Marinenachrichtendienst

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Marinenachrichtendienst ist die Bezeichnung für den Nachrichtendienst der Marine eines Landes. In vielen Ländern besteht zur Sicherung der Seestreitkräfte ein marineeigener Nachrichtendienst, dessen Hauptaufgabe in der Überwachung der Seestreitkräfte anderer Nationen besteht. In Deutschland hat es einen einheitlichen Marinenachrichtendienst (MND) nie gegeben, sondern stets verschiedene Abteilungen, die mehr oder weniger gut zusammenarbeiteten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges betrieb die Marine in Deutschland zwar eine auf Flottendienstboote gestützte Fernmelde- und elektronische Aufklärung, aber keinen von anderen Teilstreitkräften gesonderten Marine-Nachrichtendienst mehr. Der Nachrichtendienst der Marine der Vereinigten Staaten von Amerika wurde 1882 unter dem Namen Office of Naval Intelligence (ONI) gegründet. Der Nachrichtendienst der britischen Marine wurde ebenfalls 1882 unter dem Namen Foreign Intelligence Committee gegründet und 1887 in Naval Intelligence Department (NID) umbenannt.

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs (–1918)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Aufklärungs- und Nachrichtenauswertungsdienst der kaiserlichen deutschen Marine ist die Nachrichtenabteilung des Admiralstabes zu betrachten.[1] Diese bestand 1901 aus dem Chiffrierbüro (Ch) und dem Nachrichtenbüro (N); letzteres darf nicht mit dem gleichzeitig bestehenden Nachrichtenbüro (N) des Reichsmarineamtes verwechselt werden,[2] das seiner Funktion nach als Presse- oder Propagandastelle der Marine betrachtet werden muss.[3][4]

Vor dem Ersten Weltkrieg sah die Organisation des Marinenachrichtendienstes folgendermaßen aus: Im Admiralstab gab es einen einzigen Seeoffizier, der für alle Fragen und Probleme des Nachrichtendienstes zuständig war. Später firmierte der Marinenachrichtendienst einer ungenannten Quelle zufolge angeblich unter einer »Deckadresse: Peter Cornelsen, Berlin«. Weiter wird behauptet, dass »der 'Marinenachrichtendienst’ Anfang des 20. Jahrhunderts eine Truppe von Flottenbeobachtern (auch B.E.: abgekürzt = Berichterstatter) entlang der russischen Ostseeküste aufbaute. Dafür unterhielt der Dienst eigene Agentennetze, die vor allem gegen das Russische Kaiserreich agieren sollten. Zu diesem Zweck hatte der Dienst Stützpunkte in den skandinavischen Staaten eingerichtet. Ab 1912 kooperierte der Dienst mit Schweden, um die militärische Aufklärung weiter voranzutreiben.«[5] Bekannt wurde der Marineoffizier Gustav Steinhauer, der vor dem Krieg und während des Krieges für die Leitung eines Spionagerings zur Beobachtung britischer Häfen zuständig war. Nach der Kriegserklärung im August 1914 wurden 21 seiner Spione durch den neu gegründeten MI5 verhaftet.[6] Im Ersten Weltkrieg beteiligte sich der Dienst 1914/15 maßgeblich am Einsatz des Ostasiengeschwaders,[7] später an der Revolutionierung Russlands und Finnlands.[8] Bei Kriegsende vernichtete die Nachrichtenabteilung des Admiralstabes leider große Teile ihres Aktenbestand[9], ein Umstand, der die Überprüfung von Behauptungen heute sehr erschwert.

