Marta Karlweis

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Marta Wassermann-Karlweis, auch Marta Stross; Pseudonym Barbara Vogel (* 27. April 1889 in Wien; † 2. November 1965 in Lugano) war eine österreichische Schriftstellerin.

Leben und Werk bis zur Emigration[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marta Karlweis war die Tochter des Direktors der Südbahn-Gesellschaft Carl Karlweis (1850–1901), der als Hobby Theaterstücke im Wiener Dialekt schrieb. Ihr Bruder Oskar Karlweis begann ab 1912 in Wien eine Karriere als Schauspieler. Wie auch Maria Lazar besuchte Marta die Schule der Eugenie Schwarzwald, die sogenannte „Schwarzwaldschule“ auf dem Wiener Franziskanerplatz, an der einige prominente Vertreter des Wiener kulturellen Lebens lehrten, darunter u. a. Adolf Loos und Oskar Kokoschka. In Wien frequentierte sie auch den stadtbekannten Salon der Berta Zuckerkandl, in dem sie immer wieder aus ihren Werken vorlas.[1] Gegen den Willen ihres Vormunds – ihr Vater starb schon, als sie 12 war – begann sie nach dem Abitur ein Psychologie-Studium an der Universität Wien, das sie allerdings schon 1907 abbrechen musste, um den Industriellen Walter Stross zu heiraten. Aus dieser Ehe gingen die Töchter Bianka (* 1908) und Emmy (* 1910) hervor.

Im Februar 1915 lernte sie im Haus ihrer Schwägerin Emmy Wellesz, geborene Stross, der Frau des Komponisten Egon Wellesz den Schriftsteller Jakob Wassermann kennen, mit dem sie bald eine Liebesbeziehung einging. Im August 1919 zogen sie gemeinsam nach Altaussee. Am 21. Februar 1924 kam ihr Sohn Carl Ulrich (Charles) zur Welt. Sie heiratete – als dessen zweite Ehefrau – Wassermann im Jahr 1926.

Mit ihrem vorletzten Werk, dem 1929 erschienenen Roman Ein österreichischer Don Juan scheint sie sich auf dem damaligen Buchmarkt endgültig durchgesetzt zu haben. Schon ein Jahr nach dessen Publikation bringt der anspruchsvolle New Yorker Verlag Ives Washburn unter dem Titel The Viennese lover eine amerikanische Übersetzung heraus.[1] Der Roman, der bei seinem Erscheinen mitunter enthusiastisch besprochen wurde, zielt auf die gnadenlose Entzauberung der Monarchie ab und will dabei die tiefer liegenden Ursachen ihrer Auflösung rekonstruieren. Auf raffinierte Weise enthüllt der Roman die moralische Doppelbödigkeit der herrschenden Schichten zur Zeit der ausgehenden Habsburgermonarchie: Der wohlhabende Wiener Baron Erwein von Raidt ist ein Frauenheld, wie er im Buche steht. Sein Verhältnis mit der schönen Witwe Löwenstein lässt er schnell fallen, als er ihrer bezaubernden 21-jährigen Tochter Cecile begegnet. Nachdem diese schwanger wird, bricht er auf der Stelle den Kontakt zu ihr ab. Um das Dekorum zu wahren, verkuppelt er sie mit einem nichtsahnenden Industriellen. Als Cecile endlich den wahren Charakter Erwein von Raidts durchschaut, ist sie bereits unheilbar krank. Für den einstigen skrupellosen Frauenhelden und Bonvivant vergehen die Jahre weiter mit Liebesabenteuern, Verführungen und Eroberungen – bis ihn schließlich seine letzte Geliebte verwandelt und zu ihrem hörigen Sklaven macht.[2]

Die Neuauflage des lange vergessenen Romans durch den Wiener Verlag Das vergessene Buch wurde im Dezember 2015 vom Zukunftsfonds der Republik Österreich gefördert.[3]

