Martin Breslauer

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Martin Breslauer (geboren 16. Dezember 1871 in Berlin; gestorben 16. Oktober 1940 in London) war ein deutscher Buchantiquar.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Breslauer studierte an der Universität Rostock Paläographie[1] und machte danach Volontariate bei Buchhändlern in Paris, London, Rom und Florenz sowie in Deutschland bei Joseph Baer & Co. in Frankfurt am Main und Ludwig Rosenthal in München.[2] Hans Fürstenberg schildert ihn in späteren Jahren: Er war von ziemlich kleiner Statur, von Haaren war nur der kleine Schnurrbart erkennbar ... Die etwas vorstehenden Augen waren klar und weitblickend ... Über dem "Plastron" ein stetes Lächeln.[3]

Katalog I Wertvolle und seltene Bücher 1905

1896 ersteigerte er die Rara aus der Sammlung Karl Biltz und gab dazu 1907 den Katalog Das deutsche Lied heraus.[4] 1898 gründete er mit seinem Schulfreund aus dem Werderschen Gymnasium Edmund Meyer[5] den „Sortimentsbuchhandel und Antiquariat Breslauer & Meyer“; ab 1904 ging er mit seinem Geschäft in der Leipziger Straße und später in der Französischen Straße in Berlin eigene Wege. Sein Buchantiquariat wurde zum Mittelpunkt für Berlins bibliophile Gesellschaft, darunter Bibliophile wie Börries Freiherr von Münchhausen und Fedor von Zobeltitz. Breslauer war ein wichtiger Geschäftspartner der Preußischen Staatsbibliothek und wurde von ihr zum Sachverständigen ernannt.[6] Er vermittelte die Bibliothek Erich Schmidts an Rudolf Mosse[6] und versteigerte die 2826 Exemplare umfassende Büchersammlung von Carl Schüddekopf (1918)[6] sowie die Bibliotheken Werner Wolffheims (1928) und Eduard Grisebachs (1930), die u. a. auch 70 Bücher aus Arthur Schopenhauers Bibliothek mit dessen eigenen handschriftlichen Anmerkungen und Zeichnungen enthielt.[7] 1919 erhielt er den Auftrag, die Privatbibliothek Friedrichs des Großen in Schloss Sanssouci zu bewerten, die nach der Demokratisierung an den Staat Preußen gefallen war, wofür das Haus Hohenzollern entschädigt werden sollte. An der Organisation des Ersatzes der Bestände der im Ersten Weltkrieg zerstörten Universitätsbibliothek Löwen war neben Joseph Baer & Co., Jacques Rosenthal, Ludwig Rosenthal, Karl Wilhelm Hiersemann und Paul Graupe auch die Firma Breslauer beteiligt.[8] In der Weltwirtschaftskrise ging ein Teil der 120.000 Bände der Stolbergischen Bibliothek durch seine Hände.[9] Breslauer beteiligte sich am Ausbau des Buchgeschäfts durch Buchversteigerungen, auch wenn er die Preisentwicklung, die im Lagergeschäft ruhiger war, für problematisch hielt.[10]

Auf seine 21.000 Bände umfassende Handbibliothek sich stützend brachte er bis 1933 fünfzig Lagerkataloge heraus.[11] Breslauer machte eine Reihe bibliophiler Entdeckungen, so 1929 die 6000 Bände umfassende Privatbibliothek von Marie Louise, der Frau Napoleon Bonapartes, im Palais Erzherzog Rainer in Wien, die 1933 von einem englischen Millionär um einige Millionen Francs angekauft und dann von ihm dem französischen Staat geschenkt wurde.[3][12]

Breslauer war 1899 Gründungsmitglied der Gesellschaft der Bibliophilen, war 1911 Mitgründer der Maximilian-Gesellschaft und wurde 1907 Mitglied und 1912 Schatzmeister der Gesellschaft für Deutsche Literatur.[13]

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 wurde seine Geschäftstätigkeit durch antisemitische Gewaltaktionen und antisemitische Gesetze eingeschränkt. Sein Wohnhaus in Lichterfelde musste er 1934 aufgeben und mit der Familie in eine Wohnung in der Meinekestraße umziehen. Um auswandern zu können, musste er zwei Drittel seiner Referenzbibliothek veräußern, die Martin Bodmer zusammenhalten konnte.[3] Von dem Erlös musste er die Reichsfluchtsteuer bezahlen und konnte mit einer Restbibliothek und dem Hausrat am 1. Juli 1937 nach Großbritannien emigrieren. Der Kunstsammler Robert von Hirsch, ein Kunde und Freund der Familie, der schon 1933 von Frankfurt in die Schweiz ausgewandert war, half mit einem Darlehen, das Antiquariat wieder aufzubauen.

