Marie Weiler

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Marie Weiler (* 13. September 1809; † 31. Oktober 1864 in Wien) war eine österreichische Sängerin und Schauspielerin. Sie war die uneheliche Tochter der Sängerin Cäcilie Lacher (Laucher?), die sich meist Weiler nannte, und die Nichte der damals berühmten k.k. Hofopern-Sängerin Antonia Laucher, lebte über 30 Jahre in einer Lebensgemeinschaft mit dem Bühnenautor und Schauspieler Johann Nestroy und war die Mutter von zweien seiner drei Kinder.

Nestroys Ehe mit Wilhelmine Nespiesni[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 7. September 1823 heiratete der 22-jährige Nestroy die 1804 geborene Wilhelmine Nespiesni, die ihm den Sohn Gustav gebar. 1827 verließ Wilhelmine ihren Gatten wegen eines Liebesverhältnisses mit dem Grafen Adalbert Batthyány. Der dreijährige Sohn blieb beim Vater, Nestroy brach den Kontakt mit der Mutter ab und stellte sich rasch auf die neue Situation ein – mit schnell wechselnden Frauenbekanntschaften. Auf Grund des damaligen österreichischen Eherechtes – Eheschließungen wurden nach katholischem Ritus vollzogen, eine Scheidung war deshalb nicht möglich – konnte er sich erst am 15. Februar 1845 nach einem langwierigen und unschönen Annullierungsprozess zivilrechtlich von Wilhelmine scheiden lassen. Eine neuerliche Verheiratung blieb allerdings dennoch für immer ausgeschlossen. Nestroys damals schon langjährige Lebensgefährtin Marie Weiler hielt sich klugerweise aus all den Streitigkeiten um Wilhelmine Nespiesni vollkommen heraus.

Marie Weilers Lebensgemeinschaft mit Nestroy[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1828 lernte der 27-jährige Johann Nestroy in Graz die 19 Jahre junge Kollegin Marie Weiler kennen, die damals gerade ein Engagement am Ständischen Theater in Graz angetreten hatte. In der Wiener Tageszeitung vom 19. April war über sie als Opernsängerin eine ziemlich schmeichelhafte Kritik zu lesen:

„[…] eine wahre Zierde dieses Theaters […] alle Vorzüge einer gebildeten Schauspielerin und Sängerin in sich vereint und zugleich eine jugendliche, angenehme Gestalt besitzt.“[1]

Später allerdings schrieb der Schriftsteller und Schauspieler Friedrich Kaiser in seiner Autobiographie Unter 15 Theaterdirektoren (1870), obwohl er ein enger Bekannter der Familie gewesen war, dennoch wesentlich unhöflicher über Marie Weiler:

„[…] ein höchst mittelmäßiges Darstellungstalent und eine selbst in jungen Jahren eher erschreckende als anziehende Bühnenerscheinung.“[1]

Als Künstlerin war sie im Vergleich zu ihrem Lebensgefährten eher weniger bedeutend, jedoch trat dieser zu jeder Zeit für sie und ihre Karriere ein[2] und schrieb ihr auch stets (Gesangs-)Rollen in seine Stücke hinein. Die Tatsache, dass sie eine bessere Sängerin als Schauspielerin war, ließ in späteren Jahren auf den Sprechbühnen kaum mehr wichtige Rollen zu. Dafür kümmerte sie sich in dieser „Gewissensehe“ von Beginn ihrer Beziehung an sehr engagiert um die finanzielle und organisatorische Seite von Nestroys privatem und Theaterleben, gab ihm stets ein Gefühl der Geborgenheit und war seinem Sohn Gustav aus der Ehe mit Wilhelmine Nespiesni eine liebende Mutter. Dies hinderte ihn allerdings nicht daran, ihr immer wieder untreu zu werden, was Marie mehr oder weniger zu akzeptieren lernte. Die Damenwelt war dem bekannten und bald schon berühmten Schauspieler gegenüber allzu willig und Maries einzige Waffe war, ihn mit fester Hand finanziell kürzer zu halten, um seine Eskapaden – auch das Kartenspiel – einzubremsen.

Als Nestroy 1829 ein Engagement in Preßburg bekam, konnte Marie nicht sofort mitkommen, da ihr Grazer Kontrakt noch bis 1831 lief. In diesem Jahr übersiedelten die beiden dann an das Theater von Lemberg im damals österreichischen Galizien, von wo sie allerdings bald wegen der dort ausbrechenden Cholera nach Wien fliehen mussten.