Bei Kriegsausbruch 1914 gab es in der Kaiserlichen Marine noch keine organisierte Funkaufklärung, sondern nur einen Funkbeobachtungsdienst (B-Dienst), der von Bord der Schiffe aus durchgeführt wurde.[10] Als man etwa 1907/08 begonnen hatte, den Funkverkehr der britischen Marine abzuhören, wollte man keine Einblicke auf chiffriertechnischem, geschweige denn auf taktischem oder operativem Gebiet erzielen, sondern vielmehr den Stand der funktechnischen Entwicklung in der Royal Navy kennenlernen und verfolgen. Voller Stolz auf ihre technischen Leistungen führte die kaiserliche Marine den eigenen Funkverkehr mit naiver Sorglosigkeit durch. Niemand stellte Untersuchungen darüber an, zu welchem Zweck der Gegner Funksprüche abhörte, welche Erfahrungen er daraus gewinnen und welche Gegenmaßnahmen er einleiten konnte. Der Funkbetrieb wurde nach international entwickelten Verfahren durchgeführt. Zur Verschlüsselung von Nachrichten benutzte man im optischen Signaldienst wie auch im Funkverkehr das Geheime Signalbuch, das ab 1. April 1914 gültig war. Die meist dreistelligen Gruppen dieses Signalbuches wurden mit dem Kriegssignalbuchschlüssel, einer Austauschtafel, überschlüsselt. Am 26. August 1914 geriet der Kleine Kreuzer SMS Magdeburg bei einem Vorstoß in den Finnischen Meerbusen bei dichten Nebel vor Odensholm auf Grund. Alle Versuche, das Schiff wieder flott zu bekommen, scheiterten. Als sich die russischen Kreuzer Bogatyr und Pallada näherten und die Magdeburg unter Feuer nahmen, sprengte die deutsche Besatzung ihr Schiff. Die an Bord befindlichen Schlüsselmittel wurden, mit Blei beschwert, über die Reling geworfen, konnten aber von russischen Tauchern geborgen werden, bevor sie sich durch das Wasser zersetzten. Signalbuch und Austauschtafel wurden an die britische Admiralität übergeben. Von da an konnten die Engländer (Room 40) den deutschen Marinefunkverkehr mitlesen und Gegenmaßnahmen ergreifen, ohne dass Admiralstab oder Flottenkommando den geringsten Verdacht schöpften. Erst im Sommer 1917 wurden die Schlüsselmittel ausgewechselt, so dass der Funkverkehr von den Engländern nicht mehr dechiffriert werden konnte. Dem MND war es spätestens ab 1916 möglich, Teile des britischen wie des französischen Funkschlüssels mitzulesen. Darüber ist jedoch nur wenigt bekannt geworden, da die Unterlagen zu Kriegsende vernichtet worden sind.

Auf deutscher Seite entstand im Verlauf des Krieges an den Küsten Flanderns wie der östlichen Ostsee eine ganze Reihe von B(eobachtungs-) und E(ntzifferungs-)stellen. Am 1. Februar 1916 errichtete Kapitänleutnant Martin Braune mit einem kleinen Stab von Mitarbeitern die BE-Hauptstelle der Kaiserlichen Marine in Neumünster/Holstein und wurde damit zum Leiter der deutschen Marinefunkaufklärung.[11]

Die Leiter der Nachrichtenabteilung des Admiralstabs der Marine waren:

  • Kapitän z.S. Alfred Tapken – 1901 bis März 1914
  • Fregattenkapitän Walter Isendahl – März 1914 bis Februar 1918
  • Kapitän z.S. Paul Ebert – Februar 1918 bis 1919

Zur Zeit der Weimarer Republik (1918–1933)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Waffenstillstand und Novemberrevolution, welche zur Gründung der Weimarer Republik führte, beendeten 1918 zunächst die deutsche Marine-Funkaufklärung. Alle Beobachtungs-, Entzifferungs- und Auswertungsarbeiten wurden eingestellt. Doch bereits im April 1919 begann der Organisator des B-Dienstes, Kapitänleutnant Braune, mit Wiederaufnahme des Dienstes, und am 28. April 1919 wurde die Zentralstelle beim Admiralstab wieder eingerichtet.[12] Der MND führte die Organisation so weiter, wie sie sich augenscheinlich während des Krieges bewährt hatte. Unter den Stationskommandos leiteten Marinenachrichtenoffiziere bei den Küstenfunk- und Marinesignalstellen den Nachrichtendienst. Das Personal wurde von den 2. Admiralen bereitgestellt. Auf den großen Schiffen wurde einer der Funkräume für den Funkbeobachtungsdienst (B-Dienst) eingerichtet. Er musste mit einem Funkpeiler ausgerüstet werden, damit von dort Funksprüche anderer Marinen aufgefangen werden konnten. Die Leitung des MND unterlag bis zu seiner Verabschiedung

  • Kapitänleutnant Martin Braune – 28. April bis 30. Oktober 1919

Von 1921 bis 1925 bestand in Flensburg-Mürwik eine Nachrichtenabteilung (MNA) der Reichsmarine. Dort ging es aber noch nicht um Funkaufklärung, sondern um Funkmesstechnik, Funkpeilung und Signalausbildung. In Mürwik entstand zu dieser Zeit schrittweise die dortige Nachrichtenschule. Die MNA wurde geführt von:

