Marientiden

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Bergognone, Madonna col Bambino.jpg

Marientiden ist ein niederdeutscher Ausdruck. Er bedeutet „Marienzeiten“ und bezeichnete ein eigenes marianisches Stundengebet zu Ehren der Mutter Gottes.

Officium beatae Mariae virginis[Bearbeiten]

Der Kern der Marientiden war das auch vielen Stundenbüchern zugrunde liegende Officium beatae Mariae virginis (‚Stundengebet von der seligen Jungfrau Maria‘, auch Officium parvum ‚kleines Stundengebet‘) mit acht Tagzeiten, in denen die Psalmen, Responsorien etc. jeweils in besonderer Weise auf Maria bezogen waren. Es entstand nach dem 10. Jahrhundert als ein dem Stundengebet nachgestaltetes Zusatzoffizium neben anderen ähnlichen Offizien, etwa zu Ehren aller Heiligen, und galt im Spätmittelalter fast überall als verpflichtender Zusatz zum Breviergebet der Kleriker. Papst Pius V. hob in seiner Brevierreform von 1568 diese Verpflichtung auf.[1]

Als selbständiges Offizium erlangte es in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts eine große Beliebtheit in West- und Norddeutschland, vor allem unter den gebildeten Laien in den Städten. In vielen Städten gründeten sich Bruderschaften zu seiner Pflege. Dazu wurden oft besondere Marientidenkapellen eingerichtet oder angebaut und Vikarien und mitunter ganze Sängerchöre gestiftet. In der Reformationszeit wurden die Marientiden abgesetzt; das oft nicht unbeträchtliche Vermögen der Stiftungen wurde zur Armenfürsorge und zum Unterhalt von Kirchen und Schulen verwendet.

Als Officium parvum oder „Laienbrevier“ wurde es von vielen neueren weiblichen Ordensgemeinschaften als Pflichtgebet für ihre Mitglieder übernommen, zum Teil in der Muttersprache. 1953 wurde es von Augustin Bea grundlegend überarbeitet. Das Zweite Vatikanischen Konzil bestätigte das „Kleine Offizium“ als öffentliches Gebet der Kirche, wenn es „nach Art des (allgemeinen) Stundengebetes angelegt und ordnungsgemäß approbiert“ sei.[2] Daraufhin erschien ein verkürztes, zum Singen eingerichtetes Stundengebet für tätige Ordensgemeinschaften, in der deutschen Fassung als „Christuslob“, das am 14. Juni 1980 von Rom konfirmiert wurde.

Ein eigenständiges marianisches Stundengebet wird nach wie vor von den Kartäusern verrichtet.

Marientidenkapellen[Bearbeiten]

Nach dem Vorbild der Lady Chapel in englischen Kathedralen befand sich die Marientidenkapelle oft am Chorscheitel, dem Ostende der Kirche.

Antwerpener Retabel von 1518 in der Marientidenkapelle der Lübecker Marienkirche

In der Lübecker Marienkirche wurden die Marientiden 1462 mit einer Stiftung von 40 Personen eingerichtet. Die zugehörige Kapelle am Chorscheitel, die auch Sängerkapelle genannt wurde, erhielt 1491 ein reich geschnitztes Schrankenwerk (1942 verbrannt), und 1521 ein neues Gestühl (Reste erhalten) sowie ein bis heute erhaltenes Antwerpener Retabel. Die Marientidenkapelle des Lübecker Doms wurde im frühen 18. Jahrhundert zur fürstbischöflichen Grabkapelle umgestaltet. Auch die der Ägidienkirche und der Jakobikirche wurden zu privaten Grabkapellen, letztere später zum Heizraum.

Weitere Marientidenkapellen finden sich in Kirchen vieler norddeutscher Städte wie beispielsweise in der Rostocker Marienkirche (bei der Astronomischen Uhr), der Stralsunder Marienkirche (Chorscheitelkapelle), sowie in Stendal und in Wismar. Hier stiftete der Schweriner Bischof Nicolaus Böddeker 1464 eine reich ausgestattete Kapelle im Turm der Georgenkirche.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Ausgaben[Bearbeiten]

Digitalisat des Exemplars der Bayerischen Staatsbibliothek
  • P. Hildebrand Fleischmann OSB: Officium Divinum parvum („Volksbrevier“, „Seckauer Schwesternbrevier“), mehrere Auflagen ab 1933.
  • Officium parvum Beatae Mariae Virginis. Hrsg. von Augustin Bea. Editio amplior (Lat./Deutsch), Ratisbonae [Regensburg]: Pustet 1953

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  •  Hans-Jürgen Feulner: Officium parvum BMV. In: Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). 3. Auflage. Band 7, Herder, Freiburg im Breisgau 1998, Sp. 1006f.
  • Officium parvum, in: Adolf Adam, Rupert Berger: Pastoralliturgisches Handlexikon Freiburg: Herder 1980, S. 370f.
  • Friedrich Schlie: Die Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Grossherzogthums Mecklenburg-Schwerin. II. Band: Die Amtsgerichtsbezirke Wismar, Grevesmühlen, Rehna, Gadebusch und Schwerin. Schwerin 1898, Neudruck Schwerin 1992, ISBN 3910179061
  • Johannes Baltzer, Friedrich Bruns: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Freien und Hansestadt Lübeck. Herausgegeben von der Baubehörde. Band III: Kirche zu Alt-Lübeck. Dom. Jakobikirche. Ägidienkirche. Verlag von Bernhard Nöhring: Lübeck 1920. Unveränderter Nachdruck 2001, ISBN 3-89557-167-9
  • Antje Grewolls: Die Kapellen der norddeutschen Kirchen im Mittelalter. Architektur und Funktion. Kiel: Ludwig 1999, ISBN 3-9805480-3-1

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Hans-Jürgen Feulner: Officium parvum BMV. In: Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). 3. Auflage. Band 7, Herder, Freiburg im Breisgau 1998, Sp. 1006f.
  2. Konstitution Sacrosanctum Concilium Nr. 98.