Mark Fisher (Kulturwissenschaftler)

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Mark Fisher, Pseudonym k-punk (* 11. Juli 1968 in Midlands, Vereinigtes Königreich; † 13. Januar 2017, Vereinigtes Königreich) war ein britischer Schriftsteller und Theoretiker.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fisher studierte Anglistik und Philosophie an der Hull University und promovierte anschließend an der University of Warwick mit seiner Dissertation, Flatline Constructs: Gothic Materialism and Cybernetic Theory-Fiction.[1] Während seiner Zeit in Warwick war er Mitgründer des interdisziplinären Cybernetic Culture Research Unit, ein Kollektiv, das sich primär mit dem Akzelerationismus beschäftigte.[2]

Bekannt wurde Fisher als Blogger unter dem Namen k-punk in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts und durch seine Beschäftigung mit radikal-kritischer Politik, Musik und Populärkultur.[3] Er trug Beiträge zu Zeitungen wie The Wire, The Guardian, Fact, New Statesman und Sight & Sound bei.[4] Darüber hinaus veröffentlichte er mehrere Bücher, darunter Capitalist Realism (2009) und Ghosts of My Life: Writings on Depression, Hauntology and Lost Futures (2014).[5] Außerdem lehrte er am Goldsmith College in London und war Mitbegründer des Verlags Zero Books.[4]

Seit seiner Jugend litt er unter Depressionen, die er politisch und gesellschaftskritisch in seinen eigenen Artikeln und Büchern thematisierte.[6][7] In seinem Werk Capitalist Realism (de: kapitalistischer realismus ohne alternative?) argumentierte er, die "Privatisierung von Stress" unter dem Kapitalismus führe zu einer "Entpolitisierung von [psychischer] Gesundheit", die gesellschaftliche Solidarität durch individuelle Verantwortung ersetzt.[8] Anfang 2017, kurz vor der Veröffentlichung seines neuen Werkes The Weird and the Eerie (de: Das Seltsame und das Gespenstische), hat sich Mark Fisher das Leben genommen.[9]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kapitalistischer Realismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seiner 2009 veröffentlichten Flugschrift Capitalist Realism: Is There No Alternative? reinterpretierte Fisher den Begriff des kapitalistischen Realismus um ein weitverbreitetes Gefühl zu beschreiben, "dass der Kapitalismus nicht nur das einzig gültige politische und ökonomische System darstellt, sondern dass es mittlerweile fast unmöglich geworden ist, sich eine kohärente Alternative dazu überhaupt vorzustellen."[10] Nach Fishers Auffassung beschreibt der Begriff den ideologischen Zeitgeist seit dem Zerfall der Sowjetunion, bei dem die Logik(en) des Kapitalismus die Grenzen des sozialen und politischen Lebens setzen, mit Auswirkung auf Bildung, allgemeine psychische Gesundheit, Popkultur und Methoden des Widerstandes. Infolgedessen fällt es einem einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus. Die Atmosphäre des kapitalistischen Realismus fungiert als eine unsichtbare Barriere, die sowohl das Denken als auch das Handeln einschränkt.[11]

Fisher postuliert einen kapitalistischen Denkrahmen, der die bloße Existenz alternativer Strukturen und Gesellschaftsordnungen nicht zulässt. Nach seiner Auffassung wurde diese Einschränkung infolge der Weltfinanzkrise 2008 intensiviert; anstatt dass die Krise den Drang, bessere Gesellschaftsordnungen zu finden, intensiviert hätte, verstärkte die globale Reaktion darauf das Gefühl, dass man Lösungen innerhalb des existierenden Systems zu suchen hätte.[11]

Hauntologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fisher verwendete den von Jacques Derrida geprägten Begriff der Hauntologie um eine Ontologie des Vergangenen zu beschreiben, von den "verlorenen Zukünften" der Moderne, die die Gegenwart heimsuchen, obwohl (oder eben weil) sie durch die Postmoderne und den Neoliberalismus nie zustande kommen konnten. Nach Fisher wird die post-fordistische Wirtschaft dadurch gekennzeichnet, dass die Zukunft aus der Popkultur verschwindet. In einem solchen Wirtschaftszustand verfügen Künstler nicht mehr über die nötigen Mittel, um das Neue zu produzieren.[12] Hauntologische Kunst, wie sie Fisher beschreibt, erforscht die dadurch entstandenen Sackgassen, und stellt sowohl eine Weigerung dar, den Wunsch nach Zukunft aufzugeben, als auch eine Sehnsucht nach einer Zukunft, die nie zustande gekommen ist. In seinem 2014 veröffentlichten Buch Ghosts of My Life (de: Gespenster meines Lebens) untersuchte Fisher die Hauntologie anhand verschiedener Beispiele aus der Popkultur: unter anderem der Musik von Burial, Joy Division und David Bowie sowie Filmen von Stanley Kubrick und Christopher Nolan und Romanen von David Peace und John le Carré.[13]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Morten Paul: "Die Linke ist keine Insel". Über "Acid-Kommunismus". Gespräch mit Keir Milburn, Nadia Idle (Gruppe Plan C), in Dschungel, 50, 13. Dezember 2018, S. 8–11

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mark Fisher: Flatline constructs : Gothic materialism and cybernetic theory-fiction. 1999 (warwick.ac.uk [abgerufen am 17. März 2020] University of Warwick).
  2. Simon Reynolds: Mark Fisher’s K-punk blogs were required reading for a generation | Simon Reynolds. In: The Guardian. 18. Januar 2017, ISSN 0261-3077 (englisch, theguardian.com [abgerufen am 17. März 2020]).
  3. Thomas Groß: Mark Fisher: Der Gespensterforscher. In: Die Zeit. 12. Februar 2015, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 5. März 2020]).
  4. a b Mark Fisher. In: Zero Books. Abgerufen am 5. März 2020 (englisch).
  5. Hauntologie - Auf zur Gespensterjagd. Abgerufen am 5. März 2020.
  6. Zum Tod des Kulturtheoretikers Mark Fisher - "Nicht nur ein persönlicher, sondern ein politischer Skandal". Abgerufen am 5. März 2020 (deutsch).
  7. Nachruf auf deutschlandradiokultur.de, abgerufen am 27. Januar 2017.
  8. Philipp Rhensius, DER SPIEGEL: Mark Fisher: "Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?" - DER SPIEGEL - Kultur. Abgerufen am 17. März 2020.
  9. Nachruf auf taz.de, abgerufen am 27. Januar 2017.
  10. Fischer, Mark: Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? : Symptome unserer kulturellen Malaise. VSA, 2010, ISBN 978-3-89965-421-9, S. 8.
  11. a b Fischer, Mark: Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? : Symptome unserer kulturellen Malaise. VSA, 2010, ISBN 978-3-89965-421-9.
  12. Von Benjamin Moldenhauer: Das Verschwinden der Zukunft aus der Popkultur - Über Mark Fishers Essaysammlung „Ghosts of my Life. Writings on Depression, Hauntology and Lost Futures“ : literaturkritik.de. Abgerufen am 26. März 2020 (deutsch).
  13. Fisher, Mark.: Gespenster meines Lebens : Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft. Ed. Tiamat, 2015, ISBN 978-3-89320-195-2.
  14. Diedrich Diederichsen: Essays aus dem Nachlass von Mark Fisher: „Dem Störenden folgen“. „In seinen letzten Essays sucht der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher einen politischen Zugang zum Unzugänglichen.“ Die Tageszeitung, 17. Dezember 2017, abgerufen am 18. Dezember 2017.