Rezeption ihres Hauptwerks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marta Karlweis' 1929 in Wien erschienenes Hauptwerk wurde in verschiedenen Zeitungen rezensiert. So schrieb der Schriftsteller und Publizist Rudolf Jeremias Kreutz in der Neuen Freien Presse über den Roman Ein österreichischer Don Juan:

Dieser geborene Verführer, der um so mehr Glück bei den Frauen hat, als er – seinem großen Vorbilde treu – ohne jede Beteiligung seines Herzens operiert, steinerner Gast des eigenen Liebesspieles und in einem Atem heißer Galan, ja opferfähiger, kindischer Weiberknecht, dieser Urtyp des zwielichtigen, stets unglücklichen Hasardeurs, kann nicht plastischer umrissen, nicht grausig heller gedeutet werden, als dies Marta Karlweis gelingt.

Rudolf Jeremias Kreutz: Neue Freie Presse, 22. Dezember 1929

Begeistert verfasste der Kritiker und Theatermann Joseph Chapiro im Jahr 1930 im Neuen Wiener Journal seine Rezension:

In ihre Feder ist ein Diamant gefaßt, der auf manche Seiten ihres Werkes blendendes Licht wirft, Seiten, die uns packen und erschüttern und uns zwingen, ihnen in unserem Gedächtnis ein dauerndes Asyl zu bieten.

Joseph Chapiro: Neues Wiener Journal, 2. Dezember 1930

In seiner Besprechung für die Süddeutsche Zeitung anlässlich der Neuauflage des Romans im Wiener Verlag Das vergessene Buch spricht Florian Welle von einer „röntgenscharfen Charakterstudie“:

Marta Karlweis ist nach Maria Lazar die zweite Autorin, die man dank des Verlags 'Das vergessene Buch' wiederentdecken kann. […] wer will, kann den 1929 erschienenen Roman 'Ein österreichischer Don Juan' psychoanalytisch lesen – der Frauenheld heißt hier Erwein von Raidt und ist ein ausgeprägter Schuhfetischist. Den acht Kapiteln ist eine röntgenscharfe Charakterstudie Erwein von Raidts vorgeschaltet, die ihn als kalten Sonderling ausweist. Der bitterböse Roman handelt dann davon, wie 'das Judenmädl' Cecile ins Verderben gestürzt wird. Er spielt vor dem Ersten Weltkrieg, ebenso wie Joseph Roth gilt Karlweis’ eigentliches Interesse dem Untergang der k.-u.-k.-Monarchie. Doch liegt ihr jede Nostalgie fern. Entlarvt wird eine bigotte, misogyne Operettengesellschaft.

Florian Welle: Süddeutsche Zeitung, 12. Januar 2016

Der Literaturwissenschaftler Franz Haas äußerst sich zum Fall Marta Karlweis in seiner Besprechung der Neuauflage des Epochenromans im österreichischen Standard noch etwas differenzierter:

Am gründlichsten vergessen werden in der Literaturgeschichte jene Frauen, deren Werke der Nationalsozialismus zunichtemachte. So ein eklatanter Fall ist auch Marta Karlweis (1889–1965) und ihr böse funkelnder Roman Ein österreichischer Don Juan aus dem Jahr 1929, den nun der Germanist Johann Sonnleitner sachkundig neu herausgegeben hat. Erzählt wird darin scharfsinnig und spitzzüngig ein Reigen der Lieblosigkeiten vor dem Hintergrund der letzten Jahrzehnte der Habsburgermonarchie. Dieser Abgesang auf die gar nicht so gute alte Zeit erinnert ein wenig an Joseph Roth, mehr aber noch an den gegen Nostalgie resistenteren Ödön von Horváth. Kunstvoll verwoben hat die Autorin in diesem Sittenbild jede Menge bitterböse Geschichten aus der Wienerstadt.

