Marienkirche Frankfurt (Oder)

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Marienkirche Frankfurt (Oder)
Der Chorraum der Marienkirche
Marienkirche. Ausschnitt aus: Ansicht der Stadt Frankfurt (Oder). Seiten 756 und 757 aus Cosmographia von Sebastian Münster 5. Auflage 1550
S. Maria Kirch zu Franck - Furt an der Oder. Federzeichnung von Johann Stridbeck der Jüngere, 1690
St.-Marien-Kirche in Frankfurt (Oder), ca. 1860, aus dem Buch „L'Allemagne illustrée“ von Victor Adolphe Malte-Brun
Marienkirche 1900 auf einer Ansichtskarte

Die St.-Marien-Kirche in Frankfurt (Oder) ist die ehemalige Hauptpfarrkirche der Stadt und wurde in über 250 Jahren mittelalterlicher Bautätigkeit errichtet. 1253, nach der Stadtgründung, entstand der Ursprungsbau mit einer der frühesten Emporen der Mark Brandenburg.

Geschichte bis zum Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1360/70 wurde anstelle des ursprünglichen Chores ein Hallenumgangschor errichtet. Gleichzeitig wurde am nördlichen Querschiff eine polygonale Eingangshalle mit einem Sandsteinportal angebaut. Im 15. Jahrhundert wurde dann das Langhaus auf fünf Schiffe erweitert. Die äußeren Schiffe erhielten repräsentative, bemalte Attiken. Die Zweiturmfassade wurde um 1450 um vier Geschosse aufgestockt. Den Nordturm bekrönte ein Achterhelm, den Südturm ein Zinnenkranz mit Turmhelm. Mit der Gründung der Universität Viadrina entstand mit dem Neubau der Sakristei mit Empore 1521/22 die letzte bedeutende Erweiterung des Kirchenbaus. Das Kirchengebäude gehört zu den größten Gebäuden der norddeutschen Backsteingotik, es ist 77 Meter lang und 45 Meter breit. Am 15. Mai 1826 stürzte der Südturm der Kirche ein, woraufhin sich Karl Friedrich Schinkel entschloss, eine gotische Schauwand aus dem 13. Jahrhundert komplett abzumauern. Die Wand geriet in Vergessenheit und wurde erst in den 1990er Jahren bei Instandsetzungsarbeiten wiederentdeckt.[1] Die Instandsetzung der Kirche überließ Schinkel seinem Schüler Emil Flaminius; der zerstörte Südturm wurde dabei nicht wiederhergestellt.

Eine Besonderheit sind die drei großen Bleiglasfenster, die zwischen 1360 und 1370 entstanden. Die im Stil der Gotik gefertigten Fenster bestehen aus insgesamt 117 Bildern, die jeweils 83 mal 43 Zentimeter groß sind und von Bürgern der Stadt finanziert wurden. In einer Art Bilderbibel stellen die Fenster die Schöpfungsgeschichte der Welt, das Leben von Adam und Eva, den Bau der Arche Noah, das Leben Christi und die Antichristlegende dar.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden die 117 Felder der Fenster im September 1941 zum Schutz vor Zerstörung ausgebaut. Zunächst in Frankfurt eingelagert und 1943 in Schwarz-Weiß fotografisch dokumentiert, gelangten sie im April 1945 nach Potsdam in das Neue Palais. Mit der Zerstörung der Frankfurter Innenstadt im April 1945 wurde auch die St.-Marien-Kirche zur Ruine. Trotz mehrerer Notsicherungen kam es zu weiteren Teileinstürzen.

Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sakristei und der Martyrchor wurden 1958 durch die Kirchengemeinde St. Marien ihren Mitteln entsprechend rekonstruiert, der Mittelschrein des Altars wurde aufgestellt und die Räumlichkeit feierlich in Nutzung genommen. Auf Grund eingeschränkter Heizung konnte der Gottesdienst nur im Sommer stattfinden. Die evangelische Kirchengemeinde und der damalige Rat der Stadt Frankfurt schlossen am 27. September 1974 einen Pachtvertrag über 99 Jahre zur weiteren Nutzung der Kirche. Die Stadt übernahm die Verpflichtung, die Ruine für allgemein gesellschaftliche Zwecke zu restaurieren und auszubauen. 1979 begann die abschnittsweise Sicherung und Instandsetzung. Die Sakristei wurde restauriert und in Nutzung genommen.