Breslauer starb an den Folgen eines Herzinfarktes, nachdem der Wohnblock im Londoner Stadtteil Bloomsbury, in dem er mit seiner Familie wohnte, bei einem deutschen Bombenangriff getroffen worden war.

Der Sohn Bernd Breslauer konnte nach dem Zweiten Weltkrieg das Antiquariatsgeschäft Breslauer wieder unter die führenden Buchantiquariate bringen. Das Martin-Breslauer-Archiv stiftete er der Staatsbibliothek in Berlin.[14]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das deutsche Lied: geistlich und weltlich bis zum 18ten Jahrhundert. Berlin 1908
  • Erinnerungen, Aufsätze, Widmungen, Gesellschaft der Bibliophilen, Frankfurt am Main 1966

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Fürstenberg: Vorwort. In: Martin Breslauer. Erinnerungen, Aufsätze, Widmungen, Gesellschaft der Bibliophilen, Frankfurt am Main 1966.
  • Fritz Homeyer: Deutsche Juden als Bibiophilen und Antiquare, 2. Auflage, Tübingen: Mohr 1966, S. 16–17.
  • Breslauer, Martin. In: Lexikon deutsch-jüdischer Autoren. Band 4: Brech–Carle. Hrsg. vom Archiv Bibliographia Judaica. Saur, München 1996, ISBN 3-598-22684-5, S. 15–19.
  • Exil in London. In: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Frankfurt am Main 2002, Bd. 169, Nr. 43: A250–A265
  • Georg Jäger (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 1. Das Kaiserreich: 1871–1918: Teil 3 De Gruyter, Berlin 2010
  • Breslauer, Martin. In: Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie. Band 2. Saur, München 2005, S. 65
  • Breslauer, Martin. In: Ernst Fischer: Verleger, Buchhändler & Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933: Ein biographisches Handbuch. Elbingen: Verband Deutscher Antiquare, 2011, S. 39f.
  • Jürgen Holstein, Waltraud Holstein (Hrsg.): Goldrausch & Werther: Antiquariatskataloge als Sonderfall des Umschlagdesigns. Berlin : Holstein, 2014 ISBN 978-3-00-043240-8, S. 22–23

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eintrag im Rostocker Matrikelportal
  2. Georg Jäger (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 1. Das Kaiserreich: 1918–1933: Teil 3. De Gruyter, Berlin 2010, S. 254.
  3. a b c Hans Fürstenberg: Vorwort, 1966, S. 7–16.
  4. Georg Jäger (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 1. Das Kaiserreich: 1918–1933: Teil 3 De Gruyter, Berlin 2010, S. 211.
  5. Martin Breslauer: Erinnerungen eines Antiquars (1927), in: Erinnerungen, Aufsätze, Widmungen, Gesellschaft der Bibliophilen, Frankfurt am Main 1966, S. 17–62.
  6. a b c Georg Jäger (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 1. Das Kaiserreich: 1918–1933: Teil 3 De Gruyter, Berlin 2010, S. 224f.
  7. Schopenhauers Bibliothek wird versteigert.. In: Neues Wiener Journal, 15. April 1930, S. 8 (Online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/nwj
  8. Ernst Fischer; Stephan Füssel (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 2. Die Weimarer Republik: 1918–1933. De Gruyter, Berlin 2007, S. 418.
  9. Verlagsnachrichten.. In: Zeitschrift für Musik, Jahrgang 1931, 98, Jg., April 1931 Heft Nr. 4, S. 356 (Online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/nzm
  10. Ernst Fischer; Stephan Füssel (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 2. Die Weimarer Republik: 1918–1933. De Gruyter, Berlin 2007, S. 439.
  11. Ernst Fischer; Stephan Füssel (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 2. Die Weimarer Republik: 1918–1933. De Gruyter, Berlin 2007, S. 435f.
  12. Sensationelle Kunstverkäufe in Wien. In: Der Morgen. Wiener Montagblatt, 13. März 1933, S. 3 (Online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/dmo
  13. Hans-Harald Müller; Mirko Nottscheid: Quellen und Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte: Wissenschaft ohne Universität, Forschung ohne Staat: Die Berliner Gesellschaft für deutsche Literatur (1888–1938). Walter de Gruyter, Berlin 2011, S. 100; S. 130ff.; S. 411ff.
  14. Nicolas Barker: Bookdealer and collector across two continents, The Independent, 25. September 2004.