  • Korvettenkapitän Ferdinand Boehmer – 29. März 1921 bis 29. März 1924
  • Korvettenkapitän Leo Riedel – 30. März 1924 bis 27. März 1925

Als ab 1920 aus britischen Veröffentlichungen wie dem Seekriegswerk "Naval Operations" von Julian S. Corbett und aus den Erinnerungen von Fisher, Jellicoe und Churchill entnommen wurde, wie erfolgreich die britische Admiralität bei der Nutzung der Funkentzifferung gewesen war, dass dadurch alle Operationen der deutschen Marine in England so frühzeitig durchschaut worden waren, dass die Grand Fleet rechtzeitig darauf reagieren konnte, kam es zu tiefgreifenden Veränderungen bei der Organisation des Marinenachrichtendienstes in Deutschland.

Im Frühjahr 1925 wurde die Marinenachrichtenabteilung aufgelöst. Einige Jahre lang gab es keinen amtlichen Marinenachrichtendienst in Deutschland mehr. Die Aufgabe der Funkbeobachtung unterlag den Stationskommandos in Nord- und Ostsee. Die Nachrichtenschule wurde mit der Torpedoschule zur Torpedo- und Nachrichtenschule vereinigt. Sie unterstand der Inspektion des Torpedo- und Minenwesens beim Stationskommando der Ostsee.

Im Herbst 1927 gelangten die geheimen und illegalen Maßnahmen des Chefs der Seetransportabteilung in der Marineleitung, Kpt.z.S. Walter Lohmann, an die Öffentlichkeit. Lohmann hatte unter anderem den Aufbau eines nichtamtlichen deutschen Nachrichtendienstes im Ausland befördert. Dieser Geheimdienst flog auf und wurde angeblich am 1. April 1928 in den Abwehrdienst der Reichswehr eingefügt.[13]

1930 wurde in Kiel eine Nachrichtenversuchsanstalt geschaffen, deren Leitung zunächst Kptlt. Gustav Kleikamp, ehemals Funkoffizier an Bord des Großen Kreuzers SMS Derfflinger, und von 1923 bis 1926 Lehrer an der Nachrichten- bzw. Torpedo- und Nachrichtenschule, übernahm.

Vorkriegszeit (1933–1939)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang 1933 Endete die Weimarer Republik und die NS-Zeit begann. Gustav Kleikamp, verfasste zu dieser Zeit in seiner Funktion als Leiter der Nachrichtenversuchsanstalt in Kiel, eine Dokumentation, die 1934 als geheime Marine-Dienstschrift MDv 352 Nr. 13 erschien, in der er die unvorsichtige Funkverwendung bei der Kaiserlichen Marine im Ersten Weltkrieg ausführlich nachwies, und in der er für Planung und Führung eines zukünftigen Seekrieges „sorgfältige Vorarbeit im Frieden“ forderte. Damit war das Programm für die Wiederaufstellung eines Marinenachrichtendienstes geschaffen.

Im Herbst 1934 kehrte sodann der amtliche Marinenachrichtendienst zurück in die Marineleitung (Dezernat A III). Leiter der Abteilung wurde:

  • Kapitän zur See Theodor Arps – 1. Oktober 1934 bis 31. Dezember 1939

Die Abteilung gliederte sich nun in die Referate Fremde Marinen, Nachrichtenübertragungsdienst und Funkaufklärung. Die Gruppe Fremde Marinen (FM), der – von der Abwehr, von den Marineattachés, aus Zeitungen und von der Funkbeobachtung – alle wichtigen Nachrichten zuflossen, bedeutete gegenüber der Funkaufklärung nicht nur eine Konkurrenz, sondern ein Übergewicht, weil der Abteilungschef (Arps) vorher Leiter der Gruppe FM gewesen war und die Funkbeobachtung mehr oder weniger nur als Informationszuträger bewertete.[14] An dieser Stelle sei auf das Pendant zur Abteilung Fremde Marinen, die Abteilung Fremde Heere, hingewiesen.

