Marina Weisband

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Marina Weisband (2012)

Marina Weisband (ukrainisch/russisch Марина Вайсбанд; * 4. Oktober 1987 in Kiew) ist eine deutsche Politikerin ukrainischer Herkunft. Sie war von Mai 2011 bis April 2012 politische Geschäftsführerin und damit auch Mitglied des Bundesvorstands der Piratenpartei Deutschland.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weisband wuchs als Kind einer jüdischen Familie zunächst in Kiew auf. Im Jahr 1994 zog sie mit ihren Eltern im Zuge der Regelung für Kontingentflüchtlinge nach Deutschland um, wo sich die Familie in Wuppertal niederließ. Weisband absolvierte ihr Abitur am Carl-Fuhlrott-Gymnasium in Wuppertal und studierte ab 2006 Psychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.[1][2] Seit Dezember 2013 ist sie Diplom-Psychologin.[3]

Tschernobyl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weisband kam 16 Monate nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl (26. April 1986) zur Welt, weniger als 100 km vom Unglücksreaktor entfernt. Sie galt als Tschernobylkind und hatte schwere gesundheitliche Probleme, die ihrer Aussage nach wahrscheinlich mit der Strahlenbelastung zusammenhingen. Im Alter von vier Jahren war sie längere Zeit im Krankenhaus und hatte auch in den folgenden Monaten mit Krankheiten zu kämpfen. Auf dringenden Rat der Ärzte verließ ihre Familie schließlich mit ihr die Ukraine.[4][5]

Politik seit 2009[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2009 trat Weisband der Piratenpartei bei. Für die Münsteraner Uni-Piraten saß sie von Dezember 2010 bis November 2011 im 53. Studierendenparlament der Uni Münster.[6] Sie ist Mitglied des Kreisverbands Münster im Landesverband Nordrhein-Westfalen.[2] Auf dem Bundesparteitag 2011 in Heidenheim an der Brenz am 15. Mai 2011 wurde sie als Nachfolgerin Christopher Lauers zur Politischen Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland gewählt; das Amt entspricht dem des Bundesgeschäftsführers anderer Parteien.[7]

Weisband setzt sich für die „Vermittlung von demokratischen Grundwerten an Schüler und Jugendliche“ ein sowie für selbstmotiviertes und freies Lernen.[2]Gesunder Menschenverstand“ müsse auch im Jugendschutz durchgesetzt werden, denn „Kinder vor allem zu beschützen, schützt Kinder nicht“.[2] Bildung sei die „Grundvoraussetzung für die Wissensgesellschaft“.[8] Des Weiteren möchte Weisband die Anerkennung ausländischer Abschlüsse erleichtern.[2]

Als Reaktion auf eine Forsa-Umfrage vom September 2011, bei der die Piratenpartei bundesweit bei sieben Prozent lag und nach der die meisten Wähler in den Piraten eine Protestpartei sahen, sagte Weisband dem Nachrichtenportal news.de, ihre Partei sei keine „Protestpartei mit Dauer-Veto“, die Piraten hätten „konkrete Ziele wie zum Beispiel mehr Transparenz in der Politik“.[9][10]

Marina Weisband, Andreas Baum (links) und Sebastian Nerz (rechts) bei der 1. Bundespressekonferenz der Piratenpartei, Oktober 2011

Im Oktober 2011 nahmen mit dem Parteivorsitzenden Sebastian Nerz, dem Fraktionsvorsitzenden im Abgeordnetenhaus von Berlin Andreas Baum und Marina Weisband erstmals Angehörige der Piratenpartei an der Bundespressekonferenz in Berlin teil. Weisband nannte als Ziele der Partei vor allem „Bildung in allen Schattierungen – frühkindliche Bildung, Bildung als Voraussetzung für politische Teilhabe, Bildung als Bedingung für ein verantwortliches Leben“ sowie „Freiheit im Internet und Transparenz politischer Prozesse“.[11] Zudem gehe es den Piraten um einen „grundlegend veränderten Politikstil“.[12] Gefragt nach weiteren Unterschieden zu anderen Parteien sagte sie: „Wir bieten kein Programm, sondern ein Betriebssystem.“[13]

Im Zuge der Diskussion über den Umgang mit ehemaligen NPD-Mitgliedern in den eigenen Reihen distanzierte sie sich öffentlich vom Parteivorsitzenden Nerz und erklärte, dessen Rede von „Jugendsünden“ sei unpassend gewesen.[14]

Am 25. Januar 2012 gab Weisband ihren Rückzug aus der Parteispitze bekannt. Als Grund nannte sie gesundheitliche Probleme und den Wunsch, ihre Diplomarbeit in Psychologie zu schreiben; das sei aufgrund der Umstellung auf das Bachelor/Master-System an der Universität in Münster nur noch bis zum Sommersemester 2013 möglich.[15][16] Sie wolle sich weiterhin innerhalb der Partei engagieren.