Bei den nun folgenden Verhandlungen mit dem Wiener Theaterdirektor Carl Carl, dem Chef des Josephstädter Theaters und des Theaters an der Wien, war Marie die geschickt und hartnäckig verhandelnde Gegenspielerin Carls. Dieser wollte die geforderten 1200 Gulden Jahresgage nicht bezahlen, Marie lehnte jede Verminderung ab. Als sie schließlich drohte, ein Engagement mit der Hofoper oder dem Theater am Kärntnertor abzuschließen, gab Carl nach und akzeptierte am 23. August 1831 den von Marie ausgehandelten mehrjährigen Vertrag.

Am 8. Oktober 1831 wurde dem Paar der Sohn Carl, am 2. April 1840 die Tochter Maria Cäcilia und am 25. März 1842 der Sohn Adolf[3] geboren. Da Johann und Marie sehr oft gemeinsam auftraten, kümmerte sich ein Kindermädchen an solchen Abenden um die Kleinen. Der Sohn Adolf starb schon am 14. April 1842. Erst 1858 wurden die beiden anderen Kinder durch „allerhöchste Erlaubnis“ von Kaiser Franz Joseph I. als Nachkommen von Johann Nestroy legitimiert.

Wie sehr Nestroy an Maries beruflichem Renommee interessiert war, zeigt ein Brief, den er am 9. Juli 1832 an Adolf Bäuerle, den Herausgeber der Wiener Theaterzeitung, nach einer Aufführung von Nagerl und Handschuh schrieb:

„[…] und dann darauf eingegangen werden, dass Demoiselle Weiler ihre schwierige Arie im zweiten Akte mit voller Reinheit und Sicherheit vortrug und so wie immer in ihren Gesangsnummern vom Publikum mit lautem Beifall belohnt wurde.“[4]

Grund für diese Bitte war eine für Marie ungünstige Kritik über ihre Mitwirkung bei der Posse Die schwarze Frau von Karl Meisl. Bäuerle erfüllte Nestroys Wunsch und übernahm den Satz wörtlich in seine Kritik.

Als Nestroy aber am 17. Jänner 1834 für eine Benefizaufführung seiner Marie ein neues Stück auf die Bühne brachte (Der Zauberer Sulphurelectrimagneticophosphoratus), wurde das schwache Werk vom Publikum gnadenlos ausgebuht und auch Marie kam dabei unschuldig schlecht weg. Der Nestroy ohnehin nicht gewogene Theaterkritiker Franz Wiest schrieb im Sammler:

„Wir bedauern die Stellung der Dlle.[5] Weiler, der Beneficiantin, die auch unter der Katastrophe leiden musste; denn Dlle. Weiler sang die undankbare Arie mit sichtbarem Zagen, und daher mit vielen Intonationsfehlern. Wir sind überzeugt, dass Dlle. Weiler bey jeder anderen Gelegenheit besser gesungen hätte.“[6]

Dennoch war der gemeinsame finanzielle Erfolg dank Maries Geschick stets gegeben; aber auch als unentbehrliche Helferin beim Entziffern von Nestroys flüchtig hingeworfener Schrift, die er manchmal selbst nicht mehr enträtseln konnte, sprang sie ein. Als allerdings ihr Gefährte der jungen Schauspielerin Eleonore Condorussi immer bessere Rollen schrieb und ihr offenkundig auch persönlich sehr zugetan war, reagierte sie erstmals deutlicher. Während die Condorussi für ihre Darstellung der Sepherl in Die verhängnisvolle Faschingsnacht von der Kritik mit Lob überschüttet wurde, bekam Marie Weiler, die Benefiziantin des Abends, lediglich höflich-zurückhaltendes Lob von der Wiener Theaterzeitung:

„Auch die verdienstvolle Benefiziantin erntete als Wäscherin Nani erfreuliche Zeichen des Wohlwollens des ungemein zahlreich herbeigeströmten Publikums.“[7]

Schon bei der Premiere von Der Talisman wurde die Rolle des „süßen Mädels“ Salome Pockerl auf Drängen von Marie nicht mehr von Fräulein Condorussi gespielt. Auch in Zukunft verhinderte sie erfolgreich, dass die mögliche Rivalin um Nestroys Gunst in seinen Stücken mit (Haupt-)Rollen auf der Bühne stand. In der Posse Das Mädl aus der Vorstadt musste sie sich allerdings keine Sorgen machen, denn die Rolle der Thekla wurde von Nestroys Nichte gespielt. Im schwierig zu singenden Duett Rosalie (Weiler)/Schnoferl (Nestroy) im 2. Akt, 12. Szene dieses Stückes konnte Marie endlich wieder einmal die Vorzüge ihrer ausgebildeten Stimme zeigen:

„Nestroy und Marie Weiler singen eine Musterkarte, ein akustisches Leporello der Vortragsarten mit (teils neu textierten) Ausschnitten aus Opern von Meyerbeer, Mozart, Donizetti, Rossini, Wenzel Müller, Joseph Weigl und aus Volks- und Harfenistenliedern.“[8]

1841 wurde Johann Nestroy schwer krank und konnte wochenlang die Wohnung nicht verlassen. Marie pflegte den ungeduldigen und deshalb schwierigen Patienten mit aufopfernder Hingabe. Ihre Bühnenpräsenz schränkte sie ab 1851 langsam immer mehr ein, denn sie verlor mit fortschreitendem Alter die Freude am Theaterspielen. Dafür kümmerte sie sich noch intensiver um das Familienleben und übernahm die finanzielle Organisation der Gastspielen, Tourneen und aller Gehaltsverhandlungen. Die ursprüngliche Sorge Nestroys, der von Direktor Carl neu ins Ensemble geholte Komiker Karl Treumann könne eine Konkurrenz für ihn sein, konnte sie nicht nur zerstreuen, sie sorgte sogar dafür, dass sich zwischen den beiden eine aufrichtige Freundschaft im Privaten und auf der Bühne entwickelte. Der plötzliche Tod von Direktor Carl im Jahr 1854 und die Übernahme des Carltheaters durch Nestroy brachte Marie eine Fülle neuer Aufgaben, kümmerte sie sich doch intensiv um die geschäftlichen Belange, von denen Johann wenig verstand und die ihn dank Maries Engagement auch nie belasteten.

Beziehungskrisen und späte Jahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Immer wieder war es Maries Bestreben gewesen, das einzige Problem zwischen ihr und ihrem Johann, nämlich seine Vorliebe für die „Mädlerien“, seine unzähligen Seitensprünge, zu ignorieren. Allerdings war sie keine stille Dulderin, sondern eine durchaus resolute Frau, die mit natürlicher Autorität dafür sorgte, dass er sich deswegen nicht in allzu teure finanzielle Abenteuer stürzen konnte.

Jedoch im Jahre 1856 kam es zu einem mehrere Monate währenden schweren Zerwürfnis. Nestroy begann eine heftige Affäre mit der sich dadurch sehr geschmeichelt fühlenden jungen Schauspielerin Karoline Köfer. Er stattete sie mit Schmuck und Garderobe aus, richtete ihr eine Wohnung ein und war auch sonst äußerst großzügig. Als sich jedoch die junge Dame Hoffnungen machte, die alternde Marie Weiler bei Johann ersetzen zu können, bestand diese schwer gekränkt auf den Auszug ihres untreuen Gefährten aus der gemeinsamen Wohnung und auf sofortige Gütertrennung. Nestroy reiste mit seiner Tochter Maria Cäcilia nach Berlin, Hamburg und Helgoland, um dem Konflikt auszuweichen. Er bat einige Freunde wie Friedrich Kaiser und Ernst Stainhauser, sich bei Marie für ihn einzusetzen, doch diese zeigte sich vorerst unversöhnlich. Als aber Karoline Köfer versuchte, durch Intrigen – wie einen anonymen Brief – Marie bei Johann Nestroy in Misskredit zu bringen, ließ dieser sie empört fallen. Er war stets bereit, sich bei einem Konflikt zwischen Gattin und Geliebter kompromisslos für Marie Weiler, von ihm immer „die Frau“ genannt, zu entscheiden. An Ernst Stainhauser schrieb er während des Zerwürfnisses:

„Sie ist jedenfalls, was unser häusliches Zerwürffnis anbelangt, mehr im Recht als ich. Ich habe ihr viel, sehr viel angetan […]“[9]

Am 9. Dezember dieses Jahres übertrug Nestroy Marie Weiler die alleinige Administration des Carltheaters. Er konnte sich wieder mit ihr versöhnen und Marie zeigte sich in der neuen Position als ausgezeichnete Geschäftsfrau, die große finanzielle Erfolge errang. Bald darauf heiratete ihre gemeinsame knapp 17 Jahre alte Tochter Maria Cäcilia.