Innerhalb des Oberkommandos der Marine wurde der Marinenachrichtendienst am 1. Oktober 1937 in die Seekriegsleitung (3/Skl) eingegliedert. Gleichzeitig ging die Marinenachrichteninspektion als eigenständige Abteilung der Marinestation der Ostsee aus der Torpedoinspektion hervor. Ihr wurden die Marinenachrichtenschule, die Marinenachrichtenmittel-Versuchsanstalt und das Marinenachrichtenmittel-Erprobungskommando unterstellt. Im Allgemeinen Marineamt (B) wurde gleichzeitig die Abteilung Technisches Nachrichtenwesen gegründet. Sie wurde bei Kriegsbeginn als Amtsgruppe NWa dem Marinewaffenhauptamt angegliedert.

Das Referat Funkaufklärung betrieb 1937/38 die Zentral-Leitstelle in Berlin, drei weitere Leitstellen (Nord: Neumünster, Mitte: Soest, Süd: Langenargen), vier Hauptpeilstellen (Wilhelmshaven, Flensburg, Swinemünde, Pillau) und acht Nebenpeilstellen entlang der Nord- und Ostseeküste (Borkum, Cuxhaven, Arkona, Darss, Falshöft, Stolpmünde, Memel, Windau).[15] Im März 1939 beobachtete der B-Dienst insgesamt 36 Funkverkehrsbereiche, davon 14 britische, 10 französische und 10 russische. Bei der Entzifferung hatte der B-Dienst 20 Funkschlüsselverfahren zu bearbeiten, davon 7 englische, 5 französische und 4 russische. Bei einem französischen Seemanöver im Frühjahr 1938 gelang es allen B-Hauptstellen gemeinsam, rund 80 Prozent der taktischen Signale sofort zu entziffern.[16]

Die 3. Abteilung/Seekriegsleitung (3./SKL) war sich klar darüber, dass im Kriegsfall der Gegner alles daran setzen würde, der deutschen Funkaufklärung die größten Schwierigkeiten zu bereiten: „Er wird im Mob.-Fall die Funknamen und alle Schlüsselmittel ändern. Es ist schon viel gewonnen, wenn er nicht auch die einzelnen Systeme wechselt. Diese Möglichkeit kann jedoch bis zu einem gewissen Grad verneint werden, da nach allen Erfahrungen auch beim Gegner eine ernste Gefahr für den eigenen Nachrichtenübermittlungsdienst entsteht, wenn er im Mobilmachungsfall (…) völlig neue Schlüsselsysteme einführen will.“[17]

So blieb man zuversichtlich, dass der Einbruch in die gegnerischen Schlüsselverfahren auch im Ernstfall gewahrt bliebe. Ganz anders hingegen beurteilte die Seekriegsleitung die Sicherheit der eigenen Schlüsselmittel. In einem Vortrag vom März 1938 führte KK Fritz Bassenge dazu aus: „Alle Schlüsselsysteme und Kombinationen [sind] von Menschen erdacht und daher auch wieder durch Menschen zu lösen.“ Wenn allerdings der Funkverkehr auf den Codes geheimer Schlüsselmaschinen basiere, sei eine Rückverfolgung auf den Klartext „nur mit einem so gewaltigen Einsatz von Personal und einem so zahlreich zur Verfügung stehenden Funkspruchmaterial möglich, dass hier der praktischen Durchführung Grenzen gesetzt sind“.[18] Es komme, so Bassenge, also darauf an, dass die guten Erfolge mit dem Funkschlüssel „M“ gegenüber allen fremden Staaten geheim blieben, denn durch die Einführung von maschinellen Schlüsseln beim Gegner würde die Funkaufklärung mit unabsehbaren Folgen erschwert.

Zweiter Weltkrieg (1939–1945)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Januar 1940 wurde die Abteilung Marinenachrichtendienst geteilt. Die beiden Referate Fremde Marinen und Funkaufklärung bildeten nun die Abteilung Marine-Nachrichtenauswertung (3./SKL). Ihre Aufgabe bestand in der Sammlung und Auswertung von Informationen über ausländische Seestreitkräfte und Flottenstützpunkte, Aufstellung und Zusammensetzung von Kampfgruppen (Task Forces), Schiffserkennung, technischen Daten, etc. Die Leiter dieser Abteilung waren:

  • Kapitän zur See Paul Wever – 1. Januar 1940 bis 21. Juni 1940
  • Kapitän zur See Gottfried Krüger – 22. Juni 1940 bis Juli 1942
  • Kapitän zur See Norbert von Baumbach – Juli 1942 bis 28. Juni 1944
  • Konteradmiral Otto Schulz – 28. Juni 1944 bis 17. Jul 1945

Die neu aufgestellte Abteilung Marinenachrichtendienst (2./SKL, später 4./SKL) bestand ab Januar 1940 zunächst nur aus der Zentralabteilung und dem Nachrichtenübermittlungsdienst. Doch schon im Juni 1940 folgte die Abteilung Funkaufklärung.
Im Juni 1941 wurde die Marinenachrichteninspektion aufgelöst. Der Marinenachrichtendienst übernahm deren Aufgaben, avancierte damit zur Amtsgruppe und wurde in drei Abteilungen gegliedert: Zentralabteilung (MND I), Nachrichtenübermittlungsdienst (MND II) und Funkaufklärung (MND III). Im Oktober 1943 trat mit dem Funkmessdienst eine weitere Abteilung hinzu. Diese ging aber schon im Juni 1944 in der Abteilung Marineortungsdienst (5./SKL) auf. Stattdessen wurde die Abteilung Drahtnachrichtendienst (MND IV) angegliedert. Abteilungs- und ab 1941 Amtsgruppenchefs des MND waren:

  • Kapitän zur See Ludwig Stummel – 1. Januar 1940 bis 15. Juni 1941
  • Vizeadmiral Erhard Maertens – 16. Juni 1941 bis Mai 1943
  • Konteradmiral Ludwig Stummel – Mai 1943 bis 16. August 1944
  • Kapitän zur See/Konteradmiral Fritz Krauss – 16. August 1944 bis 22. Juli 1945

Leiter der Abteilung Funkaufklärung, kurz B-Dienst genannt, waren während des Krieges zuletzt Kapitän zur See Heinz Bonatz (November 1941 bis Januar 1944) sowie Kapitän zur See Max Kupfer (Januar 1944 bis Kriegsende),[19] Leiter des Ortungsdienstes war Fregattenkapitän Hans Meckel. Dies sei hier erwähnt, weil der Ortungsdienst nach gängigem Verständnis immer ein Teil des Marineaufklärungsdienstes war.

Vordruck Geheime Kommandosache, Marinenachrichtendienst

Im Gegensatz zu den inzwischen weltberühmten Erfolgen der britischen Funkaufklärung in Bletchley Park sind die gelungenen Entzifferungen des B-Dienstes nur wenig bekannt. Tatsächlich gab es aber auch hier Erfolge. Besonders wichtig war der Einbruch in den britischen Funkschlüssel Naval Cipher No. 3 (deutscher Deckname „Frankfurt“), den die Alliierten für ihre Atlantik-Konvois benutzten. Dies half dem Befehlshaber der U-Boote, Admiral Karl Dönitz, die im Atlantik operierenden deutschen U-Boote gezielt auf die alliierten Geleitzüge anzusetzen. Doch blieben die Erfolge der U-Boote hinter den gesteckten Erwartungen weit zurück, da Bletchley Park nach Erbeutung deutscher Schlüsselunterlagen seinerseits die U-Boot-Funksprüche entziffern und auswerten konnte. Von da an wurden die Konvois um die gegnerischen U-Boot-Aufstellungen herumgeleitet oder mit starker Geleitsicherung „durchgeboxt“.

Entzifferten deutschen Enigma-Funksprüchen konnte das britische Operational Intelligence Centre (OIC) entnehmen, dass der britische Marineschlüssel Naval Cipher No. 3 kompromittiert war. Er wurde daher im Juni 1942 durch den Naval Cipher No. 5 ersetzt, zu dem der MND nur noch teilweise Zugang gewann. Dies schlug besonders negativ im Mai und Juni 1944 durch fehlende Aufklärung über die bevorstehende Landung der Alliierten in der Normandie zu Buche. Im Gegensatz dazu gelang es dem OIC sogar, mit einer geschickt angelegten Funktäuschung ("Operation Fortitude") den deutschen Abwehrdienst auf eine falsche Fährte zu locken.