Nach dem Verzicht auf eine zweite Amtszeit teilte sie mit, dass sie während ihrer Amtszeit antisemitischen Beleidigungen ausgesetzt war.[17][18] In einem Interview erklärte sie, das sei aber kein Grund für ihren Rückzug. Als einen der Gründe nannte sie den unerwartet großen Erfolg ihrer Partei, sie sei ihm nicht gewachsen und brauche deshalb eine Pause. Außerdem sei es vereinbart gewesen, dass sie ihr politisches Amt nur für eine Legislaturperiode annimmt.[19]

Nach dem Scheitern des Parteiausschlussverfahrens gegen den Holocaustrelativierer und Geschichtsrevisionisten Bodo T. rief Weisband im April 2012 dazu auf, gegen antisemitische und rassistische Mitglieder rigoros vorzugehen. „Es ist Bullshit, dass wir rechtsextreme Meinungen tolerieren müssen.“[20][21]

Sonstiges Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weisband betätigt sich nebenher als freischaffende Künstlerin.[1][2] Eine Auswahl ihrer Zeichnungen und Gemälde wurde 2009 in einem Kulturzentrum in Mülheim an der Ruhr ausgestellt.[22] Zudem engagiert sie sich in dem gemeinnützigen Wuppertaler Elternverein „3 x 3“ e. V. Seit November 2011 schreibt sie einen Blog auf FAZ.NET.[23]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weisband lebt in Münster (Westfalen).[24] Am 1. Juni 2013 heiratete sie.[25] Sie bekennt sich zur jüdischen Religion.[26] Neben der deutschen besitzt sie auch die ukrainische Staatsbürgerschaft.[27]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anlässlich des Programmparteitages der Piratenpartei im Dezember 2011 in Offenbach schrieb Spiegel Online: „In Offenbach zeigt sich auch, wer der neue Star der Partei ist: Marina Weisband. […] und in Offenbach zeigt sich, wie wichtig Marina Weisband für den Zusammenhalt der Partei ist.“[28] Focus Online kommt zu dem Schluss: „Sie ist diejenige, auf die sich alle im Saal einigen können.“[29]

Das NDR-TV-Medienmagazin Zapp berichtete im Januar 2012 über den Umgang von Medien mit Weisband.[30]

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb zum Abschied von Marina Weisband im April 2012: „Sie hat für die Piraten weit über die Parteifreunde hinaus mehr soziales Kapital eingeworben als wahrscheinlich irgendein anderer Parteipolitiker der vergangenen Jahre.“[31]

Buchveröffentlichung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im März 2013 wurde ihr erstes Buch Wir nennen es Politik auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. Zwei Wochen vorher wurde eine unredigierte Fassung zum kostenlosen Abruf bereitgestellt. Der Klett-Cotta-Verlag gab an, zwar nicht erfreut zu sein, gegen die Veröffentlichung aber nicht vorgehen zu wollen.[32] Der Verkauf des E-Books war ohnehin ohne Kopierschutz vorgesehen. Weisband beabsichtigt, dass jeder Käufer ihres Buches es auch ohne Einschränkungen im Netz weiterverbreiten dürfe.[33]

