Mario Draghi

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Mario Draghi (2013)
Unterschrift Draghis auf den Euro-Banknoten

Mario Draghi [ˈdraːgi] (* 3. September 1947 in Rom) ist ein italienischer Bankmanager und Wirtschaftswissenschaftler. Er war von 2006 bis 2011 Präsident der Italienischen Nationalbank und ist seit dem 1. November 2011 Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Draghi, zwischen 2002 und 2005 Vice President bei Goldman Sachs, ist derzeit zudem Vorstandsmitglied der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel.

Leben[Bearbeiten]

Mario Draghi wurde am 3. September 1947 in Rom geboren. Sein Vater war ein ranghoher Beamter der italienischen Zentralbank. Er starb, als Draghi fünfzehn Jahre alt war, kurz darauf auch seine Mutter.[1][2][3][4]

Ausbildung[Bearbeiten]

Draghi besuchte das von den Jesuiten geführte Istituto Massimo, eine katholische Privatschule in Rom, und studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität La Sapienza in seiner Heimatstadt Rom, unter anderem bei Federico Caffè (1914–1987). Im Anschluss daran ging er an das renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge bei Boston, nahm hier auch an Lehrveranstaltungen der Wirtschaftsnobelpreisträger Franco Modigliani und Paul A. Samuelson sowie der international bekannten Ökonomen Rudiger Dornbusch und Stanley Fischer teil. 1976 wurde er vom MIT zum Ph.D. promoviert.[1]

Berufliche Laufbahn[Bearbeiten]

Laut EZB war Mario Draghi von 1975 bis 1981 Professor für Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Trient, Padua und Venedig und lehrte von 1981 bis 1991 als Professor für Wirtschaftswissenschaften und Währungspolitik an der Universität Florenz. Parallel dazu war er von 1984 bis 1990 Exekutivdirektor der Weltbank. Im Anschluss war er von 1991 bis 2001 Generaldirektor des italienischen Finanzministeriums, ging dann 2001 an die Harvard University und war von 2002 bis 2005 Vice Chairman und Managing Director bei Goldman Sachs International in London.[5][6] Von 2006 bis 2011 war Draghi Gouverneur der Banca d’Italia, der italienischen Zentralbank. Er löste Antonio Fazio ab, gegen den die italienische Staatsanwaltschaft ermittelte. Draghi verkaufte vor dem Amtsantritt als Notenbankchef seine Goldman-Sachs-Anteile.[7] Als Chef der Zentralbank war er auch Mitglied des Rates der Europäischen Zentralbank. Er leitete zudem das Forum für Finanzstabilität (ab 2009 Financial Stability Board (FSB)) am Sitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Draghi war Mitglied des Aufsichtsrates von Eni, IRI und der Banca Nazionale del Lavoro.

EZB-Präsidentschaft[Bearbeiten]

Nachdem Axel Weber sein Amt als Präsident der Deutschen Bundesbank niederlegte und damit als zukünftiger Präsident der EZB nicht mehr in Frage kam, galt Draghi vielen Beobachtern als neuer Favorit für diesen Posten, den der bisherige EZB-Präsident Jean-Claude Trichet im Herbst 2011 räumte.[8] Draghi wurde am 17. Mai 2011 vom Rat der Europäischen Union als Nachfolger Trichets vorgeschlagen.[9] Am 24. Juni 2011 wurde er vom Europäischen Rat offiziell als Nachfolger bestimmt[10] und trat das Amt am 1. November 2011 an.[11]

