Marienkirche (Herford)

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Ansicht von Nordosten 1904
St. Marien. Grundriss

Die evangelisch-lutherische Marienkirche auf dem Stiftberg neben dem Luttenberg im westfälischen Herford geht auf eine kleine Michaelskapelle zurück, die nahebei an Stelle einer vorchristlichen Kultstätte errichtet worden war. Sie wird umgangssprachlich als „Stiftbergkirche“ bezeichnet. Sie war früher auch als St. Marien auf dem Berge bekannt. Die Kirche war im Mittelalter und der Frühen Neuzeit Kirche des Stifts auf dem Berge.

Ursprünge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gründung des monastirium sanct mariae ad crucem in monte extra muros erfolgte im Jahr 1011 durch die Äbtissin Gotesda (1001–1040). Es war für die Töchter des niederen Adels bestimmt, denen der Zugang zum hochadeligen Pussinnen-Stift in Herford verwehrt blieb. Der frühromanische Kirchbau mit kreuzförmigem Grundriss wurde im Jahr 1018 vom Paderborner Bischof Meinwerk geweiht.

Heutige Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

St.Marien

Der heutige Bau ist als hochgotische Hallenkirche auf einem fast quadratischen Grundriss (Westfälisches Quadrat) zwischen 1290 und 1350 entstanden., wobei Wandteile des romanischen Vorgängerbaues in den Neubau integriert wurden und an der Nord- und Südwand noch deutlich zu erkennen sind. Aus diesem Grund befindet sich der „Marienschlussstein“ genau in der Mitte der Kirche. Sie wurde 1325 geweiht und besitzt quergestellte Satteldächer. Der Innenraum wirkt mit den schlanken aufsteigenden Pfeilern ungemein licht. Der Altar, in dem sich ein Baumstumpf aus der Zeit der Herforder Vision befindet, besitzt ein spätgotisches Reliquientabernakel aus rotem Sandstein in der Art eines Sakramentsturms. Im Andenken an die Vision ist der Altar mit mehreren Tauben verziert. Während der napoleonischen Besatzung wurde die Kirche als Pferdestall zweckentfremdet. Anschließend wurde sie wegen Baufälligkeit beinahe abgerissen, konnte aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhalten werden.

Bei Restaurierungsarbeiten wurden in den 1950er Jahren neogotische Deckenmalereien beseitigt und die neogotischen Kanzel durch ein dem Zeitgeschmack entsprechendes nüchtern-kubisches Exemplar (Herforder Volksmund: „Kartoffelkiste“) ersetzt.

Die Stiftung einer neuen Orgel war der Anlass für eine umfangreiche Sanierung und Umgestaltung der bedeutenden gotischen Hallenkirche in den Jahren 2003 bis 2004. Gleichzeitig mit dem Einbau der zusätzlichen Orgel entfernte man das aus dem 19. Jahrhundert stammende Gestühl sowie die originalen Fußbodenplatten. Dieses war erforderlich, da in der Kirche zahlreiche musikalische Veranstaltungen und Aufführungen stattfinden. Der neue Boden wurde mit einer Fußbodenheizung ausgestattet. Zudem wurde eine Lichttechnik installiert, die den gottesdienstlichen Anforderungen und der weiteren Nutzung gerecht wird. Der Hochaltar wurde nach hinten versetzt und ein neuer massiver Eichentisch als Abendmahlstisch vor dem eigentlichen Altarraum aufgestellt. Im Zuge dieser Renovierung und Neugestaltung wurde auch die moderne Kanzel wieder entfernt und stattdessen eine neogotische Kanzel[1] aufgestellt. Ein lebensgroßes gotisches Kruzifix, welches einmal eine Lettnerfunktion innehatte, fand einen neuen Platz an der Westwand der Empore. Die Gedenktafeln für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs wurden von den Wänden abgenommen und befindet sich seitdem auf dem Erikafriedhof in Herford.

Unmittelbar an der Kirche liegt der einzige in Herford erhaltene historische Kirchhof (Friedhof).

Die Kirche ist seit 1548 evangelische Pfarrkirche. Seit 1981 steht sie unter Denkmalschutz.[2]

Derzeitige Pfarrer sind Matthias Storck und Petra Savvidis.

Orgeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Kirche befinden sich drei Orgeln. Es sind dies die Steinmann-Orgel (1956, erweitert 1975) auf der Westempore, die Collon-Orgel (2004) an der Südwand der Kirche und das Tzschöckel-Positiv (1979).[3]

Die Steinmann-Orgel der Kirche St.Marien Stift Berg in Herford

Die Steinmann-Orgel aus der Vlothoer Orgelbauwerkstatt Gustav Steinmann ist die größte der drei Orgeln. Sie wurde nach dem in dieser Zeit maßgebenden Konzept der Werkorgel realisiert und besaß auf zwei Manualwerken und Pedal 30 Register. Im Jahre 1975 erhielt die Orgel ein zusätzliches Manualwerk als Rückpositiv. Dieses ist auch separat spielbar und kann deshalb als Chororgel eingesetzt werden. Seitdem verfügt die Orgel über insgesamt 40 Register.

