, schaffte sie es, sich zu entziehen und in Berlin unterzutauchen. Bis 1945 konnte sie durch Hilfe von anderen Menschen überleben und gehörte am Ende des NS-Regimes zu den etwa 1500 jüdischen Menschen, die im Berliner Untergrund den Holocaust überstanden. Sie gehörte in dieser Zeit zum weiteren Umkreis des linken Widerstandes. Noch 1945 wurde sie Mitglied der KPD.

Jalowicz heiratete den Orientalisten und Judaisten Heinrich Simon. Im Februar 1951 wurde sie bei Liselotte Richter mit einer Dissertation zum Thema Der Naturbegriff in der Physik und Logik der alten Stoa. Ein Beitrag zum Verständnis stoischer Ideologie an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert, 1969 ebenda mit der Arbeit Die Gestalt des Epikureers in orientalischer Literatur habilitiert. Beide Simons machten in der DDR Karriere und waren auch international ein bekanntes und präsentes Wissenschaftlerpaar. Simons Spezialgebiet war die Philosophie der Antike, sie bekleidete eine Professur für Antike Literatur- und Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität. Schwerpunkt ihrer Arbeit war die Forschung zur hellenistischen Philosophie insbesondere zum Stoizismus, Epikureismus und der aristotelischen Gesellschaftslehre. Häufig forschte sie auch mit ihrem Mann gemeinsam, insbesondere zur jüdischen Philosophie der Antike. Mehrfach wirkte sie an Großprojekten der Akademie der Wissenschaften der DDR, insbesondere des Zentralinstituts für Alte Geschichte und Archäologie, mit, darunter an der Kulturgeschichte der Antike und dem Lexikon der Antike. Mit der Althistorikerin Elisabeth Charlotte Welskopf, die eine ähnlich herausgehobene, privilegierte Stellung in der DDR einnahm, verband sie eine enge Freundschaft. Ihre Stellung verlor sie auch nicht, obwohl sie weiterhin der jüdischen Gemeinde angehörte. Simon trennte sehr das private vom beruflichen und politischen Leben. Dank ihrer Stellung konnte sie auch in der DDR eine staatstragende und dennoch dem Staat gegenüber kritische Haltung bewahren. Vorlesungen hielt sie bis in die frühen 1990er Jahre. 1987 wurde sie mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Bronze ausgezeichnet.[1]

Simons 1949 geborener Sohn, der Historiker Hermann Simon, interviewte seine schwerkranke Mutter kurz vor deren Tod in den 1990er Jahren zu ihrem Überleben in der NS-Zeit im Berliner Untergrund. Die 77 Tonbänder ergaben ein Transkript von 900 Seiten, die lange Zeit der Bearbeitung benötigten. 2014 erschien das Buch schließlich, erlangte sofort eine hohe Aufmerksamkeit und konnte sogar ein internationales Echo erreichen; mehrere Übersetzungen des Buches sind bereits erschienen beziehungsweise in Vorbereitung.

Bei der großen Berliner Ausstellung im Jahre 2013, Juden in Berlin. 1938–1945, die im gesamten Stadtbild präsent war, gehörte Simon zu den porträtierten Persönlichkeiten.

Grabstätte

Sie ist auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee neben ihrem Mann bestattet.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Berliner Zeitung, 2. Oktober 1987, S. 4
  2. Rezension von Pieke Biermann: Erinnerungen: Allein in der deutschen Eiswüste. Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945. Rezension. In: Deutschlandradio Kultur. 6. März 2014.