Im Sommer 2012, auf einem der Höhepunkte der Eurokrise, als in der Öffentlichkeit Angst vor einem Zusammenbruch der Europäischen Währungsunion umging, das Bankensystem wankte und die Renditenaufschläge, die einige krisengeschüttelte Euroländer auf ihre Bonds zahlen mussten, in die Höhe schossen, sorgte Draghi für eine Kehrtwende. Er versicherte am 26. Juli 2012 während einer Rede in London „alles Notwendige“ zu tun, um den Euro zu erhalten («But there is another message I want to tell you. Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the Euro. And believe me, it will be enough.») Damit kündigte er an, notfalls Staatsanleihen zu kaufen. Die Aussage, mittlerweile bekannt als Draghi-Effekt, gilt als Wendepunkt in der Krise, da sich die Finanzmärkte daraufhin beruhigten.[12] Allein die Ankündigung sorgte für eine Stabilisierung der Finanzmärkte – das Anleihenprogramm wurde nie in die Tat umgesetzt. Ob diese Outright Monetary Transactions (OMT) rechtlich zulässig und mit dem Mandat der EZB vereinbar sind, soll der Europäische Gerichtshof entscheiden, dem das Bundesverfassungsgericht diese Frage Anfang Februar 2014 zur Prüfung vorgelegt hat.[13]

Unmittelbar vor der Parlamentswahl in Griechenland 2015 warnte Draghi die Regierungen der Eurozone, dass verschleppte Strukturreformen das Risiko eines Ausscheidens aus dem Euro erhöhten.[14]

Persönliches und Privates[Bearbeiten]

Mario Draghi wurde mit dem Großkreuz des italienischen Verdienstordens ausgezeichnet. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.[15] Sein Sohn Giacomo Draghi studierte Wirtschaftswissenschaften in Italien und arbeitet als Zinshändler bei Morgan Stanley in der City of London.[16]

Kritik[Bearbeiten]

Draghi ist Mitglied in der von der Rockefeller-Stiftung gegründeten Group of Thirty (G30), einer privaten Lobbyorganisation der Finanzwirtschaft.[17][18] Aus diesem Grund wird ihm ein Interessenkonflikt als EZB-Chef vorgeworfen.

Bereits während seiner Kandidatur zur EZB-Präsidentschaft im Jahr 2011 kamen kritische Stimmen auf, die Draghis Rolle bei der Verschleierung des wahren Zustandes der griechischen Finanzen durch die griechische Regierung und Goldman Sachs mit Hilfe von off-market swaps hinterfragten. Draghi, der von 2002 bis 2005 für Goldman Sachs in London arbeitete, stritt im Juni 2011 jegliche Beteiligung mit dem Hinweis ab, dass diese Dinge vor seiner Zeit geschehen seien.[19] 2012 kamen erneut Stimmen auf, die insbesondere Draghis vormalige Tätigkeit bei Goldman Sachs als Interessenkonflikt werteten.[20][21][22][23]

Anfang 2013 geriet Draghi im Zuge der Skandale um die Bank Monte dei Paschi di Siena (MPS)[24] in die Kritik: Es wurde bekannt, dass noch unter der Führung Draghis als Gouverneur der italienischen Zentralbank die MPS äußerst riskante Geschäfte tätigte und die italienische Zentralbank noch im Oktober 2011 der damals strauchelnden MPS einen wertpapierbesicherten Kredit in Höhe von 2 Milliarden Euro gab, aber weder Öffentlichkeit noch das italienische Parlament darüber informierte. Durch diese geheime Rettung der MPS landete zweifelhafter Wertpapierschrott bei der nationalen Notenbank und die MPS erhielt dafür im Gegenzug Staatsanleihen, deren Zins- und Schuldendienst vom Steuerzahler getragen wird. Draghi legte damit den Grundstein für ein europäisches Schattenbankensystem unter Führung der nationalen Notenbanken - ein System, das hauptsächlich dafür geschaffen wurde, Geschäftsbanken und ihre Eigentümer auf Kosten der Steuerzahler vor Insolvenz bzw. Verstaatlichung zu schützen. Für Draghi war der Zeitpunkt besonders heikel, weil die EZB seinerzeit kurz davor stand, die Bankenaufsicht in der Euro-Zone zu übernehmen – nach italienischem Vorbild. Sollte sich das italienische Modell als fehlerhaft herausstellen, könnte das auch die Verhandlungen um die europäische Bankenaufsicht 2013 beeinflussen.[25]