Franz Haas: Der Standard, 24. Mai 2016

Exil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Heraufziehen des Nationalsozialismus bedeutete für viele literarische Karrieren in Deutschland einen irreparablen Einschnitt. Am 1. Januar 1934 starb ihr Mann Jakob Wassermann an einem Schlaganfall, nachdem er vergeblich versucht hatte, einen Vorschuss für seine schriftstellerische Tätigkeit zu bekommen. Als letztes ihrer Bücher brachte die damals 45-jährige Marta die Biographie ihres Mannes im Amsterdamer Querido-Verlag heraus. Fallweise veröffentlichte sie noch Beiträge in schweizerischen und österreichischen Periodika. In seinem Nachwort zur Ende 2015 erschienenen Neuauflage des Romans Ein österreichischer Don Juan im Wiener Verlag Das vergessene Buch sieht der Germanist Johann Sonnleitner den Grund für ihr „völliges Verschwinden aus der deutschsprachigen Literatur“ zuvorderst in der nazistischen Kulturpolitik, die auch in das damalige Österreich und den Ständestaat ausstrahlte. Wieso Marta Karlweis nach 1945 dennoch nicht mehr literarisch rehabilitiert wurde, sei hingegen vor allem der Nachkriegsgermanistik anzulasten, die „dezidiertes und aus heutiger Sicht beschämendes Desinteresse an der Literatur der Vertriebenen“ manifestierte.[1]

Nach dem Tod ihres zweiten Mannes änderten sich ihre gutbürgerlichen Lebensverhältnisse zunächst dramatisch. Sie übersiedelte in die Schweiz, nahm ihr Psychologie-Studium wieder auf und studierte bei Carl Gustav Jung Analytische Psychologie. Nach dem Anschluss Österreichs ging sie nach Kanada ins Exil.[4] 1939 übernahm sie einen Lehrauftrag an der McGill-Universität in Montreal. Bis zu ihrem Tod arbeitete sie in ihrer psychiatrischen Praxis in Ottawa. Am 2. November 1965 starb Marta Karlweis auf einer Reise in der Schweiz, während der sie ihre im Tessin lebende Tochter Bianka besuchen wollte.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Zauberlehrling. Eine Erzählung, Süddeutsche Monatshefte 1913
  • Die Insel der Diana. Roman, Berlin 1919
  • Das Gastmahl auf Dubrowitza, Berlin 1921
  • Eine Frau reist durch Amerika. Mit einer Vorbemerkung von Jakob Wassermann, Berlin 1928
  • Amor und Psyche auf Reisen. Roman. Mit einem Begleitwort von Jakob Wassermann, Berlin 1928
  • Ein österreichischer Don Juan. Roman, Leipzig-Zürich 1929. Neuausgabe im DVB (Das vergessene Buch) Verlag, Wien 2015. Hrsg. und mit einem Nachwort von Johann Sonnleitner. ISBN 978-3-200-04259-9.
  • Schwindel. Roman, 1931
  • Jakob Wassermann. Bild, Kampf und Werk. Mit einem Geleitwort von Thomas Mann, Amsterdam 1935.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Johann Sonnleitner: Tochter, Frau und Mutter bedeutender Männer. Die Dichterin Marta Karlweis (1889–1965). In: Marta Karlweis: Ein österreichischer Don Juan. DVB Verlag, Wien 2015, S. 241f.
  2. Ein österreichischer Don Juan – Marta Karlweis. 2105, abgerufen am 31. Januar 2016.
  3. Reedition von Marta Karlweis' Roman „Ein österreichischer Don Juan“ (1929) im Wiener DFB Verlag. In: Zukunftsfonds der Republik Österreich. DVB Verlag, 1. Juli 2015, abgerufen am 31. Januar 2016.
  4. Johann Sonnleitner: Tochter, Frau und Mutter bedeutender Männer. Die Dichterin Marta Karlweis (1889–1965). In: Marta Karlweis: Ein österreichischer Don Juan. DVB Verlag, Wien 2015, S. 241–265, hier S. 252.