I Rückpositiv C–f3
1. Spitzprinzipal 8′
2. Rohrpommer 8′
3. Weitprinzipal 4′
4. Flötgedackt 4′
5. Sesquialtera II
6. Flachflöte 2′
7. Mixtur V
8. Schalmey 16′
9. Kopftrompete 8′
10. Clairon 4′
II Hauptwerk C–f3
11. Bordun 16′
12. Prinzipal 8′
13. Holzflöte 8′
14. Oktave 4′
15. Blockflöte 4′
16. Nasat 223
17. Oktave 2′
18. Gemshorn 2′
19. Mixtur VI
20. Oktav-Zimbel III
21. Trompete 8′
III Brustwerk C–f3

22. Gedackt 8′
23. Prinzipal 4′
24. Rohrflöte 4′
25. Oktave 2′
26. Terz 135
27. Quinte 113
28. Oktave 1′
29. Zimbel III
30. Regal 8′
Pedal C–f1
31. Prinzipal 16′
32. Subbass 16′
33. Oktave 8′
34. Pommer 8′
35. Oktave 4′
36. Holzpfeife 4′
37. Nachthorn 2′
38. Rauschpfeife IV
39. Fagott 16′
40. Clarine 4′
  • Koppeln: III/I, I/II, III/II, I/P, II/P, III/P
Die Collon-Orgel der Kirche St.Marien Stift Berg in Herford

Die Collon-Orgel, benannt nach dem Erbauer, der Manufacture d’Orgues de Bruxelles Patrick Collon (Brüssel), wurde im Jahre 2004 eingeweiht. Auf ihr fanden 2006 und 2008 zwei internationale Orgelwettbewerbe statt. Das rein mechanische Instrument hat 32 Register auf zwei Manualwerken und Pedal.

I Hauptwerk C–f3
1. Bourdon 16′
2. Prinzipal 8′
3. Gedeckt 8′
4. Salicional 8′
5. Oktave 4′
6. Flöte 4′
7. Quinte 223
8. Oktave 2′
9. Terz 135
10. Quinte 113
11. Mixtur IV
12. Cornet V 8′
13. Trompete 8′
14. Chamade 4′/8′
II Unterwerk C–f3
15. Gedeckt 8′
16. Traversflöte 8′
17. Prinzipal 4′
18. Fugara 4′
19. Nasat 223
20. Oktave 2′
21. Flageolet 2′
22. Terz 135
23. Larigot 113
24. Mixtur III
25. Cromorne 8′
26. Vox humana 8′
Pedal C–f1
27. Subbass 16′
28. Principalbass 8′
29. Gedecktbass 8′
30. Oktavbass 4′
31. Posaunenbass 16′
32. Trompetenbass 8′
Das Tzschöckel-Positiv der Kirche St.Marien Stift Berg in Herford

Das Orgelpositiv ist die kleinste der drei Orgeln und wird zu Tauffeiern und zur Kinderkirche eingesetzt. Das transportable, stimmungskonstante Continuo-Positiv der schwäbischen Orgelbaufirma Reinhart Tzschöckel (Althütte) hat Schleifladen und eine mechanische Traktur. Von den fünf Registern sind das Prinzipal und das Regal in Bass- und Diskantlage bei h/c1 geteilt.

Werk C–c3
1. Gedeckt 8′
2. Rohrflöte 4′
3. Prinzipal 2′
4. Mixtur II
5. Regal 16′

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Geläut besteht aus sechs bronzenen Glocken, die 1986 in der Glocken- und Kunstgießerei Rincker in Sinn (Hessen) gegossen wurden. Für den Weihegottesdienst wurde vom Herforder Komponisten Johannes H. E. Koch die Stiftberger Glockenmesse komponiert.

Nr.
 
Name
 
Gussjahr
 
Gießer
 
Durchmesser
(mm)
Masse
(kg)
Schlagton
 
1 Kyrie 1986 Gebr. Rincker 1.455 1.895 cis1
2 Gloria 1.243 1.220 e1
3 Magnificat 1.130 944 fis1
4 Sanctus 1.028 721 gis1
5 Pacem 972 612 a1
6 Te Deum 881 464 h1

Wallfahrtskirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Herforder Marienkirche ist eng mit der Legende der Herforder Vision verbunden. Im Jahre 1982 wurde die älteste Beschreibung dieser Vorgänge „de visitatione beatae Mariae virgines“ wieder aufgefunden, die wohl noch aus dem 10. Jahrhundert stammt. Daher war sie im Mittelalter eine bedeutende Wallfahrtskirche. Seit einiger Zeit werden wieder Wallfahrten nach Herford durchgeführt.

Öffnungszeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außerhalb der Gottesdienstzeiten ist die Kirche ganzjährig – außer an Feiertagen – dienstags bis samstags von 15 Uhr bis 17 Uhr geöffnet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Otto Gaul: Die Marienkirche in Herford. (= Große Baudenkmäler, Heft 232.) 2. Auflage, Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 1989.
  • Wolfgang Otto, Dirk Nothoff: Die Stiftskirche St. Marien auf dem Berge zu Herford. Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 2006, ISBN 978-3-422-02051-1.
  • Rainer Pape: Sancta Herfordia. Bussesche Verlagshandlung, Herford 1979, ISBN 3-87120-857-4.
  • Helffried Prollius: Die Stiftskirche St.Marien auf dem Berge zu Herford, Bielefeld 1991, ISBN 3-925670-38-6

Koordinaten: 52° 6′ 58,3″ N, 8° 41′ 12″ O

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Aus der kath. Herz-Jesu Kirche in Herne
  2. Liste der Baudenkmäler der Stadt Herford
  3. Weitere Informationen zu Orgeln in St. Marien und in Herford