Marija Michailowna Stepanowa

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Marija Stepanowa (2006)

Marija Stepanowa, auch Maria Stepanova (russisch Мария Михайловна Степанова, * 9. Juni 1972 in Moskau), ist eine russische Schriftstellerin, Lyrikerin und Essayistin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marija Stepanowa studierte am Maxim-Gorki-Literaturinstitut, einer Hochschule für literarisches Schaffen und künstlerisches Übersetzen in Moskau. Von 2007 bis 2012 leitete sie die Internet-Zeitschrift OpenSpace.ru.[1] Seit 2012 arbeitet sie als Chefredakteurin des Online-Magazins Colta.ru, einer Internetzeitschrift für Kultur, Gesellschaft und Politik. Sie lebt in Moskau. Stepanowa lehrt als Gastdozentin an der Humboldt-Universität zu Berlin (Siegfried-Unseld-Professur).

Literarisches Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marija Stepanowa ist die Autorin von zahlreichen Gedicht- und Essay-Sammlungen. Ihre Texte wurden in mehrere Sprachen übersetzt und ihre Bücher wurden mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet.

Ihr erster Roman „Nach dem Gedächtnis“ sorgte für Furore unter den Kritikern und Lesern in Russland und erhielt 2018 den Bolschaja-Kniga-Preis.[2] Der Familien-Roman stellt eine Mischung aus Bericht, Erzählung, Dokumente-Montage und Reflexion dar. Das Hauptthema des Buches ist die Aufarbeitung des Gedächtnisses im Lande, wo das Regime sowohl die persönliche als auch die historische Kollektiv-Erinnerung auslöschen wollte. Die Autorin will sich in ihrem Roman dem Erinnerungsverbot und kollektivem Gedächtnisverlust widersetzen. Stepanova geht auf die Spuren ihrer Familienangehörigen, die glücklicherweise alle Gefahren des russischen 20. Jahrhunderts überlebt haben, und versucht anhand von erhaltenen Briefen, Fotos und Recherchereisen eine wenig spektakuläre Familiengeschichte zusammenzusetzen und Einzelschicksale zu erkennen. „Bei allen anderen bestand die Familie aus Teilnehmern der Geschichte, bei mir nur aus ihren Untermietern“, schreibt die Autorin und formuliert die „Überlebensstrategie“: „Meine Großmütter und Großväter hatten einen beträchtlichen Teil ihrer Energie darauf verwendet, unsichtbar zu bleiben. Möglichst unauffällig zu werden, im häuslichen Dunkel unterzutauchen, sich abseits zu halten von der Weltgeschichte mit ihren überlebensgrossen Narrativen und ihrer Fehlertoleranz von ein paar Millionen Menschenleben.“

Die deutsche Übersetzung des Romans erschien 2018 im Suhrkamp Verlag (aus dem Russischen von Olga Radetzkaja) und wurde von Rezensenten als ein wichtiges Ereignis in der heutigen russischen Literatur hochgepriesen. „Maria Stepanovas "Nach dem Gedächtnis" ist ein vielschichtiger, von Zweifeln grundierter Essay über das Wesen des Erinnerns“, schrieb in ihrer Rezension Wiebke Porombka in der Frankfurter Allgemeine Zeitung. „Das aufgezwungene Verleugnen der eigenen Existenz – wie es auch in den zahlreichen politischen Fragebögen und selbstverfassten und modifizierten Lebensläufen ihrer Verwandten, die Stepanova zitiert, geschieht –, die ständige Gefahr, dass das, was in einem Moment lebensrettend ist, unter gewandelten politischen Verhältnissen zum Verhängnis werden kann, macht die stille Seite der Katastrophe des russischen zwanzigsten Jahrhunderts aus, der Stepanova mit ihrem Buch ein Denkmal setzen will.“[3] Der Rezensent der NZZ hob in seiner Besprechung die Stil-Besonderheiten des Romans: „Maria Stepanova sind die Sofaformen klassischen Erzählens zuwider. Die Wahrheit liegt für sie in Diskontinuität und Lückenhaftigkeit. Tiefe Menschlichkeit und überragender Scharfsinn prägen dieses Buch, das höchste Belehrung und höchsten Genuss bietet. Dabei ist es die überaus lebendige, sinnliche Sprache, welche die Zentrifugalkräfte des Buches zusammenhält. Die Lyrikerin in Stepanova findet Metaphern und Dingsymbole von poetischer Leichtigkeit und intellektueller Eleganz. Nicht zuletzt aber bewahrt sie der Humor davor, einem blinden Kult der Vergangenheit zu verfallen.“[4]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke in deutscher Übersetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nach dem Gedächtnis. Roman. Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-518-42829-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Maria Mikhaylovna Stepanova – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. OpenSpace.ru — Редакция. OpenSpace.ru. Archiviert vom Original am 2. Juni 2012. Abgerufen am 26. November 2011.
  2. http://www.bigbook.ru/
  3. „Sind wir nur Dämmstoff der Geschichte?“ von Wiebke Porombka, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Januar 2019
  4. „Eine Verteidigung der Toten – Maria Stepanova spürt ihrer Familie nach und findet das Geheimnis der Erinnerung“ von Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung, 12. Januar 2019