1990 ging der Wiederaufbau weiter. 1998 wurden die Hauptdächer über Chor und Langhaus wieder errichtet; der 21 Meter hohe Dachstuhl ist der größte Holzdachstuhl, der im 20. Jahrhundert errichtet wurde. Die letzte Maßnahme war die Instandsetzung des Nordturms mit der Wiederherstellung der farblichen Fassade der Entstehungszeit. Die Entdeckung der Farbpigmente am Turm war zuvor eine nicht erwartete Überraschung gewesen. Kunstschätze der ehemals reichen Ausstattung der Marienkirche, wie der Marienaltar von 1489, die Bronzetaufe und Bronzeleuchter Ende des 14. Jahrhunderts, sowie viele von den Bürgern gestiftete Epitaphe sind seit 1980 in der Sankt-Gertraud-Kirche aufgestellt.

Die wertvollen Bleiglasfenster verbrachte die Sowjetische Militäradministration in Deutschland im Juni 1946 als Beutekunststücke von Potsdam nach Berlin in das Kriegsbeutelager 1 der Roten Armee im Zentralvieh- und Schlachthof. Von dort kamen sie im August 1946 nach Leningrad in das Depot der Eremitage. Damit galten die Fenster als „seit Kriegsende verschollen“.

Nachdem im April 1991 die sowjetische Literaturnaja Gaseta einen ersten Hinweis auf den Verbleib der Fenster veröffentlicht hatte, begannen 1994 mit einer Petition des Gemeindekirchenrates Frankfurt (Oder) an den russischen Ministerpräsidenten Tschernomyrdin die deutschen Bemühungen um eine Rückgabe. Sie führten im April 2002 zu einem Gesetz der Duma mit Zustimmung des Föderationsrats zur Rückgabe der 111 gefundenen Felder. Sie wurden ab Sommer 2002 nach und nach vor Ort in einem Raum über der Sakristei mit Hilfe der Schwarz-Weiß-Fotos restauriert. Am 28. Mai 2005 konnte in einem Festakt die Wiedereinweihung des ersten restaurierten Fensters im Chor von St. Marien gefeiert werden. Daraufhin erschien im Juni 2005 in der Moskauer Tageszeitung Kommersant eine Nachricht, wonach sich die fehlenden sechs Felder im dortigen Puschkin-Museum befinden. Nach wiederum jahrelangen Verhandlungen beschlossen Staatsduma und Föderationsrat im März 2008 ein Gesetz zur Rückgabe der letzten sechs Fensterbilder. Der deutschen Kulturstaatsminister Bernd Neumann übergab sie am 17. November 2008 aus der Hand der deutschen Botschaft in Moskau an die Kirchgemeinde und die Stadt. Die vollständig restaurierten Fenster sind seit dem Februar 2009 wieder in der Marienkirche zu sehen.[2]

Die Kirche wurde 2002 mit einem 38.000 Euro teuren Brandschutzsystem ausgestattet.[3] Im Mai 2006 wurde der Weg vor dem Westportal neu gepflastert. Dafür wurden historische Granitsteine aus dem Depot des Tiefbauamtes verwendet. Weiterhin gab es sogenannte Spendensteine, die mit dem Namen von Spendern versehen waren. Diese Steine kosteten 75 €, davon wurden 25 € für die Herstellung verwendet und der Rest für die Restaurierung der Kirche.[4]

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Geläut der Marienkirche umfasste ursprünglich sechs Glocken, die um 1400 gegossen wurden. Zwei Glocken wurden 1942 zu Kriegszwecken nach Hamburg gebracht, darunter die 1426 gegossene Maria, auch Mittelglocke genannt. Die übrigen vier verblieben wegen ihres geschichtlichen Wertes in der Kirche. Die große Osanna von 1371 war mit seltenen Glockenritzzeichnungen versehen.[5] Sie ging zusammen mit den drei übrigen Glocken bei der Zerstörung der Kirche im April 1945 verloren.