Viel zu wenig bekannt sind bislang noch die Aufklärungserfolge der Abteilung Fremde Marinen ab 1941. Die Kriegstagebücher dieser Abteilung geben Aufschluss über Material und Nachrichtenauswertung in Bezug auf die Feindlage Sowjetunion und in Osteuropäischen Gewässern. Die von Heinz Bonatz vorgelegte Dokumentation „Seekrieg im Äther“ (1981) beschränkt sich alleine auf die Leistungen der Abteilung Funkaufklärung und deckt bei weitem nicht das gesamte Wissen des MND ab.

Die Forschung auf dem Gebiet der Funkaufklärung im Mittelmeer wird ebenfalls einseitig dominiert durch die Erfolge der Funkaufklärung der Alliierten. Diese werden ausführlich dargestellt in dem Buch „ULTRA siegt im Mittelmeer“ (1985) von Albert Santoni. Viel zu kurz kommt dagegen die Auswertung der Bemühungen der deutschen Nachrichtendienste zur Sicherung der Nordafrika-Geleite und das Versagen bei der Bekämpfung der britischen Malta Konvois (z. B. Operation Pedestal, siehe aber auch Belagerung von Malta) und der britischen Unterseeboote.

Mehrfach wurde im Verlauf des Krieges die Schlüsselsicherheit der Enigma in Frage gestellt, vor allem von Seiten des Befehlshabers der U-Boote.[20] Bereits kurz nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen wurden die Erfolge der polnischen Entzifferungsabteilung in Pyry (Operation „Wicher“) bei der Rekonstruktion der Enigma-Walzen aufgedeckt. Und vom Nachrichtendienst der Schweiz erhielt die Abwehrabteilung des OKW 1943 sogar einen direkten Hinweis auf die „Codeknacker“ von Bletchley Park. Tatsächlich hat der MND die Sicherheit der Enigma jedes Mal überprüft, aber immer "nur" auf der Basis von Theorie der Sicherheit von Maschinencodes und auf Grund statistischer Erhebungen.[21]

Erst im Januar 1944, nachdem die Sicherheitsüberprüfung der Schlüsselmittel dem B-Dienst übertragen worden war, wurde ein Mitarbeiter des B-Dienstes 6 Monate lang für diese Aufgabe abgestellt. Der Sachverständige, Leutnant Frowein, unternahm den Versuch eines Angriffs auf die Schlüsselmittel der Enigma, war dabei erfolgreich und konnte im Juni 1944 eine Liste der verheerendsten Fehler im Gebrauch der Enigma vorlegen. Wären die alltäglichen Fehler bei der maschinellen Codierung, die Friedrich Bauer in einem Vortrag über Die Komödie der Irrungen im Wettstreit der Kryptologen außerordentlich anschaulich schildert, rechtzeitig in einer Dienstvorschrift an alle Funker verteilt worden, die sich der Tragweite ihrer Bedienfehler vermutlich nicht bewusst waren, dann hätte Bletchley Park spätestens mit der Umstellung auf den Funkschlüssel „M“ keine Erfolge mehr gehabt. Dann wäre auch der deutsche Einbruch in den Naval Cipher No. 3 möglicherweise unerkannt geblieben.

Erst während der Schlacht um Berlin kamen vorbereitete Evakuierungsmaßnahmen der Reichsregierung, Reichsministerien und des Sicherheitsapparates zur Ausführung. Der Großteil der zu evakuierenden Stäbe sollte sich in Richtung Norden absetzen.[22] Am 1. Mai 1945 erfolgte so offenbar auch die Verlegung des Marinenachrichtendienstes nach Mürwik,[23] wo sich auch der letzte Reichspräsident Karl Dönitz mit der letzten Reichsregierung im dort neu eingerichteten Sonderbereich Mürwik niederließ. Nach der Bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 erfolgte am 23. Mai 1945 in Mürwik die Verhaftung der letzten Reichsregierung.