Doch im Mai 1858 kam es zu einem neuerlichen Zerwürfnis zwischen den beiden Gefährten, weil Nestroy seine „Mädlerien“ noch immer nicht lassen konnte. Marie legte sogar die Verwaltung des Carltheaters zurück und wollte die Trennung. Im Juli gelang dennoch eine abermalige Versöhnung. Ein Haus in Graz und eine Villa in Bad Ischl wurden als Alterssitze angekauft, besonders von der hübschen Villa war Marie begeistert und richtete sie – wie auch das Grazer Haus – nach ihrem Geschmack sorgfältig ein.

Nestroy plagten damals schon Todesgedanken, deshalb verfasste er 1861 ein Testament, in dem Marie als Alleinerbin eingesetzt wurde.

„Zur Universalerbin ernenne ich Fräulein Marie Weiler, die treue Freundin meiner Tage, welche durch aufopferndes Wirken das meiste zur Erwerbung dieses Vermögens beigetragen hat, so zwar, dass ich nicht zuviel sage, wenn ich behaupte, sie hat gegründetere Ansprüche darauf als ich selbst.“[10]

Am 25. Mai 1862 um 11 Uhr starb Johann Nestroy in Graz an einem Schlaganfall. Sein Leichnam wurde nach Wien gebracht und am Währinger Ortsfriedhof begraben. Seine Lebensgefährtin Marie Weiler überlebte ihn nur um zwei Jahre.

Am 22. September 1890 wurde Nestroy in ein Ehrengrab der Stadt Wien auf dem Wiener Zentralfriedhof umgebettet, allerdings mit der Einschränkung, dass Marie Weiler zwar mit ihm bestattet werden dürfe,

[…] doch hat auf dem Grabdenkmale der Name Nestroy alleine zu erscheinen und wird sohin eine sich auf Marie Weiler beziehende Inschrift ausgeschlossen.

Erst 2004, mehr als 100 Jahre später, wurde Marie Weiler endlich die ihr zustehende Ehre zuteil und ihr Name auf dem Grabstein Nestroys nachgetragen.[11]

Der Marie-Weiler-Weg in Wien-Floridsdorf wurde 2008 nach ihr benannt.

Ihre Rollen in Werken Nestroys (Auszug)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helmut Ahrens: Bis zum Lorbeer versteig ich mich nicht. Johann Nestroy, sein Leben. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-7973-0389-0.
  • Renate Wagner: Heimat bist du großer Töchter. Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei, Wien 1995, ISBN 3-7046-0689-8; S. 95–102.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Moderne Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Helmut Ahrens: Bis zum Lorbeer versteig ich mich nicht. S. 79–80.
  2. Handschriftliches Verzeichnis Nestroys: Rollen gespielt von Marie Weiler (1.1.1828 – 29.11.1829), im Katalog der Handschriftensammlung in der Wienbibliothek im Rathaus, I.N. 135.828.
  3. Lorenz: "An Unknown Child of Johann Nestroy", Wien, 2015
  4. Helmut Ahrens: Bis zum Lorbeer versteig ich mich nicht. S. 119.
  5. Dlle. ist die Abkürzung für Demoiselle (= Fräulein), die seinerzeit übliche Bezeichnung der unverheirateten Damen eines Ensembles; die verheirateten Schauspielerinnen wurden mit Mad. (Madame) betitelt
  6. Friedrich Walla (Hrsg.): Johann Nestroy; Stücke 6. In: Jürgen Hein/Johann Hüttner: Johann Nestroy, Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Jugend und Volk, Wien/München 1985, ISBN 3-7141-6965-2; S. 172.
  7. Helmut Ahrens: Bis zum Lorbeer versteig ich mich nicht. S. 211.
  8. Urs Helmensdorfer: Der Gesang ist ein Proteus: Theaterlieder beim Clavier zu singen. LIT Verlag Münster, 2010, ISBN 9783-8258-0742-9; S. 162.
  9. Helmut Ahrens: Bis zum Lorbeer versteig ich mich nicht. S. 362.
  10. Helmut Ahrens: Bis zum Lorbeer versteig ich mich nicht. S. 380.
  11. Rathauskorrespondenz vom 29. 10. 2004: Späte Ehre für Marie Weiler; Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny veranlasst nachträgliche Eintragung der Lebensgefährtin Johann Nestroys am Grabstein. (abgerufen am 9. Februar 2014)