Am Tag, nachdem Draghi verkündet hatte, die EZB werde ab März 2015 jeden Monat für bis zu 60 Mrd. Euro Staatsanleihen kaufen, (Hauptartikel: Outright Monetary Transactions) wurde bekannt, dass es im EZB-Rat keine Abstimmung über dieses beispiellose Ankaufprogramm gab.[26]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mario Draghi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Munzinger: Mario Draghi
  2. Spiegel-Online 21. Februar 2011: Superbanker aus Berlusconien
  3. Handelsblatt-Online 16. Mai 2011: Neuer EZB-Präsident Draghi – Italiener mit deutschen Tugenden
  4. Welt-Online 17. Mai 2011: Bei Mario Draghi siegt Kompetenz über Nationalität
  5. EZB: Präsident der Europäischen Zentralbank - Mario Draghi, ecb.europa.eu, abgerufen am 10. Juni 2015
  6. FAZ: Mario Draghi:„Alle sollten dem deutschen Beispiel folgen“ vom 15. Februar 2011
  7. Ulrike Sauer: Ein Amerikaner in Rom. Süddeutsche Zeitung vom 4. März 2006
  8. RP vom 19. Februar 2011, Seite C1: „Italiener ist Favorit für die EZB-Spitze“
  9. consilium.europa.eu: Council recommends the nomination of Mario Draghi as President of the European Central Bank (PDF; 73 kB), Zugriff am 17. Mai 2011
  10. Die Zeit: Draghi wird EZB-Präsident, letzter Zugriff am 24. Juni 2011
  11. Die Hüter des Grundsatzstreits. In: faz.net vom 31. Oktober 2011
  12. Draghi ärgert sich über Kritik – „Um Gottes Willen, der Italiener zerstört Deutschland“. In: Handelsblatt, 29. Dezember 2013; Mark Dittli: 33 Wörter, die die Welt veränderten. In: Tagesanzeiger, 25. Juli 2014.
  13. BVerfG, Beschluss vom 14. Januar 2014 – 2 BvR 2728/13 u.a. –, abgerufen am 9. Februar 2014.
  14. Gastbeitrag in Il Sole 24 Ore
  15. Marc Kowalsky: Machtnetz von Mario Draghi: Der deutsche Italiener in: Bilanz 14/11 vom 5. August 2011
  16. Gunnar Beck: Draghis dubiose Verbindung zu Morgan Stanley, Handelsblatt vom 10. Juni 2013
  17. Board of Directors des BIZ: Mario Draghi
  18. Offizielle Mitgliedergalerie der Group of Thirty : Mario Draghi
  19. Draghi Says He Knew Nothing About Goldman-Greece Deal, bloomberg.com, June 14, 2011
  20. Ombudsmann prüft Draghis Lobby-Mitgliedschaft In: Spiegel.de vom 30. Juli 2012
  21. EZB-Chef wegen G30-Mitgliedschaft in der Kritik In: Tagesschau.de vom 31. Juli 2012. Archiviert am 2. Aug. 2012
  22. Jérôme Fritel, Marc Roche: Goldman Sachs – Eine Bank lenkt die Welt. ARTE, Frankreich 2012, 71 Minuten, abgerufen am 4. September 2012
  23. Günther Lachmann: Wie die Griechen sich in den Euro schummelten, abgerufen am 12. Dezember 2012
  24. Älteste Bank der Welt Monte dei Paschi: Affäre erreicht EZB-Chef Draghi - SPIEGEL ONLINE
  25. manager-magazin.de 10. Februar 2013: Monte dei Paschi - Skandalbank bekommt Milliardeninfusion
  26. FAZ.net / Philip Plickert 23. Januar 2015: Was hinter den Türen des EZB-Rates vor sich geht
Vorgänger Amt Nachfolger
Jean-Claude Trichet Präsident der Europäischen Zentralbank
seit 2011