Nach Kriegsende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Ende des Krieges erhielt der britische Journalist Sefton Delmer den Auftrag die erste Nachrichtenagentur in der britischen Zone einrichten. Da aber deutsche Journalisten als besonders belastet galten, rekrutierte er in Flensburg-Mürwik 63 ehemalige Mitarbeiter des Marinenachrichtendienstes, da diese sich ebenfalls mit dem Sammeln und Verteilen von Neuigkeiten auskannten. Unter den angeworbenen Mathematikern, Physikern und Nachrichtenhelferinnen befanden sich auch der Kapitän zur See Max Kupfer und Heinrich Böx. Noch im August 1945 zogen die angeworbenen Mitarbeiter nach Hamburg um, wo mit ihrer Hilfe der German News Service, die erste Nachrichtenagentur Deutschlands aufgebaut wurde.[24][25][26][27] Als dessen Nachfolger wurde am 1. Januar 1947 der Deutsche Pressedienst gegründet, welcher wiederum 1949 in der Deutschen Presse-Agentur aufging.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedrich L Bauer: Die Komödie der Irrungen im Wettstreit der Kryptologen. Vortrag vom 14. Dezember 2007. Bayerische Akademie der Wissenschaften: München 2008 (Abhandlungen, Neue Folge, Heft 176)
  • Heinz Bonatz: Die deutsche Marine-Funkaufklärung 1914–1945. Wehr und Wissen: Darmstadt 1970. (Reihe Beiträge zur Wehrforschung Band 20/21. ISSN 0067-5253)
  • Heinz Bonatz: Seekrieg im Äther. Die Leistungen der Marine-Funkaufklärung 1939–1945. E.S. Mittler: Herford 1981. ISBN 3-8132-0120-1
  • Ralph Erskine: Enigma’s Security: What the Germans Really Knew. In: Michael Smith and Ralph Erskine (Hrsg.): Action this day. Bantam Press: London 2001, S. 370–385. ISBN 0-593-04910-1
  • Helmuth Giessler: Der Marine-Nachrichten- und Ortungsdienst. Technische Entwicklung und Kriegserfahrungen. J. F.Lehmann: München 1971, (Reihe Wehrwissenschaftliche Berichte Band 10. ISSN 0083-7822)
  • Hans H. Hildebrand, Walther Lohmann: Die deutsche Kriegsmarine. 1939–1945. Gliederung, Einsatz, Stellenbesetzung. Podzun: Bad Nauheim 1956, Kapitel 32.
  • Hans H. Hildebrand: Die organisatorische Entwicklung der Marine nebst Stellenbesetzung 1848 bis 1945. 3 Teile. Biblio-Verlag: Osnabrück 2000 (Reihe Formationsgeschichte und Stellenbesetzung der deutschen Streitkräfte 1815–1990 Band 2). ISBN 3-7648-2541-3
  • Werner Rahn: Warnsignale und Selbstgewissheit. Der deutsche Marine-Nachrichtendienst und die vermeintliche Sicherheit des Schlüssels M („Enigma“) 1943/44. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 61 (2002), S. 141–154
  • Werner Rahn: Der Einfluss der Funkaufklärung auf die deutsche Seekriegführung im Ersten und Zweiten Weltkrieg. In: Winfried Heinemann (Hrsg.): Führung und Führungsmittel. Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam 2011 S. 15–56
  • Rebecca Ratcliff: Searching for Security. The German Investigations into Enigma’s Security. In: Intelligence and National Security 14 (1999) Heft 1 (Special Issue) S. 146–167.
  • Rebecca Ratcliff: How Statistics led the Germans to believe Enigma Secure and why they were wrong: neglecting the practical mathematics of ciper machines. In: Brian J. Winkel (Hrsg.)The German Enigma Cipher Machine. Artech House: Boston, London 2005.
  • Jürgen W. Schmidt (Hrsg.): Geheimdienste, Militär und Politik in Deutschland. Ludwigsfelder Verlags-Haus: Ludwigsfelde 2008. (Reihe Geheimdienstgeschichte Band 2). ISBN 978-3-933022-55-4