Mittelglocke von 1426

Die Mittelglocke entging dem Einschmelzen und wurde 1949 vom Ausschuss für die Rückführung der Glocken nach Frankfurt zurückgeführt. Sie kam 2007 zur Reparatur nach Nördlingen und wurde danach zunächst vor dem Westportal der Marienkirche abgestellt.[6]

In Anlehnung an die zerstörten Glocken wurden 2014 von der Glockengießerei Grassmayr in Innsbruck drei Glocken gegossen.[7] Während die beiden kleineren Glocken bereits beim ersten Guss am 7. Februar erfolgreich gegossen worden waren, gelang der Guss der über fünf Tonnen schweren Osanna erst beim zweiten Mal, am 14. März.[8][9][10][11] Am 3. Mai wurden die vier Glocken während eines Festgottesdienstes in ihren Dienst gestellt und auf dem Kirchplatz angeschlagen.[12] Nachdem sie im Mai aufgehängt worden waren, läuteten sie am 7. Juni das Pfingstfest ein:[13]

  1. Osanna, 2014, Ø 1.977 mm, 5.166 kg, h0: Hosianna dem Sohne Davids + Gelobt sei der da kommt in dem Namen des Herrn + Hosianna in der Höhe
  2. Maria (Mittelglocke), 1426, Ø 1.780 mm, 4.120 kg, d1: Hec campana fusa est in honorem marie virginis Anno dei mccccxxvi
  3. Adalbert, 2014, Ø 1.494 mm, 2.309 kg, e1: Gehet hin und machet zu Juengern alle Voelker + Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende +
  4. Hedwig, 2014, Ø 1.237 mm, 1.318 kg, g1: Einer trage des anderen Last + So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen +

Der Uhrschlag wird bislang von Lautsprechern abgespielt.[14]

Bibliothek[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Marienkirche verfügt über eine eigene Bibliothek, welche 972 Bände umfasst, 816 davon aus der Zeit von 1430 bis 1850. 1932 wurde erwähnt, dass die Bibliothek über 5.000 Werke verfüge, im April/Mai 1945 wurden davon aber etwa 90 Prozent vernichtet. Das älteste Buch ist aus dem Jahre 1430 und ist ein Messbuch, welches auf Pergament verfasst wurde. Das Buch wurde wahrscheinlich auch in Frankfurt (Oder) geschrieben.[15]

Galerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Datenbank des internationalen Schrifttums über die Beutekunst (frei zugänglich) enthält mehrere hundert Literaturhinweise zum Schicksal der Frankfurter Kirchenfenster in und nach dem Zweiten Weltkrieg (Als Suchbegriffe eingeben: Marienkirche, Kirchenfenster, Bleiglasfenster, Glasmalerei oder ähnl.)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Marienkirche Frankfurt (Oder) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Antje Scherer: Comic aus dem Mittelalter, Märkische Oderzeitung/Frankfurter Stadtbote, 9. Oktober 2009.
  2. http://www.gläserne-werkstatt.de/st.-marienkirche-frankfurt-oder/geschichte-der-fenster-der-st.-marienkirche/
  3. Märkische Oderzeitung/Frankfurter Stadtbote, 21. September 2006, S. 14.
  4. Frank Kaiser, Märkische Oderzeitung/Frankfurter Stadtbote, 13./14. Mai 2006, S. 17.
  5. Ingrid Schulze: Ritzzeichnungen von Laienhand – Zeichnungen mittelalterlicher Bildhauer und Maler? Figürliche Glockenritz-Zeichnungen vom späten 13. Jahrhundert bis zur Zeit um 1500 in Mittel- und Norddeutschland. Leipzig 2006, ISBN 978-3-939404-95-8, S. 63 sowie 82–83.
  6. Marienglocke kehrt erst 2009 zurück . Märkische Oderzeitung, 20. November 2008.
  7. Glocken Frankfurt an der Oder – Grassmayr Glockengießerei auf YouTube.
  8. Bedeutendes Glockenprojekt der Marienkirche zu Frankfurt (Oder).
  9. Lärchenholz für die Marienkirche. Märkische Oderzeitung, 10. Dezember 2013.
  10. „Osanna“ platzt in Innsbruck. Märkische Oderzeitung, 7. Februar 2014.
  11. „Osanna“ im zweiten Anlauf gelungen. Märkische Oderzeitung, 14. März 2014.
  12. Festgottesdienst für neue Glocken von St. Marien. Märkische Oderzeitung, 3. Mai 2014.
  13. Das wird die Stimme der Stadt. Märkische Oderzeitung, 14. Januar 2014.
  14. Märkische Oderzeitung/Frankfurter Stadtbote, 22. Juni 2006, S. 13.
  15. Märkische Oderzeitung/Frankfurter Stadtbote, 14. Oktober 2005, S. 13.

Koordinaten: 52° 20′ 35″ N, 14° 33′ 16″ O