  • Wir nennen es Politik. Ideen für eine zeitgemäße Demokratie. Tropen-Verlag (Label von Klett-Cotta), Stuttgart 2013, ISBN 978-3-608-50319-7 (Leseprobe (PDF; 1,6 MB), abgerufen am 8. Februar 2013).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Marina Weisband – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Vgl. Marina Weisbands Website: Hallo Welt, Ode an Wuppertal; jeweils abgerufen am 1. November 2011.
  2. a b c d e f Vergleiche Angaben über Marina Weisband auf der Webseite Benutzer:Marina im Wiki der Piratenpartei Deutschland; abgerufen am 1. November 2011.
  3. Posting auf Facebook. Marina Weisband, 20. Dezember 2013. Abgerufen am 20. Dezember 2013.
  4. SWR-Interviewsendung am 15.Jan.2014, Audiomitschnitt @1102sek
  5. Marina Weisband: Wir nennen es Politik. Ideen für eine zeitgemäße Demokratie. Tropen-Verlag, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-608-50319-7, S. 30–32.
  6. StuPa (Memento vom 6. März 2014 im Internet Archive) auf: schlosspiraten.wordpress.com
  7. Vergleiche Merlind Theile: Piratenpartei. Kein Geschlecht, kein Problem. In: Der Spiegel. Nr. 41/2011, 10. Oktober 2011, S. 30–31; PDF-Datei, 246,87 KB, abgerufen am 2. November 2011.
  8. Hubertus Volmer: Piratenpartei stellt sich vor. Die drei Fragezeichen. bei: n-tv. 5. Oktober 2011, abgerufen am 1. November 2011.
  9. (dpa): Parteien. Piraten auch im Bund auf Erfolgskurs: 7 Prozent. auf: Focus Online. 28. September 2011, abgerufen am 1. November 2011.
  10. Piratenpartei. „Wir schulden den Menschen Ehrlichkeit“. Interview mit Marina Weisband von Oliver Roscher. auf: news.de, 28. September 2011, abgerufen am 2. November 2011.
  11. Torsten Krauel: Piratenpartei. Politisch unfertig, aber mit sehr viel Stil. auf: Welt Online. 5. Oktober 2011; abgerufen am 1. November 2011.
  12. Piratenpartei in der Bundespressekonferenz. Etwas links, etwas mittig – sehr koalitionsbereit. (Memento vom 6. Oktober 2011 im Internet Archive) bei: tagesschau.de. 5. Oktober 2011; abgerufen am 1. November 2011.
  13. Bastian Pauly, Christoph Spangenberg: Nach dem Scheitern von Rot-Grün. Piraten wollen über Regierungsbeteiligung verhandeln. In: Der Tagesspiegel. 5. Oktober 2011, abgerufen am 1. November 2011.
  14. Manuel Bewarder: PIRATEN-Streit. „Das Wort ‚Jugendsünden‘ ist falsch gewählt“. auf: Welt Online. 14. Oktober 2011; abgerufen am 1. November 2011.
  15. Der Tag, an dem nichts wirklich passiert ist., in Marinas Lied(privater Blog), 25. Januar 2012, zuletzt abgerufen am 25. Januar 2012.
  16. Ober-Piratin zieht sich aus Parteispitze zurück. auf: Spiegel Online.
  17. welt.de
  18. Sarah-Maria Deckert: Kevin Barth findet „den Juden an sich unsympathisch“. In Der Tagesspiegel. 8. Februar 2012, abgerufen am 9. März 2013.
  19. Gute Ideen brauchen mein Gesicht nicht. (Memento vom 2. Februar 2012 im Internet Archive) auf: tagesschau.de
  20. Annett Meiritz, Fabian Reinbold: Radikale bei den Piraten: „Unsere Ideen versinken in Müll und Dreck“. In: spiegel.de. 20. April 2012.
  21. „Wenn ein PAV [Parteiausschlussverfahren] scheitert, bleibt immer noch die Möglichkeit, als Partei deutlich zu machen, dass rechtes Gedankengut keinen Platz bei uns hat. Die Verbreiter dieser Meinungen und Lügen dürfen nicht auf Veranstaltungen eingeladen werden, keine Ämter bekommen, nicht für die Piraten sprechen.“ Blog von Marina Weisband. Archiviert vom Original am 22. April 2012, abgerufen am 22. April 2012.
  22. Vgl. Marina Weisbands Website: Vernissage; abgerufen am 15. November 2011.
  23. Blog „Salon Skurril“. auf: FAZ.NET. abgerufen am 15. November 2011.
  24. Vergleiche Marina Weisbands Website: Über die Autorin; abgerufen am 1. November 2011.
  25. Die schöne Piratin hat heimlich geheiratet. auf: t-online.de
  26. „Zu Israel stehe ich neutral“. Interview mit Marina Weisband von Elke Wittich in Jüdische Allgemeine vom 28. September 2011; abgerufen am 1. November 2011.
  27. Charlotte Haunhorst: „Es tut mir weh, nicht dort zu sein.“ Interview. In: jetzt.de. 19. Februar 2014.
  28. Annett Meiritz, Fabian Reinbold: Parteitag: Piraten starten Angriff von links. In: Spiegel Online. 3. Dezember 2011, abgerufen am 15. Dezember 2011.
  29. Fabian Mader: Marina Weisband: Der neue Star der Piratenpartei. In: Focus Online. 3. Dezember 2011, abgerufen am 15. Dezember 2011.
  30. ndr.de: Polit-Neulinge: Erfahrungen mit Journalisten. (Memento vom 15. Januar 2012 im Internet Archive) (Film von Daniel Bröckerhoff, 8 min.)
  31. Melanie Mühl: Wahlkampf einer digitalen Seele. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 26. April 2012.
  32. Raubkopie von Weisbands Buch bleibt im Netz. In: Welt Online. 28. Februar 2013, abgerufen am 28. Februar 2013.
  33. Piraten: Kopieren erlaubt. In: Der Spiegel. Nr. 39, 2012 (online).