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Walter Hubatsch: Der Admiralstab und die obersten Marinebehörden in Deutschland 1848–1945, Anlage 19. Bernard & Graefe: Frankfurt /M. 1958, S. 241/242
  2. Hubatsch (1958), Anlage 18
  3. Neben dem Nachrichtenbüro verfügte das Reichsmarineamt innerhalb des Werftdepartements noch über eine Abteilung Funkentelegrafie, die für die Entwicklung und Beschaffung von Funkgeräten zuständig war. Aus dieser Abteilung entwickelte sich nach dem Krieg die Nachrichtenmittelversuchsanstalt der Marine
  4. Die Ausbildung des Funkpersonals unterstand der Marineinspektion des Torpedowesens. Aus diesem Grunde war auch die Funkschule an die Torpedoschule in Flensburg-Mürwik angegliedert. Die Funkschule wurde später in Nachrichtenschule umbenannt.
  5. Ältere Version dieses Artikels ohne Nachweis
  6. Bernard Porter: Plots and paranoia: a history of political espionage in Britain, 1790–1988
  7. Zur Tätigkeit der Nachrichtenabteilung in Lateinamerika, vgl. BAMA-Bestand RM 5/2181: "Etappen Atlantik und Pazifik, Havanna, Rio, Santos, Valparaiso". Die Abwicklung der Etappen dauert bis ca. 1920/21.
  8. Ältere Version dieses Artikels ohne Nachweis
  9. Bundesarchiv-Militärarchiv (BArch-MA) Abteilung RM 5
  10. Heinz Bonatz: Die deutsche Marine-Funkaufklärung 1914–1945 (= Beiträge zur Wehrforschung. Band XX/XXI). Wehr und Wissen Verlagsgesellschaft, Darmstadt 1970, S. 17.
  11. Bonatz, 1970, S. 24
  12. Bonatz, 1970, S. 73
  13. Ältere Version dieses Artikels ohne Nachweis
  14. Bonatz, 1970, S. 75
  15. Das Netz der materialerfassenden Peilstellen. In: Heinz Bonatz, 1981, S. 368–370
  16. Werner Rahn: Die Funkaufklärung in der Reichs- und Kriegsmarine 1919–1939. In: Heinemann, 2011, S. 34/35
  17. KKpt. Achim Teubner, März 1939, zitiert bei Werner Rahn: Die Funkaufklärung in der Reichs- und Kriegsmarine 1919–1939. In: Heinemann, 2011, S. 35
  18. KKpt. Fritz Bassenge, März 1938, zitiert bei Werner Rahn: Die Funkaufklärung in der Reichs- und Kriegsmarine 1919–1939. In: Heinemann, 2011, S. 35
  19. Walter Lohmann, Hans H. Hildebrand: Die Deutsche Kriegsmarine 1939–1945. Gliederung, Einsatz, Stellenbesetzung. Band 1. Podzun, Bad Nauheim 1964, Hauptkapitel III, Kapitel 2 Seekriegsleitung 32, S. 3, Abteilung Funkaufklärung (Skl Chef MND III) (Loseblattsammlung, Lieferungen 1–27, 1956–1964).
  20. Nach Angaben von Ralph Erskine im Frühjahr 1940, im Herbst 1941, im August 1943 und im Februar 1944
  21. Rebecca Ratcliff, 2005
  22. Stephan Link: „Rattenlinie Nord“. Kriegsverbrecher in Flensburg und Umgebung im Mai 1945. In: Gerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015, S. 20 f.
  23. Heft VI: Bemerkungen zum Marine-Nachrichtendienst und zum Funkaufklärungsdienst: 1. Skl Kriegstagebuch Teil B VI, abgerufen am: 13. Juni 2017
  24. Andreas Kristionat: Vom German News Service (GNS) zur Deutschen Presse-Agentur (dpa). In: Jürgen Wilke (Hrsg.): Telegraphenbüros und Nachrichtenagenturen in Deutschland. Untersuchungen zu ihrer Geschichte bis 1949 (= Kommunikation und Politik. Band 24). K. G. Saur Verlag, München New York London Paris 1991, ISBN 3-598-20554-6, S. 290–295.
  25. Sefton Delmer: Die Deutschen und ich. Nannen-Verlag, Hamburg 1962, S. 653–654 (englisch: Trail Sinister (1961) / Black Boomerang (1962). Martin Secker & Warburg, London. Übersetzt von Gerda v. Uslar (Autorisierte Übersetzung)).
  26. Marc Jan Eumann: Der Deutsche Presse-Dienst. Nachrichtenagentur in der britischen Zone 1945–1949. Die Geschichte einer Medieninstitution im Nachkriegsdeutschland (= Öffentlichkeit und Geschichte. Band 5). Herbert von Halem Verlag, Köln 2011, ISBN 978-3-86962-055-8, S. 56–62 (Dissertation, Institut für Journalistik, Fakultät Kulturwissenschaften, Technische Universität Dortmund, 2011).
  27. Tim Tolsdorff: Neue Karriere für die Codeknacker. In: Spiegel Online EINESTAGES. 26. November 2010 (spiegel.de [abgerufen am 26. November 2016]).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]